HIMMEL UND ERDE

Eine Fan-Fiction-Story aus der Welt der Harry-Potter-Serie

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P R O L O G

Ladonnas Macht ist gebrochen. Vier Jahre hatte sie mit Hilfe ihres einzigartigen wie unheilvollen Feuerrosenzaubers viele Zaubereiministerien unterjocht. Nach ihrer Entmachtung fielen die noch nicht aus ihrem Bann befreiten in einen unaufweckbar erscheinenden Tiefschlaf. Die Ministerien werden bis auf weiteres von außenstehenden Hexen und Zauberern aus der Liga gegen dunkle Künste betrieben. Doch das kann und soll kein Dauerzustand bleiben. Außerdem müssen viele durch Ladonnas Treiben aufgeworfene Fragen abschließend geklärt werden, unter anderem was mit den von ihr gesammelten Zaubergegenständen und Aufzeichnungen geschieht oder was den Umgang mit anderen Zauberwesen wie Kobolden und Veelas angeht.

Nachdem Ladonnas Blutsiegelzauber um den Weinkeller der Girandelli-Villa verfliegt versuchen mehrere Gruppen von Hexen und Zauberern, die dort angehäuften Artefakte und Aufzeichnungen aus aller Welt zu erbeuten. Albertrude Steinbeißer gelingt es mit einem flächendeckenden Betäubungszauber, die Konkurrenten auszuschalten und sich in den Besitz deutscher und altägyptischer Zaubergegenstände zu bringen. Dabei trifft sie eine kleinwüchsige Frau mit gläsernem Helm und silbernem Bogen, die von Albertrudes Betäugungszauber weit fortgeschleudert wird. Die Kleinwüchsige ist die Koboldstämmige Diana Camporosso, der Ladonna kurz vor ihrem Verschwinden den erbeuteten Seelenglashelm des Koboldgeheimbundgründers Deeplook aufgesetzt und dessen darin lauernden Geist Dianas Gedanken und Willen unterworfen hat. Diana will nun Königin der Kobolde und damit Ladonnas Nachfolgerin werden. Sie sammelt mit Hilfe von Deeplooks Wissen überlebende Mitglieder des Geheimbundes der Kobolde um sich. Diese glauben, Deeplook sei der vorherrschende Geist im unfreiwillig angenommenen Körper der koboldstämmigen Hexe. Sie versuchen Gringotts zu übernehmen. Das misslingt, weil einer der Gringottszweigstellenleiter bereits unter dem Bannwort des schlafenden Königs steht und die Aktion an die Ministerien verrät. So bleibt Diana nur, sich nach Afrika zurückzuziehen, wo noch Schlupfwinkel des Geheimbundes sind.

In den USA wird lebhaft diskutiert, ob es nicht ein neues Zaubereiministerium oder einen neuen magischen Kongress der USA geben soll. Diesen bevorzugen die zehn mächtigsten Zaubererfamilien, darunter die Greendales und die Southerlands und arbeiten darauf hin, dieses Ziel zu erreichen.

In Europa ist noch unklar, was mit den ehemaligen Unterworfenen des Feuerrosenzaubers geschieht. Außerdem gilt es, den von Ladonna verursachten Kriegszustand mit anderen Zauberwesen zu beenden. Julius Latierre hofft darauf, einen Frieden zwischen den Menschen und Veelas herbeiführen zu können. Die französische Zaubereiministerin plant eine Rundreise, um mit anderen Zaubereiministerien darüber zu verhandeln. Bevor Julius am 16. März aufbricht erfährt er noch, dass seine Frau Millie und seine mit ihm und ihr in einer Dreiecksbeziehung zusammenlebende Schwiegertante Béatrice gleichzeitig von ihm schwanger geworden sind. Mit dieser Erkenntnis und mit der Hoffnung auf eine europaweite Verständigung zwischen magischen Menschen und Zauberern begibt er sich mit der hochrangig besetzten Abordnung des Zaubereiministeriums auf eine Reise für den Frieden zwischen Menschen und denkkfähigen Zauberwesen. Dabei gelingt es ihm und der französischen Abordnung, mit allen Nordeuropäischen Delegationen wichtige Vereinbarungen zu treffen. Julius ist erleichtert, dass Russland und alle anderen Länder, in denen Veelas und ihre mit Menschen gezeugten Nachkommen leben, einen ähnlichen Friedensvertrag schließen wollen wie er in Frankreich verfasst wurde.

In Ägypten üben Mitglieder der Bruderschaft des blauen Morgensterns die Amtsgeschäfte aus. Doch als die afrikanischen Zaubereiministerien zu einer Konferenz in Kenia einladen kommt es zur Machtrückeroberung durch die Familie Al-Assuani. Diese wollen die von Ladonna Montefiori entführten Zaubergegenstände aus Ägypten wiederhaben, vor allem jene Artefakte, die zu den zwölf Schätzen des Nils gehören.

Worum es sich dabei handelt erfährt Julius, nachdem ihm Béatrice einen in das Familiendenkarium ausgelagerten Traum zeigt, den ihr Ashtaria geschickt hat. Er erfährt den Grund, warum Millie es erlaubt hat, dass Béatrice noch ein Kind, diesmal möglicherweise eine Tochter, von ihm empfangen durfte. Denn Béatrice wird von Ashtaria, die als Vorbild der ägyptischen Muttergöttin Isis gegolten hat, eine magische Halskette aus jenen zwölf Schätzen zum Erwerb angeboten, die Kette der Isis, die ihrer Trägerin, sofern sie bis dahin kein Menschenleben genommen hat, neunfache Kraft auf alle heilsamen Zauber verleihen soll aber eben nur von Hexen getragen werden kann, die bereits einmal Mutter wurden.

Mit diesem unglaublichen Wissen und möglichem Vermächtnis in Aussicht reist Julius mit der französischen Ministeriumsdelegation auf die Insel Malta, wo es zum Treffen mit den Mittelmeeranrainern, darunter den Ägyptern kommt. Julius erfährt, dass das spanische Zaubereiministerium nicht beabsichtigt, den Friedensvertrag mit den Veelas zu übernehmen und dass Ägypten alle ehemaligen Fluchbrecher von Gringotts zur Fahndung ausgeschrieben hat.

Gleichzeitig baut Diana Camporosso ihre Rangstellung in dem im Neuaufbau befindlichen Geheimbund der Kobolde aus. Doch sie plant auch, mit den ehemaligen Feuerrosenschwestern Kontakt aufzunehmen. Vor allem in Afrika will sie eine sichere Basis finden. dabei gerät sie zunächst an Ullituhilia, die Tochter des schwarzen Felsens. Diese kann sie mit vier Todespfeilen aus Anhors Bogen bewegungslos machen und denkt, sie getötet zu haben. Doch als sie die Pfeile wieder aus dem Körper zieht erholt sich die Abgrundstochter. Diana hat eine neue starke Feindin. Außerdem gerät sie an die in einem mächtigen Ankerartefakt überdauernde Vampirherrscherin Akasha und ihre treuen Nachtkinder. Diese hatten bereits versucht, normale Menschen für sich einzuspannen, um Getreuen nach Amerika zu schicken. Doch der ausgewählte Transporteur stand bereits auf einer Todesliste der von aller Welt für tot gehaltenen Campoverde-Geschwister. Diese lassen das Privatflugzeug des von Akashas Untertanen erwählten Waffenschiebers aus Nordafrika über dem Atlantik explodieren und mit ihm Boten Akashas.

Diana Camporosso sucht die verbliebenen Schwestern auf und plant mit ihnen eine Neuauflage unter neuem Namen. Als Hauptquartier wählt sie eine Höhle eines ehemaligen Vampirherrschers. Nachdem sie die dort überdauernden Blutwürmer besiegen konnte plant sie die Neugründung eines dunklen Hexenordens.

In den USA bereiten sich alle magischen Menschen darauf vor, einen neuen magischen Kongress zu wählen. Doch findet diese Idee nicht überall Zustimmung. Außerdem erhebt sich dort eine Gruppierung, die einen außerlegalen Feldzug gegen alle angeblich dunklen Hexen führen will. Unruhen und Widerstand drohen, die Wiedervereinigung der US-amerikanischen Zaubererwelt zu verhindern. Dies wiederum bekümmert die zehn wichtigsten Familien dort, die ihrerseits ihre Hoffnungen in die Neuauflage des MAKUSAs setzen.

In Texas und anderen US-Staaten kommt es zum Widerstand gegen die Wiedereinsetzung des MAKUSAS. Ein Nachfahre des dunklen Magiers Durecore steuert über eine Reihe besonderer Zauberbilder die Aktionen gegen Regionaladministrationen. Die zehn mächtigsten Familien der Staaten müssen sich zusammenraufen, alte Rivalitäten zu begraben und unterstützen die Neuordnung der USA. Zeitgleich jagd die von Ladonnas Rosenzauber an den Rand des Wahnsinns gedrängte Atalanta Bullhorn danach, alle ihr missfallenden Hexen zu fangen und zu töten. Doch Anthelia sorgt dafür, dass ihre eigenen Schwestern unbehelligt bleiben. Weil Bullhorns Vorgehen zu grausam ist wird ihr Tun von den noch regierenden Regionaladministrationen als Verbrechen eingestuft.

Nachdem es gelingt, den Anstifter der Anschläge und Störversuche zu stellen wird dieser von einem lebendigen, offenbar teilbeseelten Hut Durecores verschlungen. Dieser wiederum wird mit einem Basiliskenzahn zerstört.

Atalanta Bullhorn lässt sich von Anthelia zu einer Bergregion bei Los Angeles locken, wo sie auf die Anführerin der Spinnenhexen trifft und sich mit ihr duelliert. Es endet damit, dass Anthelia Atalanta wieder in eine langstielige Rose verwandelt und diese dem neuen MAKUSA überlässt. Bullhorns illegale Organnisation wird zerschlagen.

Am 4. Juli wird Godiva Cartridge zur ersten Präsidentin des neuen MAKUSAS gewählt. Sie trifft sich heimlich mit Anthelia und schließt mit ihr einen Burgfrieden. Solange Anthelia keine Menschen innerhalb der USA behelligt darf sie ihren Orden weiterführen.

Die Zaubereiministerien wissen, dass es noch zu viele Widersacher auf der Welt gibt. Es dauert auch nicht mehr lange, bis sich neues Unheil regt. Die selbsternannte Kaiserin der Nachtschatten entsteigt wie von sich selbst geboren dem kristallinen Uterus, ihrem Ankerartefakt und trachtet danach, die vergangenen Monate aufzuholen. Vor allem zielt sie auf die Werwölfe und Vampire. Bei den Lykanthropen kommt es im Mai 2007 zum Führungswechsel. León del Fuego will eine gezielte Anwerbung von neuen Mitgliedern in den Reihen der südamerikanischen Zaubereiministerien. Doch seine Machtübernahme verläuft nicht so vollkommen, weil Lunera Tinerfeño, die einstige Anführerin noch lebt und ihn nicht anerkennen will. Um sie zu unterwerfen behauptet er, dass er über den Sohn ihres getöteten Kampfgefährten Fino Gewalt auf ihre Tochter Lykomeda ausüben kann. Lunera versendet darauf eine Gegendrohung, dernach der nun verwaiste Sohn Finos zur Gefahr für die Gefolgschaft Leóns wird und bietet ihm an, das bei einem Treffen auf Tenerifa zu klären. Als sie mit den beiden Kindern dort eintreffen und in Streit geraten überkommt sie und Leóns Abordnung ein heftiger Betäubungszauber. Als sie daraus erwachen sind beide Kinder fort. Sie konnten nicht ahnen, dass die Töchter des reinen Mondes die beiden Kinder überwachten und die Gelegenheit nutzten, jemanden mit einem starken Zaubergegenstand zum Treffpunkt zu schicken. Hierbei handelt es sich um Julius Latierre, den die Mondtöchter im Traum anrufen und dann, als er trotz gewisser Gewissensbisse dazu bereit ist, zwei Kinder von ihren Elternteilen fortzuholen, mit der Macht der Mondtöchter dorthin verfrachtet wird, wo sich die beiden Gruppen der Lykanthropen treffen. Der ihm mitgegebene Gegenstand betäubt sämtliche Werwölfe, so dass er die zwei Kinder aufnehmen und von der Macht der Mondtöchter getragen in deren Burg zurückreisen kann. Wochen später kehrt er noch einmal zur Mondburg zurück, um die von den Mondtöchtern vorsorglich vollständig an Körper und Geist wiederverjüngten Kinder und deren dort versteckten Elternteile in die Delourdesklinik zu bringen, von wo aus sie in ein geschüztes Haus gebracht werden.

León del Fuego kassiert noch zwei weitere Niederlagen. Zum einen manipuliert die Schattenkaiserin Mondordensmitglieder, in dem sie sie zu schattenlosen, einem umgekehrten Mondzyklus unterworfenen Gehilfen macht, deren Veränderung für übliche Werwölfe lebensbedrohlich ist. Zum zweiten schafft es die Schattenkaiserin, den mexikanischen Stützpunkt Leóns zu finden und treibt dessen Insassen fast zur völligen Niederlage. Nur von Leóns magisch begabter Gefährtin Bocafina erstellte Notfallportschlüssel befördern alle außer Gefahr. Der Stützpunkt vergeht nach der Evakuierung im Glutball in einer Sekunde freigesetzter fünf Stunden Sonnenlicht. Außerdem besteht seit der versuchten Unterwerfung Luneras und dem versuchten Zwang auf das Mitglied eines mächtigen Werwolfclans Streit zwischen den kriminellen Lykanthropen. León erkennt, dass seine Führungsmacht ins Wanken gerät. Doch kann er nichts tun, um seine Feinde zu besiegen.

Die Vampirgötzin Gooriaimiria entlockt dem in ihrem geistigen Corpus eingeschlossenen Iaxathan die Herstellung besonderer Rüstungen, die schier unzerstörbar sind und gegen alle auftreffenden Schadensformen schützen. Um die Rüstungen anfertigen zu lassen lockt Gooriaimiria mit ihren Dienerinnen zwanzig Schmiede, die alte Ritterrüstungen anfertigen können, in eine versteckte Burg bei Killarney. Unter der magischen Kontrolle von Gooriaimirias Dienerinnen schmieden diese Fachkundigen die Schattenrüstungen nach. Gooriaimiria erhofft sich dadurch eine bessere Streitmacht und die Möglichkeit, den Traum von Nocturnia wieder aufleben zu lassen. Die Rüstungen erweisen sich über Wochen als schier unzerstörbar und überwinden sogar die bisher wirksamen Vampirblutresonanzkristallbarrieren. So will sich Gooriaimiria wieder Fachleute für Viren und Mikrobiologie zusammenfangen, um mit deren Hilfe ein neues Vampirwerdungsgift erstellen zu lassen. Doch weil auch Vita Magica dies voraussieht bringen ihre Greifkommandos unbeabsichtigt mit magischen Fernortungsimplantaten versehene Gefangene in den Sammelstützpunkt. Vita Magica schickt erst von Zaubereiministerien entwickelte Vampirbetäubungsgasladungen dorthin, um dann mit einem Stoßtrupp alle Wissenschaftler einzusammeln und dann alle betäubten Vampire mit sich spontan entladenden Sonnenlichtkugeln zu töten.

Dann erweist sich, dass die schier unzerstörbaren Rüstungen eine entscheidende Schwäche haben. Berührung mit voller Lebenskraft steckender Baumsamen entkräften die Rüstungen und sprengen sie schließlich von ihren Trägern ab. Das dies funktioniert hat Julius Latierre von Temmie erfahren, die nicht wollte, dass er deshalb mit den Abgrundstöchtern spricht, die ihm anbieten, ihn über die Rüstungen aufzuklären. Gooriaimiria verordnet eine vorgezogene und ausgedehnte Winterruhe, um ihre verbliebenen Kämpfer und Dienerinnen vor der nun weltweiten Jagd auf Vampire zu verstecken.

Die Schattenkaiserin ist wegen ihrer Erfolge derartig übermütig, dass sie mit Thurainillas Wissen und können Lahilliotas Stützpunkt angreift. Mit ihren Armeen aus Nachtschatten und Dementoren kann sie ddie dort lebenden Ameisenmenschen außer Gefecht setzen und sich mit ihrer Macht bis zu Lahilliotas Königinnenkammer durchkämpfen. Dort erwarten sie aber auch dei Töchter der Lahilliota. Diese schaffen es, Thurainillas Seele aus dem Seelengefüge der Schattenkaiserin herauszulocken. So erfahren sie deren Entstehungsnamen: Birgute Hinrichter. Dieser wirkt bei Nennung auf die Schattenkaiserin wie ein Imperius-Fluch. Sie wird von den Abgrundstöchtern in ihre eigene Zuflucht zurückgetrieben und kehrt in ihren Ankergegenstand zurück. Die Abgrundstöchter behalten sich vor, sie als Helferin gegen die Vampire einzusetzen. Jedoch lassen sie sie ihren Nachtschatten befehlen, im freien zu bleiben, bis die Sonne sie auslöscht. Ullituhilia fängt Thurainillas freigekommene Seele auf und wird sie als ihre Tochter neu zur Welt bringen.

Völlig im verborgenen wird Bellatrix Lestranges Schwester Narzissa mit dem vergessenen Erbe konfrontiert, dem im alten Richtbaum Dairons eingelagerten Ungeborenen, den Anthelia Bellatrix entriss. Da der Ungeborene mit der Zeit ein eigenes Bewusstsein und eigene Begierden entwickelt will die dem Baum innewohnende Intelligenz ihn loswerden und gaukelt Narzissa in ihren Träumen vor, große Macht zu erlangen, wenn sie sich dem Richtbaum hingibt. Als dies geschieht überträgt er den zum Menschenkeim verkleinerten Sohn Bellatrixes in Narzissas Schoß. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als ihrem Mann per Gedächtniszauber vorzugeben, er habe das nun in ihr heranwachsende Kind gezeugt.

Nach dem Kampf zwischen Werwölfen, Vampiren und Nachtschatten sieht es nach einer etwas ruhigeren Zeit aus. Doch erweist sich dies als voreilige Hoffnung. Denn die entmachtete Rosenkönigin Ladonna hat bereits vor Jahrhunderten ein unheilvolles Erbe hinterlassen. Auf einer unortbar gezauberten Vulkaninsel südöstlich von Santorini hat sie zu ihrer ersten Lebzeit ein mit magischen und mechanischen Fallen gesichertes Versteck angelegt, in dem sie alles gehortet hat, was ihr Macht verhieß oder ihr selbst gefährlich werden konnte. Dort hat sie auch die von ihr geplünderten Geheimarchive der von ihr zeitweilig unterworfenen Zaubereiministerien versteckt. Gemäß Ladonnas Willen, dass die Insel ein Jahr und einen Tag nach dem Verschwinden ihrer Seele aus der Welt für ausschließlich Hexen betretbar sein kann besteht die Gefahr, dass die dort gelagerten Dinge in falsche Hände fallen können. Die transvitale Entität, in der Ladonnas Seele aufgegangen ist, schafft es zwar, die auf magisch beschriebenen Obsidiantafeln hinterlassenen Wegbeschreibungen von ehemaligen Mitschwestern an die jeweiligen Zaubereiministerien aushändigen zu lassen. Doch eine der Tafeln gelangt in die Hände der deutschen Nachtfraktion der schweigsamen Schwestern. Außerdem hat die TVE keine Möglichkeit, Diana Camporosso zu beeinflussen, in deren Besitz ebenfalls eine der schwarzen Tafeln ist. Sie nutzt die Verbindung zu den Hexen Laurentine Hellersdorf und Louiselle Beamont, diesen ebenfalls die Lage von Ladonnas letztem Versteck zu vermitteln. Diese geben das erhaltene Wissen an die Liga gegen dunkle Künste und die schweigsamen Schwestern Frankreichs weiter. Es beginnt ein Wettlauf zu jener Vulkaninsel.

Am 3. Dezember 2007 treffen eine Delegation deutscher Ministeriumshexen zusammen mit Albertrude Steinbeißer, sowie 21 Hexen aus dem Orden Hecates, die unsichtbare Diana Camporosso und Anthelia bei der Insel ein und erzwingen sich den Weg durch die Kammern und Korridore. Albertrude nutzt die Gelegenheit, um die mit ihr reisenden und eigentlich auf sie aufpassenden Lichtwächterinnen zu betäuben und in leicht transportierbare Formen zu verwandeln. Unterwegs durch die Gänge und Schächte treffen sie, Anthelia und Diana aufeinander. Anthelia entgeht knapp einem von Dianas Todespfeilen, weil ihre magische Zweitgestalt gegen diese gepanzert ist. Es gelingt den eigentlich konkurrierenden Hexen Albertrude und Anthelia, die größtenteils unsichtbare Widersacherin zurückzudrängen, bis sie in den drei Kammern ankommen, in denen alle Bücher, Ausrüstungsgegenstände und Waffen lagern, die Ladonna in ihrem ersten und zweiten Leben zusammengerafft hat. Dort wird Diana von der sich als Wächterin am Fluss der Rastlosen Seelen bezeichneten Entität gefunden und fortgetragen. Die TVE will, dass Diana ihren Herrschaftsanspruch aufgibt und statt dessen für das Wohl von Menschen und Kobolden eintritt. Sie malt ihr aus, dass ein hemmungsloses Machtstreben in Einsamkeit und Selbstvernichtung enden mag und setzt sie auf einer Insel in Nordkanada ab, von wo Diana nur sehr schwierig in ihr Versteck zurückkehren kann. Indes klauben Anthelia und Albertrude viele Bücher zusammen, die sie tragen können und verschwinden auf unterschiedliche weise, bevor die 21 Hecate-Jüngerinnen eintreffen und mit dem Zerstörungszauber Hecates Tränen die Hinterlassenschaften vernichten. Sie können dem dadurch entfachten Aufruhr und dem davon ausgelösten Vulkanausbruch gerade noch entkommen. Die Insel Ladonnas vergeht in einer gewaltigen Eruption, jedoch ohne verheerendes Nachbeben.

Die Familie Latierre bekommt am 8. November 2007 die drei angekündigten Neuzugänge. Die drei erwachsenen Apfelhausbewohner klären mit Hera Matine und Blanche Faucon, dass die von Béatrice geborene Chloris Agrippine ebenso eine "Notlösung" ist wie die Geburt von Félix. Am 8. Dezember feiern die Apfelhausbewohner die Ankunft der drei neuen Hexen mit ihren Freunden und Verwandten. Nachdem Ladonnas letztes Vermächtnis offenbar vernichtet wurde und sich das wütende Wehklagen der Ministerien gelegt hat, die ihre dunklen Geheimarchive verloren haben, hoffen alle auf bessere Zeiten im Jahr 2008.

Bei der Durchsicht der gemachten Beute stoßen Anthelia und Albertrude unabhängig voneinander auf Dinge, die große Macht, aber auch den Untergang der magischen und nichtmagischen Menschheit bedingen können.

Anthelia entdeckt Aufzeichnungen über die zehn Gräber der Titanen aus uralter Zeit und besichtigt diese, um sicherzustellen, dass sie nicht von arglosen Leuten geöffnet werden. Denn wenn ein magischer Mensch die mit ihrem Besitzer begrabene Waffe eines der uralten Riesen berührt wird von dieser übernommen und in einem neuen, wütenden Überriesen verwandelt. Albertrude indes erfährt aus den Aufzeichnungend es deutschen Zaubereiarchives, dass der berühmte Alchemist, Thaumaturg und Astronom Canopus Hertzsprung, der im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wirkte, einen Zeittresor in einer Höhle von Uganda hinterlassen hat, die jeden 29. Februar für fünf Stunden aufgeht und unter anderem einen von Canopus gefertigten Umhang enthält, der über mächtige Mondzauberkräfte verfügt. Albertrude spürt den Ort der Höhle auf und nutzt das erwähnte Zeitfenster am 29. Februar 2008, um sich dem Zeittresor zu nähern. Dieser schloss vor genau vier Jahren einen jungen Archäologen namens Erasmus Söderdiek ein, Sohn eines superreichen Reeders aus Hamburg, der mit einer Expedition in die Höhlen um den Tresor vordrang und durch einen Schachteinsturz von seinen Begleitern abgeschnitten wurde. Da diese und seine Verwandten ihn für tot halten kann Erasmus nicht mal eben in die magielose Welt zurück. Doch Albertrude hat eh andere Dinge mit ihm vor. Außerdem interessiert sie sich für die mit Erasmus und dem Umhang ergatterten Aufzeichnungen. Ebenso plant sie, Albertine Steinbeißers Leben möglichst bald und für alle magischen Menschen drastisch genug nachvollziehbar zu beenden.

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Der auf dem kleinen Nachttischuntersetzer thronende Radiowecker zählte lautlos die verbleibenden Sekunden bis 06:00 Uhr. Als die letzte Sekunde verglomm glühte die Anzeige hell auf, und aus dem Lautsprecher tönte das Nachrichtenjingle von WDR 2.

"Guten Morgen! Heute ist der dreizehnte März 2008. Sie hören Nachrichten", begrüßte die Stimme des Sprechers alle nun zuhörenden. Von der Stimme aus tiefem Schlaf geweckt grummelte der 22jährige Archäologiestudent Johannes Kleinschmidt, räkelte sich und machte Anstalten, nach der großen, runden Aus-Taste zu langen. Doch dann lauschte er den sachlich vorgelesenen Neuigkeiten aus Nordrhein-Westfalen, Deutschland und dem Rest der Welt. Denn als Raumfahrtfan interessierte ihn die weitere Zusammenarbeit auf der internationalen Raumstation, an der das Space-Shuttle "Endeavour" andocken sollte. Auch interessierte ihn die heute zu verkündende Mittelmeerunion, an der unter anderem Bundeskanzlerin Merkel und der französische Präsident Sarcozy mitgestrickt hatten. Auch ging es um die am nächsten Tag stattfindenden Parlamentswahlen im Iran. In deren Ausgang setzte er jedoch keine großen Hoffnungen, weil sich ja doch nichts am dort herrschenden sogenannten Gottesstaat ändern würde.

Als die Nachrichten mit dem Wetterbericht endeten war Johnny Kleinschmidt wach genug, um den Tag zu beginnen. Er drückte die Abstelltaste für den Radiowecker. Die hell leuchtende Anzeige dunkelte auf die schwach glimmende Lichtstärke ab, die die eingestellte Radiofrequenz, die aktuelle Uhrzeit und die voreingestellte Weckzeit auswies.

Nach den morgentlichen Verrichtungen lauschte Kleinschmidt beim Frühstück dem Programm von Radio Köln, weil er morgens lieber mit leichter Popmusik und teilweise witzigen, aber eher oberflächlichen Sprüchen in den Tag finden wollte. Um acht Uhr stand ein Gespräch bei seinem Lehrer für klassische Archäologie an. Prof Kuhlmann hatte gestern angekündigt, sich an den Ausgrabungen drei Kilometer südlich der kölner Innenstadt zu beteiligen und wollte ausloten, welche seiner Studierenden er dabei mitnehmen wollte. Es sollte laut Georadar und Echolot um eine alte unterirdische Kultstätte aus der Römerzeit gehen. Das war spannend. Kleinschmidt war schon immer Fan von Ausflügen an unbekannte Orte, wie eben dem Weltraum, die Tiefen des Meeres oder eben zu alten, längst vergessenen Überbleibseln menschlicher Kulturen. Seine frühere Freundin Johanna genannt Joany verbrachte gerade ein Erasmus-Jahr in Lima, wo sie auch zu den früheren Städten und Tempeln der Inkakultur hinreisen konnte.

Um kurz vor halb acht, als er gerade losfahren wollte trällerte sein Telefon die Melodie von Mozarts Türkischem Marsch. An der Rufnummernanzeige konnte er lesen, dass es die Nummer von Professor Kuhlmann war. Der wollte doch nicht das Einzelgespräch absagen!

"Guten Morgen, Kleinschmidt", meldete sich Johannes genannt Johnny Kleinschmidt sachlich. "Guten Morgen Herr Kleinschmidt. Bereiten Sie sich auf einen langen, aufregenden aber auch anstrengenden Tag vor! Ich habe Sie für die Ausgrabung am Gewerbefeld zwei eingeplant. Die anderen Kollegen sind von mir informiert worden", erwiderte Professor Kuhlmanns Stimme aus dem kleinen Lautsprecher. Kleinschmidts Puls beschleunigte sich. Fast fragte er, warum er auch ohne Einzelgespräch zu diesem Projekt eingeladen worden war. Doch dann fiel ihm ein, dass Kuhlmann häufig sehr spontan entschied und er nicht hinterfragen sollte, warum der Professor ihn ausgewählt hatte. So fragte er nur: "Soll ich dann gleich zur Ausgrabungsstelle kommen, Herr Kuhlmann?"

"Ja, tun Sie das. Ach ja, und ziehen Sie sich Sachen an, die körperliche Arbeit vertragen und vor allem festes Schuhwerk. Es dürfte im Laufe des Tages sehr dreckig werden."

"Verstanden, Herr Kuhlmann", bestätigte Kleinschmidt. Er wagte nicht zu fragen, wer sonst noch in die Projektgruppe eingegliedert wurde. Er blickte nur auf seine Armbanduhr und fragte, wann genau er eintreffen sollte. "Ich werde um halb neun vor Ort sein. Sehen Sie zu, nicht viel später dort einzutreffen!" erwiderte Kuhlmann.

Johnny Kleinschmidt bedankte sich für das in ihn gesetzte Vertrauen und sicherte zu, um halb neun vor Ort zu sein.

So wechselte er aus der Vorlesungskleidung in eine für Ausgrabungs- und Gartenarbeiten geeignete Kluft mit reißfester Hose, Holzfällerhemd ohne Krawatte und dunkler Lederjacke mit zwei Innen- und vier Außentaschen. Dazu zog er sich wie empfohlen wadenhohe Schnürschuhe mit starkem Profil und verstärkten Kappen an, die er extra für die Begehung von Höhlen oder Ruinen angeschafft hatte. Einen Bergwerkshelm oder dergleichen hatte er nicht. Sollte der nötig sein hoffte er darauf, dass Kuhlmann mit dem Ausrüstungswart der Uni sowas beibrachte. Aber er nahm sein Mobiltelefon mit, das zur Not auch als Taschenlampe eingesetzt werden konnte, sowie Streichhölzer und eine dicke Rolle dünnen Bindfadens. Da er ein Semesterticket für die Kölner Verkehrsbetriebe hatte war es egal, ob er nur bis zur Innenstadt fuhr oder die drei Kilometer bis zum Außenrand der berühmten Dom- und Karnevalsmetropole am Rhein.

Da er eine halbe Stunde mehr Zeit hatte als beim Aufstehen noch vermutet machte es ihm nichts aus, dass er die für sein Ziel passende U-Bahn nur noch von hinten sah. In einer oder zwei Minuten würde die nächste Bahn der Linie anhalten. So hielt er sich von den hektischen Leuten fern, die eilig durch den Bahnhof liefen und lauschte einem Gitarrenspieler, der eine akustische Fassung der Rockballade "Still Loving You" zum besten Gab und offenbar schon einige Zeit hier gastierte, der schon gut mit Kleingeld gefüllten Baskenmütze nach zu urteilen. Johnny Kleinschmidt war zwar eher Elektronikmusikfan, wusste aber den Wert handgemachter Musik zu schätzen. Daher legte er das für solche Gelegenheiten in der Hosentasche mitgeführte 1-Euro-Stück in die Sammelmütze. Dann spürte er auch schon den starken Wind, den ein ankommender U-Bahn-Zug machte. Als der Zug vor ihm und den anderen Wartenden hielt prüfte er noch, ob er noch alles wertvolle am Körper hatte. Dann stieg er ein und suchte sich einen freien Platz.

Als er nach einmaligem Umsteigen am Zielbahnhof eintraf sah er schon von weitem die 2-Meter-Walküre Betty Strömer, die in einer ähnlich rustikalen Kleidung steckte wie er. Elisabeth genannt Betty war zwei Semester über ihm und steckte schon im Hauptstudium. Ihr Spezialgebiet waren die Wandmalereien aus der griechisch-römischen Zeit. Dann sah er noch die im Vergleich zu Betty kleine und zierliche Blondine Hannelore genannt Hanne Mattis aus Ostfriesland, die in Köln die römisch-germanische Geschichte studierte. Wollte die etwa auch zur Ausgrabung? Falls das stimmte, wer sollte dann noch dazukommen?

Als Johnny Kleinschmidt die beiden jungen Frauen grüßte erfuhr er, dass sie tatsächlich auf Professor Toni Kuhlmann warteten. "Er hat meine heutigen Vorleser vorab informiert, dass er eine Kunsthistorikerin dabei haben will, die sich mit mythologischer Malerei auskennt", benannte Hanne Mattis den Grund für ihr Hiersein. Betty Strömer aus Leichlingen meinte dazu: "Da bin ich mal gespannt, wen Prof Kuhlmann sonst noch engagiert hat, vielleicht einen der künftigen Sport- und Geschichtslehrer aus der Sporthochschule?"

"Zum Buddeln", trieb Johnny Kleinschmidt den Scherz weiter. Betty Strömer gab sich gerne als standhafte Draufgängerin, die dahin ging, wo es anderen Mädels weh tun würde.

Zwanzig Minuten vergingen, ohne dass noch wer aus der Uni dazustieß. Dann glitt ein puderblauer Ford Transit an den Bordsteinrand. Ihm entstiegen Professor Kuhlmann in reißfester Arbeitskleidung, sowie drei kräftige Herren, die zu seiner Truppe für handfeste Arbeiten gehörte. Als die drei die zwei jungen Frauen sahen verzogen sie kurz die Gesichter. Doch der Professor gebot ohne Worte Ruhe. Dann grüßte er die bereits wartenden und stellte sie überflüssigerweise einander vor, wohl aus protokollarischen Gründen. "Die Herren Becker, Herder und Hofer kennen Sie, Fräulein Strömer und Herr Kleinschmidt ja von unserem Ausgrabungsseminar im letzten Sommersemester. Ich konnte sie für unsere kleine Gruppe gewinnen. Sie haben auch die nötige Schutzausrüstung dabei, falls die Daten von Echolot und Georadar zutreffen und wir heute oder spätestens morgen in eine tiefgelegene unterirdische Anlage vorstoßen. Ich hätte gerne mehr Vorbereitungszeit beansprucht. Aber die Baufirma, die hier ein neues Lagerhaus mit drei Tiefgeschossen errichten will drängt darauf, bis Ende April Gewissheit zu haben, ob sie mit den Ausschachtungen anfangen soll oder noch solange warten muss, bis das Areal archäologisch vollständig ausgewertet wurde. Also müssen wir das in diesem Monat noch verifizieren, ob es sich bei den unterirdischen Hohlräumen um natürlich gewachsene Höhlen oder von Menschen gemachte Anlagen handelt. Soweit der Grund für diese doch sehr spontane Zusammenstellung unserer kleinenArbeitsgruppe. Jede und jeder von Ihnen wurde auf Grund der mir bereits bekannten Fachkenntnisse und handwerklichen Fertigkeiten ausgewählt. Auch wenn es sich von selbst versteht erinnere ich Sie alle daran, dass für die Zeit unseres Projektes diese Gemeinschaft wie ein Trupp Bergleute zusammenarbeitet, bei dem jeder und jede den Mitgliedern der Gruppe vollständig vertrauen können muss und jeder und jede von Ihnen bereit sein muss, dem anderen beizustehen, falls es zu lebensbedrohlichen Situationen kommt. Ausgrabungen bergen immer die Gefahr von Einstürzen oder anderen Unfällen in sich. Auch bitte ich mir aus, dass bis zum Abschluss des Projektes kein Wort an Außenstehende gelangen darf, um Sensationsjournalisten oder Gott bewahre Hobbyaltertumsforscher auf den Plan zu rufen. Es reicht, dass die Ausgrabung als solche angemeldet und mit den zuständigen Behörden abgestimmt ist. Fräulein Strömer, Sie dürfen die Fotoausrüstung bedienen, sobald wir etwas fotogenes vorfinden sollten, das nicht von selbst laufen und atmen kann."

"Wo Sie die Presse erwähnen, zählt da auch Radio Köln zu? Daa hinten sehe ich einen Außenreporter von denen, deren Fotos auf der Internetseite von denen ausgestellt sind", sagte Kleinschmidt und deutete auf einen auffällig unauffällig abseits stehenden Mann im graublauen Anzug, der gerade in sein Handy sprach.

"Oha, falls das stimmt muss doch was durchgesickert sein", grummelte Kuhlmann leicht verärgert und sah den bezeichneten Mann genauer an. Der merkte, dass man ihm zusah und wohl auch von ihm sprach und sagte laut hörbar: "Maritta, der Professor Kuhlmann hätt misch jesinn. Jilt die Wette noch? Joot!"

"Guten Morgen, der Herr. Sind wir verabredet?" fragte Kuhlmann den Mann. Der erwiderte nun im Hochdeutsch mit rheinischer Klangmelodie, dass er Thomas Schmitt vom Lokalfunk sei und im Rahmen der Serie "Radioreisen durch die Römerzeit in Köln" ausgeschickt worden war, die neuesten Ergebnisse der Ausgrabungen zu dokumentieren und, falls es erlaubt war, Interviews zu führen.

"Von wem erfuhren Sie, dass meine Wenigkeit und diese Herrschaften heute hier erscheinen würden?" wollte Kuhlmann wissen. "Von Ihrer Pressereferentin Frau Klinker", gab der Mann im Anzug bereitwillig auskunft. "Soviel zum Thema Vertraulichkeit", knurrte Kuhlmann und zückte sein eigenes Mobiltelefon. Er rief eine Nummer aus dem Speicher ab und wartete, bis sich jemand meldete. Erst war er hörbar aufgebracht, weil sein Projekt viel zu früh an die Medien gelangt war. Dann wurde er jedoch immer ruhiger, ja schon fast unterwürfig. Am Ende sagte er: "Gut, Herr Kollege, wenn Sie finden, dass es uns mehr nützt als behindert werde ich den Herrn vom Lokalradio als Vertreter der hiesigen Medien zusehen und zuhören lassen. Aber wann er mit wem Interviews führt möchte ich gerne selbst bestimmen. ... Es freut mich, dass Sie mir da beipflichten. ... Ich weiß, die Sitzung des Hochschulfinanzausschusses steht kurz bevor und ... Natürlich, Herr Kollege. Da stimme ich Ihnen zu. Auf wiederhören!"

"Gut, Herr ... öhm, wie schreibt sich Ihr Name genau?" Der Gefragte buchstabierte "S-c-h-m-i-t-t". Kuhlmann notierte sich den Namen und sagte dann: "Also, Herr Schmitt von Radio Köln darf unsere Arbeit beobachten, sofern er uns nicht genau vor den Füßen herumläuft oder uns den Blick auf freigelegte Artefakte oder Wandschmuckelemente versperrt. Ich fürchte nur, dass wir für Sie keine schützende Kopfbedeckung dabei haben."

"Ich habe einen Bauarbeiterhelm mit. Ist ja nicht das erste mal, dass ich mit Ihren Kollegen in den Unterjrund kletter", erwiderte Thomas Schmitt.

"Na dann holen Sie den schon mal, auch wenn wir heute wohl noch nicht ganz tief in die Erde vorstoßen sollten", sagte Professor Kuhlmann. Als Schmitt dann mit einem lässigen Gruß an die Gruppe davonzog zischte er: "Hätte ich mir denken müssen, dass Dekan Kessler sich mit den Sensationsmedien zusammentut, um möglichst mehr Geld für unsere Fakultät herauszuschlagen. Dank Asterix und diesem Popcornvernichtungsstreifen "Gladiator" sind die alten Römer ja wieder hoch im Kurs beim einfachen Publikum."

"Ja, und die Germanen auch, wegen Thor und Loki", wusste Kleinschmidt beizusteuern. Die anderen Männer der Truppe außer dem Professor nickten beipflichtend und grinsten jungenhaft. "Stimmt, auch diese Vermarktungsmaschinerie", knurrte Kuhlmann. "Also gilt es, den Enthusiasten genug Stoff aus der realen Welt der alten Römer und Germanen feilzubieten. Ich möchte jedoch darauf bestehen, dass Niemand von Ihnen sich auf spontane Interviews einlässt, solange wir nicht wissen, womit wir es zu tun bekommen werden und werde diesem Herrn Schmitt mit zwei t gleich noch mitteilen, dass Dekan Kessler und ich jede Liveübertragung ablehnen."

Als Schmitt wieder in Hörweite kam trug er einen orangen Schutzhelm wie ein Hochbauarbeiter, sowie ein Aufnahmegerät mit am Kragen befestigtem Mikrofon und eine Digitalkamera bei sich und sah alle zufrieden lächelnd an.

Nachdem nun feststand, dass ein Vertreter der Medien ihnen zusehen wollte wurden Werkzeuge und Schutzhelme ausgeteilt. Der im Transit verbliebene Fahrer bekam das Zeichen, dass er den Transporter auf einem regulären Parkplatz abstellen durfte und fuhr mit dem Ford fort.

Die ersten Stunden vergingen damit, dass Kuhlmann das abgesteckte Gelände beging, seine drei für Grobarbeiten angestellten rot-weiße Absperrbänder ausspannten und für Verpflegung und Hygiene nötige Mobileinrichtungen montierten. Als das alles erledigt war teilte Kuhlmann die Arbeit auf, um den ersten Vorstoß zu beginnen. Die drei Männer, die für die grobe Arbeit eingeteilt waren, wurden auf die drei Studierenden aufgeteilt, die allerdings auch mit Schaufeln und Archäologenpinseln herangehen sollten. Als es halb elf war begann die Ausgrabung an einer Stelle, die wie ein verschütteter Eingang aussah. laut der mitgeführten Messtechnik befand sich keine zwei Meter unter ihnen ein Hohlraum, der wiederum mit einem Gang in Verbindung stand, den sie freigraben wollten, um in die wirklich interessanten Bereiche der unterirdischen Hohlräume vorzustoßen.

Gegen halb eins verfügte Kuhlmann, dass die laut Außenarbeitsbestimmungen vorgeschriebene Mittagspause genommen wurde. Hierfür bekamen sie alle an der Erdoberfläche echte klassische Henkelmänner mit Gemüseeintopf und wiederverwendbares Plastikbesteck. Wer dessen Bedurfte konnte danach das blaue mobile Toilettenhaus aufsuchen, das sowohl von Herren wie von Damen aufgesucht werden durfte.

Am Nachmittag drangen sie dann tatsächlich unter die Erdoberfläche vor und entdeckten eine vom Staub und Gesteinsbröckchen der Jahrtausende verdeckte Treppe. Hanne Mattis konnte sogar schon erste Wandzeichnungen bestaunen, die sorgfältig eingravierte Krieger in Legionärsrüstungen mit Kurzschwert und Wurfspeer darstellten. Als sie mit dem Feinarbeitsbesteck für Archäologen die Gravuren freilegte fand sie auch eine Reihe hier nicht erwarteter griechischer Buchstaben: Αρης - Ares. "Huch, das griechische Pendant zum römischen Mars?" wunderte sich Hanne Mattis, als sie Kuhlmann die Inschrift zeigte und Betty Strömer gleich mehrere Fotos davon machte.

"Ich erzähle Ihnen als angehende Historikerin nichts neues, dass in den römischen Legionen Männer aus allen dem Imperium einverleibten Landen gedient haben, also auch Griechen", sagte Kuhlmann. "Außerdem galt damals auch der Grundsatz, dass wo nicht genug Freiwillige zu werben waren auch Sklaven aus Haushalten herausgekauft wurden und zum Dienst in der Legion veranlasst wurden. Also dürfte ein griechischstämmiger Legionär den Namen seines Kriegsgottes hier hinterlassen haben, und dessen Kompanieführer oder wer immer hier Hausrecht ausüben durfte ließ dies zu, eben wegen der Gleichheit der beiden Gottheiten."

Schmitt, der dieser kurzen Unterhaltung lauschte fragte dann eifrig, ob dieser Raum dann als Anbetungsraum für den Kriegsgott Mars gedient haben mochte. "Das ist nicht sicher. Möglicherweise wurde diese Inschrift nur deshalb hier hinterlassen, um die Verbundenheit eines einzelnen Mannes zu dieser Gottheit zu bekunden, aber nicht, weil es sich um eine Tempelstätte für Mars gehandelt haben muss. Dem Mars wurde oft in oberirdischen Tempeln gehuldigt, auch um ihm Opfer für späteres Schlachtenglück darbringen zu können", dozierte Kuhlmann ganz in seinem beruflichen Trott. "Wir werden uns also weiterhin in der nötigen Geduld üben und durch unsere Arbeit und Beobachtungen ergründen, welchem Zweck oder welchen Zwecken dieser Raum und alle daran anschließenden Räume dienten", stellte er noch klar und deutete auf den Gang, den sie gerade von Geröll und Staub freiräumten.

Kleinschmidt, dessen Vater Bauingenieur war, begutachtete die Decke und merkte an: "Wenn sich herausstellt, dass wir hier eine wichtige Stätte aufgetan haben sollte die Decke aber abgestützt werden, Professor Kuhlmann."

"Ja, zumal sich bereits jetzt schon erwiesen hat, dass die Firma, die hier ein Lagerhaus errichten will doch noch warten muss, bis wir alles hier verfügbare ausgewertet haben werden", bestätigte Kuhlmann. Hanne Mattis fragte dann, ob es nicht sogar im Sinne der Stadt war, diese Räume als begehbare Altertumszeugnisse zu bewahren, wie es mit den Katakomben und Thermen in Rom da selbst oder den malthesischen Tempelanlagen gehalten wurde. "Das darf und soll dann der Stadtrat beschließen. In gegenwärtige politische Entscheidungen möchte ich mich nicht einmischen", erwiderte Kuhlmann darauf. Radioreporter Schmitt meinte dazu noch: "Kommt auch darauf an, mit was die Stadt mehr Öffentlichkeit und mehr Geld machen kann. Die Baufirma, die hier ein Lagerhaus hinstellen will arbeitet ja für einen Baumarkt. Da ist immer die Frage, wem was mehr bringt. Aber spannend ist es schon."

"Das ist es, warum es auch buddelnde Eierköpfe wie uns gibt", meinte Becker, der gerade nach Anleitung von Betty Strömer ein Wandstück behutsam freikratzte, um weitere Gravuren oder Malereien freizulegen.

Da sie bereits unter die Erdoberfläche hinabgestiegen waren fiel den Grabenden und ihrem Beobachter vom Lokalradio nicht mehr auf, wie schnell die Stunden verflogen. Erst als Herders stoßfeste Armbanduhr mit einer elektronischen Melodie verkündete, dass es schon sieben Uhr abends und somit der außenarbeitsbestimmte Feierabend war sagte Kuhlmann: "Gut, wir haben heute mehr geschafft als ich gedacht habe. Dann können wir die abgesprochene Wacheinteilung vornehmen. Sie, die Damen Strömer und Mattis und der Herr Kleinschmidt dürfen Ihren wohlverdienten Feierabend genießen. Ich denke auch, dass Herr Schmitt seiner Redaktion schon erste Einzelheiten übermitteln möchte."

"Dann treffen wir uns alle sieben morgen früh wieder hier?" fragte Kleinschmidt. "Genau um sieben Uhr", legte Kuhlmann fest. Die drei Studierenden sahen ihn etwas verstimmt an. "Ich mache von Außenarbeitsregel vier Gebrauch, demnach bei aussichtsreichen Ergebnissen die Tagesarbeitszeit um zwei bis drei Stunden verlängert werden kann, sobald eben solche Ergebnisse in Aussicht stehen. Ja, und nachdem wir hier nun mehrere Schlachtenszenen und weitere Hinweise auf eine religiöse Stätte vorfanden steht zu erwarten, dass wir morgen und in den nächsten Tagen noch mehr interessantes aufdecken werden. Abgesehen davon werde ich gleich noch mit dem Kollegen Kessler und unserem Kontakt zum Stadtrat konferieren, um einen Zeitplan zu bestimmen, bis wann wir alle Räume untersucht haben können."

"Wie sichern Sie diese Ausgrabung? Die paar rot-weißen Bänder reichen doch nicht aus", meinte Schmitt. "Wie oft waren Sie schon bei Ausgrabungen vor Ort, Herr Schmitt?" fragte Kuhlmann zurück. "Na ja, ich habe alles was hier in den letzten zwei Jahren ans Tageslicht geholt wurde mitverfolgt. Durch den U-Bahn-Bau ist ja doch einiges altes ganz neu zu Tage getreten. Bei uns in der Redaktion kursiert sogar eine Wette, ob wir nicht hier in Colonia noch sowas wie Neros "goldenes Haus" ausgraben, wo dessen Mutter ja die Stadtgründerin war."

"Soso, als wenn Köln nicht schon genug berühmte Römerzeithinterlassenschaften bereithielte", meinte Kuhlmann ein wenig verdrossen. "Aber na ja, ich als Archäologe darf mich nicht den Möglichkeiten verschließen, die mein Beruf mit sich bringt. Ich lege jedoch Wert darauf, mit gebotener Sachlichkeit und Gefühlsfreiheit an alles heranzugehen und keine Indiana-Jones-Geschichten zu verzapfen."

"Öhm, solange wir hier keine Skorpiongruben oder Schlangennester ausgraben jederzeit", meinte Becker, dessen Vornamen die drei Studierenden nicht erfahren hatten.

Wieder zurück an der Oberfläche gingen sie fast alle ihrer Wege. Nur Kleinschmidt und Mattis blieben zusammen, weil sie den Abend in einem italienischen Ristorante ausklingen lassen wollten, während Betty Strömer noch nach Hürth fahren musste und die drei Grabungshelfer auswürfeln mussten, wer welchen Abschnitt der Nachtwache übernahm, nachdem sie den Einstieg in die Ausgrabungsstelle mit einem Eisendeckel verschlossen hatten.

In Salvatores Ristorante sprachen Hanne Mattis und Johnny Kleinschmidt über ihre bisherigen Studiengänge und wo es Berührungspunkte zwischen Archäologie und Historik gab. Er erwähnte auch, dass es leider all zu oft vorkam, dass Archäologen ganz unbeabsichtigt Sachen zerstörten, die sie eigentlich erforschen wollten. "Wie ein Buch, bei dem jede Seite rausgerupft, gelesen und dann zu Confetti zerbröselt wird", meinte Kleinschmidt. Er dachte an Lucia Martinelli, einer Kommilitonin aus Bologna, die bei den Ausgrabungen in Pompeji mitmachte.

"Gut, dafür müssen wir Geschichtsforschende immer wieder neu interpretieren, je mehr ihr Archäologen uns an neuen Materialien zuschustert. Ja, und während ihr sozusagen raten und spekulieren müsst, was die Ausgrabungen verraten müssen wir Geschichtler immer davon ausgehen, dass Geschichte von Siegern geschrieben wird und deshalb immer aus deren Sicht berichtet wird. Eine Kollegin von mir hat sich gerade mit der Kirche, weil sie parallelen zwischen Hausgottheiten der Römer und den Heiligen veröffentlicht hat und weshalb es den alten Römern einfacher fiel, zum Christentum zu konvertieren, weil sie viele ihrer alten Götter einfach mit den damals bekannten Figuren aus dem neuen Testament gleichsetzten, beispielsweise Adonis mit Lazarus oder gar Jesus, um das Extrembeispiel zu bringen."

"Ui, da werden aber bei den Glaubenshütern die Alarmglocken geläutet haben", meinte Johnny Kleinschmidt und brachte noch das weitere Beispiel, dass die Marienverehrung ja auf alte Muttergöttinnen wie Hera und Isis zurückging und es in den Metamorphosen des Ovid ja auch mehrere Beispiele für göttliche Zeugungsakte gab, die dann in den Glauben an die jungfräuliche Empfängnis Jesu eingeflossen waren.

"Ja, genau da hat sie sich auch voll drauf eingeschossen, dass das christlich-jüdische Patriarchat eine beabsichtigte Fehldeutung der ersten Verkünder gewesen sein mag. Ihr wurde daraufhin mit Exkommunikation gedroht. Das ging aber voll daneben, weil die Kommilitonin da schon längst aus der Kirche ausgetreten war. Das wiederum hat die Glaubenshüter drauf gebracht, ihr den Zugang zu kirchlichen Bibliotheken zu verwehren. Sie wollte eigentlich in diesem Frühling in die Bibliothek des Vatikans. Das darf die wohl jetzt knicken."

"In die verbotene Abteilung, wo das elfte Gebot als kleine Steintafel aufbewahrt wird?" fragte Kleinschmidt mit hinterhältigem Grinsen. "Das elfte Gebot?" fragte Hanne Mattis. "Erfreue dich am Liebesspiel", flüsterte Kleinschmidt. Manche Frau, die er damit konfrontierte lief deshalb rot an oder machte Andeutungen, ihm entrüstet eine herunterzuhauen. Doch Hanne Mattis grinste und machte dann eine von der Decke bis weit unter die Erde reichende Handbewegung. "Lernt man den Witz mit dem Bart von Mittagssonnenstand bis Erdmittelpunkt auch in der Archeo?" Kleinschmidt musste gestehen, dass dem wohl so war.

Um von diesem etwas schlüpfrigen Thema wieder wegzukommen sprachen sie, weil sie ja nicht über ihre Arbeit heute reden durften, von weiteren Projekten, an denen sie oder er teilnehmen wollten. So wurde es halb zwölf abends, bis beide endlich müde genug waren, um nach Hause zu fahren.

Johnny Kleinschmidt fiel um kurz vor eins ins Bett.

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Sie fühlte, wie angespannt die Lage war. Mirus Sohn lenkte das ihm anvertraute Volk auf eine Entscheidung hin, die für sie alle, vor allem für die vielen gerade aufwachsenden Jungen und Mädchen, das Ende aller Zukunftspläne bedeuten konnte. Sie, Iru Mondglanz, Jüngste Schwester des Kriegsgroßmeisters Dorin Schmetterhammer, kannte dessen geheimzuhaltenden Anweisungen. Doch sie und ihre Mutter achteten darauf, dass nicht ans heiße Licht der vielen Feuerquellen kam, warum sie, Iru, seit dreißig Sonnenkreisen immer noch nicht an einen Mann übergeben worden war, der ihr Heim, Nahrung und Lebenszweck geben sollte und dem sie aus Dankbarkeit Kinder, vor allem Söhne gebären sollte und sein Haus in Ordnung zu halten hatte, weil er die wirklich wichtigen Dinge zu tun hatte, die die Welt in gang hielten.

Ihre Mutter hatte das schon vor Irus Geburt erkannt, dass sie zum einen eine lang ersehnte Tochter trug und dass diese bereits auf die Gefühle und Gedanken der Geborenen ansprach. Weil sie in der Nacht des zweiten Frühlingsvollmondes geboren worden war hatte ihre Mutter sie Iru Mondglanz genannt. Offenbar hatte ihr dieser Name schon damals so gut gefallen, dass sie gleich nach ihrer ersten Namensnennung nicht mehr laut schrie. Sie hatte dann sehr schnell sprechen gelernt und auch, dass sie es sich nicht anmerken lassen durfte, dass sie wusste, wann jemand log oder die Wahrheit sagte. Ihre Mutter hatte sie mit einhundertachtundsechzig Mondwechseln oder auch vierzehn Sonnenkreisen in die heimliche Gemeinschaft eingeführt, die nicht das viel zu grelle, sengende Licht der Sonne, sondern das kühle, silberne Licht des Mondes als ihre Urkraft verehrten. Die Wandelbarkeit und die doch immer wiederkehrenden Gestalten der "großen Himmelsschwester", die da selbst wie eine verspielte Tochter um ihre Mutter herumtanzte, sprach viele der mit ihrem Leben als lebendes Eigentum hadernden Frauen und Mädchen an. Von den Mitgliedern der "Schwestern des Silberlichtes" hatte sie gelernt, ihre Gabe zu beherrschen, nicht nur zu hören, sondern auch in die Gedanken anderer hineinzusprechen und deren Gefühle sanft aber spürbar zu lenken. So konnte sie sich dem mit fünfzehn erreichten Lebensjahren üblichen Ritual der Zuteilung an einen ledigen Mann nach der Neubartausrufung dadurch entziehen, weil sie die, die sie einem Mann zuführen sollten mit Abstoßung und Verachtung erfüllt hatte und diese deshalb entschieden, dass sie sie entweder nicht haben wollten oder sie, wenn es Knechte waren, nicht ihrem Herren zumuten durften. Als sie nach drei Jahren immer noch nicht an einen Mann vergeben war hatte sie die Älteste in den Höhlen der Mütter und Töchter zur Unvergebbaren erklärt und ihr geraten, ihr restliches Leben in den Höhlen der Mütter und Töchter zu bleiben und dort zum Wohle der Mütter und Kinder zu arbeiten, um dem Volk beim Wachsen zu helfen, wenn sie schon selbst kein Kind bekommen sollte.

Iru war dann mit 27 Jahren zur Werberin der seit über 100 Jahren heimlich bestehenden Schwesternschaft ernannt worden. Sie entschied, ob eine auserwählte Tochter geeignet war, eine der Schwestern des Silberlichtes zu werden. Immer ging es dabei um Entschlossenheit, Willenskraft und auch angeborene Befähigungen, die über die üblichen Befähigungen hinausgingen. Viele von denen hatten es hingenommen, in einen Brautsack gesteckt und an einen Mann übergeben zu werden. Denn so bekamen die heimlichen Verehrerinnen des Mondes auch Zugang zu wichtigen Nachrichtenquellen und einträglichen Unternehmungen. Es galt für diese "Ausgesandten" der Schwesternschaft als Pflichtübung, mindestens eine Tochter zu gebären und sanft aber sicher zu einer weiteren Schwester des Silberlichtes zu erziehen. Die "Unvergebbaren", zu denen auch Iru Mondglanz gehörte, erfuhren so von den Vergebenen, den jungen Müttern, was in den Reichen vorging. Denn auch wenn die Männer dies mit Angst und Abscheu zu verdrängen und zu verschweigen trachteten, durch Ladonnas Herrschaft war die Saat der Mondschwester erst recht aufgeblüht. Die Schwestern des Silberlichtes, die sich nur zu Neu- und Vollmond trafen, wenn ihre Männer oder Väter tief schliefen, hatten ihre Gemeinschaft auf ein neues Ziel eingeschworen. Nicht einfach nur die Verehrung des weiblichen als vom Mond kommende göttliche Urkraft, sondern auch die Pflicht der Mütter, die Zukunft aller ihrer Kinder zu beschützen, was hieß, die Vergangenheit genauer zu erlernen, als die Männer es ihnen damals erlaubt hatten, die Gegenwart genau zu beobachten und hier und da nützliche und hilfreiche Anstöße zu geben, um nicht in eine in den Abgrund führende Höhle hineinzulaufen, nur weil es in dieser so verheißungsvoll glänzte, sondern auch mal den beschwerlichen Weg zu gehen, wenn dadurch die Zukunft der geborenen Söhne und Töchter gesichert wurde.

Mit großer Sorge bekamen die Schwestern des Silberlichtes mit, wie Miru Silberstimmes Sohn Malin das Volk der deutschen Schwarzalben immer tiefer in eine solche Höhle treiben wollte, an deren Ende ein licht- und bodenloser Abgrund wartete. Miru wollte, dass ihr Sohn zum größten aller Könige und zum obersten der neun Könige unter den Bergen wurde. Sie hielt ihn unter ihrem Willen, weil sie ihm als Säugling verbotene Zauber auferlegt hatte, die ihn mit Leib und Seele bis zu ihrem oder seinem Tode an ihr Wort und ihre Wünsche banden. Doch obgleich die Schwestern des Silberlichtes alles begrüßten, was von starken Frauen beschlossen wurde, so gefährdete Mirus Wirken und Malins Handeln immer mehr die Aussicht auf eine sichere Zukunft der aufwachsenden und der noch in ihren Müttern wachsenden Kinder.

Iru wusste, dass ihr ältester Bruder Dorin Schmetterhammer sie doch noch all zu gerne einem ihm genehmen Mann übergeben wollte. Doch immer dann, wenn er in ihre Nähe kam fiel ihm immer ein, dass er gerade wichtigere Dinge zu tun hatte, und dass eine Frau, die schon mehr als fünfzig Jahre alt war und immer noch unvergeben war, ein unerwünscht lautes Gerede auslösen konnte, wenn er sie einem vielleicht ganz jungen Krieger überreichte, im felsgrauen Brautsack, wie es die überlieferten Bräuche geboten. Abgesehen davon hatte er da selbst ja schon vier Söhne gezeugt und von diesen bereits zehn erwartungsvoll heranreifende Enkelsöhne. Da musste seine jüngste, unvergebbare Schwester nicht noch an der "Wahrung des Blutes" mitwirken.

Iru ehrte ihre Mutter Kiru Goldfeuer, die nach dem Tod ihres Vaters im Auftrag des beim großen Beben verstorbenen Königs Gaorin einen Drachen aus einer Goldhöhle entfernen wollte und dabei von ebendiesem Drachen "entfernt" wurde. Kiru war stolz darauf, dass Iru sich weiterhin gegen ihren großen und zu einem mächtigen Mann aufgestiegenen Bruder behaupten konnte und dass der nicht zulassen durfte, dass die anderen Männer darüber redeten, was für ein achso großer Kriegsmeister er doch war, wenn er nicht mal seine eigene Schwester zur Ordnung rufen oder sie einem starken Mann ins Haus liefern konnte.

"Mirus Sohn legt es darauf an, es sich mit den langen Leuten und den anderen Erdkindern zu verderben. Sie will davon nichts wissen, dass Malin uns alle durch die glänzende Höhle ohne Wiederkehr führen wird, wenn das so weitergeht", sagte Kiru, während sie mit ihren reinen Gedanken die Flammen im mit Glutstein gefüllten Eisenkorb auf noch unentzündete schwarze Glutsteine lenkte.

"Dorin ist zu hörig. Das war er schon unter Malins Vater. Er empfindet es nicht als noch mehr Unterdrückung, dass ihn Malin zum Herrn aller Krieger, dem Zehntausendschaftenführer und Kriegsgroßmeister berufen hat. Wir wissen, warum Malin ihn und Ondurin Schattenhut zu seinen wichtigsten Gehilfen gemacht hat, aber wir dürfen es nicht verraten, weil wir dann als verdorbene Brut, als Fehlgeburten der großen Mutter abgetan werden. Bestenfalls werden wir dann in einer abgeschiedenen Höhle in einem der Nordreiche eingesperrt, wo wir in Vergessenheit fallen sollen", sagte Iru etwas, dass ihre Mutter schon längst wusste. So nickte Kiru Goldfeuer nur und erwiderte:

"Lange wird es nicht mehr gut gehen. Beim nächsten heimlichen Treffen in der verschwiegenen Höhle neben der der Mütter und Töchter müssen wir beraten, wie wir unser Volk vor dem Abgrund schützen können. Vielleicht müssen wir Miru und Malin sogar töten."

"Nein, Mutter, das müssen wir nicht. Was ist noch schlimmer für einen Mann als den Tod auf dem Nachtlager zu finden?"

"Du meinst was du sagst, das spüre ich", grummelte Kiru. "Du denkst an die Aufsessige, die ihren Mann in Schlaf versenkte, ihn entmannte und dann mit seinem Bart unter ihrem Kinn floh."

"Die Geschichte ist doch wirklich so geschehen, Mutter, nicht wahr?"

"Es heißt, viele in den Völkern der langen Leute mit Zauberstäben, die nicht größer als deren Kinder werden stammen von jener Widersetzlichen. Es heißt, diese Kinder seien eine ständige Beleidigung für alle redlichen Söhne Durins. Doch ich habe bisher noch keines dieser Kinder getroffen und gesprochen. Abgesehen davon unterhalten die langen Leute auch Lebens- und Nachwuchsbeziehungen mit den spitzohrigen Erdkindern, denen Malin all zu gerne das Goldbestimmungsrecht wegnehmen will. Aber was du da andeutest ist Königsfrevel, noch schlimmer als die Tötung eines Königs in den geheiligten Jahren der geduldeten Herrschaft."

"Mutter, du hast zurecht darauf hingewiesen, dass Miru ihren Sohn dazu bringt, uns alle in die glänzende Höhle ohne Widerkehr zu treiben. Die acht anderen Könige haben sich nicht darauf eingelassen, mit ihm in einen offenen Krieg zu ziehen. Doch was ist, wenn er einen von ihnen zum Kampf der Könige herausfordert und besiegt. Wir haben doch alle gesehen, was er bei seinem ersten Entscheidungskampf in den drei Höhlen erbeutet hat. Damit kann er jeden Gegner besiegen. Dass er noch nicht darauf verfallen ist mag daran liegen, dass er noch andere Einfälle ausprobiert, um das Goldbestimmungsrecht zu bekommen."

"Seine Einfälle? Ich denke eher, dass seine Mutter nach den drei Entscheidungskämpfen keine Lust mehr hat, zuzusehen, wie er sein eigenes Leben wagt. Natürlich wird er keinen der acht anderen Könige zum Kampf herausfordern, solange er sicher ist, dass seine anderen Beschlüsse den gewünschten Erfolg bringen. Doch um so mehr gilt es, sein Tun genau zu beobachten und dann, wenn es uns allen gefährlich zu werden droht, einzuschreiten, notfalls auch dadurch, unsere heimliche Gemeinschaft preiszugeben. Denn für die Zukunft unser aller Kinder leben wir und ehren wir die große Kraft des silbernen Lichtes." Iru bejahte das.

Dann war das heimliche Treffen vorbei. Iru kehrte zurück in die Höhle der Mütter und Töchter. Sie durfte der Frau von Reiseschreiner Sturmsänger helfen, einen gesunden Jungen zu gebären. Dieser nun laut und fordernd seine Bedürfnisse in die weite Höhle der Mütter und Töchter hineinschreiende Junge gemahnte sie, dass er auch in zwanzig oder dreißig Jahren noch leben, essen und trinken können sollte. Ihre Mutter hatte recht, sie mussten darauf hinwirken, dass der von Miru in ihrem Sohn entfachte Irrsinn endlich endete.

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Sie wollte ihn gerne nehmen, sich an ihm so richtig wild austoben und dann hoffen, dass er auch genug fruchtbaren Samen in sie abgeben konnte. Doch irgendwie empfand es Albertrude Steinbeißer zu einfach, einen tief schlafenden Mann zu beschlafen. Jedes kleine Mädchen konnte sich an einem im Zauberschlaf liegenden Mann vergreifen, sowie jeder unreife Junge eine erwachsene Frau schänden konnte, sobald sie durch Betäubungsmittel handlungsunfähig war. Nein, sie wollte, dass er es mitbekam und auch mit ihr tun wollte. Gut, da würde sie wohl noch nachhelfen, damit er sie auch wirklich wollte und nicht dauernd daran dachte, was er in den vier vergangenen Jahren alles verpasst hatte und ob seine Eltern noch zusammen waren und was aus den Kollegen von damals geworden war. Abgesehen davon konnte sie ihn nicht einfach in die freie Welt zurücklassen, wo er doch garantiert schon für tot erklärt worden war. Selbst wenn sie ihm gnädigerweise das Gedächtnis veränderte und ihm eine nicht magische Möglichkeit in die Erinnerungen pflanzte, wie er damals aus der Höhle entkommen war, so blieb doch, dass er eben erst nach vier Jahren wieder auftauchte. Das würde alle magischen und nichtmagischen Behörden auf den Plan rufen und damit auch ihr eigenes ganz und gar geheimes Vorhaben aufdecken. Sicher konnte sie ihm eine Erinnerung eingeben, dass er ihr nie begegnet war, und sogesehen hatte er sie ja auch nicht in ihrer wahren Gestalt zu sehen bekommen, bis sie ihn in Zauberschlaf versenkt hatte. Doch allein sein Wiederauftauchen würde mehr als zu viele Fragen aufwerfen. Denn ihr fiel ein, dass Canopus Hertzsprung, der das Versteck in der Höhle unter den Bergen Ugandas eingerichtet hatte, seinen Erben Kepheus und wohl auch Vettius davon berichtet hatte. Falls Vettius Hertzsprung erfuhr, dass ein nichtmagischer Mann vier Jahre nachdem er in Uganda in einer Höhle verlorenging unversehrt wieder auftauchte mochte er nachforschen, ob es genau jene Höhle war, wo der silberne Schrank im Zeittresorzauber verborgen war. Nein, sie musste sich überlegen, ob sie ihn töten oder für sich selbst kultivieren wollte. Dazu musste sie noch mehr über ihn wissen als nur, was aus seinem überreichen Vater geworden war. Außerdem hatte sie ja Canopus' Aufzeichnungen eingeheimst und konnte da sicher noch so mandche interessante Sachen entdecken. Allein schon das Notizbuch mit den in Spiegelschrift aufgezeichneten Mondbuchstaben, die er sich sicher von den Zwergen abgeschaut hatte gaben einiges her. Nur dank ihrer magischen Augen konnte Albertrude diese Schrift auch ohne den dazu passenden Mond lesen.

So saß sie spät abends am 13. März in ihrem Studierzimmer im Schein von zehn frei schwebenden Kerzen und las die Aufzeichnungen mit Hilfe des Enthüllungsblickes nicht auf den, sondern durch die Seiten. Zum einen fand sie eine in allen Einzelheiten dargelegte Beschreibung, wie Canopus seinen schwarzen Umhang mit den silbernen Schließen entwickelt hatte. Zum zweiten fand sie einige für sie als bereits Kundige der siderischen oder astralen Zauber interessante Methoden, zielgenau Sterne am Himmel zu finden und deren Licht zu kanalisieren, womit das Lichtpentagramm in der Höhle von Uganda erklärt wurde. Drittens entdeckte Albertrude auch noch Aufzeichnungen über neue, ihr und wohl einem Großteil der magischen Welt unbekannt gebliebene Zauber. Sie las:

Im Wissen, an mächtige Pfeiler der irdischen Natur und der kosmischen Urmagie zu rühren habe ich mich mit den Eigenschaften des 1781 erstmalig gesehenen Planeten Uranus befasst und beschlossen, weiterführende Zauber zu erfinden, die sich auf dessen natürlichen oder mythologischen Ursprung beziehen. Mein Sohn, Enkel oder Nachfahre aus meiner Blutlinie, der du das hier liest, sei dir tunlichst darüber im klaren, daß die Kräfte des Uranus, des mythischen Urvaters des Himmels an sich, Wohl und Wehe aller Weltgegenden betreffen können und dass ich mit äußerster Behutsamkeit und Verschwiegenheit zu Werke ging, um mindestens einen Zauber zu entwickeln, mit dem ich die Eigenschaften dieses Himmelskörpers nutzbar machen kann. Mir ist bewußt, daß mich dabei durchaus der Tod ereilen kann, wenn zum Beispiel ein unabsichtlich aus den Himmeln herabgerufener Blitzstrahl mich niederstreckt oder ich aus Versehen das Wettergeschehen um meinen Wohnort in heilloses Durcheinander bringen kann. Doch kann und will ich meiner Neugier nicht dauerhafte Ketten anlegen, sondern ergründen, was der neuentdeckte Planet für die magische Welt bedeuten mag.

Nach dieser Einleitung las sie noch, wie sich Canopus mit der mythischen Figur Uranos befasste und auch, dass der nach diesem benannte siebte Planet des Sonnensystems zu seiner Zeit auch schon Monde zugeordnet bekommen hatte. Sie wusste aus Albertines Astronomiestunden in Greifennest, dass die Monde des Uranus nach Figuren aus Dramen von Shakespeare benannt waren, Titania, Oberon, Puck, Bianca, Miranda und so weiter. Deshalb wunderte es sie auch nicht, Shakespeare-Zitate zu finden, die sich auf Eigenschaften der namentlich erwähnten Figuren bezogen. "Tja, was du wohl über Ophelia gedacht hättest", dachte Albertrude. Dann las sie nach, dass sich Canopus doch eher auf die mythologische Figur festgelegt hatte und Zauber eingeplant hatte, die durch die Position des Uranus am echten Himmel Kraft zur Erde beschwor, um Kräfte jener Urgottheit freizusetzen. Weil Uranus ja eben damals vor Saturn und Jupiter den Himmel regierte unterstand ihm natürlich das Wetter, also Regen, Sturm, Blitz und Donner, Hagelschlag und Schneefall, also Ausprägungen der Elementarkräfte Feuer, Luft und Wasser, eben alles, was nicht mit der Erde zu tun hatte, die laut Mythologie sowohl Mutter als auch Ehefrau des Uranus gewesen war. "Woher kannten die alten Griechen und Römer Silvana Morgenrot?" fragte sich Albertrude mit gehässigem Grinsen. Denn jene Großmutter von Gertrude Steinbeißers Erzrivalin Claudia hatte nach dem Tod ihres ordentlich angetrauten Ehegatten den gemeinsamen Erstgeborenen Jaromir dazu verführt, mit ihr das Lager zu teilen, weil der seinem Vater fast wie ein Ei dem anderen glich. So hatte die damals so tugendreine und auf menschenfreundliche Zaubereien versessene Claudia Morgenrot einen Cousin bekommen, der zugleich auch ihr Onkel sein musste und ihr Vater, der zweitgeborene Matthias, hatte diesen Halbbruder niemals anerkannt. Dem war dann nur geblieben, nach Transsylvanien auszuwandern, so hatte es Gertrude damals erfahren.

Also, Uranos, der personifizierte Himmel, hatte mit Gaia, der personifizierten Erde mehrere Mutter-Sohn-Kinder hinbekommen, darunter drei Zyklopen, alle Titanen, von denen die Götter abstammten und drei hundertarmige Ungetüme. Deren Erwähnung erinnerte Albertrude daran, was Gertrude damals über drei ähnliche Geschöpfe gelesen hatte, die aus einem Experiment mit Vampiren hervorgegangen sein sollten. Canopus erwähnte das zwar nicht, doch ging sie davon aus, dass ihm diese Geschichte bekannt gewesen sein mochte.

Als sie dann einen Text fand, der sich auf drei auf Uranus bezogene Zauber bezog strahlte sie trotz der strickten Warnung, dass damit mehr Unheil als Heil angerichtet werden konnte. Gut, der Zauber Aura Urani, zu wirken wie Aura Sanignis, nur mit Gedanken an einen himmelblauen Glutball am sternenklaren Himmel, war noch harmlos. Denn dieser Zauber umhüllte den, auf dem bei der Ausführung die Zauberstabspitze deutete, mit einem himmelblauen Licht, das jede Form auf Wasser, Luft und dem Himmel entstammendem Feuer basierender Zauber und mit Hilfe von Schmelz- und Schmiedefeuer entstandener Waffe, sowie vom "inneren langsamen Feuer" des Stoffwechsels getriebene Angriffe wie Zähne, Hände, Füße oder Pranken abzuwehren vermochte. Wer den Zauber oft genug unter freiem Himmel geübt hatte vermochte ihn auch am hellen Tag und in nach oben verschlossenen Räumen zu wirken und war entweder einen siderischen Tag lang vor solchen Angriffen sicher oder bis die Zahl der Angriffe die eigene Tagesausdauer des Bezauberten aufzehrte. Abgesehen davon konnten Steine und aus Stein geformte Waffen, also auch Obsidianklingen oder Pfeilspitzen diesen Schutzmantel durchdringen, obgleich auch sie aus Feuer geformt waren. Doch offenbar war das Feuer aus dem Schoß der Erde anders als jenes von Sonne, Sternen und Blitzen, aus dem offene Flammen entfacht werden konnten. Aber praktisch war es schon.

Nachdem Canopus diesen Zauber oft genug wiederholt hatte und erkannte, dass er gut genug war, um aufgezeichnet zu werden, erfand er noch zwei weitere, nicht harmlose Zauber, die eine beeindruckend heftige Flächenwirkung ausübten, Ira Urani, den Zorn des Himmelsvaters und Fatum Urani, das Schicksal des Himmelsvaters. Der Erste konnte ein örtlich begrenztes, die Rufweite und dazu ein Zehntel je Grad der erreichten Zauberstärke Umkreis betreffendes Blitzgewitter ohne Wolken vom Himmel herabbeschwören, wobei die Blitze durch Gedankenkraft des Anwenders auf ein oder mehrere Ziele im betroffenen Bereich gelenkt werden konnten. Damit ließen sich gleich Dutzende von Feinden oder angreifende Ungeheuer überwältigen und töten. Vor allem wenn dieser Zauber bei bereits natürlichem Unwetter gewirkt wurde entluden sich alle Blitze des gesamten Unwettergebietes im vom Zauber umfassten Bereich, ähnlich wie der Blitzsammelzauber, der Häuser und Personen vor Blitzschlag beschützen konnte. Wer da nicht die Aura des Uranus, die Aura des Mars oder die Heilfeueraura um sich trug konnte sehr leicht zu Asche verbrannt werden, wenn ihn oder sie gleich vier oder fünf angelockte Blitze hintereinander trafen. Ja, das war schon heftig, fand selbst die nicht zimperliche Albertrude Steinbeißer.

Was ihr als Hexe jedoch noch mehr imponierte und ein schon überlegenes Lächeln ins Gesicht zauberte war der dritte auf Uranus bezogene Zauber: Fatum Urani. Sie las und dachte die auslösende Zauberformel "Fatum Urani imple te nunc!" und las auch, dass dabei an eine große, von innen nach außen schwingende eisengraue Sense zu denken war. Wirkte dieser Zauber schoss von der Person, die ihn wirkte eine blutrote Lichtwoge kreisförmig bis zur einfachen Rufweite hinaus, die jedes männliche Lebewesen je nach Reifegrad und natürlichem Magiegehalt die Körperflüssigkeiten kochen machte, dass Adern oder mit Körperflüssigkeiten erfüllte Organe platzten, je danach, wie viel eigene Magie vorhanden war. So konnte eine halbe Legion Krieger oder ein Rudel gefährlicher Tiere auf einen Schlag und rundherum schwer bis tödlich verletzt werden, sofern nicht vorher der Hauch des Himmelsvaters um eines der Wesen gelegt wurde oder die betreffenden nicht mehr als zwanzig süddeutsche Ellen vom Erdboden entfernt waren, was auch hieß, dass er nicht auf offener See oder im freien Fluge wirkte.

Ich dachte dabei an jene martialische Szene, in der Chronos oder Saturnus seinen eigenen Vater auf Drängen der Mutter Gaia mit einer großen Sense oder Sichel entmannte und so entmachtete. Doch als ich erkannte, wie schlagkräftig diese Vorstellung in jenen Zauber Fatum Urani einfloss graute es mir vor dieser Enthüllung. Mir wurde bewusst, daß ich diesen Zauber unmöglich einem wie auch immer berechtigtem Publikum preisgeben durfte, wie ich es auch schon bei Ira Urani erkannte. Doch darf und will ich diese Entdeckung nicht vergessen oder gar als unergründet verwerfen. Denn als Alchemist und Thaumaturg ist mir bewusst, daß was ich erfinden kann auch jemand anderes ersinnen und auch nutzen kann, ohne daß ich ihm oder ihr davon berichte. Daher schrieb ich Name, Ausführung und Wirkung dieses Zaubers nieder, um dich, meinen berechtigten Erben, vor jenen zu schützen, die ihn unabhängig von mir entwickelt haben mögen. Ich werde noch nach weiteren zaubern forschen, mit denen ich die grauenvoll ausgreifende Wirkung dieses Zaubers auf festem Erdboden mildern oder gar abhalten kann. Doch solange mir kein solcher Zauber einfällt verbleibt meine Erkenntnis von seiner Wirksamkeit nur in meinem Gedächtnis oder im versiegelten Schrank, an den nur Träger meines Blutes männlichen Geschlechtes gelangen können. Ja, ich darf auch meiner Gattin nicht berichten, was meine drei bisherigen und bis auf weiteren einzigen Versuche damit im freien Felde angerichtet haben. Wer mag da noch von den drei Unverzeihlichen sprechen, wer das Schicksal des Uranus auf alle männlichen Widersacher in Rufweite schleudern kann?

"Wohl wahr, Magister Canopus Hertzsprung", dachte Albertrude mit einer beträchtlichen Anerkennung. Allerdings blieb ihr dieser Zauberer die Kunde schuldig, wie sich Fatum Urani auf Hexen oder weibliche Tierwesen auswirkte. Sie wusste von Flammenringen, die ausgreifen konnten und ähnlich verheerend wirkten oder dass Anthelia wohl damals eine Übermacht von Feindinnen mit einem auf Feindesblut abzielenden Flächenzauber erledigt hatte. Doch wie weit reichte so ein Zauber? Albertrude erkannte, dass ihr da wahrlich ein gehöriger Brocken neuer Macht in die Hände gefallen war, mit dem sie sehr, sehr sorgfältig hantieren musste, um nicht selbst davon vernichtet zu werden. Wenn herauskam, dass jemand sich trotz aller Absicherungen in den Besitz von Canopus' geheimer Erbschaft gebracht hatte würde die ganze Zaubererwelt ihr nachstellen, die einen, um ihr dieses Wissen abzujagen, die anderen, um zu verhindern, dass es gegen sie und andere Verwendet wurde. Aber da Gertrude damals selbst einige recht rigorose Rachezauber erfunden hatte kannte sie dieses Gefühl ja schon und wusste auch, dass sie diese Aufzeichnungen noch besser vor fremden Zugriff schützen mochte. Ja, sie wusste auch, dass sie es selbst nicht ihrer Tochter Prunella verraten würde, bis sie da selbst ins Totenreich eingekehrt sein würde. Nur fragte sie sich jetzt, ob Canopus' Erben Kepheus und Vettius die Aufzeichnungen gelesen hatten. Doch nach dem, was sie über Kepheus gelesen hatte hätte der die zwei Flächenzauber des Uranus sicher irgendwann eingesetzt, um seine Feinde zu vernichten, vor allem Gellert Grindelwald. Macht war mit abstand das stärkste und zugleich süßeste aller Rauschgifte. Wer der Versuchung nicht widerstand wollte nicht mehr davon lassen. Doch wer zu ängstlich war, mit der verfügbaren Macht zu hantieren, der oder die verdiente es auch nicht, sie zu besitzen. Es kam eben auf die Dosis an, wann die Droge zum tödlichen Gift wurde, wusste nicht nur die Vereinigung aus Gertrude und Albertine Steinbeißer. Mit diesem Wissen und dieser Gewissheit schloss sie die gerade studierten Aufzeichnungen wieder fort und ging zu Bett, bereit, neue Einsätze für das Zaubereiministerium zu erledigen.

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Wie am Vortag angeordnet trafen sich Johnny Kleinschmidt und die übrigen Mitglieder von Kuhlmanns neuem Projekt am 14. März um sieben Uhr. Kleinschmidt hatte auf das Frühstück verzichtet und sich gerade mal soweit zurechtgemacht, dass er nicht wie aus dem Bett gefallen aussah. Er hoffte, dass sie nachher noch eine Frühstückspause einlegen konnten. Tatsächlich wartete Kuhlmann mit zwei großen Thermoskannen starken Kaffees und frischen belegten Brötchen aus einer nähergelegenen Bäckerei auf. Johnny Kleinschmidt musste mehrmals gähnen, weil ihm doch drei Stunden Schlaf fehlten. Hanne Mattis wirkte dagegen so munter, als habe sie zehn Stunden geschlafen. Betty Strömer war sowieso eine Lerche, wie es neuerdings hieß, wenn jemand eine Frühaufstehernatur war. Tom Schmitt, der an der Gruppe dranhängende Radiomann, schien ebenso ein Lerchenmensch zu sein. Denn obwohl der gestern abend wohl noch einen Bericht an seine Redaktion verschickt hatte wirkte auch er so, als sei er noch vor der 20-Uhr-Tagesschau ins Bett gekommen.

Im Schein von hitzelos leuchtenden LED-Lampen setzten die Archäologen ihre Ausgrabung fort, sofern es was auszugraben galt. Denn was sie da gefunden hatten war eher eine verborgene Katakombenanlage, die mehrere Dutzend Meter in die Erde hinunterreichte, tiefer als der tiefste U-Bahn-Schacht. "Da sollte es einen Wundern, dass bei Aushubarbeiten für die U-Bahn noch keiner vom Erdboden verschluckt worden ist", meinte Betty Strömer, während sie jedes freigelegte Stück Wand und jede von Staub befreite Stelle Decke fotografierte. Als sie gegen Mittag an eine Abzweigung kamen, die vom Geröll ausgefüllt war meinte Thomas Schmitt: "Oha, wenn hier mal Leute reingelassen werden dann nicht unter achtzehn Jahren."

"Wird sich zeigen", meinte Kuhlmann. Johnny Kleinschmidt hätte fast erwähnt, dass Familien mit Kindern in Pompeji durch ein ausgegrabenes Freudenhaus geführt wurden, vor dem der Gott Priapus in all seiner potenten Herrlichkeit stand tat er Schmitts Bemerkung als nur beiläufig ab. Dennoch musste auch er, der auch nur ein Mann war, seine Augen erst einmal wieder von der plastischen Darstellung lösen, die zwei in körperlicher Liebe vereinte Menschenwesen darstellte, die von einem feinmaschigen Netz umschlungen waren. Natürlich wusste er, dass dies die Szene darstellte, als Ares oder Mars mit Aphrodite oder Venus Ehebruch begangen hatte und der Ehemann der lüsternen Göttin sie beide durch ein goldenes Netz aneinander gefesselt hatte, um die anderen Götter daran zu erfreuen, die beiden auf frischer Tat ertappt zu haben. Da dies auch schon in Schulbüchern erwähnt wurde und weil die modernen Jugendlichen sich aus allen Medien der Welt noch heftigere Geschichten reinziehen konnten würde das wohl hier als künstlerische Darstellung durchgehen und bei entsprechend ausgebildeten Führern oder Lehrern nicht als anstößig rüberkommen, zumal, wie Kleinschmidt bei genauerer Betrachtung feststellte, die Genitalien der beiden Liebenden nicht deutlich dargestellt waren. Sie lagen eben ganz nahe beieinander.

"Also, wir brauchen mindestens ein Jahr, um alle Gänge und Kammern zu erfassen", meinte Hanne Mattis, als sie um ein Uhr eine deftige Kartoffelsuppe zu sich nahmen. Thomas Schmitt fragte Kuhlmann, mit was sie nun genau zu rechnen hatten.

"Also, ich lehne mich doch mal aus dem Fenster und behaupte, dass alle Vermutungen, hier einen klassischen unterirdischen Tempel des Mithras oder Plutos zu begehen doch eine Kultstätte des Mars oder der Venus vor uns liegen mag, wenngleich wir bisher keine Kamine oder Abluftschächte vorfanden, durch die Opferrauch in den Himmel entweichen kann. Was in diesen Katakomben nun wirklich praktiziert wurde bleibt noch abzuwarten."

"Am Ende ist es irgendwas mit schwarzer Magie, anbetung von Unterweltgöttern, um im Kampf zu siegen", fühlte sich der für grobe Arbeiten angeworbene Unimitarbeiter Herder zu einer gewagten Vermutung veranlasst.

"Darf ich das so zitieren?" fragte Thomas Schmitt. "Nein, das dürfen Sie nicht", entgegnete Kuhlmann schroff und funkelte seinen Mitarbeiter Herder sehr zornig an, weil der im Beisein eines Privatfunkreporters sowas verzapft hatte.

"Na gut, nach christlicher Lesart war und ist alles, wo wer anderes außer Gott Vater, Sohn und heiliger Geist angebetet wird Götzenanbetung, Okkultismus und schwarze Magie", wandte Hanne Mattis ein. "Aber sicher wird es für Ihre Zuhörer wesentlich spannender sein, wenn sie erst am Schluss mitkriegen, was wir hier unten entdeckt haben. Am Ende muss die halbe Mythologie umgeschrieben werden, so wie sich die Skandinavisten ja auch immer wieder darüber uneins sind, wie die Mythen aus dem Norden zu lesen sind."

"Ich bitte mir aus, dass hier keine weiteren Spekulationen verbreitet werden, Fräulein Mattis. Sonst müsste ich über Ihre weitere Beteiligung an diesem Projekt noch einmal nachdenken", wies Kuhlmann sie zurecht. "Nur wenn Sie dabei auch erkennen, dass die Anrede Fräulein für erwachsene Frauen obsolet ist und seit den frühen 1970ern aus dem amtlichen und behördlichen Gebrauch verschwunden ist", sagte Hanne Mattis. Johnny Kleinschmidt grinste wie auch Betty Strömer, als Kuhlmanns Gesicht für einige Sekunden erstarrte, als er diese Entgegnung zu hören bekam. Darauf meinte Thomas Schmitt: "Ja, aber in Frankreich und Spanien sind die Entsprechungen noch gültig, und ich wurde von einer unverheirateten Spanierin behutsam aber ernsthaft darauf hingewiesen, dass sie immer noch eine Señorita sei, auch wenn sie schon fünfundzwanzig Jahre alt war."

"Öhm, gut, gehört wohl alles in den Bereich Umgangsformen und Sprachkunde", meinte Professor Kuhlmann, der um seine Projektleiterautorität rang. Dann sagte er noch unmissverständlich: "Ich bestehe darauf, dass jede voreilige Vermutung über die hier vorgefundenen Räumlichkeiten und deren Ausschmückungen unangebracht sind. Erst wenn wir wirklich alle Räume untersucht haben werden darf gerne fachlich drauf los spekuliert werden."

Da es laut Georadar und Echolotmessungen mindestens noch zehn Korridore und an die zwanzig kleinere oder größere Räume gab galt diese Ansage sicher noch für die nächsten Tage und Wochen.

Am späten Nachmittag erreichte die aus Herrn Becker und Johnny Kleinschmidt gebildete Untergruppe nach einem gerade mal 1,50 m hohen und nur 80 cm breiten Durchgang eine Wand, die mit einer Mischung aus Sand und Pech bedeckt zu sein schien. "Huch! Was soll denn das jetzt. Bisher haben wir doch nur Natursteine angekratzt", sagte Becker und badete die Wand im Licht seiner Spiegelreflex-Handlampe. Doch der Lichtkegel wurde vollständig von der dunklen Substanz verschluckt wie von einer grenzenlosen Weite bei Mitternacht. Kleinschmidt holte aus dem Ausrüstungsrucksack ein kleines Gerät mit anschließbaren Ohrhörern, das Ultraschallwellen aussandte, die beim Zurückkommen in hörbare Töne umgewandelt wurden. Damit hörte er zunächst die Wände links und rechts und den Boden ab und dann die Wand vor ihnen. "Dahinter liegt noch ein Hohlraum oder eine ganze Höhle", flüsterte Kleinschmidt, als er das kleine Gerät systematisch an der nachtschwarzen Wand entlangführte. Dann berührte er sie sogar mit bloßen Fingern und schrak zurück. "Huch! Die ist verdammt kalt, wie pures Nordpoleis", zischte er aufgeregt. Becker berührte die Wand ebenfalls und strich darüber. "Neh, die ist warm, als hätte da für Stunden die Sonne drauf geschienen. Wie geht das denn hier unten, oder ist dahinter eine Magmakammer und Kölle wird zum Vulkan?"

"So nahe an der Eifel sind wir dann doch nicht", meinte Kleinschmidt und fasste die Wand noch einmal an. Wieder meinte er, klirrend kaltes Polareis zu berühren. Jetzt meinte er noch, von einer ebenso eiskalten Windböe angepustet zu werden, die von Sekunde zu Sekunde stärker wurde. Dann meinte er, aus dem ihm entgegenblasenden Wind noch ein leises Flüstern zu hören: "Soli patres! Nec pueri nec puellae nec matres!"

"Häh?!" stieß Kleinschmidt aus und zog die Hand zurück. Da ließen die Eiseskälte und der Gegenwind schlagartig nach. "Was häh?" wollte Becker wissen. "Öhm, fassen Sie bitte noch einmal diese Wand an und versuchen sie, sie mehr als drei Sekunden nicht loszulassen", sagte Kleinschmidt, der die zeitweilige Führungsrolle des Fachmannes ausspielte. Becker nickte und legte beide Hände an die schwarze Wand. Kleinschmidt spürte keinen Windstoß, keine Kälte, aber auch keine Hitze. Dafür hörte er, wie sein Hand-Echolot wimmerte und dann keinen Mucks mehr machte. Zugleich flackerten die LED-Lampen in allen Regenbogenfarben wie das Stroboskoplicht einer Diskothek. Becker fühlte sich offenbar von irgendwas veranlasst, sich mit seiner ganzen Vorderseite gegen die Wand zu lehnen. Dann geschah was vollkommen unerwartetes.

Von einer Sekunde zur anderen verschwand der Mann für die rein körperlichen Arbeiten in der Wand, als habe ihn eine geheimnisvolle Kraft darin eingesaugt oder als sei er durch einen flüchtigen Nebelstreifen gedrungen. Jedenfalls war Becker nicht mehr da. Zugleich erlosch für drei volle Sekunden die LED-Beleuchtung. Als sie mit leisem Knistern wieder ansprang meinte Kleinschmidt, dass die Lampe sich beunruhigend stark erhitzt habe. Doch Becker blieb verschwunden. "Herr Becker?! Hören Sie mich noch?! Wo sind Sie?!" rief Kleinschmidt. Seine Stimme hallte in diesem schlauchartigen Gang so laut wider, dass ihm die Ohren weh taten. Dann ging er voran und lehnte sich selbst wieder gegen die Wand. Doch sobald er dies tat war ihm, als stoße ihn eine klirrend kalte Kraft wie ein Zusammenstoß mit einem Eisberg zurück. "Soli patres! Nec pueri nec puellae nec matres!!" dröhnte eine sehr erbost klingende Männerstimme in beiden Ohren und hallte in seinem Schädel wider. Gleichzeitig blitzte die LED-Lampe grell auf, dass Kleinschmidt schon bangte, dauerhaft geblendet zu sein. Dann hörte er Beckers höchst beunruhigte Stimme rufen: "Wat is dat tann. Wo bin isch öns hee!"

Die Stimme klang wie aus mehr als zehn Metern Entfernung aber vor allem vor Kleinschmidt. "Das kommt von dem Gefasel über schwarze Magie von eben", dachte Johnny Kleinschmidt verdrossen. Wann hatte er das letzte mal "Das schwarze Auge" gespielt? Das war schon fünf Jahre her, dachte er. Hatten er und seine Rollenspielkameraden damals sowas im Spiel erlebt? Eine Wand, die offenbar keine Jungen und keine Mädchen duldete und ältere Männer verschluckte?

"Herr Becker, wo sind Sie?!" rief Kleinschmidt, wobei er sich die Ohren zuhielt. "Ich stehe hier in einer gewaltigen Höhle mit einem ganz hohen schwarzen Stein drin, wie ein Teufelsaltar oder sowas. Ich versuche noch einmal durch die Wand zu kommen, wie immer das eben ging."

"Eine Altarhöhle?!" rief Kleinschmidt. Dann erschrak er, weil hinter ihm schnelle Schritte klangen. Er blieb eine Sekunde lang stehen, bis der Widerschein einer herankommenden Lampe von den Wänden seine Augen traf. Es waren Kuhlmann, Herder und Schmitt.

"Was brüllen Sie denn hier herum, Herr Kleinschmidt?" zischte Kuhlmann. Dann sah er die Wand, die wie mit pechgemengtem Putz bedeckt wirkte. "Ob Sie es glauben wollen oder nicht, Professor Kuhlmann, aber Herr Becker verschwand vor einer Minute durch diese Wand", sagte Kleinschmidt. "Unfug!" stieß Kuhlmann aus und berührte die Wand. "Oh, wieso ist die so warm wie ein beheizter Kachelofen?" fragte er noch, bevor ihn Beckers Schicksal ereilte und auch er wie von einer fremden Macht verschluckt in der Wand verschwand.

"Moment mal, habe ich das gerade gesehen oder nur geträumt?" fragte Schmitt und kniff sich in den Arm. "Professor Kuhlmann, wie haben Sie den Trick gemacht?"

"Was zum ... wie bin ich denn hier hingelangt?" hörten die drei Männer Kuhlmanns Stimme von jenseits der schwarzen Wand. Dann hörten sie noch Beckers Stimme fluchen: "Was soll das heißen "Dame sanguem tumm?"

"Was für 'ne Dame?" fragte Schmitt und wagte es nun auch, die Wand zu berühren, weil er dachte, dass es sich um einen besonders clever gemachten Vorhang handelte. Doch er wurde von einer anderen nicht minder unheimlichen Kraft zurückgestoßen. Zugleich fühlte Kleinschmidt wieder jenen eiskalten Hauch wie Polarwind. "Brrr! Oha, nur Väter, keine Jungs und keine Mädchen?" murmelte Schmitt. "Frechheit, ich bin doch kein Junge mehr."

"Ich auch nicht. Aber offenbar will was auch immer nur gestandene Familienväter durchlassen", vermutete Kleinschmidt. Herder grinste und sagte. "Dann lasst mich da mal ran, ob ihr mir da keinen Kokolores erzählt." Schmitt wich zur Seite. Herder berührte die Wand erst mit einer Hand. Dann legte er die andere Hand daran. Dann drängte ihn offenbar was, sich ganz dagegenzulehnen. Schwupp! Weg war auch er.

"Also, ich habe das jetzt zweimal gesehen und selbst diese kalte Aura oder wie immer das heißt abbekommen. Das ist doch niemals mit den Gesetzen der Physik vereinbar", sagte Schmitt und erkannte wie Kleinschmidt, dass wieder mal das Licht ausgegangen war. Außerdem stellte er fest, dass sein mitlaufendes Aufnahmegerät offenbar ausgegangen war. "Sie haben doch den Unsinn von wegen schwarzer Magie angefangen", meinte Kleinschmidt. Dann hörten sie noch die beiden Frauen zusammen mit Herrn Hofer heraneilen. "Jungs, was dreht ihr hier gerade für einen Film? Omen VI., der Dämon von Köln oder was?" fragte Betty Strömer. Dann stellte sie fest, dass sie nicht weitergehen konnte. Irgendwas bot ihr Widerstand. Auch Hanne Mattis kam gerade bis auf vier Schritte an die schwarze Wand heran. Nur Herr Hofer schaffte es noch, zu Schmitt und Kleinschmidt aufzuschließen.

"Wat heeßt dat mit der Dame Tumm?" hörten sie gerade Becker von irgendwo hinter der Wand fragen.

"Da me sanguinem tuum", hörten sie Kuhlmanns sehr ungehaltene Stimme. "Gib mir dein Blut bedeutet das. Aber das ist doch totaler Unsinn. Sowas ist doch völlig irreal."

"Ist das dann eine Vampirwand oder was?" hörten sie Herder fragen, der wohl auch gerade versuchte, wieder zurückzukommen.

"Leute, lustig ist das nicht. Was geht da ab?" bibberte Betty Strömer. Offenbar war ihr irgendwie kalt. Kleinschmidt erzählte ihr und Hanne, was passiert war. "Eine magische Wand die nur Väter durchlässt, keine Jungen, Mädchen oder Mütter?" wollte Hanne wissen. "Die Damen, das habe ich wenigstens so verstanden", sagte Johnny Kleinschmidt. "Ich kapiere auch nicht, wieso das gerade passiert."

"Ich hätte doch das geweihte Kreuz von meiner Firmung behalten sollen, angeblich von Papst Johannes-Paul II persönlich eingesegnet", meinte Schmitt. "Das würde Ihnen wohl auch nur helfen, wenn wir es mit einer die Vormachtstellung des Christentums anerkennenden Magie zu tun hätten", sagte Hanne Mattis, die einen Schritt weiter von der Wand zurückgetreten war. "Ist so wie bei Tanz der Vampire, wo eine Hausmagd einem zu Lebzeiten jüdischen Mann, der nun als Vampir existierte ihr Kreuz entgegenhielt."

"Joh, könnte ich mir echt mal wieder angucken. Aber hier das ist ja noch heftiger. Muss das unbedingt aufnehmen und ... Auuuaa!" Alle schraken zurück, als Schmitt sein Aufnahmegerät betätigte und ein schrilles Rückkoppllungspfeifen aus dessen Kopfhöhrern drang. "Mein Ohrenarzt freut sich", knurrte Schmitt und rieb sich die schmerzenden Ohren.

"Leute, das kann es doch echt nicht geben, grummelte Betty Strömer und versuchte, weiter vorzugehen. Doch irgendwas hielt sie auf und machte zugleich, dass ihr immer kälter wurde. "Ich mach das nicht. Ich schneide mir doch nicht mit diesem Ding da ins Fleisch und lass Blut in dieses Loch da reintropfen", hörten sie Herder protestieren.

"Die Herren hinter der schwarzen Wand: Erbitte einen Bericht!" rief Kleinschmidt, der wenigstens noch bis zur Wand hingehen konnte. "Wir sind in einer offenbar für okkulte Handlungen ausgelegten Kammer mit vier aufgestellten altrömischen Legionärsrüstungen, die in einem seltsam dunkelroten Licht schimmern. Außerdem steht in der Mitte dieser Kammer ein achteckiger, etwa anderthalb Meter hoher, tiefschwarzer Altar. Von unserer Seite aus sieht die Wand im Flackerlicht unserer gestörten Lampen wie eine Wand aus rotem Feuer aus. Wer sie berührt wird aufgefordert, das eigene Blut zu opfern. Dazu passt auch eine in der Wand verbaute Metallschale, über der so etwas wie ein eisener Dorn oder das Ende einer Dolchklinge herausragt", berichtete Professor Kuhlmann. "Es erweckt den Anschein, dass es sich hier um eine Wirkungsstätte archaischer Magie handeln mag, vielleicht sowas wie Dämonenverehrung. Doch dies ist doch nur Schau. Herr Becker, brechen Sie die Wand mit Ihrer Schaufel auf!"

"Wie Sie wollen, Professor Kuhlmann", bestätigte Becker. Kleinschmidt lauschte. "Die klingen, als wären die zehn Meter von der Wand weg. Ich geh mal besser in Deckung", sagte er noch und zog sich schnell zurück. Im nächsten Augenblick erzitterte die Wand. Blutrote Funken sprühten heraus. Zugleich ertönten zwei Geräusche, ein lauter Aufschrei und ein metallischer Knall, als wenn etwas zerbrochen wäre.

"Was war das bitte?!" fragte Kleinschmidt, während die zwei Frauen wieder versuchten, näher an die Wand heranzutreten. "Herrn Beckers Schaufel ist soeben wie von einem roten Blitz getroffen zerborsten", antwortete Kuhlmanns Stimme. "Ja, und Herr Becker musste sich gerade wieder hochstemmen. Oha, hätt dat wieh jedonn, Mein lever Herr Jesangsverein", knurrte Becker.

"Will uns was immer nur rauslassen, wenn wir ihm Blut opfern?" fragte nun Hofer. Dann hörten sie ihn laut die ersten Zeilen des Vaterunser beten und dabei mit irgendwas metallischem klimpern. "Was soll das bringen?" klang Herders Stimme. "Sind wir jetzt bei van Helsing oder Buffy oder wem oder was?"

"Grausig. Des hot der Deifi g'mocht", sagte Hofer. Jetzt kam heraus, dass dessen Wiege wohl tief im Bayernlande gestanden haben musste.

"Das wiederum ist unlogisch, weil der Teufel Sie und Ihr goldenes Kreuz dann anstandslos freigelassen hätte", widersprach Kuhlmann dem Ausgrabungsgehilfen. "Des is' wohl wahr", grummelte Hofers Stimme.

"In diese Schale da, da geht gerade mal der Inhalt einer Untertasse rein. Ich mach das jetzt, zum Donnerwetter", schnaubte Herders Stimme. "Ich rate Ihnen zu jeder Verletzung ab, Herr Herder", sagte Kuhlmanns Stimme. "Wegen Blutvergiftung? Besser als Verhungern, oder sehen Sie hier einen weiteren Ausgang?" fragte Herder. Darauf kam Beckers Stimme. "Du suchst einen Ausgang, Willi? Hier drüben ist ein schmaler durchgang, Ich pass da im Krabbelgang durch. Habe ich gerade erst gesehen, als es mir die Beine unterm Hintern weggezogen hat."

"Was, ein Durchgang. Dann durch da!" rief Herders Stimme. "Halt, zurückbleiben. Ich verbiete Ihnen ..." setzte Kuhlmann an. Doch offenbar waren die zwei schon unterwegs.

"Wir kommen nicht von dieser Seite durch. Diese Kraft, wie auch immer sie wirkt und wer immer sie wirkt blockiert Herrn Schmitt und mich und hält Frau Strömer und Frau Mattis sogar auf vier Schritte Abstand!" rief Kleinschmidt.

"Ja, und wir kommen von unserer Seite nicht durch die Wand, weil eine ... ich sage das jetzt echt ... telepathische Stimme auf Latein fordert, dass ich mein Blut geben soll, sobald ich mich bis auf Armlänge der Wand annähere", erwiderte Kuhlmann. "Telepathie! Sind wir jetzt bei Perry Rhodan oder was?" fragte Schmitt. Betty seufzte nur ungehalten.

"Telepathie gibt es auch bei Star-Trek, Star Wars, und in jeder mehr oder weniger niveauvollen Geisterjägergeschichte", erwiderte Kleinschmidt darauf. "Ach ja, und bei Commander Perkins", wusste Hanne Mattis noch zu ergänzen. "Stimmt, den habe ich als kleiner Junge auch gehört", sagte Kleinschmidt.

"Ich mach das jetzt mit dem Blut", hörten sie Hofer sagen. "Und wenn mi der Deifi selbst holt."

"Herr Hofer, bleiben Sie hier!" hörten sie Kuhlmann rufen. "I mog nimmer warten", knurrte Hofer und ächzte, weil er wohl in die Knie gehen oder sich irgendwo durchzwengen musste.

"Professor Kuhlmann, was ist los?" fragte Schmitt, der sich nun wieder näher an die Wand herantraute. "die drei Einfältigen sind durch diese schmale Öffnung in der Wand westlich vom Altar und kriechen wohl dort entlang", erwiderte Kuhlmann.

"Und Sie sind noch in diesem Altarraum?" wollte Kleinschmidt wissen. "Gleich nicht mehr. Jetzt reicht es mir", knurrte Kuhlmanns Stimme gerade so noch hörbar.

Eine Minute lang war nichts mehr zu hören. Dann erbebte die Wand, glühte rot auf. Zugleich erloschen alle Lichtquellen. Wie in einen Mantel aus blutrotem Licht gehüllt flog Professor Toni Kuhlmann aus der schwarzen Wand heraus und landete etwas unbeholfen auf seinen Füßen. In dem Moment erlosch der blutrote Lichthauch um ihn, und auch die Wand wurde wieder völlig dunkel. Für drei Sekunden herrschte völlige Finsternis. Dann sprangen die LED-Leuchten wieder an. "Das mach ich nie wieder", sagte Kuhlmann und betrachtete seinen linken Arm, an dem eine noch blutende Schnittwunde war. "Wir müssen sofort hier raus und ich muss ins Krankenhaus, eine Blutwäsche machen, bevor ich mir wegen dieser Opferklinge noch die Sepsis zuziehe", schnarrte Kuhlmann.

"Haben Sie allen Ernstes ein Blutopfer gebracht?" fragte Schmitt, der aufgeregt wie ein halbwüchsiger Junge mitverfolgte. "Es war die offenkundig einzige Möglichkeit, diesem Irrsinn zu entrinnen. Denn dieser Durchschlupf ist für mich zu eng. Ich wollte garantiert nicht in einem viel zu engen Durchgang steckenbleiben wie der Weihnachtsmann nach einem zwanzig-Gänge-Abendessen."

"Ja, und sich da rausbeamen ging wohl auch nicht?" fragte Hanne Mattis frech. "Auch wenn diese Impertinenz nicht zu Ihrem Alter passt, Fräulein Mattis, so hatte ich doch eben allen Ernstes das Gefühl, mich in meine Atome aufzulösen", grummelte Kuhlmann.

"So sah es auch aus, Professor. Sie erschienen aus einer rot aufglühenden Wand, eingehüllt in eine blutrote Aura, wie ein Geist oder niederer Dämon aus dem Groschenheft", beschrieb Kleinschmidt, wie sich Kuhlmanns Rückkehr für ihn und die drei anderen vollzogen hatte.

"Das kann es nicht geben. Das darf es doch nicht geben", stammelte Kuhlmann. Dann zeigte er wieder seinen blutenden Arm vor. Betty holte sofort Verbandszeug aus der Sanitätertasche am Rucksack. Sie nahm erst Jodlösung heraus und rieb ihm den verwundeten Arm ein. "Eieieii! ja, bitte weitermachen. Ich muss eh noch zum Arzt", brachte Kuhlmann zwischen fest zusammengebissenen Zähnen heraus. Betty behandelte die Wunde sorgfältig. Sie drückte drei Kompressen in die Wunde und verband den Arm.

"Wir können hier nicht einfach weg, wenn die drei von der Grabungstruppe anderswo unterwegs sind", sagte Kleinschmidt und erhielt ein zustimmendes Nicken von Schmitt, Strömer und Mattis.

"Gut, Sie und Herr Schmitt mit zwei t verbleiben hier, aber nicht näher als zehn Meter an dieser .... dieser Wand da. Ich werde mit den Damen ins nächste Krankenhaus fahren."

"Ja, und was werden Sie den Ärzten und Ihrer Krankenkasse berichten?" fragte Schmitt seltsam unerwartet lausbübisch grinsend.

"Beim Versuch, eine magische Wand zu öffnen musste ich einen halben Deziliter eigenes Blut in eine Aufffangschale tropfen, wofür ich mir an einer alten Eisennadel den halben Unterarm aufritzen musste", sagte Mattis und fing sich dafür von Betty Strömer einen tadelnden Blick ein.

"Ich bin Archäologe. Ich habe mir bei der Untersuchung eines Metallgegenstandes die Verletzung zugefügt und muss sie dringend behandeln lassen. Punctum!" blaffte Kuhlmann.

"Dann sollen wir hier unten warten, bis Sie wiederkommen oder wen vorbeischicken, um nach den drei Grabehelfern zu suchen?" fragte Kleinschmidt.

"Das habe ich soeben angeordnet", sagte Kuhlmann. Dann sah er Hanne Mattis, die wie gebannt gegen die tiefschwarze Wand und dann auf den Boden blickte. "Da sind allen Ernstes semitische Zeichen eingraviert, die vorhin noch nicht da waren. Da wo Ihr Blut hingetropft ist, Professor Kuhlmann. Betty, fotografierst du das bitte mal, falls die Kamera geht?"

Betty Strömer bückte sich, sah die im LED-Licht rosarot glimmenden Zeichen und holte die Digitalkamera hervor. "Mist! Die Kamera ist entweder alle oder kaputt. Keine Anzeige, kein Datum, nichts", sagte sie.

"Genau wie mit meinem Audioboy, dem Aufnahmegerät", knurrte Schmitt. "Nur hoffen, dass die bisherigen Sachen auf der Speicherkarte geblieben sind.

"Ja, aber die LEDs tun's noch", stellte Kleinschmidt fest. "Sind offenbar nicht so kompliziert wie digitale Aufnahmetechnik", meinte Hanne Mattis.

"Also, wir jungs, die keine Väter sind sollen hierbleiben und hoffen, dass die drei Kollegen nicht doch noch im Tartarus gelandet sind?" fragte Kleinschmidt. Kuhlmann bejahte es mit unüberhörbarem Nachdruck. Dann wies er die zwei Frauen an, ihn zu begleiten.

Als Kleinschmidt und Schmitt alleine vor der Wand waren meinte der Radioreporter: "Müssen wir ab heute anfangen, wieder an Geister und Dämonen zu glauben, Herr Kleinschmidt?"

"Im Moment weiß ich überhaupt nicht, woran ich glauben soll oder nicht, Herr Schmitt. Ich mache mir gerade Sorgen wegen Becker, Herder und Hofer", sagte Kleinschmidt.

"Stimmt, von denen hören wir echt nichts. Am Ende sind die in einen Schacht gestürzt oder im Durchgang stecken geblieben. In einer der Originalausgabe von "Mission: Impossible" hatten Gangster einen angeblichen Fluchttunnel aus der DDR angeboten, der für die, die da reingekrochen sind zur tödlichen Fallgrube wurde", sagte Schmitt. "Wie kann ein erwachsener Mann so beschränkt sein, in einen Gang reinzukrabbeln, von dem man das Ende nicht sieht?" grummelte Kleinschmidt. "Machen Sie als Archäologen das nicht jedes Jahr? Ich habe von mehreren Expeditionen nach Ägypten oder in den Urwald Südamerikas gehört, die an irgendwelche alten Fallen Leute verloren haben", erwiderte Schmitt. "Abgesehen davon frage ich mich gerade, wie ich das meinem Redakteur verkaufen soll, dass wir hier unter Köln sowas wie einen schwarzmagischen Tempel haben, wenn es nicht doch irgendwelche Außerirdischen sind."

"Stimmt, da unten steht sicher noch ein Raumschiff aus dem Wegasystem und wartet darauf, Proben gegenwärtiger Menschen einzusammeln. Wenn es von denen genug hat startet es, und das am dreißigsten Mai."

"Wieso am ... Achso, wegen des Jeckoldies "Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang"", erwiderte Schmitt. Kleinschmidt nickte. Dann schrak er zusammen, ebenso wie Kleinschmidt. Denn aus mehreren Dutzend Metern entfernung drangen hohe, schrille Angstschreie zu ihnen.

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Ja, er wusste, das war Wahnsinn. Aber das war die ganze krumme Kiste doch schon, seitdem er meinte, von einer backofenheißen Wand verschluckt und in einem Teufelsanbetertempel gelandet zu sein. Jetzt kroch er durch einen Gang, der von Meter zu meter immer enger wurde. Er musste schon wie damals beim Bund im Gelände robben, um überhaupt noch weiterzukommen. Er hörte Willi Herder hinter sich. Dem ging es nicht besser. Noch weiter hinter ihm keuchte der nach Köln importierte Xaver Hofer, der sich das auch nicht so vorgestellt hatte. Hari Becker fühlte bei jeder Zugbewegung die Schmerzen im Arm, die ihm der Versuch eingebrockt hatte, mit seiner Schaufel diese Höllenwand einzuschlagen.

Der Gang drehte sich in sich. Hari Becker fühlte, wie er sich mit dem Boden drehte, dabei erst auf die linke Seite, dann auf dem Rücken zu liegen kam und dann auf die schmerzende rechte Seite rutschte. Eigentlich hätte er hier und jetzt anhalten und sich zurückziehen müssen. Doch irgendwas trieb ihn an, weiter und immer weiterzukriechen. Dabei dachte er komischerweise an seine beiden Kinder Wolfgang und Valli. Er hörte ihr fröhliches Lachen und meinte, sie zu diesem albernen Lied "tanzt das Brot" herumhüpfen zu sehen. Dann sah er Valli im Hexenkostüm mit grün geschminktem Gesicht und Wolf als struppigen schwarzen Werwolf, weil er unbedingt als Graf Dracula hatte gehen wollen, weil seine Kollegen für die Fete zum Rosenmontag das Motto "Tanz der Vampire" ausgegeben hatten. Hexen, Vampire, Werwölfe. Bis vor zehn Minuten hatte er sowas nur für Märchen für Kinder und Kind gebliebene gehalten, sowie den Pumuckl oder die Frogs aus "Raumpatrouille Orion". Doch im Moment wusste er echt nicht, woran er glauben sollte.

Er kroch weiter. Dann sah und hörte er Steffie, seine seit zehn Jahren angetraute und fühlte eine hier gerade nicht hinpassende Erregung im Unterleib. Er fürchtete schon, sich gleich noch was ganz wichtiges einzuklemmen. Doch dann war er wieder zwei Meter weiter und streckte seine Arme vor. Er griff über den Rand eines Abgrundes oder Loches hinweg. Dann meinte er, von unten ein purpurrotes Licht zu sehen, kein Feuer, keine LED-Lampe. Am Ende war da unten der Eingang zur Hölle. Doch als er versuchte, sich wieder zurückzuziehen klang in seinem Kopf eine herrische Männerstimme: "Fini iste viam nunc non retarda!"

"Mist, ich hätte doch echt Kuhlmanns Angebot annehmen und einen Weiterbildungskurs Latein machen sollen", dachte Becker. Da glühte das rote Licht vor ihm heller auf. Gleichzeitig fühlte er, wie der Gang auf einmal rutschig wurde wie eingeseiftes Eis. Er glitt nach vorne, fiel über und stürzte nach unten. Er schrie jedoch nicht. Denn er fühlte sich auf einmal ganz geborgen, eingehüllt in jenes rote Licht. Dann fühlte er wieder festen Boden unter sich. Das Licht erlosch. Es wurde ganz dunkel. Nicht mal seine LED-Lampe leuchtete noch.

"Hari, bist du noch da?" hörte er Willi Herders Stimme von irgendwo weiter oben rufen. Er rief zurück, dass er gerade in einem anderen Raum gelandet sei, verriet jedoch nicht, wie er hier hereingekommen war.

Eine Minute später sah er über sich das rote Licht aufleuchten. Dann sah er, wie Willi Herder in einer rot glühenden Blase sanft herunterschwebte und neben ihm landete. Die Blase verging. Es wurde wieder stockfinster.

"Ja, super, noch so'n Hokuspokus-Spukzeugs aus der Gruselwelt, oder was", knurrte Herder. Becker konnte ihm da nur beipflichten.

Fünf Minuten später segelte auch Xaver Hofer aus der Decke herab. "Also, LED-Lichter gehen nicht mehr. Mal sehen, ob Streichhölzer noch brennen", sagte Becker und fischte eine Schachtel aus seiner Lederjacke. Er riss ein Holz an. Die Flamme war einen Moment so grell, dass er die Augen zukneifen musste. Dann sah er im flackernden Licht einen weiteren Raum, in dessen Mitte ein im schwachen Widerschein rötlich glänzender Steinklotz stand. Noch ein Satansaltar?

"Da sind Fackeln an den Wänden", sagte Hofer, als er Beckers Beispiel folgte und Streichhölzer entzündete. Mit einem davon setzte er eine der Fackeln in Brand. Dann noch eine. Dann passierte es.

Mit einem leisen Wuff entflammten an die fünfzig oder hundert Fackeln und leuchteten den Raum nun hell genug aus. Im gespenstischenFlackerlicht wirkten alle Schatten wie lebende Gestalten. Doch was am wichtigsten war: In der Mitte des Raumes erhob sich ein Kegel aus rotem Material. In dessen oberseite steckte eine armlange Stange aus einem merkwürdig spiegelnden, ansonsten dunkelrotem Holz. Im Flackernden Fackelschein erschien um den Fuß des kegelförmigen Steines eine rot leuchtende Schrift auf dem Boden. Becker erkannte sie nur, weil er schon einigemale bei Ausgrabungen in Griechenland mitgeholfen hatte. Das waren griechische Buchstaben. Am Ende war die Sprache auch noch Griechisch, womöglich altgriechisch wie die Sprache von Odysseus und Herakles.

Hofer sah die Schrift auch. Er trat schnell nach vorne. Dabei reflektierte etwas goldenes das Fackellicht, ein daumengroßes Kruzifix, das Hofer an einem Rosenkranz um den Hals trug. Becker wusste nicht, dass Hofer derartig fromm war.

Die Buchstaben sind altgriechisch. Aber die Sprache ist Lateinisch. Allerdings fürchte ich, dass ich damit den Deifi und seine Brut heraufrufe, wenn ich das laut vorlese oder übersetze."

"Ja, ist schon gut, Herr Hofer", sagte Herder und trat vor. Er besah sich die Buchstaben, prüfte, in welcher Richtung sie zu lesen waren. "Interessant. Der Satz fängt sozusagen im Osten an und geht einmal in Sonnenlaufrichtung um diesen Kegelstein herum. Ich fasse den Text zusammen, damit unser bayerischer Gemeindepfarrer hier keinen Herzschlag kriegt, wenn ich das im Originalsprech vorlese."

"I werd des lossen", knurrte Hofer. "Ja, bitte!" sagte Herder, während sich Becker sowas von dumm vorkam, weil er den Text nicht entziffern konnte. "Ich fasse das zusammen. Ist sowieso ulkig. Erinnert mich an die alte Arthussage mit Excalibur", setzte Herder an. "Mach das bitte nicht, wenn dir deine Seele lieb ist, Herderer!" kknurrte Hofer.

"Leute, wir müssen irgendwann wieder hier raus. Und wenn das sowas wie ein Rätsellabyrinth ist müssen wir die Rätsel lösen. Leute, oder wollt ihr wieder da rauf und was von eurem Blut spenden, wie Prof Kuhlmann es übersetzt hat?" fragte Herder. Die zwei anderen sahen ihn nur verstimmt an, ohne ein Wort zu sprechen. So fasste Herder den Text um den Fuß des kegelförmigen Steines zusammen.

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Es war ein leises, wellenförmig an- und abschwellendes Singen, das aus einem Raum kam, der hinter einem von der Decke bis zum Boden reichenden violetten Samtvorhang klang. Eine Tür ging auf, und Gesine Feuerkiesel betrat das Zimmer mit dem Vorhang. Sie zog ihren Zauberstab aus Eschenholz mit Einhornschweif und beschrieb damit einige Figuren in der Luft. Zu sehen war nichts. Nur das merkwürdige Singen glitt in der Tonhöhe nach unten und wurde lauter. Jetzt konnte Gesine auch ein schwaches, rötliches Schimmern durch den Vorhangstoff sehen. "Move te velamen custodiens!" murmelte Gesine Feuerkiesel. Der violette Vorhang erbebte, warf senkrechte Falten und glitt dann leise rauschend zur Seite. Gesine überschritt eine silberne, mit besonderen Zeichen verstärkte Linie und betrat die kleine Kammer hinter dem Vorhang.

Sie sah sofort, was die Quelle von Geräusch und Licht war. Frei in der Luft hing ein eisernes Rad mit zwanzig dünnen Speichen, das im hellroten Licht eines pflaumengroßen runden Steines in der Radnabe glitzerte. Das Rad kreiselte mit hoher Geschwindigkeit, wobei es erbebte. "Hatte die gute alte Claudi doch recht, dass dieses Ding eines Tages doch noch aufwacht", dachte Gesine Feuerkiesel. Dann erkannte sie, dass sie den Grund für diese Aktivität nur ergründen konnte, wenn es ihr gelang, das Rad und sein augenförmiges Zentrum zu überlisten. Das erschien ihr einfach, weil ihre Vorvorvorgängerin Claudia Morgenrot, damals noch Morgenroth geschrieben, es auch schon vollbracht hatte. Sie zielte also mit dem Zauberstab auf ihren Hals und dachte konzentriert: "Varivox!" Dabei stellte sie sich vor, wie Sebastian Siebenstern, ein begnadeter Opernbass, mehrere Worte sang. Sie fühlte, wie sich etwas in ihrem Hals rührte, straffte und erwärmte. Dann war das Gefühl auch schon vorbei. Sie zielte mit dem Zauberstab auf die leuchtende Kugel im Zentrum des Rades: "Oculus Martis, audio et video. Locus templi martis supremi me indica hic et nunc!" rief sie mit einer tiefen, die Eingeweide rüttelnden Männerstimme. Da hörte das Rad zu kreisen auf. Gleichzeitig wuchs der leuchtende Stein in der Mitte weiter und weiter an, bis er das gesamte Rad ausfüllte. Dann öffnete sich in der Mitte des Lichtes ein dunkles Loch wie eine große Pupille. Diese dunkle Öffnung wuchs nun ihhrerseits an. Dann konnte Gesine wie durch ein Fenster in einen von Fackeln erhellten Raum blicken, in dem drei Männer in belastbarer Kleidung mit Kunststoffhelmen auf den Köpfen um einen roten, kegelförmigen Stein standen, aus dem eine im Fackelschein rötlich glitzernde Holzstange ragte. Zugleich hörte sie wie aus einem tiefen Schacht aus Richtung des Rades lateinische Wegangaben, immer lauter. Ja, das waren altrömische Maßeinheiten im Bezug zu den Haupthimmelsrichtungen. Dann vernahm sie noch den lauten Ausruf: "Frater sub marte, veni et vince!"

"Audivi et vidi. Venebo vinceboque!!" rief Gesine mit der nachgemachten Stimme von Sebastian Siebenstern. Da schloss sich das rotumrandete Auge des Mars. Es wurde wieder zum pflaumengroßen Steinin der Nabe des Rades. Dieses sank aus der Höhe, in der es hing und landete eiernd auf dem hölzernen Pfahl, auf dem es vor mehreren hundert Jahren von beherzten Hexen erbeutet worden war. Nun lag das Rad still zwischen allen anderen sichtbaren oder in Kommoden und Schränken verborgenen Artefakten, die Gesine in diesem Raum hinter dem Vorhang versammelt hatte. Sie nickte dem Rad zu und trat rückwärts über die Bannlinie zurück in den Vorraum. Dann hielt sie sich den Zauberstab wieder an den Hals und dachte: "Naturavox!" Dabei stellte sie sich mehrere Sekunden lang einen mit ihrer natürlichen Stimme gesprochenen Satz vor. Als sie fühlte, dass ihr Zauber seine Wirkung getan hatte winkte sie dem Vorhang und befahl ihm "Custodi omnis occultandum!" Leise rauschend schloss sich der Vorhang wieder und hing nun scheinbar leicht und elegant vor dem Zugang. Doch wehe dem oder der, der versuchte, ihn zu durchschreiten. Der wurde gnadenlos eingewickelt und solange in einen Zaubertiefschlaf gezwungen, bis seine Herrin ihm befahl, den Gefangenen wieder freizugeben.

Wenige Minuten später hatte sie über mehrere Zweiwegspiegel und gemalte Boten die Nachricht weitergereicht, dass drei Kilometer südlich des alten Stadtkerns von Köln der eigentlich verborgene Zugang zum Tempel von Auge und Speer gefunden worden war und dass da doch mal wer hin sollte, um den Speer und was sonst noch dort lagerte sicherzustellen, bevor jemand anderes ihn sich verschaffte. Auch wenn sie früher geglaubt hatte, dass der Speer genauso ein Mythos war wie Atlantis oder die Heiligtümer des Todes hatten die Taten Grindelwalds, Riddles, Wallenkrons und Ladonnas ihr klargemacht, dass längst nicht alles nur ein Mythos der magischen Welt sein musste, nur weil es uralt war und lange lange nicht mehr ans Licht gelangt war. Sie hatte Marga Eisenhut empfohlen, bei ihrem Verwandten Andronicus um die Amtshilfe von Albertine Steinbeißer zu bitten. Zwar wussten die Sorores, deren Stuhlmeisterin Gesine Feuerkiesel war, dass nur ein bereits Vater eines Sohnes gewordener Mann, bestenfalls magisch begabt, in die inneren Bereiche des Tempels vordringen konnte. Doch sie mussten sicher sein, dass der Speer endlich an einen sicheren Ort geschafft wurde.

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Auch an einem anderen Ort erscholl das leise Schwirren eines in Schwung gesetzten Rades mit rotleuchtendem Kristall in der Nabe. Es war in einer Höhle in den Bergen Andalusiens. Hier war vor mehr als zwei Jahrtausenden ein geheimer Tempel eingerichtet worden, in dem ein aus magisch begabten Kriegern und Zauberpriestern gebildeter Kult seine Rituale vollzogen hatte, die Filii Martis Invicti, die Söhne des unbesiegten Mars. Eigentlich sollte das Rad der Verkündung jenen Söhnen des Mars mitteilen, dass die Kammer des Speeres entdeckt und betreten worden war und dass es dann wohl einen neuen Dux Supremus, einen höchsten Führer dieses Kultes geben würde. Doch das Schwirren und Leuchten des Rades der Verkündung fand keinen, den es erreichen konnte. Denn der letzte Wächter, Ardentius von Hispanien, war vor fünf Jahrhunderten von Angehörigen der Sippe des heißen Blitzes im Kampf um eine angebliche Hinterlassenschaft des Feuergottes Vulcanus getötet worden. Da er nur drei Töchter gezeugt hatte und diese wiederum nur Töchter geboren hatten starb mit ihm die männliche Linie jener Wächterfamilie aus, die das Rad der Verkündung bewachen und befragen konnte. So drehte sich das Rad unermüdlich und strahlte in ständig ab- und zunehmendem Licht sein rotes Leuchten aus, das dritte von vier Rädern, die laut Heldenlegende der Filii Martis Invicti am mächtigen Streitwagen des römischen Kriegsgottes befestigt gewesen waren. Nur wer die auf seine Regungen abgestimmten Steine besaß oder das Rad selbst in einem mit Magieregungsmeldezaubern gespickten Raum hütete konnte erfahren, dass es sich drehte und leuchtete. Das Rad konnte auch nicht wissen, dass es doch noch Nachkommen der einst sich für so ruhmreich haltenden Kriegersekte gab, die jedoch im Zuge der Kolonisation der Welt über alle Erdteile verstreut lebten, ja da selbst nicht wussten, dass sie Nachkommen jener alten Bruderschaftsmitglieder waren. So drehte sich das Rad weiter und weiter und blinkte seine Botschaft unerkannt und unverstanden in die Höhle hinaus, die seit über fünfhundert Jahren nicht mehr betreten worden war.

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Albertrude saß gerade über einem Bericht an ihren offiziellen Vorgesetzten Armin Weizengold wegen eines neuerlichen Versuches der Zwerge, das Vertrauen zu den Kobolden zu beschädigen, als sie von zwei Stellen einen Ruf erhielt, sich bereitzuhalten, um als Späherin und Situationsüberwacherin einzuspringen. Zum einen rief Marga Eisenhut sie über ein kleines Gemälde an, dass Gertrudes Enkeltochter Viola zeigte. Zum anderen klang Armin Weizengolds Stimme wie aus leerer Luft: "Fräulein Steinbeißer, bitte kommen Sie zu mir. Amtshilfegesuch von Sicherheitsleiter Wetterspitz!"

"Ach! Mal wieder der eifrige Eilenfried Wetterspitz. Hat Marga seinen Schwager Andronicus angespitzt?"

Wenige Minuten später hatte Albertrude einen offiziellen Einsatzauftrag und meldete sich bei den Lichtwachen Rheinland in Köln, hundert Klafter tief unter der Krypta des Doms. Das war sowieso eine gewisse Dreistigkeit, ausgerechnet unter einer katholischen Erzbischofskirche eine Einsatzzentrale zu unterhalten.

"Das ging aber schnell, Fräulein Steinbeißer", begrüßte sie Lichtwachengeneralmajor Franz Falkenstoß. "Haben Sie also auch davon gehört, dass unter unserer großartigen Stadt ein uraltes Artefakt aufgewacht ist. Wir hatten schon den Verdacht, dass die ganzen Mohnmas, die die Stadt umgraben, um entweder nach alten Römerschätzen zu suchen oder ihre Untergrundbahnen zu bauen eines Tages doch noch auf diesen Tempel der Filii Martis stoßen. Sie wissen ja, diese Zauberersekte, die sich als Herren der Welt versteht, weil sie angeblich oder wahrhaftig einen von Schmiedegott Vulcanus gefertigten Speer des Kriegsgottes Mars in Besitz hatten. Wer ihn führt ist unbesiegbar, und wer mit ihm in der Hand einem Heer vorauszieht mag die ganze Welt erobern, so das Hauptdogma dieser gefährlichen Sekte."

"Ich hörte davon. Aber das mit dem Sieg klingt ähnlich wie bei der jüdischen Bundeslade, Generalmajor Falkenstoß", sagte Albertrude.

"Die suchen unsere Kollegen in Palästina auch immer noch", sagte Falkenstoß. "Sie meinen den Staat Israel", wagte Albertrude ihn zu korrigieren. "Das sagen Sie besser nicht, wenn einer meiner arabischen Kollegen zugegen ist", erwiderte Falkenstoß. "Auf jeden Fall haben wir die aus altrömischen Angaben rekonstruierten Bezugswerte. Ich weiß zwar nicht, wie Generalissimus Wetterspitz daran gelangte. Er erwähnte ein Oculus Martis, dass in seiner Verwandtschaft aufbewahrt werde. Aber hier sind die in unsere Koordinaten umgerechneten Standortangaben!" Falkenstoß zupfte an seinem linken Ärmel und schüttelte eine von zwei Silberringen zusammengehaltene Pergamentrolle heraus. albertrude nahm die Rolle und nickte. "Die Truppen von Ihnen sind schon am Einsatzort?"

"Gerade unterwegs, weil wir festgestellt haben, dass der Ort mit einem Locorefusus-Zauber abgesichert sein muss. Also nehmen Sie bitte einen unserer Ausspähbesen und fliegen sie den bezeichneten Standort auf direktem Weg an. Nicht landen, nur beobachten!"

"Ja, mach ich", sagte Albertrude. Denn sie wusste ja, dass der Tempel der Söhne des Mars gegen unerwünschte Apparatoren und vor allem gegen weibliche Eindringlinge abgesichert sein sollte.

Nur zwei Minuten später apparierte sie mit einem aus den USA stammenden Harvey 5 außerhalb von Köln. Sie saß auf dem Besen auf und wurde mit diesem zusammen unsichtbar. Sie selbst konnte sich und den Besen noch als leicht silbern durchflackerte Einheit erkennen. Ebenso war es mit dem Pergament, auf das mit goldener Sonnenquarztinte die genauen Bezugspunkte geschrieben standen.

Sie brauchte keine Angst vor Entdeckung zu haben. So überflog sie die geschäftige Stadt, bis sie über einem Gebiet dahinjagte, das von den nichtmagischen Bürgern als Gewerbegebiet eingerichtet worden war. Hier sollten neue Firmen entstehen und Lagerhäuser gebaut werden. Offenbar hatten sie bei einem dieser Lagerhäuser etwas gefunden, was ihnen den Zugang zum Tempel der Söhne des Mars offenbart hatte. Eigentlich war das nur Magiern möglich, hieß es. Doch es hatte sich in den letzten Jahren erwiesen, dass alte Magie und moderne Messtechnik immer mal wieder miteinander ins Gehege kamen und scheinbar unentdeckbare Orte oder Gebäude dadurch enthüllt worden waren. Auch das war eine Existenzberechtigung für ihre offizielle Arbeitsstätte.

Dann hatte sie den Punkt erreicht, von wo aus es wohl in den Tempel gehen sollte. Mit dem Sichtmodus für magische Ausstrahlungen erkannte sie gleich, woran es diesmal lag, dass Magielose einen verhüllten Ort entdecken und betreten konnten. Sie sah ein wild wirbelndes Muster aus sich verknäuelenden und wieder auftrennenden Wellenlinien, die alle versuchten, sich an mehreren Kristallen zu binden. Doch die Kristalle, einst in Hohlkugelform, waren zerbrochen. Darin musste wohl auch magische Essenz gesteckt haben, vielleicht Blut oder etwas anderes unappetitliches, dachte Albertrude. Jedenfalls hielten die Kristalle den Schutz nicht mehr aufrecht. Ihr wurde klar, woran das lag: Ultraschall, das von den Fledermäusen abgelauschte Verfahren der Echoortung. Irgendwer hatte mit solchen künstlichen Ultraschallquellen den Boden durchdrungen und dabei gänzlich unbeabsichtigt die Verhüllungskristalle in Eigenschwingung und dann zum zerbersten gebracht.

Sie sank tiefer auf dem Besen und blickte nun ihrerseits mit dem Durchdringungsblick nach unten. Das erste was sie sah ließ sie fast lauthals auflachen.

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Schrill klangen ängstliche Schreie zu Johnny Kleinschmidt und Thomas Schmitt vor der unheimlichen Zauberwand. Doch es waren nicht die Schreie von Männern oder den beiden Frauen, sondern die ängstlichen Schreie eines Babys.

"Öhm, ist heute Welthalluzinationstag, oder hören Sie auch das Plärren eines Babys?" fragte Schmitt den jungen Archäologiestudenten.

"Dann haben wir dieselbe Halluzination. Vielleicht träumen wir zwei auch beide denselben kruden Traum. Aber ich höre auch ängstliche Babyschreie. Klingt so wie bei meinem Cousin vor zehn Jahren, als der noch so klein war."

"Ja, aber wo kommt das denn jetzt her?" fragte Schmitt und lauschte. Kleinschmidt ersparte ihm das lange Lauschen. "Das kommt von dort, wo der Einstieg in diesen Unterweltstempel ist, also da, wo unsere beiden Damen mit Professor Kuhlmann hingelaufen sind."

"Ja, aber wir hatten kein Baby dabei. Öhm, und wieso wird das Geschrei immer lauter?"

"Klare Frage, klare Antwort, weil die Quelle auf uns zukommt", sagte Schmitt und lauschte wieder. Dann hörten sie eilige Schritte und das ängstliche Schreien eines wohl nur wenige Wochen oder Tage alten Säuglings.

"Dieser Ort ist verhext, wirklich", hörten sie Betty Strömers verängstigte Stimme über das Babygeplärr hinwegrufen, als sie und Hanne Mattis wieder in den Gang mit der magischen Wand ankamen.

Jetzt sahen die zwei Männer, dass Betty einen wild um sich tretenden und schlagenden nackten Säugling auf den Armen hielt und aufpassen musste, dass ihr die kleinen Fäuste nicht in die Augen hieben oder auf die Nase droschen. Hanne Mattis folgte kreidebleich wie eine Vampirin ihrer Kollegin.

"Wo habt ihr den Kleinen denn her und was ist mit Professor Kuhlmann?" fragte Kleinschmidt, obgleich er eine ganz unheimliche Ahnung hatte. Er bekam genau die Antwort, die er nicht hören wollte. "Beide Fragen mit einer Antwort, Johnny, das ist Professor Kuhlmann", sagte Hanne. "Wir wollten gerade durch die Luke, die wir gestern gemacht haben nach oben, da traf ihn ein rotgoldener Blitz von unten her. Er glühte im goldenen Licht und wurde schlagartig kleiner. Als das Licht dann ausging lag er so auf dem Boden und fing an zu krakehlen", erwähnte Hanne Mattis.

"Moment mal, soll das heißen, dass wer da oben wieder rausklettern will wird totalverjüngt, mal soeben Hocus pocus iterum infans sit adultus?" fragte Kleinschmidt sehr verängstigt und merkte, dass auch seine Gesichtsfarbe verschwand.

"Woher können Sie denn solche Zaubersprüche, Herr Kleinschmidt?" wollte der Mann von Radio Köln wissen.

"DSA-Erweiterungsduell mit einem meiner Lateinleistungskurskameraden, wer die abgedrehtesten Zaubersprüche erfinden kann, die mehr hermachen als Horriphobus Schreckenspein, fahr in deine Glieder ein", erwiderte Johnny Kleinschmidt. Dann sah er wieder das kleine Bündel Menschenleben an, dass Betty nun sicherer hielt aber nicht wusste, wie sie sein Geschrei stoppen konnte, ohne brutal zu werden.

"Will das heißen, dass wir hier nicht mehr wegkommen?" fragte Schmitt.

"Vielleicht galt es auch nur für Professor Kuhlmann, weil der aus dem Raum hinter der Wand zurückgekommen ist", meinte Hanne. "Auch wenn das sowas von abgedreht ist, dass ein älterer Mann mal eben zum Säugling wird, er war der einzige von uns, der den Weg zurück durch die Wand genommen hat."

"Ja, und die drei anderen sind verschwunden. Von denen hören und sehen wir nichts mehr", sagte Kleinschmidt. "Aber auch auf die Gefahr, dass mir dieser Instantanjuvenilisationszauber übergebraten wird will ich das jetzt wissen", sagte Schmitt. Er lief los, um an den zwei Frauen mit dem Baby, das vorhin angeblich noch ein älterer Professor gewesen war, vorbeizukommen.

"Ihr habt nichts von den drei Grabehelfern gehört?" fragte Hanne Mattis. "Nullum nihil", erwiderte Kleinschmidt.

"Am Ende wurden die auch in irgendwas verwandelt, das keine Geräusche mehr machen kannn", erwiderte Betty Strömer, die endlich herausbekommen hatte, wie sie ihren Oberkörper wiegen musste, um den kleinen nackten Jungen zu beruhigen.

"Ja, oder die sind in eine andere Dimension versetzt oder zu einem anderen Planeten gebeamt worden", sagte Kleinschmidt. Dann besann er sich, dass sie besser alle hier herausfanden. So folgte er den beiden Frauen, bangend, dass ihm dasselbe zustoßen konnte wie Kuhlmann.

Sie eilten durch die markierten Gänge, kletterten die freigeräumten Steintreppen nach oben und erreichten die noch offene Luke. Hanne wagte es, als erste nach draußen zu klettern. Ihr geschah nichts. Dann war Schmitt an der Reihe. Er beeilte sich, wohl weil er dachte, dass was immer Kuhlmann erwischt hatte nicht schnell genug sein konnte. Auch er schaffte es, wieder ins Freie zu kommen. Jetzt merkte Johnny Kleinschmidt, dass es bereits kurz nach Sonnenuntergang war. Er fröstelte ein wenig, als er die letzten Treppenstufen nach oben hastete. Er steckte seinen Kopf durch die Luke.

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Ein lautes, schwirrendes Singen über mehr als drei stufenlose Tonleitern auf- und abwärts erfüllte die Gänge und Räume im Palazzo Fulminicaldi 50 altrömische Tausendschritte nördlich vom hohen Kegel des Vesuvs entfernt. Das Schwirren mochte uneingeweihten als Alarmgeräusch erscheinen. Doch es löste weder Angst noch Abwehrbereitschaft aus, sondern Überraschung und eine gewisse Vorfreude. Vor allem in den goldgerahmten Porträtgemälden der glorreichen Vorväter jener besonderen Familie, die vor der Rückkehr Ladonnas zu einer der vier einflussreichsten Familien Italiens gehört hatte, brandete Jubel auf. Denn jeder auf einem der magischen Gemälde verewigte trug das Wissen des lebenden Originals in sich. Also wusste jeder aufgemalte Ahnherr, was es mit dem schwirrenden Geräusch auf sich hatte.

Seit vielen hundert Jahren erwarteten die Fulminicaldis jene hörbare Botschaft, auf deren Verkündung sie seit der Gründung ihrer Familie gehofft hatten. In der Kammer der Familienschätze war es erwacht, das Rad des unbesiegbaren Mars, eines von vier Meldeartefakten, das die unmittelbar bevorstehende Auffindung einer mächtigen Waffe aus der Römerzeit verhieß.

Flavio Fulminicaldi, der Familienälteste, lauschte dem auf- und absteigenden Schwirren eine Minute lang. Dann beschloss er, zusammen mit seinen beiden Söhnen Atanasio und Lorenzo in die Kammer der Familienschätze zu gehen und zu sehen, ob es wirklich jenes Rad des unbesiegbaren Kriegsgottes war, das jenen besonderen Meldezauber ausgelöst hatte.

Mit einer schnellen Drehung auf der Stelle, als wolle er disapparieren, führte Flavio Fulminicaldi den Schnellumkleidezauber aus. Aus einem schlichten schwarz-rot gemusterten Hausumhang wechselte er in seinen orangeroten Samtumhang mit den Insignien seiner Familie und dem Zeichen des sprungbereiten schwarzen Wolfes, der ihn als Mitglied der einst mächtigsten südeuropäischen Bruderschaft auswies. Atanasio und Lorenzo folgten dem Beispiel ihres Vaters und Oberhauptes und schlüpften in orangerote Gewänder, allerdings ohne das Zeichen der drei weißblauen Blitze, die aus einer schwarzen Gewitterwolke niederfuhren und auch ohne den schwarzen, kauernden Wolf auf rotem Kreis. Denn noch war keiner von ihnen der amtierende Sprecher.

Die drei höchsten Mitglieder der Fulminicaldis stiegen die Treppen aus schwarzem Marmor hinunter und durchquerten vier Türen, die sich nur jenen öffneten, in deren Adern das Blut der alten Feuerspieler strömte. Das auf- und absteigende Schwirren wurde lauter, bis es den dreien schmerzhaft in den Ohren klirrte. Doch dann standen sie vor einer goldblechbeschlagenen Tür aus nachtschwarzem Holz. Auf den Goldbeschlägen der zweiflügeligen Tür prangten armlange Flammenzungen, die bei Annäherung der drei Hausbewohner hellrot aufloderten und eine spürbare Hitze verbreiteten. "Atanasio ganz links, Lorenzo die ganz rechts!" befahl Flavio seinen Söhnen. Die zwei verstanden und konzentrierten sich. Auch Flavio besann sich und richtete seine Gedanken auf eine der Flammen, die größte, die in der Mitte loderte und bereits Funken versprühte, weil sich drei lebende Wesen der Tür näherten. Dann flackerten die Flammen, wippten wild hin und her und fieln in sich zusammen wie eine vom starken Wind ausgepustete Kerzenflamme. Nur feine Gravuren in den Türblechen zeigten, wo sie gerade eben noch gelodert hatten. Es klickte metallisch. Drei schwere Riegel auf der anderen Seite sprangen von alleine auf. Dann klackte es, und die beiden Türflügel klappten nach außen. In dem Moment erstarb das schmerzhaft laute Schwirren bis auf ein leises Säuseln. Durch die freie Türöffnung blinkte ein blutroter Lichtschein mal dunkler und mal heller. Dann sahen der Vater und seine beiden Söhne das schnell in der Luft rotierende Eisenrad mit zwanzig dünnen Speichen. In dessen Mitte glomm ein kugelrunder, pflaumengroßer roter Kristall, der jeden Herzschlag heller und dunkler leuchtete. Das Rad des unbesiegten Mars war wirklich erwacht und von seiner Halterung aufgestiegen, auf der es seit dem Niedergang des alten römischen Reiches befestigt gewesen war. Es rief die Söhne des Mars dazu auf, das alte Erbe zu ergreifen.

Flavio und seine beiden Söhne Atanasio und Lorenzo traten mit ehrfürchtig gesenkten Köpfen vor und überschritten die Schwelle in den tiefschwarzen Raum, in dem Kisten, Kästen und Schränke die wert- und machtvollsten Errungenschaften der Fulminicaldis beherbergten. Im Licht des rotierenden Rades wirkten die hier verstauten Behälter wie von einem schwachen Feuer erfasst.

Als die drei Fulminicaldis in der Kammer der Schätze standen schwangen die Türflügel wieder zu. Wie von Geisterhand bewegt schwangen die Riegel in ihre Verschlussstellung zurück. Doch das machte den dreien nichts. Sie mussten ja nur wieder daran denken, die in die Türbleche eingearbeiteten Feuerzungen mit ihrer besonderen Kraft der Feuerlenkung niederzudrücken, um die Riegel erneut aufspringen zu lassen. Jetzt war aber erst mal das Rad wichtig.

Flavio trat vor und blickte auf das frei in der Luft kreisende Rad. Sein Blick konzentrierte sich auf den ständig heller und dunkler leuchtenden Kristall in der Radnabe. Dann sprach er die über Generationen bewahrte und vom Vater an den ältesten Sohn weitergegebene Formel: "Oculus Martis, audio et video. Locus templi martis supremi me indica hic et nunc!"

Das Rad verlor an Schwung. Es wirbelte im Uhrzeigersinn noch zehn Umdrehungen lang. Dann blieb es still in der Luft stehen. Gleichzeitig schien der rote Kristall in seiner Mitte anzuwachsen. Dann zeigte er wie ein Fenster bei Sonnenaufgang eine Landschaft von oben, auf die der Betrachter scheinbar zuflog, bis er Mauern einer Stadt erkennen und den frei in der Luft schwebenden Namen Colonia Claudia Ara Agrippinensium lesen konnte. Das Bild einer altrömischen Stadt wurde größer. Ein Richtungspfeil zeigte gen Mittag. Dann bog sich der Pfeil nach unten und wies auf eine steinerne Luke, die wie zerrinnendes Wasser zerfloss und den Blick auf eine abwärts führende Treppe freigab. Zugleich erfuhr Flavio die genaue Entfernung vom alten Stadtzentrum jener Stadt, die in den romanischen Sprachen der Gegenwart nur noch Colonia oder Cologne genannt wurde.

"Also haben die Verräter an Kaiser Nero doch den Speer entführt und mit anderen zusammen in der Stadt versteckt, die nach seiner Mutter benannt wurde", grummelte Flavio. Ihn ärgerte es, dass das Erbe der Söhne des Mars nicht auf italienischem Boden versteckt war.

"Wir sollten uns beeilen, Pater et Domine. Wenn es die drei anderen Räder von Mars' Streitwagen auch noch gibt kriegen noch andere mit, wo der Tempel des Unbesiegten und dessen mächtige Waffe zu finden sind", sprach Atanasio was aus, das sein Vater garantiert wusste. Daher wunderte es Lorenzo nicht, dass Flavio seinen ältesten Sohn sehr verärgert ansah.

"Was du nicht sagst, Nasi. So brechen wir gleich auf, um den anderen Erbberechtigten zuvorzukommen. Denn nur wir, die Feuerspieler, dürfen den Feuerspeer des unbesiegbaren Mars ergreifen und führen."

"Ja, aber könnte uns die Macht des Mars nicht zürnen, weil seine geheime Tochter mit einem legitimen Sohn des Vulcanus und der Venus zusammengefunden hat?" fragte Lorenzo.

"Vulcanus hat den Speer erschaffen. Also werden wir, dessen Nachfahren, ihn genauso ergreifen können wie jene, die sich durch Bluteid dem unbesiegten Mars verdingt haben und sich seine Söhne nennen dürfen. Wir sind die wahren Gebieter des Feuers, das dem Speere innewohnt. Wir allein dürfen es rufen, lenken und bändigen, nicht die anderen. Wer den Speer führt ist unbesiegbar. Das müssen wir sein."

"Ja, aber nur wer ein freier Herr über seinen Leib und seine Seele ist darf den Speer ergreifen", wandte Lorenzo ein. "Ach nein", knurrte Flavio. "Klar, du und dein großer Bruder Atanasio seid es nicht, weil ihr durch den Bluteid bei Erreichen der Mannbarkeit meinem Wort und Willen unterstellt wurdet. Aber ich bin der Herr meines Leibes und meiner Entscheidungen. Also werde ich den Speer auch berühren und bewegen können. Wir reisen sofort ab, mit einem Portschlüssel. Denn der zeitlose Weg in den Tempel führt in eine Falle, so die alten Überlieferungen." Lorenzo nickte. Der zeitlose Ortswechsel war den Söhnen des Mars bereits bekannt, und sie hatten eine wirksame Abwehr dagegen eingerichtet, hieß es. Doch Portschlüssel waren erst später erfunden worden. Sie wirkten anders und konnten so einer Apparierfalle entgegenwirken.

nachdem sich die drei Feuerlenker noch einmal genau angesehen hatten, wo der geheime Tempel zu finden war konzentrierten sie sich wieder auf die nun auf der anderen Türseite lodernden Flammen und zwangen sie erneut zum Zusammenbruch. Kaum wandten sie sich der erneut aufschwingenden Tür zu klapperte es metallischund eierte nach. Das Eisenrad mit der roten Kristallkugel war auf den Boden zurückgefallen, da es sein Geheimnis verkündet hatte.

Nur zwei Minuten später verschwanden Flavio, Atanasio und Lorenzo mit Hilfe eines löcherigen Fußabtreters vom Vorhof des Palazzo Fulminicaldi. Ziel des inoffiziell hergestellten Portschlüssels war der Süden von Köln am Rhein.

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Unheimlich war es schon, aber auch irgendwie witzig, fand Albertrude, als sie gerade noch mitbekam, wie ein älterer Maglo in grober Arbeitskleidung mit zwei Frauen eine Treppe hinaufkletterte und dann von einem rotgoldenen Blitz von unten her getroffen und eingehüllt wurde. Nur zwei Sekunden später lag auf den Kleidungsstücken des älteren Mannes ein gerade erst wenige Tage alter Junge und schrie seine Angst in die Welt hinaus. Ein stationärer Infanticorpore-Zauber. Doch warum wirkte der nicht auf die beiden Frauen, die gerade die Treppe hinaufstiegen? Da erinnerte sich Albertrude an das, was sowohl Gertrude als auch Albertine erfahren hatten. wer bereits einen Sohn gezeugt hatte und deshalb die Einladung der Filii Martis erhielt und sie zurückwies galt als Feigling und kleiner Junge. Ja, und die alten Römer kannten damals schon den Infanticorpore-Fluch. Womöglich hatten sie ihn auch mit einem Gedächtnislöschungszauber kombiniert, um die Verjüngung vollkommen zu machen. Jedenfalls musste der ältere Mann wohl in die Halle der Einladung gelangt sein und hatte diese schnell wieder verlassen. Das hatte ihm die hier wirkende Magie übelgenommen.

"An alle Lichtwächter im Einsatzgebiet Gewerbegebiet Köln Süd. Obacht vor Vergeltungszaubern! Wer in eine Altarhöhle vorzudringen schafft und diese vorzeitig wieder verlässt muss mit vollständiger Wiederverjüngung rechnen", warnte Albertrude ihre Kollegen, ausnahmslos Zauberer, von denen einige schon Vater geworden waren. Diese flogen aus Süden und vom Osten her an. Albertrude beobachtete, wie die zwei Frauen den Wiederverjüngten in die unterirdischen Gänge zurücktrugen, wo sie auf zwei andere Männer stießen. Sie beobachtete, wie die nun fünf wieder nach oben stiegen, um die Katakomben zu verlassen. Sie erkannte auch, dass weiter unten in einem von einem rötlichen Zaubernebel erfüllten Raum drei Männer um einen kegelförmigen Sockel standen, aus dem ein langer, dünner Schaft herausragte, der Speer des Mars, angeblich von Schmiedegott Vulcanus gefertigt. Doch das da unten waren Maglos. Die konnten den Speer gar nicht freiziehen. Als sie das dachte sah sie links vom Eingang zu den unterirdischen Gängen eine blaue Lichtspirale, aus der drei Männer an einem schmutzigen Stück Stoff auftauchten. An der orangeroten Kleidung mit dem Zeichen der drei aus einer Wolke niedergehenden Blitze und den rotbraunen Haaren der drei erkannte sie, wer da gekommen war: Flavio Fulminicaldi und zwei seiner drei Söhne. Da wusste sie, dass noch wer von diesem Speer und seinem Tempel Wind bekommen hatte. Dann würde es gefährlich für ihre Kollegen. Denn die Fulminicaldi-Zauberer konnten mit Gedanken Feuer entfachen oder Dinge verglühen lassen. Die brauchten dafür keinen Zauberstab.

"Warnung, ranghohe Mitglieder von berüchtigter Zaubererfamilie Fulminicaldi soeben per Portschlüssel an Zielort eingetroffen. Mögliche Kampfhandlungen mit willentlicher Feuerlenkung zu befürchten", gab Albertrude weiter.

"Die Fulminicaldis? Gehören die nicht zu den einstmals so mächtigen Familien der Lupi Romani?" fragte einer der Lichtwächter über die Schallverpflanzungsdose an Albertrudes Hals. "Bestätigt. Die Fulminicaldis haben Ladonnas Aufhetzungskampagne überlebt und könnten heute nach Vergeltung trachten."

"Danke für die Warnung", meldete der Verbindungszauberer zu den Lichtwächtern.

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Johnny Kleinschmidt atmete auf. Er war noch ein erwachsener Mann, der selbst laufen und sprechen konnte und hatte noch alle Zähne im Mund und wohl auch alle Haare an Armen, Brust und Beinen. Es lag also echt daran, dass sein Professor Toni Kuhlmann im Raum hinter der schwarzen, eiskalten Wand gewesen war und lieber eigenes Blut gelassen hatte, um zurückzukommen als sich wie seine drei für körperliche Arbeit angestellten Helfer durch einen ominösen niedrigen Durchgang zu zwengen.

Thomas Schmitt, der Mann von Radio Köln, haderte sicher jetzt damit, dass er die größte Story des 21. Jahrhunderts am Haken hatte, ihm die aber keiner abnehmen würde. Am Ende wurden sie alle vier, die noch erwachsene Menschen waren in eine Klinik eingewiesen, wenn die mit dieser Geschichte an die Öffentlichkeit gingen.

Die vier erwachsenen und der durch einen mysteriösen Vorgang zum schreienden Baby zurückverjüngte Professor Kuhlmann waren gerade durch die provisorische Luke ans Freie zurückgeklettert, als die nächste Unglaublichkeit passierte. Über ihnen tauchten drei fliegende Körper auf. Es waren keine Vögel, keine Flugzeuge, aber auch nicht Superman. Das waren vier Männer in orangeroten Umhängen mit feuerroten Spitzhüten auf den Köpfen. Sie ritten ... auf fligenden Besen. Gut, zum bisherigen Verlauf dieser abstrusen Geschichte passte es schon, dass jetzt noch Hexer oder Magier auftauchten. Aber abgedreht blieb es doch noch, dachte Kleinschmidt. Dann sagte ihm sein Verstand, dass wenn alles bisherige auf Magie gründen sollte, diese Männer da wohl wegen ihrer Ausgrabungsarbeiten anrückten und garantiert keine Zeugen für alles das hier haben wollten.

"Los, Leute, Deckung suchen. Da oben kommen Leute, die uns sicher nicht frei rumlaufen lassen", zischte Kleinschmidt. Betty Strömer, die den blitzartig zum Säugling zurückverjüngten Kuhlmann im Arm hielt nickte, während Thomas Schmitt einen nur für ihn hörbaren Fluch ausstieß, weil er wohl keine Aufnahmegeräte mehr hatte, mit denen er diesen ganzen Spuk festhalten konnte.

Die drei orangerot gewandeten Besenflieger stießen von oben nieder wie Greifvögel. die beiden Frauen, Kleinschmidt und Schmitt erkannten, dass sie keine Chance mehr hatten. Wenn die von da oben ihnen das Lebenslicht ausblasen wollten oder ihnen auch so einen Babyfizierungsfluch überbraten wollten konnten die das jederzeit machen.

Einer von denen zog tatsächlich einen Holzstab frei, mit dem er mal eben auf die Frau mit dem Kind zielte. Betty Strömer schrie auf. Doch dann stand sie da wie erstarrt. Hanne Mattis erkannte den Angriff genauso wie Kleinschmidt und versuchte durch einen befreienden Sprung zur Seite aus der Gefahrenzone zu entkommen. Doch die anderen auf den Besen hatten ebenfalls Holzstäbe gezückt. Auf einmal fühlte Kleinschmidt, wie seine Glieder erstarrten. Sein Schwung beförderte ihn so wie er gerade war mit dem Gesicht nach unten auf den Boden. Er konnte sich nicht mehr rühren. So sah er auch nicht, wie die drei orangeroten Zauberer oder Hexenmeister landeten. Er hörte jedoch, wie sie sich auf Italienisch unterhielten, was Kleinschmidt sozusagen als Dreingabe zum Latein in einer Schul-AG mitgelernt hatte. So erfuhr er, dass sie und die anderen von diesen Leuten als Gefangene und Zeugen verwahrt werden sollten und sie erst einmal in den unterirdischen Tempel eindringen wollten, um etwas zu holen, was sie nur als "das Erbe" bezeichneten.

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"Das ist das Bett von Macht und Sieg. In ihm ruht der Speer des unbesiegbaren Mars. Nur wer ihm, dem Gott, gefällig damit umgehen will und ein Sohn der hohen Kräfte ist kann ihn herausziehen", sprach Willi Herder die Zusammenfassung der in griechischen Buchstaben geschriebenen Umschrift um den roten Kegel, aus dem eine lange, rot glitzernde Holzstange herausragte, also der Schaft eines Speeres, dessen Spitze tief im Kegel steckte.

"Ja, klar, wie bei Excalibur", murrte Hari Becker. "Mehr steht da nicht, Willi?"

"Wie erwähnt wolltet ihr nicht, dass ich alles vorlese, um uns nicht alle in verwesende Leichen zu verwandeln oder in Flammen aufgehen zu lassen", erwiderte Willi Herder. Xaver Hofer, der dritte im Bunde, hielt sein goldenes Kreuz in die Nähe des Steins. "Herr Hofer, das Ding ist aus vorchristlicher Zeit und damit nicht mit der dualen Welt des Christentums kompatibel", scherzte Becker. "Wenn das hier vom Deifi kommt muss das Kreuz ..." knurrte Hofer. Dann erfolgte wahrhaftig eine Reaktion.

Hofer wurde wie von der Hand eines unsichtbaren Riesens nach oben gerissen und mehr als zwei Meter zurückgeworfen. Dann landete er auf seinem Rücken. "Tja, nicht immer ist das Kreuz mächtiger als die alten Kräfte der Unterwelt", feixte Herder. "Dreckzeugs", schimpfte Hofer und stemmte sich ächzend auf die Füße. Er betrachtete sein religiöses Schmuckstück. Es schien noch intakt zu sein.

"Da stand eben noch was, dass nur würdige oder geborene Söhne des unbesiegbaren Gottes an den Speer kommen können. Warum wir überhaupt in diese Kammer reingekommen sind weiß echt nur der mit den Hörnern", knurrte Herder. Hari Becker, der das ganze hier immer noch nicht so hinnehmen wollte riskierte es und trat an den roten Kegel heran. Doch als er seinen Arm nach dem Speer ausstreckte wurde auch er von einer unsichtbaren Gewalt nach hinten geschleudert und landete auf dem Rücken.

"Wieso durften wir dann hier in diesen Raum rein?" fragte Becker. "Frag das den, den unser Südstaatler für den Urheber von allem hier hält", sagte Herder, der sich schön von diesem roten Kegel mit dem darin steckenden Speer fernhielt.

"Das macht ihr ganz sicher nicht", sagte Hofer. Herder wandte noch ein, dass es doch auch damit getan gewesen wäre, dass sich dieser Speer nicht von Tünnes oder Schäl aus dem Stein ziehen ließ. Doch dabei wirkte er sehr besorgt, als dürfe er kein Wort zu viel sagen.

"Ja, und jetzt? Wir haben diesen Raum betreten, kommen nicht an den Zahnstocher dran und wissen auch nicht, was hier sonst noch ist. Also wieder zurück?" fragte Hari Becker.

"Gut gebrüllt, Löwe! Wie denn?" fragte Herder und deutete nach oben, wo im Licht der vielen Fackeln ein gerade mal 80 Zentimeter durchmessendes Loch in der Decke war. "Methode Kara ben Nemsi in der Schluchthütte", schlug Becker vor. Hofer machte "Häh?!" Herder überlegte und sagte: "Stimmt, könnte klappen. Wer ist der stärkste von uns allen, der ganz unten steht, und wo kann er sich sicher abstützen?"

"Wozu?" fragte Hofer. Da erklärten ihm die zwei anderen, was Karl May seinen Helden Kara ben Nemsi und seinen Freunden für einen Ausweg aus einer verschlossenen Hütte mit einer Dachluke geschrieben hatte. "Ja, nur dass es hier keine Felsen und Balken gibt, an denen sich wer von uns sicher abstützen kann. Und ihr zwei Burschen seid auch nicht gerade Fliegengewichte, geschweige denn ich", grummelte Hofer. Tja, und weil die Öffnung, durch die sie in diese Kammer gekommen waren mehr als drei Meter über ihnen war mussten sie schon Superkräfte haben am besten die, fliegen zu können oder sich mit einem konzentrierten Gedanken in die Freiheit zu teleportieren. Doch weil keiner von ihnen das konnte sah es wortwörtlich verflucht danach aus, dass sie alle drei in dieser Kammer verhungern mussten. Doch daran wollte keiner von ihnen glauben. Sie begannen nun, den Raum noch gründlicher abzusuchen. Denn Herder erwähnte, dass nur mutige Leute in diesen Raum gelangen würden, also solche, die nicht sofort aufgaben oder vor einer Bedrohung zurückzuckten. Sie durften halt nur nicht an den Speer packen. Das war vielleicht auch besser so, dachte nur Herder. Denn wie er ihnen gesagt hatte stand da noch einiges mehr in der kreisförmig in den Boden gravierten Schrift um den Kegel. Doch vor allem nach allem bisher erlebten teilte er Hofers Befürchtung, dass etwas laut auszusprechen etwas schlimmes auslösen konnte. So eine Geschichte kannte er aus seinen Jugendtagen, wo einer eine scheinbar nützliche Bannformel von einem Pergament ablesen konnte, wer das aber tat damit einen tödlichen Zauber auslöste. Also musste er mit dem, was er gelesen hatte wortwörtlich höllisch aufpassen.

Was Herder aber machen konnte war, zwischen die brennenden Fackeln zu blicken. Denn er hatte was vom Feuer der Befreiung gelesen. Doch wer es nicht erkannte konnte auch leicht dem Feuer der Vernichtung zum Opfer fallen.

Becker und Hofer, die den Text der Umschrift nicht übersetzen konnten besahen sich den Boden und die Wandstücke zwischen den Fackeln. Der Boden war jedoch fest und fugenlos, wie ein einziger, mehrere Meter durchmessender Granitblock. Da nur noch Herder und Hofer eine Schaufel mithatten würde es nichts bringen, den Boden aufgraben zu wollen. Zwischen den gelborange flammenden Fackeln war auch nur eine graue Felswand. Das alles hatte Jahrtausende unter Köln gewartet, bis sie drei hier angekommen waren.

Sie dachten nicht mehr an die, die sie oben zurückgelassen hatten, an Kuhlmann, die zwei Frauen, den Schüler von Kuhlmann und diesen neugierigen Lokalradiomann. Sie hörten auch nicht, was weiter oben vor sich ging. Sie wollten nur zusehen, aus diesem Raum zu entkommen.

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"Die zwei Frauen und die beiden Männer, sind das Menschen ohne magische Anlagen?" wurde Albertrude von Lichtwachenleutnant Hanno Kieselbleich gefragt, als die Lichtwachentruppe bei denen gelandet war. Sie bestätigte es. "Wieso haben die einen Säugling dabei? Ist einer von denen dem Infanticorpore-Fluch zum Opfer gefallen?" wollte Kieselbleich wissen. Sein Vorgesetzter Generalmajor Falkenstoß erwiderte über die Schallverpflanzungsdosenverbindung: "Sieht man das nicht. Oder warum ist der Junge unbekleidet und ungewindelt?"

"Falls da unten eine Falle mit eingewirktem Infanticorpore lauert sollten wir das wissen, Herr Generalmajor", wagte Kieselbleich einen Einwand. Albertrude grinste verwegen. Sie war fein raus. Denn sie konnte sowieso nicht in die unterirdischen Räume eindringen, weil die nur gestandene Mannsbilder mit eigenem Nachwuchs reinließen. Es sei denn, sie machte hier und heute zum ersten mal von ihrer geheimen Neuerwerbung gebrauch und schaffte es damit, allen Aufspürzaubern zu entgehen. Doch dann würde sie sich peinlichen Fragen stellen müssen, allen voran der, warum sie nicht auf ihrem Posten war, als Fall X oder Fall Y eintrat und sie, die unsichtbare, scharfäugige Späherin, das nicht vorhergesehen hatte. Auch interessierte sie sich nicht für magische Wurfwaffen wie den Speer des Mars, von dem es hieß, dass er seinen Besitzer unbesiegbar mache.

"Wie viele Feuerlenker sind schon vor uns eingestiegen, Fräulein Steinbeißer?" wollte Falkenstoß wissen. "Nur die drei von mir erkannten, Generalmajor Falkenstoß", antwortete Albertrude.

"Gut, dann gilt Anweisung sechs für Begegnungen mit höchst gefährlichen Wesen", erwiderte Falkenstoß. "Bitte noch einmal bestätigen", verlangte ein Leutnant der nun gelandeten Truppe. "Ich wiederhole: Bei Begegnungen mit den drei Fulminicaldis gilt Generalanweisung sechs für Begegnungen mit höchst gefährlichen Wesen", bestätigte Falkenstoß. Albertrude wagte nicht, dazu was zu fragen. Sie konnte sich jedoch ihren Teil denken. Sie sinnierte nur, wie gut es war, mitzuerleben, ob diese geheimnisvolle wie bei den Lichtwachen umstrittene Einsatzanweisung Nummer sechs umgesetzt wurde. Nachher galt sie noch als höchst gefährliches Wesen.

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Lorenzo Fulminicaldi hatte sich vorsorglich mit dem Lupaures-Zauber belegt, um hinter sich lauschen zu können. Er sollte die Rückendeckung übernehmen, während sein Vater Flavio vorne weg schritt, den Eschenholzzauberstab mit der Herzfaser eines schwedischen Kurzschnäuzlers nach vorne zielend, um jede feindliche Erscheinung aus dem Weg zu fluchen. Sie drei wussten, dass sie darauf gefasst sein mussten, gegen weitere Zauberer zu kämpfen, die vom erwachten Speer des Mars herbeigerufen wurden. Deshalb mussten sie wissen, wo die Gegner waren. Sie wussten nur, dass sie nicht mal eben innerhalb dieser Anlage herumapparieren konnten. Denn im Herzen des Tempels wirkte ein Abweisungszauber gegen das zeitlose Eindringen, ein Locorefusus-Zauber. Nur wer offen und als Vater mindestens eines Sohnes in die heiligen Hallen des Kriegertempels eintrat und die für alle Krieger gültigen Wege nutzte durfte den Speer erreichen und bei bestandener Probe an sich nehmen. Wer jedoch zu feige war, nicht bis zum Ende voranzuschreiten, den sollte ein ehrenvoller Tod verwehrt und das Mannesleben vergellt werden, hieß es auch. Also mussten sie, wenn sie durch den Wall der Wahl gedrungen waren bis zum allerheiligsten Raum vordringen und sich der Probe des Speeres stellen.

"Achtung, Domine, höre mindestens zehn Germanen hinter uns, alles Männer. Also haben die auch was mitbekommen", mentiloquierte Lorenzo seinem Vater Flavio. "Germanen, Zauberer oder Moggli?" wurde er vom Capo der Fulminicaldis gefragt. "Zauberer. Habe sowas wie den Dienstrang Leutnant und den von einem Generalmajor gehört. Also Lichtwachen. Gut, ihr wollt es so", schickte er an seinen Erstgeborenen. Dieser informierte den Bruder Atanasio mit in der Luft glühenden Zeichen aus der Geheimschrift der Fulminicaldis. Atanasio erreichte gerade jene Wand, durch die zuvor die vier nichtmagischen Archäologen gedrungen waren. ""Wie ist sie zu öffnen?" wurde Lorenzo gefragt. "Beide Hände auflegen und bei aufkommender Wärme ganzen Körper nachschieben. Dann wirkt sie wie ein durchlässiger Vorhang", schickte Lorenzo zurück.

"Gut, bin durch!" erhielt er keine zehn Sekunden später die Antwort. "Gut", erwiderte Lorenzo.

"Sollen wir die Germanen vorher abfangen?" gedankenfragte Atanasio seinen Vater. "Nein, wir gehen erst in den inneren Bereich. Wenn von denen welche nachkommen fackeln wir die ab", schickte Flavio erst an Atanasio und dann auch an Lorenzo zurück. Dann sah auch er die schwarze Wand, Murus niger Patrum verorum.

"Los, durch da", zischte Flavio mit körperlicher Stimme. Lorenzo erschrak über den nur für ihn laut und lang anhaltenden Widerhall. Er lauschte weiter. Die Lichtwächter dachten, mit schallschluckenden Schuhsohlen an den Füßen unhörbar zu sein. Dabei keuchten sie so laut wie ständig getretene Blasebälge in einer Schmiede, dachte Lorenzo.

Da sowohl Lorenzo als auch Atanasio bereits eigene Söhne gezeugt hatten war es für sie keine Frage, dass die schwarze Wand sie durchließ. Nur fünf Sekunden dauerte der Durchgang, bis beide im Raum hinter der Wand ankamen. "Gut, wenn die, die von der Wand durchgelassen werden hier reinkommen sofort abfackeln!" zischte Flavio seinen Söhnen zu. Lorenzo lauschte indes weiter mit Hilfe des Lupaures-Zaubers. Einer der Lichtwächter brach die wohl vereinbarte Sprechstille und wollte was wegen einer Anweisung sechs wissen. Er bekam es offenbar bestätigt. "Okay, irgendwer hat denen gemeldet, dass wir schon da sind. Offenbar dürfen die uns umlegen, wenn sie uns sehen. Also gilt, wer erst sieht bleibt am leben. Macht euch unsichtbar!" schrieb Lorenzo mit Zauberfadenschrift in die Luft.

Die drei Feuerlenker kannten alle Feuer- und Illusionszauber der europäischen Zauberkunst. Daher dauerte es keine drei Sekunden, bis sie sich für unbezauberte Augen unsichtbar gemacht hatten. Selbst das sowieso schon unsichtbare Licht des inneren Lebensfeuers, auch Wärmelicht genannt, verdunkelten sie. Dann verteilten sie sich so, dass sie den Abschnitt, durch den die Verfolger in den Raum eintreten konnten überblickten. Wer da hereinkam sollte sofort im eigenen Lebensfeuer verglühen oder durch aus der Luft entfachtes Feuer in Flammen aufgehen.

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"Achtung, potenzielle Gegner durch kombinierten Unsichtbarkeitszauber für Augen unsichtbar", warnte Albertrude, die gerade sah, wie die drei in erst wild pulsierenden und dann flirrende Lichtauren eingeschlossen wurden. Sie kannte diese Art von Unsichtbarkeitszauber.

"Haben eine schwarze Wand erreicht. Prüfen auf Bezauberung", meldete der Verbindungsoffizier der Lichtwächter.

"Wer durch die Wand dringt wird sicher getötet. Flavios zwei Söhne warten schon", warnte Albertrude. "Warnung erhalten", erwiderte ihr Verbindungsoffizier.

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Herder las noch einmal die Schrift um den Kegel, aus dem der Schaft eines angeblichen Speer des Mars herausragen sollte. Was zum Pluto und seinem dreiköpfigen Wachhund war mit dem Feuer der Befreiung gemeint und was mit dem Feuer der Vernichtung? Er umschritt den Kegel noch einmal und las die Schrift. Dabei hielt er den mitgeführten Kompass hoch, der beruhigenderweise noch funktionierte. Dann stellte er fest, dass die Worte von den Flammen der Befreiung so ausgerichtet waren, dass sie aus dem Osten her zu lesen waren, während die Worte von den Flammen der Vernichtung im Westen zu lesen waren. Er war so in die Übersetzung vertieft, dass ihm nicht auffiel, wie sich etwas im Raum veränderte. Erst als Becker zischte: "Kommt nur mir das so vor, als wenn ich immer mehr Druck auf den Ohren habe."

"Ist kein Druck von außen, sondern von innen. I kenn des beim Hochfohr'n mit der Seilbahn auf die Zugspitzen", erwiderte Hofer. Seine Stimme klang merkwürdig leiser, ohne den bisher herrschenden Nachhall. Da spürte Herder auch den Druckwechsel. Er blickte nach oben, zu den Wänden und an die Fackeln. Dabei sah er, wie die im Süden und Norden flammenden Fackeln immer dunkler wurden, während die im Westen immer heller wurden und von einem orangeroten zu einem weißblauen Farbton wechselten. Nur die im Osten brennenden Fackeln flammten noch im orangeroten Licht.

"Verdammt, irgendwas saugt uns die Luft ab oder nur den Sauerstoff", zischte er und fühlte, wie ihm wirklich die Luft immer knapper wurde. Ja, es fühlte sich so an, als sei er in weniger als einer Minute um zweitausend oder dreitausend Meter nach oben gestiegen.

"Die wollen uns die Luft abdrehen", knurrte Becker. Herder deutete auf die beiden noch gleichmäßig orangerot brennenden Fackeln im Osten. "Die im Süden und Norden sind nur noch dunkelrot glimmend. Das muss was bedeuten", sagte Herder.

"Hundswürdigges Teufelszeug", schimpfte Hofer und keuchte, weil er für diesen Fluch scheinbar mehr Luft benötigt hatte als ihm dieser Raum erlaubte. Das unangenehme Gefühl in den Ohren, wenn der Außendruck immer mehr nachließ wurde schmerzhaft. Alle drei wussten, dass sie nicht mehr lange atmen konnten. Was immer ihnen die Luft nahm wollte sie ersticken lassen oder schlimmer, ein Vakuum erzeugen, in dem sie dann langsam aber sicher immer mehr aufgebläht wurden und dann zerplatzten wie übervoll aufgeblasene Luftballons. Herder malte sich schon aus, was für eine Schweinerei dabei entstehen würde. Doch dann dachte er an die Flammen der Befreiung. Dass die Fackeln im Osten noch stetig brannten musste was bedeuten. Er lief keuchend darauf zu, während Hofer und Becker sich hektisch umsahen und mit der zunehmenden Luftknappheit kämpften. "Die weißblauen Flammen, die klauen uns den Sauerstoff", röchelte Becker und riss sich mit zitternden Armen seine feuerfeste Arbeitsweste vom Körper. Er schlug damit auf die weißblauen Flammensäulen ein, die vorhin noch zwei Fackeln waren. Die Weste geriet in die Flammen und entzündete sich wie ein Stück trockener Zunderschwamm. Becker konnte die auflodernde Weste gerade noch loslassen, als sie auch schon in weißgelben Flammen zerfiel. Damit stand für den nicht weniger um Atemluft ringenden Willi Herder fest, dass diese Fackeln die Flammen der Vernichtung waren. Da kam ihm ein wohl dem Sauerstoffentzug geschuldeter Irrsinnseinfall. Wenn die weißblauen Flammen alles vernichteten, was in sie geriet, dann mochten die orangeroten Flammen alles bewahren oder eben befreien, was sie berührten.

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Es war verdammt still, dachte Lorenzo Fulminicaldi. Eigentlich rechneten sie doch damit, dass diese germanischen Gnomenhirne da draußen durch die Wand zu kommen versuchten, vielleicht mit Sprengzaubern, vielleicht mit Ausgrabungszaubern oder dergleichen. Oder es gab von denen welche, die die Einlassbedingungen erfüllten und durch die Wand gelassen wurden. Spätestens dann sollten sie den feurigen Tod erleiden. Doch da draußen tat sich nichts, zumindest nichts hörbares. Das gefiel Lorenzo nicht.

Er tastete mit seinen Gedanken nach draußen. Seine Gabe der Feuerlenkung verlieh ihm die Fähigkeit, lebende Wesen oder tote Wärmequellen mit den Gedanken zu erfühlen und zu erkennen. Damit konnte er selbst unsichtbare Gegner erfassen und zu deren letzter großer Überraschung und Enttäuschung in Flammen aufgehen oder aus sich heraus in Feuerbällen explodieren lassen. Ja, da waren vier eindeutig erwachsene, der Lebensfeuerfarbe nach männliche Wesen, die genau vor der Wand ausharrten. Sollte er eines davon mal eben in Flammen aufgehen lassen? Er verstärkte seinen Gedankenstrom, um das Lebensfeuer eines der vier schlagartig anzuheizen. Doch kaum dass er die tödliche Grenze überschritt meinte er, von einer eiskalten Riesenhand um den Kopf gepackt zu werden und meinte, dass ihm gleich der Schädel zerquetscht wurde. Vor Schreck und Überraschung ließ er von seinem ausgewählten Opfer ab. Da hörte auch der eiskalte Griff um seinen Schädel auf. Er begriff, dass er gerade einen feigen Angriff versucht hatte und dass Feigheit von diesem Ort nicht toleriert oder gar belohnt wurde. Gegner, die um die Gunst des Mars kämpfen wollten, mussten einander sehen können, um einander zu erkennen.

"Domine und Nasi, macht euch wieder sichtbar, bevor uns der Zauber hier wegen Feigheit vor dem Feind vernichtet", schickte er eine Gedankenbotschaft an jeden seiner beiden Verwandten. Er ging mit bestem Beispiel voran, auch wenn ihn das ärgerte.

"Die wissen, dass wir hinter der Wand warten. Womöglich haben die einen Gedankenhörer bei sich", gedankengrummelte Lorenzos Vater und Gebieter. "Ich hasse Patts", schickte Lorenzo zurück. Er fragte sich erst, warum ihn dann noch keiner angerufen hatte. Doch dann erkannte er, dass sie ihn und seine beiden Verwandten damit zermürben wollten, dass sie denen keine Angriffsfläche boten. Er hasste auch diese Art von gedanklicher Kampfführung. Dann fiel ihm was ein. "Okklumentieren", schrieb er mit Zauberfadenschrift in der Geheimschrift der Fulminicaldis. Flavio und Atanasio nickten bestätigend. Dann deutete er auf den schmalen Durchgang hinter dem Altar. Flavio sah seine Söhne darauf streng an und schrieb mit feuerroter Zauberfadenschrift: "Ihr wartet hier und nehmt diese Kerle feurig in Empfang, bevor die das erste der zwei Todesfluchwörter ausrufen. Ich gehe und hole den Speer für unsere ruhmreiche Familie."

Die zwei angeschriebenen sahen den Vater und obersten Anführer ihrer Sippe erst verdrossen an. Doch dann nickten sie unterwürfig. Die Familie forderte die klare Unterwerfung. Dem Vater mussten sie gehorchen, ob es ihnen passte oder nicht. So verlangte es der Bluteid jeder Wolfssippe.

Flavio öffnete seinen Geist soweit, dass er sicher war, nur seine unmittelbar hörbaren Gedanken nach außen dringen zu lassen und rief: "Holen wir uns was unser ist! Nieder mit den Germanen. Es leben die Söhne des Mars!!"

Keine Sekunde später lief er auf den schmalen Durchgang hinter dem schwarzen Altar zu, bückte sich tief und schlüpfte hinein in den niedrigen Durchgang. Wer jetzt meinte, freie Bahn zu haben würde gleich seine letzte große Überraschung erleben.

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"Der alte Feuerspieler geht alleine. Seine zwei Söhne sollen ihm wohl den Rücken freihalten", sprach Albertrude in ihre Schallverpflanzungsdose. Ihr Verbindungsmann von den Lichtwachen sprach zurück: "Die halten uns für Gnomenhirne, dass wir schnell hinter denen herjagen, nur weil einer laut ruft. Wir kommunizieren nur noch in Zauberschrift. Bitte nur noch Angaben machen, wo welcher von denen steht", hörte Albertrude und ging tiefer. Sie sah auf die unterirdische Anlage hinunter und machte die zwei lauernden Feuerlenker aus, die sich links und rechts des Altars bereithielten und konzentriert auf die Wand blickten.

"Auslosung ergab, das Oberleutnant Rittersporn reingeht", meldete ihr Kontaktzauberer der Truppe, der wohl einige Dutzend Meter entfernt stand. Dann sah sie, wie einer der Lichtwächter sich mit genau jenem Zauber belegte, den sie in Ladonnas Vulkanversteck benutzt hatte, um die unsichtbare Bogenschützin zu blenden, Aura Solis.

Sie sah nun, wie der Lichtwächter aus sich heraus sonnenhell erstrahlte und sich gegen die Wand lehnte. diese erzitterte und erglühte. Dann durchdrang der Lichtwächter sie. Doch dabei fiel der von ihm ausgehende Sonnenlichtzauber von ihm ab, so dass er normal sichtbar im Altarraum ankam. albertrude wollte gerade eine Warnung ausrufen, als sie es schon sah.

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Herder streckte seine vom Luftmangel geschwächten Arme vor und langte ohne weiter nachzudenken in die orangeroten Flammen hinein. Er fühlte den unsäglichen Schmerz, als die heißen Flammen sein Fleisch berührten. Doch er widerstand dem Drang, die Hände zurückzureißen. Der Schmerz jagte durch die Hände in die Arme, hinein in seinen Brustkorb und von da in seinen ganzen Körper. Dann meinte er, in einer gelborangen Flammensäule zu stehen. War das sein Tod?

Hari Becker und Xaver Hofer hörten nur, wie ihr Kollege zur Ostseite dieses Höllentempels hinging. Dann hörten sie für einen Augenblick einen lauten Aufschrei. Sie warfen sich herum und sahen beide mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen, wie ihr Kollege von orangerotem Feuer umschlossen wurde. Die Flammen wurden plötzlich so hell wie die aufgehende Sonne. Dann knallte es laut. Da wo Herder vorher noch gestanden hatte war nur noch leere, leicht flimmernde Luft.

"Wos wor'n jetzt des?" fragte Hofer und hustete, weil seine um Luft ringenden Lungen immer mehr schmerzten.

"Der Willi hat in die Fackeln reingefasst und ist davon weggebrannt worden. Aber das ist voll wahnsinnig. Ich muss voll irre sein, dass ich das gerade mitgekriegt habe."

"Purgatorium, das Fegfeuer", knurrte Hofer. Dann stolperte er eher als zu laufen auf die beiden orangeroten Fackeln zu, streckte seine Hände danach aus und griff ohne zu zögern mitten hinein in die Flammen.

Becker sah, wie Hofers Hände zu brennen begannen. Der Kollege aus Bayern schrie auf vor Schmerz. Dann riss er die Hände zurück. Diese brannten weiter. Jetzt vollzog sich für Becker ein grauenvoller Vorgang. Hofers Körper brannte nun wie ein Reisigbündel. Die Flammen schlugen aus seinem Körper heraus und fraßen sein Fleisch und seine Kleidung auf. Innerhalb von zwanzig Sekunden stand von ihm nur noch ein hellrot glühendes Knochengerüst da. Dieses schwankte und fiel laut klappernd in sich zusammen. Dabei zerfiel es funkensprühend zu nichts als glimmender Asche.

"Xaver!" rief Hari Becker und fühlte, wie ihm nicht nur wegen des gesehenen Grauens die Luft wegblieb. In seinen Ohren schmerzte es noch mehr. Ja, und er fühlte auch, wie etwas von innen her gegen seinen Schädel drückte. Er fühlte, wie seine Bein- und Armadern immer mehr pochten und kämpfte um jeden Atemzug. Die gnadenlose Macht, die ihm die Luft nahm würde ihn nicht mehr lange leben lassen. Knapp vor dem verhängnisvollen Sauerstoffmangel erkannte er noch, welchen tödlichen Fehler Hofer gemacht hatte, den Herder nicht begangen hatte. Becker stolperte auf vor pochenden Adern schmerzenden Beinen und um jeden Kubikzentimeter Sauerstoff röchelnd auf die Fackeln im Osten zu, die immer noch orangerot flammten. Er hob seine bereits unter dem Sauerstoffmangel bibbernden Arme an und schob sie nach vorne. Dann ließ er seine Hände genau über den Flammen herunterfallen.

Auch er fühlte nun einen unsagbar heftigen Schmerz und stieß die ihm noch verbliebene Luft mit einem lauten Schrei aus. Doch er krampfte seine Hände um die Fackeln, um nicht loszulassen. Er überstand es irgendwie, dass die Schmerzen durch seine Arme in den restlichen Körper einschossen und wusste nicht, ob er schon im Luftmangeldelirium war, als er um sich eine gelborange Flammensäule sah. Dann waren Schmerz und Feuerschein auf einmal weg.

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Holger Rittersporn fühlte, wie die Wand vor ihm erbebte. Er dachte an die zwei Söhne, die er gezeugt hatte und die beide seit vier und zwei Jahren in Greifennest zur Schule gingen. Der von ihm selbst gerade ausstrahlende Hauch der Sonne, ein für lebende Augen schmerzhaftes Licht, das sogar Vampire und Nachtschatten verletzen oder vernichten konnte, flackerte. Dann wurde Rittersporn durch die Wand hindurchgezogen, als wenn jemand höchst ungeduldiges ihn im dahinterliegenden Raum haben wollte. Er fühlte jedoch, wie sein Sonnenlichtzauber erlosch und wusste, dass er gerade frei anzielbar erscheinen musste.

Er riss seinen Zauberstab hoch und sah die zwei feindlichen zauberer in orangeroten Umhängen. Auf wen von den beiden sollte er zielen? Die Frage blieb für alle Zeiten unbeantwortet. Denn kaum dass er sicher auf dem Boden des anderen Raumes stand fühlte er, wie aus seiner Körpermitte heraus eine unerträgliche Hitze hervorbrach. Mit einem letzten kurzen Aufschrei fühlte er, wie er von innen her von höllisch heißer Glut zerrissen wurde. Dann fühlte er nur noch ein wild wirbelndes schwarzes Nichts und sah in der Ferne einen immer heller werdenden Lichtpunkt. Er wusste, dass er gerade verstorben war und nun die letzte Entscheidung zu treffen hatte, von der sein Großvater ihm erzählt hatte. Er wusste jedoch auch, dass er sich nicht für eine Rückkehr als sein eigener Geist entscheiden würde. Denn Geister pflegten immer in dem Zustand zu entstehen, in dem ihre verstorbenen Körper zurückgelassen wurden. Das wollte er dann doch nicht. So nahm er es an, dass das immer hellere Licht ihn in sich aufnahm.

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Lorenzo grinste feist, als aus der gelborangen Glutwolke heraus feine, rot glühende Asche herniederregnete. Er freute sich schon auf den nächsten Idioten, den er und Atanasio gemeinsam verheizen konnten.

"So ein Pech, dass die Wand immer nur einen zur Zeit durchlässt", dachte Lorenzo, wobei er sich darum bemühte, seinen Geist zu verschließen. Doch offenbar hatten die hinter der Wand wartenden Germanen begriffen, dass ihr Kamerad keinen Erfolg gehabt hatte. Patt! Lorenzo mochte kein Patt. Aber ins Schachmatt zu geraten mochte er noch weniger.

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"Diese Wand hebt alle Schutzzauber auf", erkannte Albertrude und gab es weiter. Dann dachte sie daran, dass sie vielleicht mit dem von Gertrude erfundenen Zauber des Mondes aller Freiheiten durch die Wand dringen konnte. Doch die zwei Feuermacher dahinter würden sie dann trotzdem anzielen können. Nein, die mussten da weg. Brachte es was, sich von oben her in diesen Raum hinter der Wand vorzugraben?? "Rittersporn ist tot, schlagartig verbrannt", meldete sie den vor der Wand wartenden Lichtwächtern.

"Haben wir mitbekommen. Die Lebensanzeige von Rittersporn erlosch keine zwei Sekunden nach seinem Durchgang", hörte sie die Stimme Falkenstoßes. "An alle Lichtwächter: Wir hungern diese Bande aus. Verschließt die Wand mit einer soliden Steinwand!" hörte Albertrude aus der Schallverpflanzungsdose.

"Bringt nichts, Generalmajor. Wurde soeben Zeugin, wie zwei der drei Nichtmagier aus der Kammer des Speeres verschwanden. Einer von denen starb wohl, weil er den magischen Kontakt zu früh beendet hat. Sippenhäuptling Flavio und seine Brandstifter könnten denselben Fluchtweg nehmen."

"Können Sie sehen, wo die zwei Nichtmagier sind?" wurde sie gefragt. "Negativ! Womöglich sind sie aus den Katakomben entfernt worden oder befinden sich in einer aus meiner Flughöhe nicht durchdringbaren magischen Kammer. Neue Meldung, Flavio erreicht gerade Kammer mit Speer. Befürchte, dass er diesen erbeuten kann.""

"Niemals", knurrte Falkenstoß. Dann erteilte er einen Befehl, der entweder aus Wahnsinn oder der puren Verzweiflung geboren wurde.

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Flavio Fulminicaldi robbte so schnell es seine doch schon angejahrten Knochen zuließen durch die Gänge, bis er jenen scheinbaren Abgrund erreichte, von dem er schon gehört hatte. Eine weitere Mutprobe der Filii Martis bestand darin, sich bedenkenlos in die Tiefe fallen zu lassen, um in den Raum des Speeres zu gelangen. Er fiel und landete sanft auf dem Boden. Es war dunkel. Doch er fühlte, dass hier vor kurzem noch Feuer gebrannt haben musste. Er tastete mit seinen Gedanken nach erloschenen Feuerquellen. Ja, da war noch Restwärme. Er konzentrierte sich und ließ das erloschene Feuer neu entflammen. Eine Fackel leuchtete mit lautem Zischen auf. Kaum sandte sie ihr flackerndes Licht in den Raum entzündeten sich mehrere Dutzend weiterer Fackeln. Dann sah Flavio das, weswegen er diese Reise angetreten hatte.

"So werde ich, Flavio der fünfte, Leonoro Fulminicaldi, Sohn von Pyrodromos dem siebenten, zur Ehre unserer ruhmreichen und mächtigen Familie den von Urvater Vulcanus gefertigten Speer des unbesiegbaren Mars ergreifen und im Triumph heimtragen", dachte er.

Er ging auf den rot schimmernden Stein in Form eines Kegels zu. Er sah die in einem darum verlaufenden Kreis gravierte Schrift und erkannte, dass er diese besser erst einmal entziffern sollte. Er fragte sich, warum die Erbauer dieses Raumes lateinische Sätze mit griechischen Buchstaben geschrieben hatten. Was sollte dieser Unfug? Aber immerhin konnte er beim Umschreiten des Kegelsteines lesen, was von einem sich für würdig haltenden erwartet wurde. Er musste die Probe des reinen Blutes und der Entschlossenheit bestehen. Dazu war er bereit. Verfehlte er diese, so blieb ihm nur, sich der Gnade des befreienden Feuers auszuliefern oder der Ungnade des verzehrenden Feuers zu unterliegen. Durch den Gang zurück konnte er jedenfalls so nicht, weil die Öffnung zu weit über ihm lag. Obwohl, er konnte ja einen Autolevitationszauber auf sich anwenden und nach oben steigen. Doch nicht ohne den Speer!

Entschlossen, wie es von ihm verlangt wurde, streckte er seine Hände vor und packte den Schaft des Speeres. Keine Macht wies ihn zurück. Jetzt musste er ihn nur noch aus dem Stein der Behütung herausziehen, ja, das war zu schaffen. Dann hatte er ihn. Doch so leicht war es offenbar nicht. Denn der Speer erzitterte mit dem Stein, in dem er steckte. Aber er ließ sich nicht herausziehen. Selbst als er versuchte, den Speer zu drehen gelang es nicht. Dann fühlte er, wie etwas ihm wie mit feurigen Klingen in die Hände stach. Er hätte fast losgelassen. Ja, der Speer oder besser der Stein wollte ihn abweisen. Doch er erfasste die Art des Abweisezaubers. Das war auch nur ein Feuerzauber. Den konnte er niederkämpfen. ER konzentrierte sich. Ja, die glühenden Schmerzen ebbten ab. Er bekam wieder mehr Halt. Ja, jetzt wusste die Macht, die den Speer hütete, wessen Sohn er war: Vulcanus, dem Herrn von Erz und Feuer. Er drängte die ihn abweisende Kraft noch weiter zurück. Als er sicher war, dass er nun keinen Widerstand mehr zu erwarten hatte zog er mit aller Körperkraft an dem Speer. Es knirschte leise. Ja, der Speer kam Stück für Stück frei. Er, Flavio, hatte die Probe der Berechtigung und der Macht natürlich bestanden. Jetzt stand nur die Probe der körperlichen Stärke an.

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Atanasio und Lorenzo wussten, dass sie nicht aus diesem Raum hinausdisapparieren durften. Denn den alten Geschichten nach mussten die, welche Zutritt zum Tempel der Söhne des Mars erlangt hatten, bis zu dessen Herz vordringen und sich der Prüfung stellen, ob sie das Erbe des Kriegsgottes erhalten durften. Alles andere war ein Akt der Feigheit. Wie diese bestraft werden konnte hatten die drei Feuerlenker vorhin zu sehen bekommen. Doch hier zu warten, bis die da draußen sich doch wieder zu einem Angriff entschlossen war ebenso sinnlos. Denn die konnten da draußen warten, bis die zwei hier unten verhungert waren. Wer immer denen zutrug, dass hier unten zwei Feuerlenker lauerten würde denen sagen, wann es ungefährlich war, hier hereinzukommen. Also blieb nur, dem Vater zu folgen und dorthin zu gelangen, wo der sagenhafte Speer wartete. Hatten sie den konnten sie wohl unbehelligt disapparieren.

Mit ihrer geheimen Zauberschrift verabredeten sie, wie sie durch den schmalen Durchlass verschwinden wollten. Um sich den Rücken freizuhalten entfachten sie in einer eingeübten Abstimmung eine Wand aus blutroten Flammen, die keinen Meter vor der Wand zum Altarraum aus dem Boden wuchs und die gesamte Breite des Durchganges von außerhalb ausfüllte. Dann eilten sie so leise sie konnten zum Durchschlupf, ließen sich auf alle Viere sinken und verließen den Altarraum.

Kaum waren sie durch den niedrigen Durchlass verschwunden flackerte die blutrote Flammenwand immer hektischer. Dann fiel sie mit einem nachknisternden Knall in sich zusammen. Der Eingang zum Altarraum durch die Wand der wahrhaftigen Väter war wieder frei.

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Mit pumpenden Bewegungen zog Flavio immer lauter keuchend den im Stein steckenden Speer mehr und mehr frei. Über die Hälfte des Speeres war nun frei zu sehen. Eigentlich war Flavio Fulminicaldi davon ausgegangen, dass die geheimnisvolle und mächtige Waffe mit jeder Fingerbreite mehr leichter herauszulösen sein mochte. Doch als wenn er weiter gegen eine widerstrebende Kraft ankämpfte musste er mit derselben Entschlossenheit und Kraft ziehen. Er versuchte auch, den Speer zu drehen. Doch das gelang nicht. Dennoch gab er nicht auf. Stückchen für Stückchen zog und zerrte er den Gegenstand nicht nur seiner Begierde aus dem kegelförmigen Steinsockel heraus.

Die Fackeln, die bisher so gleichmäßig orangerot geleuchtet hatten, nahmen einen immer röteren und dunkleren Farbton an. Es sah so aus, als entzöge ihnen der Feuerlenker mit jeder Fingerbreite, die er den Speer dem Stein abrang Leuchtkraft. Jetzt fehlte nur noch die Spitze. Immer eine Hand am Schaft griff Flavio so um, dass er sich aus einer Hockstellung herausstemmen konnte, um die magische Waffe endgültig freizuziehen. Dabei strömten ihm von Wut und Verzweiflung getragene Gedanken ins Bewusstsein. "Mutatio malitiosa, Filius falsus non me carpe!" "Ego Filius Vulcani sum. Ego te habebo", dachte Flavio zurück und fühlte, wie die Quelle der ihn abweisenden Gedanken noch wütender dagegen ankämpfte. Es stimmte also, dass es damals einen Streit zwischen den Söhnen des Vulcanus und jenen des Mars gegeben hatte und die Söhne des Mars einen inneren Wächter eingesetzt hatten, der den Speer festhielt. Doch er, Flavio, war sowohl ein Sohn des Vulcanus als auch ein Sohn des Mars, Nachfahre jener, die damals gegen die Abtrünnigen gekämpft hatten, die die goldene Schale des ewigen Feuers erbeutet hatten und nur durch Ignazio III. Fulminicaldi und seine Söhne und Neffen bezwungen worden waren. . Also sollte dieser Kriegsspeer des Mars ihm gehören, dem Oberhaupt der Fulminicaldis.

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Von Späherin Steinbeißer an Lichtwachen!

Weg zu Raum mit Speer nun unbewacht.
Alle drei Feuerlenker unterwegs in Halle des Speeres.
Flavio F. kann Speer berühren und müht sich, ihn freizuziehen.
Wenn kein schnelles Eingreifen möglich droht Erbeutung des Speeres mit anschließender Flucht.

Der gerade auf sichtbare Meldungen Steinbeißers wartende Lichtwächter Leutnant Ährenfeld gab die per silberner Zauberfadenschrift an den Himmel geschriebene Meldung sofort weiter, wissend, dass es um Minuten oder gar Sekunden ging, um zu verhindern, dass eine der gefährlichsten Zaubererfamilien Europas in den Besitz einer für sehr mächtig gehaltenen Waffe gelangen konnte. Ährenfeld, selbst noch kein Vater eines Sohnes, war hier draußen abgestellt worden, um mit der Außenstehenden aus dem Magloberuhigungsbüro in Verbindung zu bleiben. Die konnte ja auch nicht in diesen alten Tempel rein, weil sie noch nicht mal Mutter war, dachte Ährenfeld. Sehen konnte er Albertine Steinbeißer nicht. Doch er wusste, dass sie da oben auf einem amerikanischen Tarnbesen herumschwirrte und mit ihren magischen Augen in die Tiefe starrte. Eigentlich lehnte er es ab, dass eine Hexe, die keine eingeschworene Lichtwächterin war und damals, wo Ladonna das deutsche Zaubereiministerium übernommen hatte mal eben verschwunden war so viel Vertrauen verdient haben sollte. Bis heute hatte sie und die mit ihr verschwundenen Lichtwächterinnen nicht erwähnt, wieso sie so früh vor Ladonnas Feuerrosenzauber hatten abtauchen können. Doch der Skatclub, zu dem auch sein Vorgesetzter Andronicus Wetterspitz geborener Eisenhut gehörte, hatte allen damals untergetauchten vor allem Hexen das Vertrauen ausgesprochen, darunter auch Albertine Steinbeißer.

"Wir versuchen die Wand zu beseitigen, um schneller voranzukommen", schrieb einer der Lichtwächter am Eingang mit blauer Zauberfadenschrift in die Luft. Hoffentlich war das noch früh genug, dachte Ährenfeld.

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Die Wand musste weg. Es hieß zwar, dass der aramäische Vernichtungsfluch, der lebende Wesen ohne Zeichen äußerer und innerer Verletzungen auf der Stelle tötete, schwere mechanische und Wärmeentladungen freimachte, wenn er auf tote Materie geschleudert wurde. Doch er galt auch als der einzige Fluch, der gegen fast jede Art von Materie wirkte.

Zunächst schickten zwei Lichtwächter ausdrückliche Heilungszauber gegen die Wand, nur für den Fall, dass sie einen schwarzen Spiegel enthielt. Die beiden Zauber Epyskie und Anabnoe zerstoben mit silbernen und roten Funken an der schwarzen wand. Mehr geschah nicht.

Falkenstoß und zwei seiner Untergebenen stellten sich nun in fünfzig Schritten Entfernung vor der Schwarzen Wand auf, zielten genau und riefen auf ein kurzes Nicken Falkenstoßes zeitgleich die gegen Menschen geächteten Worte: "Avada Kedavra!" Dabei wünschte sich jeder von ihnen, dass die hindernde Wand restlos verschwinden sollte.

Drei grelle grüne Blitze sausten sirrend durch den Gang und trafen beinahe im selben Augenblick auf die schwarze Wand. Diese erglühte auf einmal so weiß wie purer Schnee im grellen Sonnenlicht. Ohne die vorsorglich aufgesetzten Gleitlichtbrillen wären Falkenstoß und seine Leute dauerhaft geblendet worden. Doch das erschien gerade als das kleinere Übel. Denn die Magie dieses Ortes schlug gnadenlos zurück.

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Es knirschte laut. Dann geschahen vier Dinge zugleich. Zum einen löste sich mit einem Ruck die Spitze des Speeres aus dem roten Stein. Zum zweiten schrillte ein lauter Wutschrei aus dem kegelförmigen Stein durch den Raum. Zum dritten erloschen alle vier Dutzend Fackeln mit einem lauten Zischer, und es wurde beinahe stockdunkel. Zum vierten landete Atanasio Fulminicaldi in einer roten Leuchtblase in dieser Kammer.

Familienoberhaupt Flavio stolperte vom Schwung seines letzten kraftvollen Zuges getrieben zurück. Der von ihm freigezogene Speer lag leicht bebend in seinen Händen. Gedanken an Sieg und Vorherrschaft strömten wie ein Fluss aus warmem Wasser durch sein Bewusstsein. Die nach anderthalb Jahrtausenden freigelegte Speerspitze erglühte im selben roten Licht wie der Widerschein des Planeten, der nach dem Herrn des Krieges und Schlachtenglückes benannt worden war. Die glühende Speerspitze erzeugte einen schwachen tiefroten Widerschein auf Flavios Körper. Zugleich erstrahlte der kegelförmige Steinsockel, in dem der Speer gesteckt hatte. Eine dröhnende, von höchster Verärgerung gefärbte Männerstimme sprach auf Lateinisch: "So hat verdorbenes Blut das Zeichen der Erbschaft an sich gerissen. So ist mein Dasein verwirkt wie auch das der heiligen Hallen."

Die rote Leuchtblase, in der Atanasio aus der Decke herabgeschwebt war zerplatzte mit leisem Plopp. Nun glomm nur noch das rote Licht der glühenden Speerspitze.

"An den Speer ran, Söhne. Wir müssen weg hier!" rief Flavio seinen beiden Söhnen zu. Gleichzeitig begann der Boden immer wilder zu erbeben. Die drei Feuerlenker fühlten, wie sie von etwas mehr und mehr angehoben wurden. Nur die mit ihren Sinnen für Lebensfeuer erkennbare Lebensaura ihres Vaters verriet, wo dieser stand. Lorenzo, der immer noch den Lupaures-Zauber benutzte, meinte erst, sich zu verhören. Doch dann wurde ihm klar, dass es kein Verhöhrer war und auch kein Albtraum. Boden und Decke des Raumes wuchsen aufeinander zu.

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Rotgoldene Lichtsäulen schossen genau dort in die Höhe, wo Falkenstoß und die zwei Untergebenen gestanden hatten, die der Wand mit dem Todesfluch beizukommen versucht hatten. Ehe die restlichen Lichtwächter begriffen was geschah verschwanden Falkenstoß und seine Kollegen in diesem Licht. Drei Sekunden blieben die Lichtsäulen erhalten. Dann erloschen sie mit lautem Knall. Statt der drei erwachsenen Zauberer lagen nun drei scheinbar gerade erst geborene Jungen auf dem Boden. Die Kleidung und ihre Ausrüstung segelte gerade von weiter oben herab. Die drei streckten ihre Arme und Beine aus, rissen erst die Augen und dann die zahnlosen Münder auf und stimmten wie auf ein unhörbares Zeichen ein lautes Geschrei an. Zugleich erbebte der Gang vor der Wand. Blaue, grüne und silberne Blitze zuckten über Wände und Decke hinweg und vergingen in der Ferne.

"Was für eine Macht", knurrte Leutnant Kieselbleich, als er die Folge des versuchten Wandsprengungszaubers erfasste. Offenbar waren in die Gänge Ableitungszauber gegen massive Vernichtungszauber eingewirkt worden. Zugleich wurden alle die mit unfreiwilliger Verjüngung bestraft, die es wagten, sich gewaltsam einen Zugang zum "heiligen" Bezirk dieser unterirdischen Katakomben zu verschaffen.

"Bringt die drei raus und mit den Besen aus der möglichen Appariersperrungszone. Die Heiler von uns sollen klären, ob die drei zurückverwandelt werden können", bestimmte Leutnant Hanno Kieselbleich, der gerade das Kommando übernommen hatte. Dann fragte er die Späherin, die er noch als Albertine Steinbeißer kannte, ob sie die zwei anderen Feuerlenker noch im Altarraum sah. Als er erfuhr, dass diese gerade selbst im engen Ausgang Richtung Kammer des Speeres verschwunden waren befahl Kieselbleich, möglichst schnell zehn Mann hinterherzuschicken und die Fulminicaldis auf Sicht zu töten.

Da nur Väter von bereits geborenen Söhnen durch die Wand gelassen wurden war die Auswahl der geeigneten Lichtwächter schnell abgeschlossen. Da Kieselbleich nur zwei Töchter gezeugt hatte konnte er die Truppe nicht begleiten.

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Wo war er? War er überhaupt noch irgendwo auf der Welt oder schon auf dem Weg ins Jenseits? Alles um Hari Becker herum war völlige Dunkelheit. Er fühlte weder Kälte noch Wärme. Er hörte jedoch jemanden neben sich atmen und roch ein ihm all zu bekanntes Rasierwasser. Willi Herder lag keine zwei Meter von ihm entfernt. Der Boden wirkte weich wie eine dicke Federkernmatratze. Doch wo sollte die herkommen?

Hari Becker erinnerte sich. Er hatte diesen heftigen Schmerz im Körper gefühlt und sich in einer Feuersäule gesehen. Doch jetzt fühlte er sich wohl. Ja, als er sich selbst abtastete stellte er keine Verletzungen fest. Auch seine Kleidung war unversehrt. Seine Armbanduhr und das GPS-Gerät hatten jedoch ihren Geist aufgegeben. Deshalb konnte er nicht sagen, ob er nur Sekunden oder Stunden hier zugebracht hatte.

Als er Herders Körper fand fühlte er, dass dieser ebenfalls unversehrte Kleidung trug und wohl gerade tief und fest schlief. Er griff ihn bei der Schulter und rüttelte ihn wach.

"Wo sind wir jetzt gelandet. Das ist doch ein Dark Room hier. Ich glaube, ich träume das alles gerade", knurrte Herder.

Becker krabbelte wie ein Kleinkind über die weiche Unterlage und erreichte eine glatte Steinwand. Er schaffte es, aufzustehen und stieß dabei nicht mit dem Kopf an die Decke. Auch als er seine Arme nach oben streckte stieß er nicht an eine Decke. So blieb ihm erst einmal, die Wand entlangzulaufen. Dabei fand er heraus, dass sie glatt und kreisrund verlief.

Herder fischte inzwischen nach seinen Streichhölzern. Als er eines davon anriss flammte nicht nur der Schwefelkopf auf, sondern eine einzige große Fläche über ihnen. Warmes, gelbes Licht strahlte von oben herab. Sie erkannten, dass sie sich im inneren einer zylinderförmigen Kammer von drei Meter durchmesser und acht Metern Höhe befanden. Der Boden bestand aus dicken, zusammengenähten Säcken, die wohl voller Daunenfedern waren. Als Herders Streichholz ganz niedergebrannt war und er es auspusten musste leuchtete die gelbe Fläche unter der Decke weiter.

"Was ist mit Hofer?" fragte Herder. Becker erzählte ihm, was diesem zugestoßen war. "Dann ist der tot, weil er nicht lange genug durchhalten konnte?" fragte Herder. Becker nickte verdrossen. Dann sah Herder auf halber Höhe des zylindrischen Raumes eine weitere Inschrift. Wieder waren es griechische Buchstaben, die spiegelverkehrt eingraviert worden waren. Herder brauchte einige Zeit, um die Zeilen lesen zu können. Er erwähnte, dass es wieder Lateinisch war. Dann fasste er den Text zusammen:

"Wer des Speeres unwürdig war und sich dem Urteil des befreienden Feuers unterwarf soll im Haus der Abgewiesenen ausruhen und dann, wenn der Schein des Kriegshüters über dem Haus erstrahlt aus eigener Kraft davonziehen oder bei Morgenanbruch in einen tiefen Schlaf verfallen, bis die fünf höchsten Söhne des unbesiegbaren Mars zusammentreten, um Gericht zu halten. Trägern der erhabenen Kraft stehe es jedoch frei, vorher schon zu verschwinden, wenn sie für sich selbst geloben, nie wieder nach dem Speer zu greifen."

"Verschwinden? Wie denn und wohin überhaupt?" fragte Becker. "Ich fürchte, mit erhabener Kraft ist sowas wie die Macht der Jedi gemeint. Oder wir müssten teleportieren können, um hier rauszukommen. Interessant nur, dass diese helle Lichtfläche in dem Moment aufleuchtete, als ich ein Streichholz angemacht habe", sagte Herder.

"Offenbar ist hier eine Schaltung verbaut, die bei künstlichem Licht oder offener Flamme die Hauptbeleuchtung anknipst", grummelte Becker. "Das ist wohl sehr offensichtlich", meinte Herder dazu. Dann sah er Becker an. "Glaubst du, wir kommen hier raus, bevor es draußen Morgen ist? Am Ende gibbt es diese Söhne des Mars gar nicht mehr, und wir bleiben bis zum Verhungern hier eingesperrt."

"Nicht, bevor wir nicht alles untersucht haben", sagte Herder entschlossen. Womöglich konnten sie einen Weg finden, der nicht so einfach zu erkennen war.

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Flavio war der einzige, der das rote Licht der Speerspitze sah. Es erzeugte keinen Widerschein. So musste er in diesem magischen Licht seine beiden Söhne zu sich leiten. Er fühlte, wie sie ihn mit ihren das Feuer lenkenden Gedanken berührten, um das langsam in ihm glosende Lebensfeuer zu ertasten. Dann sah er einen Schatten von links und griff mit der linken Hand danach. Er bekam einen starken Männerarm zu fassen und zog daran. Dann hörte er leises Atmen von rechts. Dann berührte ihn eine Hand an der Schulter. Er erschrak nicht. Denn er wusste, dass es sein zweiter Sohn war. "Die Hände an den Schaft des Speeres, bevor uns die Halle zermalmt!" rief Flavio in seiner Heimatsprache.

Er fühlte, wie Hände über seinen Körper glitten und dann mit seiner rechten zusammen an den wild erbebenden und sich langsam erwärmenden Schaft des Speeres griffen. Dann dachte er die von seinem Vater erlernten Worte "Via ignis ex calamitate ducat!"!"

In dem Augenblick meinte er, von einem wütenden Elefanten abgeworfen zu werden. Er fühlte, wie sein Kopf gegen die bedrohlich herabhängende Hallendecke prallte. Doch im nächsten Augenblick umfloss ihn und seine Söhne eine orangerote Feuersphäre. Er fühlte die unbändige Kraft frei strömenden Feuers, das der Sterne und das aus dem unruhigen Schoß der Erde selbst und wie es ihn und seine Söhne mit sich riss wie ein Stück Treibholz in einem reißenden Gebirgsbach. So ähnlich hatte ihm sein Großvater Ignazio VI. beschrieben, wie es sich für einen Sohn des Vulcanus anfühlte, mit einem der legendären Feuervögel zwischen zwei Standorten zu reisen. Also stimmte auch, dass in den Speer des Unbesiegten die nicht mehr neu zu leben gestatteten Überreste eines solchen Wundervogels eingefügt worden waren. Tatsächlich hörte er für einige Sekunden auch einen melodischen, aber sehr unheilvoll klingenden Gesang, als lausche er einer schlimmen Nachricht. Dann fielen er und seine Söhne aus dem dahinjagenden Feuer zwischen den Welten heraus. Doch wo waren sie hier?

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Es ist mal wieder so, dass die Lösung direkt unter der Nase liegt", sagte Herder, als er die zusammengenähten Daunensäcke genauer betrachtete und dabei feststellte, dass diese sich an einer Seite anheben lassen konnten. Darunter kam eine rechteckige Bodenluke zum Vorschein. Diese brauchten sie nur mit vereinter Kraft zu entriegeln und fanden so eine Wendeltreppe, die nach unten führte. "Das kann die nächste Sackgasse sein. Aber besser als hier zu warten", sagte Hari Becker. Dann kletterten sie beide hinunter.

Als sie gerade drei Meter in die Tiefe gestiegen waren klappte die rechteckige Luke über ihnen wieder zu. Es wurde wieder völlig dunkel. "Bloß nicht den Halt verlieren", rief Hari Becker und lauschte. Sein Ruf kam als unangenehm spätes Echo von unten zurück. Willi Herder sagte deshalb leise: "Ich will wissen, wer das alles zusammengebaut und eingerichtet hat. Am Ende treffen wir doch noch kleine grüne Männchen."

"Oder einen Amazonenstamm, der auf diese Weise die Auswahl für die Nachzucht treibt. Wer durchhält darf die Königin vögeln", trieb Becker einen sehr derben Scherz.

"Ja, und wer auf halber Strecke schlappmacht muss die Küchenmägde schwängern", knurrte Herder. Doch dann fand er zu seiner Entschlossenheit zurück, den neuen Weg bis zum bitteren Ende zu gehen. Da sie gerade alle Hände für den Halt auf der Wendeltreppe brauchten konnte keiner von ihnen Licht machen. Wo immer diese Treppe endete, sie tappten wortwörtlich im Dunkeln.

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"Leute, Flavio hat den Speer freigezogen und hat seine Söhne daran Halt finden lassen. Danach wurden sie durch Feuersphäre wie bei Phönix aus der Kammer versetzt, Ziel unbekannt", meldete Albertrude Steinbeißer den Lichtwächtern.

"Der Speer ist weg?" fragte Ährenfeld über eine Schallverpflanzungsdose. Albertrude bestätigte es und auch, dass der kegelförmige Sockel wie durch reine Luft in den Boden hinabgestürzt war und die Kammer des Speeres sich von oben und unten her vollständig verschlossen hatte wie ein gewaltiges steinernes Maul.

"Dann sind wir eindeutig zu spät angerückt, verflixt noch mal", knurrte der nach Falkenstoß ranghöchste aus der Truppe. "Das müssen wir dem Ministerium melden, auch den Italienern. Die müssen sich drauf gefasst machen, dass die römischen Wölfe wieder aufstehen und ihr Revier vergrößern wollen", sagte Kieselbleich. "Gut, dann bringen wir die nichtmagischen Zeugen und unsere wiederverjüngten Kameraden in die Wache und sorgen dafür, dass das hier alles nicht weiter beachtet wird."

"Und die Kameraden von uns, die gerade hinter den Feuerspielern herkrabbeln?" fragte Ährenfeld. "Die sollen zurückkommen."

"Könnte schwierig werden", mischte sich Albertrude ein. "Der eine nichtmagische Mann, der mit den zwei Frauen aus der Tempelanlage heraustreten wollte wurde von einem Infanticorpore-Fluch getroffen. Was ist, wenn der jeden erwischt, der hinter der schwarzen Wand war?"

"Zur dreigeschwänzten Gorgone und allen ihren Schwestern", schimpfte Hanno Kieselbleich. "Sie könnten recht haben, Fräulein Steinbeißer. Aber wenn der Speer doch weg ist wirkt dieser Strafzauber vielleicht nicht mehr."

"Möchten Sie es darauf anlegen?" fragte Albertrude verhalten grinsend. Auf diese rhetorische Frage wollte natürlich niemand antworten. Sicher, Lichtwächter zu sein erforderte Risikobereitschaft. Doch die lohnte sich nur, wenn es auch galt, etwas wichtiges zu erringen oder zu verteidigen. Da meinte einer der gerade durch den Gang hinter der Wand kriechenden: "Wer sagt uns eigentlich, dass Fräulein Steinbeißer recht hat und da unten nichts und niemand mehr ist. Das will ich erst nachprüfen, bevor uns Generalissimus Wetterspitz das Feuer von hundert Drachen unter dem Allerwertesten entzündet."

"Wer war das?" fragte Kieselbleich. "Lichtwachenobergefreiter Rupert Kienspan, Leutnant Kieselbleich", erfolgte die Identifikation. "Ist noch wer dieser Ansicht, dass erst nachgeprüft werden soll, ob Amtshelferin Steinbeißers Angaben zutreffen oder nicht?" fragte Kieselbleich über die Schallverpflanzungszauberverbindung zu allen anderen. Vier der zehn wollten es überprüfen. Sechs wollten schon zurückkommen. Problem war nur, dass der Gang zu schmal war, um zwei Personen aneinander vorbeikriechen zu lassen. Daher musste Kieselbleich eine Entscheidung fällen. "Gut, erst alle im Gang zurück in die Halle. Dann die, die vor Ort nachprüfen wollen wieder rein! Das wird uns womöglich eine Viertelstunde Zeit kosten, aber soll halt so."

Albertrude blieb ganz entspannt auf ihrem Posten. Auch wenn sie es zunächst für sehr dringend gehalten hatte, wichtige Leute zu unterrichten, dass der Speer des Mars von einem Fulminicaldi erbeutet worden war, so war ihre Neugier doch groß, was mit den hinter den Feuerspielern hergeschickten Lichtwächtern passieren würde.

Weil es nicht so einfach war, im Rückwärtsgang durch einen sich windenden Gang zu kriechen dauerte die Rückkehr der zehn Ausgesandten länger als die von Kieselbleich vermutete Viertelstunde. Erst nach fünfundzwanzig Minuten verließ der letzte Lichtwächter den Kriechgang. Die vier, die nun los wollten, um den Gang noch einmal vollständig zu erforschen krabbelten sofort wieder hinein, ohne die angebotene Trinkpause zu nutzen. Die dachten, dass es noch immer auf jede Minute ankam. Die sechs anderen, die nicht weitersuchen wollten versuchten, ohne das von der schwarzen Wand geforderte Blutopfer zu entkommen, indem sie disapparieren wollten. Doch offenbar wirkte in dem Tempel ein Rückhaltezauber. Albertrude prüfte es nach und erkannte, dass der Altar zu einem Locattractus-Zauber gemacht worden war, der jedoch wohl nur bis zur Wand und dem Durchgang reichte. Wer immer das hier eingerichtet hatte war nicht dämlich gewesen, dachte Albertrude mit einem gewissen Respekt vor den Erbauern dieses alten Geheimtempels. So erbrachten die sechs doch das Blutopfer, um ins Freie zu kommen. Tatsächlich ließ die Wand sie passieren. Jetzt wurde es spannend, dachte Albertrude.

Als die sechs Lichtwächter die Treppe zur freigelegten Einstiegsluke nach oben stiegen erinnerte sie sich, wie auf der obersten Stufe dieser eine Mann von den Maglos blitzverjüngt wurde. Der erste der sechs Rückkehrer trat auf die Stufe ... und geriet in einen rotgoldenen Lichtstrahl, der erst ganz golden wurde und dann nach nur wenigen Sekunden erlosch. Statt des einen Lichtwächters lag da nun ein gerade erst wenige Tage alter Säugling auf den Kleidern des Ministeriumszauberers. Die fünf hinter ihm gehenden blieben wie angewurzelt stehen und schüttelten ihre Köpfe. Dann beschlossen sie, in die Anlage zurückzukehren und darauf zu warten, was ihren Kollegen einfallen mochte. Doch als sie sich umdrehten und wieder nach unten stiegen ereilte sie alle zusammen das Schicksal ihres Kollegens. In nur zehn Sekunden lagen dort sechs laut Albertrudes Durchdringungsblick wild schreiende Menschenkinder, die scheinbar erst vor wenigen Tagen geboren worden waren. Offenbar wirkte diese Form von Fluch auch auf das Gedächtnis der Betroffenen.

"Warum wurden sie nicht gleich umgebracht?" fragte Kieselbleich, als seine Leute die unfreiwillig wiederverjüngten bargen, ohne dass ihnen etwas zustieß.

"Womöglich weil es für die Erbauer dieses Tempels eine schlimmere Strafe war, einen gestandenen Mann zu seinem eigenen neugeborenen Sohn zu machen als ihn im heldenhaften Kampf um Ruhm und Ehre zu töten", vermutete Kieselbleich.

Als dann noch die vier, die wieder in den Gang hineingekrabbelt waren, in einer Mulde landeten, deren Boden wohl durch Glättezauber wie Glisseo oder Sapovia so rutschig war, dass sie sich nicht mehr zurückbewegen konnten war guter Rat teuer. Erst als Kieselbleich "Fall Endzeitschlaf" ausrief und sich die vier im Gang steckenden in kokosnussgroße Steinkugeln verwandelten war zumindest die Gefahr des Verhungerns für die vier abgewendet. Späherin Steinbeißer sollte dann aus ausreichender Höhe die vier aus dem Gang herausapportieren und dann möglichst schnell von der Tempelanlage verschwinden, bevor die dort wirkende Magie vielleicht zurückschlug.

Albertrude senkte sich bis auf fünfzig Meter über der Stelle herab, wo das Ende des Kriechganges in der eisglatten Mulde war. Dann apportierzauberte sie den ersten verwandelten Lichtwächter zu sich hin. In dem Moment begann die gesamte Anlage leicht zu beben. Albertrude sah, wie die vier Rüstungen und der Altar des Raumes hinter der schwarzen Wand wie in leere Luft hinein in den Boden hinabstürzten und verschwanden. Das machte sie erst einmal stutzig. Sie versuchte den freien Fall durch festes Gestein mit ihren magischen Augen zu verfolgen. Doch vor lauter magischen Aufruhr sah sie nichts mehr davon. Dann erkannte sie, dass sie mit der Befreiung der Lichtwächter einen unumkehrbaren Vorgang eingeleitet hatte und sie nicht mehr zögern durfte. Schnell wiederholzauberte sie die zeitlose Herbeirufung. Auch diese gelang ihr. Doch dafür erbebte die Tempelanlage bei jedem Befreiten immer heftiger. Aus der Kammer des Speeres loderten nun weißblaue Flammen immer höher. Albertrude erkannte, dass die Mulde, in der nun noch zwei Lichtwächter in ihrer Endzeitpausenform lagen zitterte und immer stärker glühte. Albertrude warnte die draußen wartenden Lichtwächter, dass die gesamte Anlage in Aufruhr war. Sie erhielt den Befehl, die beiden verbliebenen Lichtwächter ebenfalls herauszuzaubern. Sie beeilte sich.

Als sie den vierten Lichtwächter in seiner Kugelform aus dem Gang herausgezaubert hatte stürzte der Gang ein. Zugleich entfuhr der Kammer des Speeres eine viele Dutzend Meter breite, weißblaue Flammengarbe, die sich durch das in sie hineinstürzende Gestein fraß und die darüberliegenden Gesteinsschichten innerhalb von Sekunden in rotglühende Lava verwandelte. Diese wallte wild auf und schnellte laut tosend als feurige Fontäne empor. Doch weil Albertrude bereits vorgewarnt war raste diese bereits mit der einem Harvey-Besen innewohnenden Gefahrenfluchtgeschwindigkeit davon. Laut tosend und spotzend ragte die Lavafontäne noch mehr als zehn Sekunden lang in den Himmel. Dann fiel sie mit lautem Fauchen, Prasseln und Zischen in sich zusammen. Dabei versprühte sie orangerot glühende Tropfen wie einen feurigen Regen, der aus mehr als hundert Metern Höhe auf die bereits davonjagenden Lichtwächter niederfiel. Immerhin hatten sie die betäubten Nichtmagier und deren als erster mit der Wiederverjüngung bestraften Kameraden in Sicherheit gebracht.

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Es mochte eine Auswirkung der ständigen Dunkelheit sein. Doch als Herder nach unten blickte sah er einen winzigen Lichtpunkt. Als er noch einmal genauer hinsah blieb dieser Punkt auf der Stelle wie ein einzelner Stern in einem ansonsten leeren Weltall. Dann sah auch Becker jenes winzige Licht tief unter sich. "Drehen wir jetzt endgültig am Rad, Harii?" fragte Herder. Becker verneinte es. "Stell dir einen Tunnel vor, der nicht geradeaus nach vorne verläuft, sondern nach unten, dann passt das mit dem Licht doch ganz gut."

Sie kletterten nun weiter in die Tiefe. Sie spürten aber auch, dass ihre Arme und Beine immer schwerer wurden. Nur der Halt an der Außenwand der Wendeltreppe bewahrte sie davor, über die Stufen zu kippen und in die immer noch bodenlose Tiefe hinabzustürzen. Meter um Meter stiegen sie nach unten, bis sie sahen, dass das Licht zu einem Ring aus brennenden Feuerkörben wurde. Feuerkörbe, wie sie früher in großen Versammlungshöhlen aufgehängt worden waren, um eine große Halle auszuleuchten. Wo würden sie nun schon wieder landen?

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Der Speer fiel ihnen aus den Händen und landete klappernd auf steinernem Boden. Das für Flavio sichtbare rote Licht an der Spitze erlosch. Nun war es für ihn und seine Söhne völlig dunkel. Die Luft war eiskalt. "Versucht den Nigerilumos-Zauber", zischte Flavio und griff nach seinem eigenen Zauberstab. Tatsächlich konnten sie jenen mysteriösen schwarzen Lichtstrahl zaubern, der beim Auftreffen auf feste Körper im umgekehrten Farbton und Helligkeitsverhältnis widerschien. So konnten sie sehen, dass sie in einer eiförmigen Höhle gelandet waren, die an die zwanzig Schritte lang und fünfzehn Schritte breit und hoch sein mochte. Was den drei Feuerlenkern nach mehrmaligem Umhertasten mit dem Nigerilumos auffiel war, dass es keinen sichtbaren Ausgang gab. Außer dem Speer, dessen Phönixreisezauber sie hergeschafft hatte, befanden sich noch neun im Umkehrlicht rötlich glitzernde Körper in der Kammer. Sie sahen aus wie große, geschmiedete Statuen, die doppelt so groß wie erwachsene Menschen waren. Flavio und Lorenzo, der sich besonders mit altrömischer Zaubereigeschichte auskannte, stöhnten gleichzeitig auf. "Ovum novem bellatorum", seufzte Lorenzo. Flavio herrschte ihn an, das nicht so laut zu sagen. Doch es war schon zu spät.

Die neun überlebensgroßen Eisenmänner regten sich leise knirschend und quietschend. Flavio verwünschte die Abwehrzauber des Tempels, dass er nicht die Zeit gehabt hatte, das Ziel des schnellen Feuerweges genauer zu bestimmen. Der Speer hatte ihn und seine Söhne genau dorthin geschafft, wo früher die mächtigsten Vertreter der Filii Martis um den Rang des Dux supremus, des obersten Führers, gekämpft hatten, mit dem Speer als Richter und Belohnung zugleich. Die neun im Dienste des Mars gefallenen, jungfräulich gebliebenen Krieger, deren Geister in die Körper der Eisernen gebannt waren, bezeugten den Entscheidungskampf. Wer unrechtmäßig hier hinversetzt wurde durfte wählen, den schnellen Tod zu erleiden oder mit einem der neun Eisernen verschmolzen zu werden, um dann, wenn "das Ei" durch das Wort der Entscheidung aufgebrochen wurde, für den unbesiegten Mars gegen alle schwächlichen Wesen in die Schlacht zu ziehen.

Wir, die auf den Tag der Erfüllung wartenden, erkennen drei Blutsgleiche Krieger der hohen Kräfte", hörte Flavio einen der neun mit metallisch nachhallender Bassstimme auf Lateinisch sagen, das er so fließend konnte wie alle daraus entstandenen Sprachen. "Wer wird sich um den Rang des höchsten Führers schlagen und wer wird mit uns wachen, bis der Tag der großen Schlacht anbricht?" fragte der aus jahrhundertelanger Starre erwachte Krieger.

"Wir sind Vater und zwei Söhne. Die Kraft des Speeres hat uns hierhergeführt, ohne dass wir uns darauf besannen", gestand Flavio ein und bückte sich nach dem Speer. "Lass ab von dem Speer, bis du dich seiner würdig erwiesen hast", dröhnte die Stimme des einen Kriegers. Die acht Kameraden griffen leise quietschend nach wuchtigen, zweischneidigen Schwertern.

"Ich habe mich seiner schon als würdig erwiesen", knurrte Flavio Fulminicaldi und ergriff den Speer. Er konnte sich gerade noch zu boden werfen, als vier Klingen über ihn hinwegpfiffen. Auch Atanasio und Lorenzo warfen sich in Deckung. Krachend und laut schabend glitten die geführten Schwertklingen von den Wänden ab. Die Eisernen erkannten, dass sie die drei Eindringlinge so nicht erwischen konnten. Sie steckten ihre Schwerter fort und rückten mit laut klirrenden Schritten auf ihre Gefangenen zu. Da hob Flavio den wieder stärker erbebenden Speer und zielte auf einen der Krieger. Er fühlte, wie eine innere Kraft versuchte, seine Hände vom Schaft zu lösen. Doch das war die gleiche Kraft wie vorhin bei dem kegelförmigen Sockel. Er drängte sie zurück, ja, nach vorne, in die wieder aufleuchtende Spitze hinein. Diese erglühte noch heller. Als gerade der ihm nächste Eisenkrieger sich leise knirschend zu ihm herunterbeugte um ihn mit seinen gnadenlosen Metallfingern zu packen schlug aus der Speerspitze ein weißblauer Blitz heraus und hüllte den Eisernen ein. Im Licht des Blitzes sahen die Feuerlenker den Krieger hellrot aufleuchten. Es knirschte noch lauter und dann stand der Eiserne von einem Gluthauch umgeben auf dem Boden. Flavio fühlte, wie die Kraft des Speeres, die er nach vorne aus ihm hinausgetrieben hatte, von hinten wieder in die Waffe hineinfloss. "Frevler. Die Zeugen dürfen nicht behindert werden", dröhnten nun vier der noch frei beweglichen Metallkolosse. Sie wollten den Speerträger zugleich ergreifen, um ihn den Speer fortzunehmen und wohl auch, um die Seele aus dem Leib des Frevlers herauszupressen wie den Saft aus einer Zitrone. Doch da erglühten zwei von ihnen immer heller und erbebten. Dann erstarrten sie in glutrotem Licht.

Flavio Fulminicaldi fühlte, wie der Speer sich wieder gegen ihn zu wehren versuchte und drängte die ihm entgegenwirkende Kraft in Richtung Spitze zurück. Er zielte auf einen der beiden anderen noch frei beweglichen Krieger und trieb die feurige Wut aus dem Speer. Wieder schlug laut ein weißblauer Blitz aus der Spitze und traf einen der sich frei bewegenden Krieger. Dieser erstrahlte im hellroten Licht. Dann blieb er leicht bebend auf der Stelle stehen. Der vierte Krieger erglühte bereits im roten Schein. Atanasio und Lorenzo hatten ihre besonderen Kräfte zu einer einzigen Kraft verbunden und erhitzten die beweglichen Teile des Kriegers so sehr, dass sie sich in den Gelenken festfraßen. So konnten die Krieger nicht mehr weiterlaufen. Fünf waren nun ausgeschaltet. Die vier, die bis dahin noch an der glatt durchlaufenden Wand gewartet hatten rückten nun vor. Doch diesmal waren die Feuerlenker auf sie vorbereitet. Jeder von ihnen nahm sich einen der magisch belebten Feinde vor und erhitzte dessen Körperteile, bis die Krieger nur noch einen halben Meter entfernt waren. Nach nur einer weiteren Minute standen die Krieger mit zusammengeschweißten Gelenken handlungsunfähig da. Sie konnten noch nicht einmal sprechen. Jetzt gab es nur noch einen frei beweglichen. Dieser wollte Flavio den Speer aus den Händen reißen, da erglühten seine Arme. Dann knirschte es, und der Krieger konnte seine Arme nicht mehr von der Stelle bewegen. Nur drei Sekunden danach erstarrten auch seine Beine.

"Darauf waren die nicht gefasst", sagte Atanasio triumphierend. Lorenzo wies darauf hin, dass die Krieger von einem Schildzauber umgeben wurden, der alle auf Zauberstab wirkenden Kräfte um den zu schützenden herumlenkte. Sie drei hatte wohl nur der Umstand gerettet, dass sie keine auf sichtbare Leuchteffekte wirkende Zauber anwenden mussten, um Gegner auszuschalten. Darauf waren jene, die die Krieger erschaffen und belebt hatten wohl nicht gefasst gewesen. Ebenso durfte es die Erschaffer wohl sehr verwundert haben, dass Flavio die Kraft des Speeres gegen dessen Bewacher einsetzen konnte. Flavio fühlte eine starke Überlegenheit. Ja, er war der rechtmäßige Erbe des Speeres und somit auch der unbestreitbare Führer der Söhne des Mars, sofern es noch welche von denen gab.

"Versuchen wir es noch einmal mit dem Feuersprung?" fragte Lorenzo seinen Vater.

"Gut, versuchen wir es. Haltet euch am Schaft fest und wünscht euch wie ich in unsere Versammlungshalle!" befahl Flavio. Dann hielt er den leicht erbebenden Speer so, dass seine Söhne ihn ergreifen konnten. Noch einmal dachte er die lateinische Formel für den Weg des Feuers aus dem Unheil. Dabei stellte er sich jedoch die große, von Orange- und Rottönen beherrschte Versammlungshalle in seinem Palazzo vor. Er fühlte zugleich, wie die Gedanken seiner Söhne sich mit seinem Wunsch vereinten. Der Speer erbebte, wand sich und erwärmte sich. Doch dann umschlang sie drei jene orangerote Feuersphäre. Als diese mit lautem Fauchen in sich zusammenstürzte hinterließ sie neun durch verschmolzene Gelenke zur Bewegungslosigkeit verurteilte Metallkrieger. Doch diese schickten unhörbare Rufe aus, dass Verrat am Willen der Bruderschaft begangen worden war und die verfeindeten Söhne des Vulcanus unerwünschte Nachfahren ausgeschickt hatten, um das alte Erbe zu stehlen. Fünfmal eilte der neunfache Ruf in die Weiten von Raum und Zeit hinaus. Es erfolgte keine Antwort. Da wussten die in die Metallkörper eingeschlossenen Wächterseelen, dass ihre Herren nicht mehr lebten und das alte Erbe somit niemals mehr den rechtmäßigen Besitzer erreichen konnte. Diese Erkenntnis war gleichbedeutend mit einem neuerlichen Erstarrungszauber. So verfielen die neun bewegungsunfähig gewordenen Krieger wieder in jene eigentlich nur abwartende Starre. Doch diesmal würde sie wohl ewig anhalten. Denn hierher würde keiner mehr kommen, um sich im offenen Kampf des Speeres und der damit verbundenen Macht als würdig zu erweisen. Das Ei der neun Krieger verfiel wieder in jenen Zustand völliger Untätigkeit, in dem es über mehr als eintausend Jahre hinweg zugebracht hatte.

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Als Hari Becker und Willi Herder in einer geräumigen Halle eintrafen sahen sie nur eine Reihe von aufrecht stehenden Statuen, alles Männer in altrömischen Rüstungen mit Schilden und Wurfspeeren bewaffnet. Dann meinten sie, etwas bewege sich in ihren Köpfen. Das nächste, was sie sahen war ein greller Blitz. Dann schwanden ihnen die Sinne.

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Aus dem Nichts heraus explodierte eine orangerote Flammensphäre. Erst schrillten die Eindringlingsmeldezauber los. Doch nach nur zwei Sekunden wurde aus dem wilden Alarmgetröte eine triumphale Begrüßungsfanfare. Eine magische Männerstimme verkündete die Rückkehr des Hausherren Flavio Fulminicaldi. Dieser lachte laut auf und reckte den nun von ihm allein gehaltenen Speer nach oben. "Ego filius martis supremus sum. Gloria tota teneo!" rief er. Seine Söhne wagten nicht, ihm zu widersprechen. Denn der familiäre Bluteid zwang sie zum bedingungslosen Gehorsam ihrem Anführer gegenüber. Ihnen blieb nur, zuzusehen, wie ihr Vater den erbeuteten Speer des unbesiegten Mars in die Kammer der Familienschätze trug und dort in einem mit Blutsiegelzauber gesicherten Schrank hineinstellte. "Ab diesem Tage werden wir, die Söhne des Vulcanus, mit dem Speer des Feuers und der Unbesiegbarkeit die alten Rudel neu beleben undd endlich die uns längst gebührende Rangstellung einnehmen, als mächtigste und alle anderen bestimmende Familie der großen Bruderschaft", verkündete Flavio im Rausch des errungenen Schatzes und der damit verknüpften Macht. Atanasio, der Erstgeborene, fühlte eine ähnliche Freude. Denn wenn es keine neuen Mitbewerber um den Speer des Mars gab würde er den Speer eines Tages erben, als Waffe und Herrschaftszeichen zugleich. Lorenzo, der zweitgeborene, erkannte, dass er in dieser Geschichte keinen vorrangigen Platz mehr einnehmen würde. Doch er dachte auch daran, dass die Germanen, wie er die Lichtwächter genannt hatte, eines der Räder vom Streitwagen des Mars besessen haben mussten, weil die wussten, wo der Tempel war. Was war mit den beiden anderen Rädern? Falls auch diese die Auffindung des Tempels vermeldet hatten, warum waren deren Besitzer noch nicht dort erschienen? Was wenn die nur darauf warteten, dass der Speer aus dem Tempel entführt wurde, um ihn dann von woanders zu stehlen? Am Ende mochten sie einen kleinen Sieg errungen haben, nur um in einen blutigen Krieg zu geraten, wenn die noch lebenden Söhne des Mars erkannten, wo der Speer war. Blieb den Fulminicaldis dann nur die Feuerlenkung als ihre ganz besondere Geheimwaffe?

Trinken wir auf unseren ruhmreichen Sieg, meine Söhne!" befahl Flavio, als er den Schrank mit dem Speer wieder verschlossen hatte. Das ließen sich die zwei jüngeren Fulminicaldis nicht zweimal sagen.

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Hari Becker fühlte einen kalten Luftstrom über sein Gesicht streichen und hörte ein dumpfes Brausen. Er öffnete die Augen und blickte voll in eine kreisrunde Öffnung hinein, aus der helles Tageslicht herabfiel. Er fühlte neben einem leichten Pochen im Schädel und einem unangenehmen Kribbeln in Armen und Beinen, dass er auf einer harten Unterlage ausgestreckt lag. Dann hörte er Willi Herders Atem und dann das leichte Schaben, als der sich bewegte. Dann nahm er einen nicht erwarteten Geruch wahr. Es roch nach verrostetem Eisen. Den Geruch kannte er von unzähligen Besuchen auf dem Schrottplatz seines Vaters, wo er die noch brauchbaren Teile aus den dort abgeladenen Rostlauben auszubauen hatte. Rost? So viel davon, dass es stank? Oder war es am Ende Blut? Das sollte ja so ähnlich riechen, wenn genug davon vergossen wurde, wusste er von Xaver Hofer, der früher als Metzger gearbeitet hatte. Hari Becker stemmte sich in eine sitzende Haltung. Dann sah er sich um und fragte sich leise, ob er jetzt doch noch verrückt wurde oder jeck, wie sie im Rheinland sagten.

"Hari, kneif mich mal bitte oder erzähl mir, dass du auch einen abgewrackten Löwenkäfig um uns herum siehst, so ähnlich wie sie den früher im Zirkus benutzt haben", grummelte Willi Herder. Hari Becker stemmte sich auf die noch zitternden Beine und ging zu seinem Kollegen hinüber. Dieser blickte sich noch ungläubig um. Doch auch Hari sah die drei Meter hohen, völlig von Rost überzogenen, armdicken Stäbe, die zusammen einen kreisrunden Käfig bildeten, dessen oberer Rand durch einen nicht minder verrosteten Ring zusammengehalten wurde. Er sah auch zwei Türen, die von außen mit betagten Riegeln versperrt waren. Dann erkannte er, dass sie auf einer vom Zug der Schwerkraft plattgepressten Sanddecke standen, die den Boden des Käfigs ausfüllte. Dann stieß Willi Herder einen heftigen Fluch aus und deutete auf einen Raum zwischen zwei Gitterstäben hindurch. "Bewahrungstelle für wertlos befundene, die nur noch als Leibsklaven oder Zuchthengste für die Schwestern der Söhne des Mars zu dienen haben", sagte Willi, nachdem er seinem Kollegen die in die Wand außerhalb des Käfigs eingravierten Zeielen auf Lateinisch übersetzt hatte. "Ein Sklavenkäfig? Wir sind auf einem alten Sklavenmarkt gelandet? Und wer bitte soll das sein, die Söhne des Mars? Kleine grüne Männchen?"

"Jipp-jipp-jipp", imitierte Willi die Geräusche der in der Sesamstraße auftretenden Marsmenschen. Dann sagte er: "Das ist wohl eher religiös gemeint, Hari. Mars war bei den Römern der Kriegsgott, der für das wilde aufeinanderhauen zuständige. Mit Söhnen des Mars waren wohl Krieger gemeint, eine Kriegersekte. Ja und wir sind durch deren Magie als unwürdige erkannt und hier abgeliefert worden. Wo und wann wir jetzt sind wissen wir nicht."

"Jedenfalls sind wir nicht in die Römerzeit zurückgereist. Denn sonst wäre dieser Käfig da nicht so verrostet", sinnierte Hari Becker.

"Gut, dass du das sagst. Ich hätte das sonst echt noch für möglich gehalten", erwiderte Willi Herder.

"Dann sehen wir mal zu, dass wir hier wegkommen", sagte Hari Becker. Er trat an die Gitterstäbe heran und streckte seine Hand aus. "Pass auf, nicht dass du eine gewischt kriegst!" warnte Willi Herder. Doch Hari Becker schüttelte den Kopf und berührte den Gitterstab.

Er meinte, tausend wilde Bienen in seinem Schädel zu hören. Gleichzeitig meinte er, keinen Körper mehr zu haben. Dann fühlte er, wie er nach hinten fiel und auf seinem Hinterteil landete. Zugleich erstrahlte der gerade von ihm berührte Gitterstab in gelbem Licht. Dann sah es so aus, als stünde der Stab, ja der gesamte Käfig, in smaragdgrünen Flammen. Doch es ging keine Hitze von diesem unirdischen Feuer aus. Es war eher so, als bliese jemand frische Gebirgsluft in diese Höhle hinein. Willi Herder sprang zu Hari Becker und zog ihn weiter von den Gittern fort. "Du hast irgendwas angetitscht, vielleicht einen Abwehrzauber, damit keiner aus dem Käfig flüchten kann", sagte Willi.

"Was du nicht sagst", erwiderte Hari Becker. Dann sahen er und Willi, wie die Flammen wieder zusammenfielen. Doch statt verrußte Gitterstäbe zu hinterlassen umgaben die beiden nun blitzblanke, völlig rostfreie Metallstäbe. Auch der sie umlaufende Ring am oberen Rand war nun völlig rostfrei. Es war, als habe jemand den Käfig um mehr als hundert Jahre in die Vergangenheit versetzt oder besser, seinen ursprünglichen Zustand wiederhergestellt.

"So wie der Käfig jetzt aussieht kommen wir da so nicht raus", knurrte Willi Herder.

"Das will ich wissen", knurrte Hari Becker und stürmte vor, bevor sein Kollege ihn noch einmal zurückhalten konnte. Er griff an einen der Gitterstäbe und fühlte ein Brausen durch den ganzen Körper. Zugleich meinte er, in einen farbigen Wirbel hineinzustürzen. Doch diese Empfindung hielt nicht lange vor. Als er wieder Herr seiner Sinne war fand er sich genau in der Mitte des runden Käfigs wieder. Ja, und noch was erkannte er. Er hatte keinen Fetzen Kleidung mehr am Körper, und auch seine Ausrüstung war verschwunden. Als er sich umsah konnte er noch die in sich zusammenfallenden Aschereste erkennen, die wohl früher seine Kleidung gewesen waren. Willi Herder, der nun zwanzig Meter von ihm fort stand blickte ihn mit angstgeweiteten Augen an.

"Ich dachte, dieser Hexenkäfig zerbröselt dich. Doch der hat dich nur in die Mitte zurückgegeamt, aber dabei alle deine Klamotten aufgelöst."

"Brr, ist das kalt ohne alles", knurrte Hari Becker, den die Neuigkeit noch nicht so recht erreicht zu haben schien. Dann sagte er mit sehr ernster Stimme: "Wenn das echt so ist, dass wir hier jetzt solange bleiben, bis jemand den Käfig von außen aufmacht können hundert Jahre vergehen."

"Ja, und wir sind bis dahin verhungert", grummelte Willi Herder. Doch dann fiel ihm ein, dass sie vorhin ja auch schon in einem angeblich ausweglosen Raum gesteckt hatten. Am Ende war das noch so ein gemeiner Rätselraum für die, die sich nicht aufgaben. So begannen sie, den festgetretenen Sand zu untersuchen, ob in dem nicht die Lösung für dieses Rätsel steckte.

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Eine Stunde nach der Meldung, dass der geheime Tempel endgültig verschlossen worden war trafen sich alle am Einsatz beteiligten Lichtwächter und Albertrude Steinbeißer im Berliner Zaubereiministerium mit Generalissimus Wetterspitz und erstatteten Bericht. Albertrude, die für alle anderen immer noch Albertine war, erwähnte, dass die drei nichtmagischen Männer, die durch den Raum mit dem Speer gegangen waren, irgendwoanders abgesetzt worden sein mussten. Auf die Frage, warum sie nicht hatte sehen können, wohin die drei Nichtmagier verschwunden waren erwähnte sie, dass in den Decken Verhüllungszauber gesteckt haben mochten, die aus der Entfernung nicht mit ihrem magischen Blick zu durchdringen gewesen waren. Jedenfalls sei die unterirdische Tempelanlage nun fest mit dem Erdreich verschmolzen. Es war nicht mehr zu erkennen, dass dort einmal unterirdische Gänge und Räume existiert hatten. Als Albertrude noch einmal erwähnte, weshalb die Magielosen diesen Tempel überhaupt hatten findenund betreten können seufzte Andronicus Wetterspitz. "Es erweist sich immer mehr, dass die elektrischen Magieersatzgerätschaften althergebrachte Zauber durcheinanderbringen und damit Sachen freilegen, die eigentlich verborgen bleiben müssen. Das ist wie mit der Dracheninsel damals, wo eine auf scharf gebündeltes Licht basierende Ortungsgerätschaft den Tarnzauber durchlöchert hat und es fast einen heftigen Krach zwischen dem Britischen und dem US-Zaubereiministerium gegeben hat, weil dabei ein kapitales Drachenweibchen zu Tode kam", sagte Wetterspitz. Dann erwähnte er noch, dass die magisch wiederverjüngten Lichtwächter in die Wurzelmannklinik überstellt worden waren, wo sie magischen Pflegeeltern zugeführt werden sollten. Der verjüngte Expeditionsleiter sollte in einem nichtmagischen Krankenhaus abgegeben werden. Sein Verschwinden wurde mit einer Gasexplosion unter der Erde erklärt, der die anderen gerade noch entgangen waren. Albertrude stellte sich unwissend, was den Speer anging und fragte, welche besonderen Eigenschaften der hatte. Dabei erfuhr sie wie alle anderen, dass bei dessen Herstellung wohl auch ein alter Phönix verwendet worden war, dessen Asche in die Spitze des Speeres eingefügt worden war und zwar so, dass es keine Wiedergeburt geben konnte. Somit sei der Speer zum Teil mit dem Leben eines Phönix erfüllt, zum anderen Teil wohl auch ein Horkrux, und was das hieß wussten hier im Raum alle spätestens seit den Enthüllungen über die Natur des britischen Massenmörders mit dem unaussprechlichen Namen. Es war also möglich, dass der Speer ein gewisses Eigenleben entwickelte und den, der ihn erobert hatte zu haarsträubenden bis grauenvollen Taten treiben konnte. Da es nun sicher war, dass ihn die Fulminicaldis erbeutet hatten hatte Minister Güldenberg zusammen mit Eilenfried und Andronicus Wetterspitz eine nichtöffentliche Besprechung mit den italienischen Kollegen vorgeschlagen, um die Angelegenheit zu klären.

"Wenn die Fulminicaldis mehr über den Speer wussten als ich", setzte Albertrude an, "dann wissen die hoffentlich auch, dass der Speer eine Zeitbombe ist, die man nicht ständig herumkullern darf. Vielleicht reicht es dem alten Brandstifter auch nur aus, dass er den Speer in seinem eigenen Schatzkeller wegschließen kann und kein anderer den bekommt. Aber das ist eben nur eine Hoffnung", sagte Albertrude. Dieser Hoffnung schlossen sich alle hier anwesenden an.

sie waren gerade dabei, das Besprechungsprotokoll zu verlesen, um durch ihre Unterschrift zu bestätigen, dass es in Ordnung war und dass es in der benötigten Kopienzahl in den Geheimakten der Stufe S8 abgelegt werden sollte, als eine Blitzeule aus der Abteilung für internationale Zusammenarbeit eintraf. Als Andronicus Wetterspitz den Anwesenden vorlas, was die Eule überbracht hatte musste sich Albertrude sehr anstrengen, nicht lauthals zu lachen. Sie sah aber auch bei den anderen, dass sie ein schadenfrohes Grinsen nicht unterdrücken konnten.

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Das einzige, was sie im Sand fanden waren die Löcher, die sie hineingruben und die Haufen, die sie dabei aufwarfen. Kein Schlüssel, kein magischer Gegenstand, kein wie auch immer beschaffener Hinweis, wie sie dem Käfig entkommen konnten. Hari Becker und Willi Herder seufzten resignierend. Vor lauter Frustration sprang Willi gegen die Gitterstäbe. Dabei sah Hari, was ihm vorhin widerfahren war. Willi Herders Körper löste sich in einer schillernden Lichtentladung auf. Für eine Sekunde hing nur seine aus sich heraus grün qualmende Kleidung in der Luft. Dann ploppte es laut, und ein völlig nackter Willi Herder plumpste in der genauen Mitte des Käfigs auf den bereits umgegrabenen Sandboden. In dem Moment zerfiel dessen am Ausgangsort zurückgebliebene Kleidung zu weißgrauem Staub. "Zumindest sind wir zwei nun gleichgut angezogen", scherzte Willi Herder. Er sah sich und dann Hari an. Die körperliche Arbeit und das regelmäßige Fußballtraining hatten sie beide in einem ansehnlichen Zustand gehalten. Doch da sie beide verheiratet waren interessierte sie das nicht mehr.

Zum x-ten mal an diesem Tag, von dem er nicht wusste, ob der nur 24 Stunden oder gar eine Woche gedauert hatte, dachte Hari Becker, dass er gleich jeck werden würde. Denn nun sah er wahrhaftig ein Gespenst.

Die Erscheinung trat aus der dem Käfig gegenüberliegenden Wand hervor. Sie war so groß wie ein zwölfjähriges Kind oder ein kleinwüchsiger Mensch. Der Widerschein des von oben einfallenden Tageslichtes durchdrang den perlweißen Körper, der in ein merkwürdig nebelhaftes Kleid gehüllt war. Vor allem aber konnte Hari Becker sehen, dass die Erscheinung weibliche Körperformen besaß.

Hari stupste seinen Kollegen an und fragte ihn, was er in der von ihm angegebenen Richtung sah. Als Willi sein Gesicht verzog und erbleichte wusste er, dass auch Willi die Geistererscheinung sah. Diese näherte sich dem Käfig von außen. Dieser flimmerte nun. Da stieg die Erscheinung mit sanft schwingenden Armen und Beinen nach oben über den ringförmigen Rand hinweg bis fast zur Decke. Dann kippte sie nach vorne und schwamm in der dünnen Luft wie ein junger Hund durch den Raum. Der Käfig erglühte kurz, als die Geisterfrau über den Rand hinwegglitt und dann sanft wie eine Feder in der Käfigmitte herabsank.

"Jetzt ist es soweit. Jetzt sind wir ein Fall für die Klapse", knurrte Willi Herder. Dann drehte sich die durchsichtige Erscheinung zu ihnen um und winkte. Sie bewegten sich nicht. Dann öffnete die unirdische Gestalt ihren Mund und sagte etwas mit einer merkwürdig hohl klingenden aber ansonsten hellen Stimme. Doch Hari verstand sie nicht. Da schüttelte die Geisterfrau ihren Kopf so heftig, dass dieser ihr glatt von den Schultern brach und einen halben Meter über ihrem Hals in der Luft hing. Sofort lief das bis dahin perlweiße Geistergesicht silbern an, während die Geisterfrau sich an die Ohren fasste und den losgelösten Kopf wieder auf ihren Hals setzte. Dann sprach sie wieder zu den beiden. Willi Herder verstand offenbar was, denn er antwortete ihr. Dann sprach er zu Hari: "Die Dame da, die nicht nur ich sehen und hören kann behauptet, die Tochter eines römischen Zauberers gewesen zu sein, der ihr wegen Sympathie für das Christentum mal eben die Rübe abgehauen hat, als sie gerade mit einem Christen vor den Altar treten wollte. Seitdem beobachte sie diesen Ort, wo die von den Söhnen des Mars für niedere Sklavenarbeit eingefangenen aber mutigen Männer angelandet werden. Ich hoffe, mein Latein hat da noch gereicht."

"O ja, junger Herr, dies hat es in der Tat", erwiderte die Geisterfrau nun auf Deutsch. Dann sagte sie noch: "Ihr habt es fast richtig übersetzt. Doch ich wurde nicht von meinem Vater enthauptet, sondern von meinem Schwiegervater, der keine lebendige Hexe als Schwiegertochter dulden wollte. Soviel zur Nächstenliebe und zur Toleranz andersartigen Menschen gegenüber. Ihr tragt keine eigene Magie in euch, richtig?"

"Wenn wir das täten wären wir garantiert schon weg von hier", grummelte Hari Becker. "Dies ist ein Trugschluss, der Herr. Denn dieser Käfig dient dazu, Träger der Magie zurückzuhalten, bis die Sklavenhändler der Filii Martis nachsehen, ob wieder wer neu dazugekommen ist. Doch hier in der Gegend von Mantua leben keine mehr von denen", sagte die Geisterfrau. "Achso, die Höflichkeit gebietet, dass wir uns vorstellen. Ich bin Candida Silvestra Apuliana, Tochter des Aurelius Apulianus, Magister Artium occultarum und bewohne diesen Landstrich bereits seit eintausendsiebenhundertneunzehn Jahren."

"Harald Becker, Hilfsarchäologe der Universität von Köln", erwiderte Hari Becker. Willi stellte sich auch vor. "Ach, die Colonia Claudia Ara Agrippinensium", sinnierte die Geisterfrau. "Ja, die durfte ich auch schon besuchen. Ach ja, was mich herrief war der Rückhaltezauber, der neue Sklaven davon abbringen soll, den Käfig zu verlassen und sie zugleich aller Habe entblöst. Da einer meiner Vorfahren in diesem Käfig sein Leben ließ besteht eine gewisse postrmortale Bindung dazu. Der Käfig kann auch Geister aussperren, wenn sie nicht hoch genug über seinen Rand hinwegsteigen."

"Wer kneift wen zuerst?" fragte Hari Becker. Doch statt dass Willi ihn in den Arm kniff glitt die durchsichtige Frauengestalt auf ihn zu und schob ihre rechte Hand durch seinen Arm. Es war, als würde sein Arm in Eiswasser eingetaucht. "Ist dies deutlich genug, um zu wissen, dass Ihr nicht im Traum wandelt?" fragte die Geistererscheinung. Dann umarmte sie Hari Becker noch. Er meinte, gleich in das antarktische Meer einzutauchen. "Brrr", machte er. "Ja, stimmt, istt auch für unsereins unangenehm, weil Eure Körperwärme unsere Ausdauer aufzehrt", sagte die Nachtoderscheinung einer enthaupteten Römerin. Dann sagte sie: "Euch ist sicher daran gelegen, freizukommen, richtig?" Hari Becker nickte immer noch bibbernd. "Gut, so werde ich die für unsereins zuständige Verwaltungsstelle im Ministerio di cose magiche aufsuchen und Eure Ankunft bekanntgeben. Seid froh, dass die Dreiblüterin nicht mehr auf ihrem Königinnenthron hockt. Die würde euch glatt hier verhungern lassen, und dann müsstet ihr womöglich entscheiden, ob ihr ebenfalls als Umbrae mortuorum weiterbestehen sollt, so heftig wie die Rückhaltemagie euch mit unlenkbarer Zauberkraft angereichert hat. Bis gleich", sagte die Geisterfrau, winkte und flog schnell nach oben, weit genug über den Käfigrand hinaus und verschwand durch die Decke in der Höhle.

"Haben wir das gerade erlebt oder nur geträumt?" fragte Willi Herder. "Da wir zwei immer noch nackig sind und ich immer noch das kalte Bibbern habe, weil diese Gespensterbraut mich umarmt hat bin ich mir sicher, dass wir das abgedrehte Ding gerade echt erleben", sagte Becker. Willi Herder nickte nur und prüfte schnell, ob sein Kopf noch fest auf den Schultern saß.

Weil sie keine Uhren mehr hatten wussten sie nicht, ob es nur zwei Minuten oder eine Stunde dauerte, bis in einer Seitenhöhle mehrmals lautes Krachen erklang. Dann tauchten Männer in rot-weiß-grünen Umhängen und spitzen weißen Hüten auf. Einer von denen sprach mit akzenthaltigem Deutsch und stellte sich und seine Leute als Katastrophenbeseitigungstruppe des italienischen Zaubereiministeriums vor. Danach holten die fünf Männer echte Zauberstäbe hervor und wedelten damit vor den Gitterstäben. Diese blitzten auf, sprühten Funken, summten oder bebten wild. Die Riegel an den Türen schleuderten sogar heftige Blitze, bis jemand eine aus sich heraus himmelblau leuchtende Riesenhand aus dem Zauberstab beschwor, die unter wilden weißen Funken die Rigel der Türen öffnete. Als die Tür aufging erbebte der gesamte Käfig noch einmal. "Die haben echt sehr langlebige Zauber gekonnt, die alten Römer", meinte einer der fünf, der komischerweise akzentfreies Deutsch sprach und unter dessen Zaubererhut flachsblondes, hnackenlanges Haar hervorlugte. Auf Beckers Frage, wieso der Mann so gut Deutsch konnte und so nordländisch aussah sagte der: "Wie bei Ihnen auch sucht und findet die Liebe ihre Wege. Der weg meiner Liebe führte mich nach Bologna zu einer Reporterin der Strege colorate, einer Illustrierten ähnlich Ihrer Bunten in Deutschland, Klatsch und Tratsch, wenn vor zwei Jahren auch noch unter der Fuchtel einer ganz üblen Femme Fatale. Aber das ist für sie zwei eh nicht von Bedeutung."

Einer der anderen sprach nun auf den blonden Zauberer ein. Der nickte und winkte die beiden Gestrandeten aus dem Käfig heraus. "Ich darf mir gleich von Ihnen einen in allen Einzelheiten abzufassenden Bericht anhören, wie Sie den Weg in diesen Käfig gefunden haben, bevor wir beschließen, wohin Sie zurückgeschickt werden sollen", sagte der Blonde. Hari Becker knurrte nur, dass sie sie am besten gleich nach Köln zurückbeamen sollten. "Ja, da geht's schon los, zu viele Moggli oder Maglos, wie magielose Leute in Deutschland auch genannt werden, ach ja, amtsdeutsch korrekt Menschen ohne magische Ausprägungen, MohnmA. Aber die meisten Deutschen sagen nur Magielose oder Maglos. Jedenfalls dürfen Menschen nicht mal eben in eine Stadt wie köln reingebeamt werden, weil das nur unnötig viel Schreibkram verursacht, und darauf habe ich heute keine Lust."

"Soso, Schreibkram. Sie wollen mir allen Ernstes erzählen, dass Sie echte Zauberer sind und dass Sie sowas wie eine eigene Regierung mit eigener Bürokratie und dergleichen haben", knurrte Willi Herder. "Wollen will ich das nicht, und es wäre eh eine Zeitverschwendung, weil es Ihnen nichts brächte, das zu wissen, oder wem wollen Sie das erzählen, ohne Angst vor einer Einweisung in eine Ihrer Nervenheilanstalten haben zu müssen?" fragte der Blondschopf.

"Wo der Kerl recht hat", knurrte Hari Becker. "Hömm-ömm, den Kerl will ich jetzt nicht gehört haben. Immerhin hängt Ihr weiteres freies Leben auch davon ab, was ich von Ihnen erfahre, meine Herren."

Die zwei Männer wurden vor die Höhle mit dem Käfig geführt. Dort verloren Hari Becker und Willi Herder ohne ersichtlichen Grund ihre Besinnung. Als sie diese wiederfanden befanden sie sich in einem kleinen Saal und saßen auf gepolsterten Stühlen. Ihnen wurde angeboten, erst einmal was zu trinken. Becker und Herder gönnten sich den Scherz, Kölsch zu bestellen und wunderten sich nicht schlecht, als der Blondschopf, der sich als Boris Heckenwurz vorstellte, ein veritables Pittermännchen und zwei Original-Kölschgläser aus dem Nichts beschwor. "Mein Vetter aus dem Rheinland trinkt das Zeug auch gerne, wenn er mit seiner Angetrauten Sommerferien bei uns macht. Der verschmäht die guten Weine der Halbinsel. Aber Prost zusammen!"

Willi und Hari schnupperten erst. Dann tranken sie. Danach meinten sie, schon mehr als drei oder vier Gläser des Kölner Nationalgetränkes geschluckt zu haben. Denn sie wurden überaus redselig. Denn sie erzählten ohne Argwohn, was sie in die Lage gebracht hatte, am Ende in einem magischen Löwenkäfig gelandet zu sein und was ihnen in dieser Tempelanlage passiert war, ja dass sie eigentlich zu dritt gewesen waren und ihr Kollege Xaver Hofer, der wohl eher eine Maß Münchener Gerstensaftes geordert hätte, die Feuerprobe verfehlt und deshalb sein Leben gelassen hatte.

Als die Befragung nach wohl zwei Stunden beendet war sagte Heckenwurz oder wie er auch immer hieß, dass die beiden nun auf Kosten des Ministeriums übernachten dürften. Am nächsten Tag würde entschieden, wie sie in ihre alte Heimat zurückgebracht werden sollten. Dann wurden die beiden mit einem scheinbar altersschwachen Fiat durch Rom gefahren und in einer kleinen Pension abgesetzt. Heckenwurz zahlte der ziemlich beleibten Pensionswirtin mehrere Goldmünzen und geleitete die zwei mit italienischer Durchschnittskleidung versorgten Männer in ihr Zimmer. Dort konnten sie sich ausruhen.

"Das träumen wir echt nur", dachte Hari Becker. Doch dann fiel ihm ein, dass um aufzuwachen auch erst einmal eingeschlafen werden mochte.

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"Sie reisen mit der Kollegin Weizengold und unserem Verbindungszauberer aus der internationalen Zusammenarbeit nach Rom und holen die zwei Irrfahrer aus Köln zurück", sagte Wetterspitz zu Albertrude. Diese nickte. "Und die konnten noch nicht zurückgeschickt werden, weil sie noch warten müssen, bis das ihnen eingeflößte Veritaserum abgeklungen ist?" fragte Albertrude skeptisch. "In Verbindung mit Alkohol wirkt dieses ein wenig länger nach, und dieser Bierersatz, den sie in Köln ausschenken verzögert die Abklingzeit aus mir nicht bekannten Gründen noch mehr."

"Bierersatz, Herr Wetterspitz? Kölsch ist eine Institution, kein Ersatz", beschwerte sich Kieselbleich ungeachtet, dass er mit seinem zweithöchsten Vorgesetzten überhaupt sprach. "Wie der Karneval, die Kirche gleich beim Hauptbahnhof und die darin angeblich aufbewahrten Gebeine dreier Sterndeuter", schnarrte Wetterspitz. "Ja, und weil das so nebensächlich ist verzichte ich auf eine dienstliche Rüge wegen unangemessener Kritik an meiner Wortwahl, Herr Leutnant Kieselbleich. Ihr Glück, dass ich mir wegen Kölsch keine Schreibarbeit aufhalsen will. Aber zu Ihrer berechtigten Frage, Fräulein Steinbeißer, die Kollegen in Italien gehen von drei bis vier Stunden aus, bis die Gehirne der beiden MohnmAs wieder frei von magischer Beeinflussung sind und eine gefahrlose Gedächtnisbezauberung möglich ist. Bis dahin dürfen Sie und Fräulein Weizengold die Tarngeschichte entwickeln, wie die zwei mit der Expedition zusammen entkommen konnten", sagte Wetterspitz. Albertrude nickte. Sie wusste, dass Bärbel Weizengold nicht gerne mit ihr zusammen verreiste, weil die was an Albertines homophiler Lebensweise auszusetzen hatte, beziehungsweise sich davon bedrängt fühlte. Tja, wenn die wüsste, dachte Albertrude.

Einige Zeit später landeten sie und die blonde, hoch aufgeschossene Hexe Bärbel Weizengold per genehmigtem Portschlüssel im italienischen Zaubereiministerium zu Rom. Dass sie beide einmal wieder freiwillig hierher kommen würden hätten sie vor zwei Jahren wohl noch nicht gedacht.

Drei Stunden später brachten die zwei Hexen nach dem unvermeidbaren Pergamentkram zwei tief schlafende Hilfsarchäologen per Portschlüssel zurück ins Rheinland, wo sie sie im stättischen Krankenhaus zu Köln ablieferten. Sie hatten ihnen einige leichte Verbrennungen zugefügt, um ein knappes Entkommen aus einer Gasexplosion zu erklären. Wenn die zwei wieder aufwachten würden sie denken, jeder habe was unterschiedlich abwegiges geträumt.

Als Albertrude wieder in ihrem eigenen Haus war und den dort immer noch im magischen Tiefschlaf liegenden Erasmus Söderdiek betrachtete fiel ihr wieder ein, was sie in den nächsten Tagen und Wochen noch zu erledigen hatte. Ein kurzer Blick auf ihren geheimen Monatskalender verriet ihr, dass sie zwischen dem vierten und zehnten April ihre fruchtbaren Tage haben würde. Bis dahin wollte sie noch mehr über den wissen, der ihr zu einem Sohn verhelfen sollte, damit sie endlich das von Gertrude hinterlassene Erbe antreten konnte.

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"Man träumt schon total bescheuertes Zeug zusammen", grummelte Hari Becker, als er am Nachmittag des 19. März mit seinem Kollegen Willi Herder zusammentraf. Willi hatte von einer Höhle mit einem brennenden Speer geträumt, der nur für die war, die auch bereit waren, damit Krieg zu führen. Hari hatte von einer Party geträumt, bei der er mit Gespensterfrauen getanzt hatte. Jedenfalls wussten sie beide, dass sie nach einer heftigen unterirdischen Gasexplosion, bei der sowohl ihr Expeditionsleiter Kuhlmann, sowie ihr Kollege Hofer ums Leben gekommen waren, im stättischen Krankenhaus von Köln wieder aufgewacht waren. Was die Gasexplosion ausgelöst hatte und wie es den mitgekommenen Studenten und dem Radioreporter ging hatten sie nicht erfahren. Laut Arztbericht würden sie wohl noch eine halbe Woche zur Nachversorgung im Krankenhaus bleiben müssen. Die Trauerfeier für Professor Kuhlmann und Xaver Hofer sollte erst dann stattfinden, wenn auch sie beide wieder auf dem Damm waren, so der Fachbereichsleiter Archäologie. Damit konnten und mussten Hari Becker und Willi Herder leben. Nichts an und in Ihnen wies noch darauf hin, dass sie gänzlich unbeabsichtigt mit einer Welt in Berührung geraten waren, die aus guten Gründen vor dem überwiegenden Teil der Menschheit geheimgehalten wurde.

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Seit drei Wochen trug Narzissa Malfoy ein Wehenwarnband. Die von ihr gewählte Hebamme vermutete, dass sie zwischen dem 16. und 25. März diesen auf unheimliche Weise empfangenen Jungen gebären musste, der eigentlich ihr Neffe hätte werden sollen, wenn dieses Spinnenweib nicht ihre Schwester Bellatrix heimgesucht hätte. Ja, und weil Bellatrix in der Schlacht von Hogwarts getötet worden war musste sie, Narzissa, den von Rodolphus gezeugten Jungen zu Ende tragen und als ihren zweiten Sohn bekommen. Immer zwischen Selbstvorwürfen und Entschlossenheit pendelnd dachte sie daran, dass sie diesem Jungen, der da in ihrem Bauch steckte, klarmachen musste, dass er diesen alten Baum fällen musste aber auch zusehen sollte, sich einen hohen Rang in der Zaubererwelt zu verschaffen, etwas, das ihr Mann Lucius eigentlich von seinem natürlich gezeugten Sohn Draco erhofft hatte.

Lucius hatte sich damit abgefunden, ein später Vater zu werden und dass er angeblich einen Moment der Schwäche erlebt hatte, seine Frau noch einmal in andere Umstände zu versetzen. Bei Draco war sich Narzissa nicht sicher, wie der mit der Aussicht, einen kleinen Bruder zu bekommen klarkam. Seitdem es zum endgültigen Bruch zwischen ihm und seinem Vater gekommen war hörte sie nur noch was von Scorpius, weil dessen Mutter wollte, dass dessen Großmutter über die weitere Entwicklung benachrichtigt wurde. Von Draco selbst bekam Narzissa keinen Brief mehr, nachdem sie ihm geschrieben hatte, dass sie wohl im März 2008 ein zweites Kind bekommen würde. Klar, Draco empfand das wohl als eine Art von Vergeltung wegen seiner Abneigung gegen seinen Vater und wollte nichts mit diesem Kind zu tun haben, weil man ja auch nichts mehr mit ihm zu schaffen haben wollte. Für Einzelkinder war es ja eh sehr schwer einzusehen, wenn da nach über zwanzig Jahren wer neues dazukam, ein Mitbewerber um die Aufmerksamkeit der Eltern und ein Rivale um das irgendwann hinterlassene Familienerbe.

Narzissa fühlte die Bewegungen des Kindes, das eigentlich nicht ihres war aber laut Zaubereigesetz ihres sein würde, wenn sie es zur Welt brachte. Bei dem Gedanken an die dabei zu erleidenden Schmerzen erschauerte sie immer wieder. Doch dann empfand sie auch sowas wie Erhabenheit. Sie hatte Draco auf die Welt gebracht und würde auch Bellatrixes entwundenen Sohn auf die Welt bringen. Allein schon deshalb, weil sie dadurch ein gewisses, wenn auch heimliches Vorrecht erhalten hatte lohnte sich das sicher. Denn seitdem sie mit dem kleinen Jungen schwanger war konnte sie erst gefühlsmäßig und später gezielt die Bewegungen von Pflanzen steuern, als bewege sie diese mit ihren Händen. Auch hatte sie mit voranschreitender Schwangerschaft erkannt, dass sie den Zustand von Pflanzen fühlen konnte, ob es ihnen gut ging, sie genug Wasser, Licht und Dünger bekamen oder zu verdorren drohten. Jetzt, wo der Frühling bevorstand, fühlte sie das aus der Winterstarre erwachende grüne Leben immer mehr. Auch der Kleine, den sie auf Lucius Vorschlag hin Cetus Nennen würde, schien das Erwachen der Pflanzen zu spüren. Denn immer dann, wenn sie durch einen Wald oder über eine üppige Wiese ging regte er sich besonders deutlich spürbar. Damit stand für sie fest, dass der Junge, ob noch ganz unschuldig wie alle Ungeborenen oder bereits seine Lage erkennend wie ein geborener Mensch auf die ihn umgebenden Pflanzen reagierte. Das war ganz sicher das Vermächtnis jenes alten verzauberten Baumes, in dem er über mehrere Jahre eingesperrt gewesen war, nachdem die angebliche Wiederkehrerin Anthelia Bellatrix mit diesem Baum zu unterwerfen getrachtet und ihr dabei das gerade erst gezeugte Kind aus dem Leib geflucht hatte.

Der Knall eines apparierenden Zauberers holte Narzissa in die Gegenwart zurück. Lucius war wieder zu Hause.

"Zissy, ich bin wieder da. Steckst du wieder im Boudoir?" hörte sie seine Stimme. Er klang wie üblich abschätzig. Natürlich haderte er immer noch mit seiner neuen Aufgabe. Sie erwiderte, dass sie in ihrem Zimmer war und noch einige Sachen vorbereitet habe, bevor sie wohl für mehrere Wochen Bettruhe halten musste.

"Tritt der Kleine wieder aus wie ein störrischer Maulesel?" fragte Lucius.

"Nicht wenn ich lauter rufe als mein ganzer Leib rumpelt und schnauft", erwiderte Narzissa, nachdem sie ihre Zimmertür geöffnet hatte. "Er schläft gerade. Womöglich fühlt er, dass es bald ganz anstrengend für ihn ist. Das kenne ich ja schon von damals", sagte sie noch und vermied gerade noch, Dracos Namen zu erwähnen. Lucius nannte den ja nur noch den Undankbaren und bezeichnete ihn als Erbschleicher, wobei er ausließ, ob es um das Familienerbe der Malfoys oder der Greengrasses ging, in deren Sippe er eingeheiratet hatte.

Das Abendessen verlief in der seit Wochen bekannten Atmosphäre des gerade mal notwendigen Sprechens. Lucius, der ja seit seiner Verurteilung nichts mehr mit dem Ministerium zu tun haben durfte und dort auch nicht erwünscht war, hielt das nach dem mit Gold bezahlten Erlass vieler Jahre in Askaban verbliebene Familienvermögen durch mehr oder weniger geschickte Goldverlagerungen beisammen. Allein schon, dass Dracos Schwiegervater ihm noch einen Gutteil eines geheimen Vermögens abspenstig gemacht hatte lag auf Lucius' Seele wie ein tonnenschwerer Bleiklumpen. Ein Zauberer, der nur Zaubererstolz und Reichtum als Daseinszwecke kannte mochte es nicht, wenn ihm noch was fortgenommen wurde.

"Du wirst wohl Monate hungern müssen, bis du wieder so schlank bist wie vor dieser verwünschten Nacht", lästerte Lucius, als er den stark angeschwollenen Bauch seiner Frau ansah. "Einiges davon wird unser Sohn mir mit der Milch aus dem Leib saugen, Lucius. Das hat damals auch geklappt", erwiderte Narzissa unerwartet selbstsicher.

"Ja, nur dass wir beide da achtundzwanzig Jahre jünger waren", schnarrte Lucius. Narzissa tat diese Bemerkung als schon langweilende Wiederholung ab. Im Grunde wollte Lucius nur seine angebliche Schwäche überspielen, die ihn nach seiner Reise in die Staaten dazu gebracht hatte, mit seiner Frau zu schlafen. So sagte Narzissa nur: "Ja, aber wie wir beide erleben sind wir zwei noch im Stande, was neues anzufangen." Darauf erwiderte Lucius nichts. Doch sie sah ihm an, dass er mal wieder damit rang, was er, der große Hoffnungsträger seiner Familie, im bisherigen Leben erreicht hatte. Sie durfte ihn auf keinen Fall dazu bringen, ihr an allem die Schuld zu geben, dass ihm längst nicht alles gelungen war, ja dass er nach einem hohen Aufstieg und einer zeitweiligen Machtposition beinahe unwiederbringlich abgestürzt war. Insofern war das mit dem Neuanfang, der da in Narzissa heranwuchs, so eine Sache. Sie konnte als Abschluss des bisherigen gesehen werden oder als weiterer Stolperstein seines Lebens, wo er sich doch für so überragend und gerissen gehalten hatte. Immerhin hatte er sie geheiratet, um seine Blutlinie mit dem alten und noblen Haus der Blacks zu vereinen, einen Teil dieser für Anhänger der Reinblütigkeitsanschauung glorreichen Geschichte zu sein. Doch die Verfechter des reinen Zaubererblutes waren dazu gezwungen, im Schatten zu wandeln. Nach dem Versuch französischer Reinblüter, das dortige Zaubereiministerium zu übernehmen wurden Leute, die sich zur Reinblütigkeit bekannten noch mehr überwacht und unterdrückt. Die, die dagegen aufbegehrten wurden als Verbrecher gejagt, auch und vor allem von jenen, die damals unter dem Befehl des dunklen Lords verfolgt worden waren.

"Ich werde zwischen dem zwanzigsten März und dem zehnten April unterwegs sein, um die verbliebenen Familiengüter zu überprüfen. Nach der Sache mit dem Vermächtnis meines Großvaters ist jede Galleone wertvoll, auch für den Kleinen da unter deinem Umhang."

"Du weißt, dass Heilerin Silverthorn sich darauf festgelegt hat, dass der Kleine in dem Zeitraum ankommen soll?" fragte Narzissa. Lucius nickte. Das reichte ihr als Antwort. Er wollte möglichst weit genug weg sein, wenn sie den Kleinen bekam, den sie Cetus nennen wollten.

Die restliche Zeit des Abends verging mit beredtem Schweigen. Lucius übernachtete mal wieder in seinem Studierzimmer. Neben seiner hochschwangeren Frau im Bett zu schlafen gefiel ihm nicht. Narzissa war insofern beruhigt, dass sie dann wenigstens genug Platz im großen Bett haben würde.

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Es war am 18. März spät abends, als sich dreißig im Leben stehende Hexen in einem gegen Fernbelauschung und Fernbeobachtungen abgeschirmten Raum zusammenfanden. Die Sprecherin dieser Versammlung war eine kleine, zierliche Hexe mit dunkelblondem Haar und blattgrünen Augen. Sie strahlte eine lautlose, doch unverkennbar große Macht aus. Selbst wenn sie leise sprach wie gerade jetzt wirkten ihre Worte wie energisch gerufen.

"Schwester Albertine, du hast uns allen versprochen, uns genau zu berichten, was du bei dieser Aktion in Köln miterlebt oder selbst bewirkt hast. Wir hören dir zu", sagte die grünäugige Hexe, Gesine Feuerkiesel und gebot allen anderen mit einer Handbewegung, genau zuzuhören, auch jenen, die sich mehr oder weniger deutlich zu den Ungeduldigen, sich selbst entschlossenen Schwestern nennenden bekannten wie Gundula Wellenkamm.

Die ebenfalls sehr schmächtig wirkende Hexe mit den beiden magischen Kunstaugen schilderte nun, wie sie von Marga Eisenhut, die ebenfalls anwesend war, auf die Entdeckung jenes alten, wahrhaft magieerfüllten unterirdischen Tempels gebracht worden war und was sie dort als Späherin der Lichtwächter erlebt hatte. Sie beendete ihren Bericht damit, dass sie beobachtet hatte, wie sich alle Gänge des Tempels verschlossen hatten und dass die Lichtwachen den Ausbruch einer starken Feuermagie mit großem Aufwand vor den Nichtmagiern verheimlichen mussten.

"Die sich als Filii Martis Invicti bezeichnenden Vorläufer jener Bruderschaft, die sich später als Lupi Romani bezeichnete haben damals schon eine Menge Erdmagie und Feuermagie beherrscht", seufzte Gesine Feuerkiesel. "Nachdem du die vier gemäß ihres Notfallplans durch Selbstverwandlung geschützten Lichtwächter gegen den Willen des Tempels herausgeholt hast war dessen Daseinszweck erfüllt. Er war korrumpiert. Aber sowohl dieser rote Kegelstein, in dem der Speer gesteckt hat als auch jener Altar und die Rüstungen sind ganz gewiss in einen anderen geheimen Tempel verlagert worden. Soweit die unserer Gemeinschaft trotz hexenfeindlicher Zauber zugänglich gewordenen Unterlagen verraten gab es neben dem einen Rad des Mars, das meine hochverehrte Altvorgängerin Claudia Morgenrot erbeuten konnte noch drei gleichartige Artefakte, angeblich von einem Streitwagen, mit dem der römische Kriegsgott über die Schlachtfelder gebraust ist, um den ihm am meisten huldigenden zum Sieg zu verhelfen. Eines davon war wohl im Besitz der Fulminicaldi-Sippe, diesen mit der besonderen Gabe der Feuerlenkung lebenden Anhängern der Lupi Romani. Die anderen zwei Räder sollen sich laut der Unterlagen in unterirdischen Verstecken im Südwesten des einstigen Imperium Romanum befinden. Der Umstand, dass diese keine weiteren Anwärter auf diesen Speer nach Köln gelockt haben darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch solche Zauberer gibt, die sich für die Nachfahren und Erbberechtigten der Söhne des Mars halten. Das wiederum bedeutet, dass es irgendwann zu einem Entscheidungskampf zwischen Flavio Fulminicaldi und einem anderen Anwärter auf den Speer kommen wird. Denn die Fulminicaldis gelten laut uns zugegangenen Berichten aus dem neunten Jahrhundert nach Gründung Roms als Söhne des Schmiedegottes Vulcanus, mit dessen schöner Ehefrau Venus Mars immer wieder Ehebruch beging. Also mögen jene noch lebenden Nachkommen dieser einstigen martialischen Magiergilde der Meinung huldigen, dass Flavio Fulminicaldi den Speer nicht behalten darf. Das kann, ja das wird zu einem blutigen Kampf ausarten, bei dem auch viele Unschuldige sterben können. Daher müssen wir darauf achten, wo weitere Räder des Marswagens versteckt sind und auch danach forschen, wohin der Altar, der Steinsockel und die vier Rüstungen geraten sind. Denn, werte Schwestern, wenn der Speer ein gewisses Eigenleben besitzt, gilt das wohl auch für die Rüstungen. Das dunkle Prinzip des Seelenankers, auch Horkrux genannt, ist ja leider schon seit mehreren Jahrtausenden bekannt und könnte bereits im alten Großreich vor dem Altertum beherrscht worden sein."

Albertrude Steinbeißer zwang sich, nicht gehässig dreinzuschauen. Was wussten die hier alle denn schon von jenem Großreich?

"Ja, nur dass der Speer und alles andere aus dem Nachlass dieser Marsanbeter so abgesichert war oder ist, dass nicht mal kleine Jungen daran rühren können geschweige denn gestandene Hexenweiber", knurrte Gundula Wellenkamm. "Selbst die Zwerge und Kobolde kommen da nicht dran, obwohl die sich sehr gut mit Erdmagie und Feuerzaubern auskennen."

"Was wiederum auch darauf hindeutet, dass es die Kobolde und Zwerge interessiert, dass der Speer wieder aufgetaucht ist", hakte Gesine Feuerkiesel ein.

"Steht denn fest, dass der Koboldgeheimdienst der zehntausend Augen und Ohren wieder tätig ist?" fragte Marga Eisenhut. "Dann müssten wir wen kennen, der in diesem Dienst Mitglied ist", erwiderte Gundula Wellenkamm und erntete ein ungehaltenes Räuspern Gesines, die sich nicht um ihre eigene Antwort bringen lassen wollte. "Wie wir ja erfahren haben gelang es Ladonna Montefiori, eine sehr große Zahl von Mitgliedern der zehntausend Augen und Ohren zu töten. Ob und wenn ja wann sich die von ihr nicht gefundenen Mitglieder von diesem Schlag erholen können wir nicht sagen, weil wir, wie du völlig anmerktest, kein Mitglied in diesem Dienst kennen, Schwester Gundula. Allerdings scheint es so zu sein, dass Ladonna Montefiori es geschafft hat, eine koboldstämmige Mitschwester kultiviert zu haben, die womöglich Verbindungen zu diesem Bund herstellen kann. Immerhin konnte Ladonna viele geheime Akten erbeuten, als sie mehrere Zaubereiministerien unterworfen hielt. Was die Zwerge angeht, Schwester Gundula, zu denen hast du doch eher Verbindungen als wir anderen. Was hast du von diesen gehört, ob es weitere Spannungen mit uns oder den Kobolden gibt?"

"Ja, ich sehe ein, Mutter Gesine, dass ich diese Häme von dir verdient habe", grummelte Gundula Wellenkamm. "Denn ihr alle hier wisst, dass seit der Thronbesteigung Malin VII. alle zwischen Zwergen und Menschen bestehenden Verbindungen ruhen oder gänzlich beendet wurden. Da ich ja, wie ihr alle ebenso wisst, eine lange Zeit als Gefangene Ladonnas untätig in ihrem verwünschten Garten feststeckte sind meine Verbindungen zum Zwergenvolk in Deutschland ebenfalls erloschen. Mir ist im Grunde nur das magische Mieder geblieben, das die Zwerge mir auf Grund einer Gefälligkeitsschuld angefertigt haben."

"Das ist bedauerlich, dass es keine bestehenden Verbindungen mehr gibt", sagte Gesine Feuerkiesel. Ob sie dies ehrlich meinte oder es ironisch gemeint war konnte ihr keine der hier anwesenden anhören.

"Wenn die anderen Artefakte jetzt irgendwo außerhalb von Deutschland sind, müssen wir dann unsere Mitschwestern in anderen Ländern unterrichten?" fragte Gesines Tochter Irmgard Säuselbach.

"Ja, müssen wir wohl. alle, die Kontakte zu unseren Mitschwestern in anderen Ländern haben mögen diese nutzen, um Schwester Albertines Bericht weiterzugeben und darauf hinzuweisen, dass es wegen der Artefakte der Söhne des Mars zu weiteren Unannehmlichkeiten kommen kann. Wir dürfen es nicht allein den Zaubereiministerien überlassen, damit fertig zu werden", erwiderte Gesine Feuerkiesel.

"Ja, und wenn die Zwerge und Kobolde erfahren, dass diese Hinterlassenschaften frei unterwegs sind könnten bei diesen Begehrlichkeiten entstehen. Dieser Frieden zwischen den Kobolden und Zwergen ist sehr, sehr fragil." Albertrude dachte nur, dass dies wohl stimmte. Immerhin durfte sie nun alle ihre Verbindungen ausnutzen, um die Ereignisse um den Feuerspeer des unbesiegten Mars weiterzugeben. Damit konnte sie gut leben.

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"Interessant", bemerkte die makellos schöne Hexe mit der blassgoldenen Haut und den kreisrunden blaugrünen Augen, als sie bei einer geheimen Zusammenkunft im magisch gesicherten Hauptquartier des internationalen Ordens der schwarzen Spinne die Berichte von zehn Mitschwestern entgegennahm. Zehn Beobachterinnen, die im grunde dasselbe berichteten. Sie waren zu bestimmten Stellen auf der Weltkugel entsandt worden, um die Überwachung der dort seit Jahrtausenden vergrabenen Überreste und Beigaben uralter, überriesischer Krieger vorzubereiten. Doch alle zehn hatten mit eigenen Worten berichtet, dass seit der Erkundung ihrer Anführerin offenbar noch wer anderes auf diese Idee gekommen war. Denn neun hatten erwähnt, dass sich um die fraglichen Stellen kleine Beobachtungslager ähnlich der Riesenbeobachter im Ural eingerichtet hatten, und die zehnte konnte gerade so noch einer Fang-Melde-Vorrichtung des Marie-Laveau-Institutes entwischen, die sie in Mittelamerika festsetzen sollte.

"Ich bedanke mich bei euch dafür, dass ihr für mich die nötigen Erkundigungen eingeholt habt und danke euch auch, dass ihr das nicht unerhebliche Wagnis für Freiheit oder Unversehrtheit auf euch genommen habt. Offenbar hat noch wer anderes, der im Besitz der Kenntnisse über die Gräber der Titanen ist denselben Einfall gehabt und mit seinen sicherlich weltweit bestehenden Verbindungen die richtigen Leute angeregt, ebenfalls diese Grabstätten zu überwachen. Tja, ich hätte damit rechnen sollen", sprach die höchste der Spinnenschwestern.

"Wer außer dir und wohl noch wer aus Ladonnas alter Bande kannte oder kennt diese alten Gräber und weiß, dass es gefährlich ist, sie zu öffnen?" fragte Schwester Melonia. "Jemand, der auf die Kenntnisse des alten Reiches zugreifen kann und diese, soweit er sich damit nicht selbst zu sehr ins helle Licht rückt an betreffende Stellen weiterreichen kann, einer aus der Riege der sieben Kinder Ashtarias."

"Natürlich", knurrte Schwester Daria, eine Mitschwester aus Italien. Dass es sieben Zauberer und Hexen gab, die sich als Erben einer uralten Erzmagierin vor allem der sogenannten hellen Künste verstanden wussten die Spinnenschwestern. Wer genau dazugehörte wusste wohl nur die höchste Schwester.

"Dann sollen wir diese Grabstätten nicht weiter beobachten?" wollte Schwester Melonia wissen. Die höchste Schwester schüttelte behutsam den Kopf und sagte: "Nur wenn dir daran gelegen ist, erwischt und in einen vorzeitigen Tod getrieben zu werden, Schwester Melonia. Abgesehen davon liegt die Verantwortung für alles, was an und mit diesen Grabstätten vorgeht dann bei jenen, die sich für die Beschützer der magischen und nichtmagischen Menschheit halten. Das gibt uns vom Orden der schwarzen Spinne mehr Freiraum und Einsatzmöglichkeiten. Denn so hätten wir ja für jede der zehn erkundeten Grabstätten mindestens drei von uns zur Überwachung einteilen müssen, also dreißig Schwestern, die bei anderen Einsätzen fehlen würden. Gut, dann sollen eben diese selbstherrlichen Friedenshüter sicherstellen, dass niemand eines dieser Gräber aushebt und dessen Inhalt freilegt. Sie sollen dann aber bloß nicht jammern, wenn ihre Überwachung fehlschlägt und es doch wem gelingt, eines der Gräber der Titanen zu öffnen. Wir können und werden uns dann eben auf mögliche neue Aktionen von Vita Magica konzentrieren und nach möglichen Erbinnen Ladonnas oder Erben dieses britischen Waisenknabens ausschau halten. Bekanntermaßen ist Unkraut unvergänglich und kann überall dort neue Wurzeln schlagen, wo für hilfreiche Pflanzen nicht genug Nahrung bereitsteht oder die Böden nicht von einer ordnenden Hand gepflegt werden. Schwester Portia, du hast mir angekündigt, dass du neue Hinweise bekommen hast, dass sich die Bande der Babymacher wieder aus ihrer Deckung hervorwagt. Sprich!""

"Höchste Schwester, werte Mitschwestern, der MAKUSA hält zwar noch beide Hände darüber, doch in der Sicherheitsabteilung wird es schon als sicher eingestuft, dass diese Karussellbetreiber wieder neue Fahrgäste für ihre hexenfeindlichen Fahrgeschäfte geworben haben. Seit dem ersten November ist Zelia Firefax verschwunden. Seit Januar fehlen die für Bronco arbeitenden Zauberer Rico Ricardo Murillo und Alfred Hillcrest. Beide sind seit ihrem Schulabschluss in Dragon Breath und Ilvermorney unverheiratet geblieben. Zelia verlor vor zehn Jahren ihren Ehemann auf einer Geschäftsreise nach Großbritannien. Offenbar haben die damals nicht aufgepasst und ihn genau in diese von jenem Emporkömmling Riddle erzeugte Todeszone reingeraten lassen. Jedenfalls hat sie danach nicht mehr geheiratet, geschweige denn eigene Kinder bekommen. Die drei passen also ideal ins sagen wir mal Beuteschema von Vita Magica."

"Ja, und wir wissen nicht, wo diese Karussells stehen und wie viele es von denen gibt", grummelte die höchste Schwester. "Was tut der MAKUSA dagegen, dass weitere Hexen und Zauberer entführt werden? Das wäre schließlich auch für uns sehr wichtig zu wissen."

"Präsidentin Cartridge und ihre Sicherheitsabteilung arbeiten wohl einen Plan aus, um alle immer schon unverheirateten hexen und Zauberer vorzuwarnen. Die sollen dann auch Schutzzauber erhalten, mit denen sie bei möglichen Angriffen Sicherheitstruppen herbeirufen können und / oder vor unfreiwilligem Transport geschützt werden. Jedenfalls soll die Öffentlichkeit noch nicht darüber informiert werden, dass vermutet wird, dass Vita Magica wieder aktiv ist, höchste Schwester", erwiderte Portia.

"Besteht die Möglichkeit, eine Liste zu erhalten, wer von dieser Bande ausgewählt werden könnte?" fragte die höchste Schwester. "Falls es eine solche Liste in den Staaten gibt ist sie wohl auf zweithöchster Geheimhaltungsstufe klassifiziert, höchste Schwester. An sie zu kommen könnte sehr riskant sein", erwiderte Portia. "Abgesehen davon das Präsidentin Cartridge ja eine ganz eigene Rechnung mit dieser Bande offen hat."

"Wieso das? Immerhin ist sie jetzt die mächtigste Hexe Nordamerikas, nach mir natürlich. Diesen Umstand verdankt sie doch Vita Magica und ja auch Ladonna Montefiori, denn sonst wäre ihr Mann Milton ja noch Zaubereiminister."

"Auch wieder wahr", grummelte Schwester Melonia. Schwester Beth, die ebenfalls ihre ganz persönliche Erfahrung mit den Methoden Vita Magicas hatte, verzog nur ihr Gesicht.

"Und was ist sonst noch in euren Heimatländern geschehen, was es wert ist, mir erzählt zu werden?" wollte die höchste Schwester des Spinnenordens wissen. So berichteten ihr die zehn aus Amerika und Europa stammenden Mitschwestern, dass sich nach dem Fehlschlag mit den angeblich unüberwindlichen Ritterrüstungen kein Vampir mehr ins freie traute, weil ja seit Dezember ein weltweites Vampirbeschränkungsgesetz galt. Allerdings sei es verwunderlich, dass die Königin oder Kaiserin der Nachtschatten daraus keinen Gewinn schlagen würde, ja dass immer noch gerätselt wurde, wieso es nach Halloween 2007 zu einem Massenselbstmord von Nachtschatten gekommen war. Die oberste Spinnenschwester wiegte ihren Kopf. Dann sagte sie: "Es steht sehr zu vermuten, dass diese selbsternannte Kaiserin der Nachtkinder sich mit einem überlegenen Gegner verhoben hat, beziehungsweise mit einer Gruppe von Gegnerinnen, die mit ihr noch eine alte Rechnung auszugleichen hatten. Es kann sein, dass diese Nachtschattenkaiserin dabei vernichtet wurde. Ich denke jedoch, dass sie von jenen, gegen die sie gekämpft hat, niedergerungen und unterworfen wurde. Ich rate daher dazu, dieses fleisch- und blutlose Ungeheuer nicht zu vergessen. Es könnte sein, dass es eines nicht fernen Tages wieder von sich hören lässt. Auch müssen wir weiter auf die vaterlosen Töchter aufpassen. Die könnten auf die Idee kommen, ihre Machtbereiche zu vergrößern, auch und vor allem nun, wo die selbsternannte Göttin der Vampire gerade an neuen Plänen arbeitet."

"Was ist dran, dass es die Sonnenkinder immer noch gibt, höchste Schwester?" wollte Schwester Melonia wissen.

"So viel, dass diese sich eine geheime Zuflucht errichtet haben und wie wir darauf horchen, was ihre Feinde, die Vampire und Nachtschatten, demnächst so anstellen. Da sie nur zur Verteidigung der Menschheit erschaffen wurden werden sie keine eigenen Herrschaftsansprüche erheben", erwiderte die höchste Schwester. Die, die sie ansahen konnten nicht erkennen, wie ihr diese Vorstellung behagte. Immerhin wussten sie hier mittlerweile alle, dass die für den Rest der magischen Menschheit für tot und begraben gehaltene Patricia Straton dazu gebracht worden war, Mitglied jener kleinen aber für sich mächtigen Gemeinschaft zu werden, die von alten Feuer- und Sonnenmagiern des alten Reiches erzeugt worden war und die wohl gerade selbst auf die eigene Vermehrung ihrer Art hinarbeitete.

"Dann haben wir von denen nichts zu befürchten?" fragte Schwester Beth mit gewisser Verunsicherung. "Nur dann, wenn wir uns mit den Anhängern dieser Blutgötzin verbünden", erwiderte die höchste Schwester mit unüberhörbarem Sarkasmus.

"Was sollen wir nun machen, höchste Schwester?" fragte Schwester Daria aus Italien. "Du Schwester Daria kehrst auf jeden Fall nach Italien zurück und hältst Augen und vor allem Ohren offen, was es neues von jener unsichtbaren Jägerin gibt, die Ladonnas ehemalige Schwestern getötet hat. Es steht zu befürchten, dass diese Ladonnas Erbin sein will, auch wenn Schwester Albertine und ich ihr in den Vulkanhöhlen der getarnten Insel den Zugang zum Hort der Rosenkönigin verwehrt haben. Doch sie ist noch in der Welt und vor allem weil sie koboldstämmig ist wird sie die langfingrigen Goldwühler zu unterwandern trachten um diese für sich einzuspannen", erwiderte die höchste Spinnenschwester. Sie verschwieg ihren Mitschwestern wohlweißlich, dass die unsichtbare Bogenschützin nicht von ihr und Albertrude, die alle anderen hier noch als Albertine kannten, besiegt worden war, sondern von einer wortwörtlich höheren Macht daran gehindert worden war, sich Ladonnas letztes Erbe zu verschaffen.

"Gut, dann gehe ich wieder zurück nach Rom und halte die Bande um die alten Ligakameraden unter Beobachtung, höchste Schwester", sagte Schwester Daria. Daraufhin teilte die oberste Spinnenschwester den neun anderen auch noch Aufgaben zu, nun wo sie erst einmal nichts mehr mit den Gräbern der Titanen zu tun haben würden.

Als alle fort waren betrat die höchste Schwester einen Raum, in dem fünf mit dunkelrosafarbenen Vorhängen verhüllte Spiegel hingen. Hinter einem der Vorhänge vibrierte es hörbar. Die höchste Spinnenschwester ließ den Vorhang durch reine Gedankenkraft bei Seite gleiten und blickte auf den gelb glühenden Rahmen des Spiegels. "Verkünde deine Botschaft!" befahl sie auf Deutsch. Das Glühen im Rahmen und das leise Vibrieren verebbten. Statt dessen füllte sich das Spiegelglas, das eben noch das überragend schöne Gesicht der obersten Spinnenschwester gezeigt hatte, mit dem Gesicht von Marga Eisenhut. Wie durch eine dünne Wand klang Margas Stimme:

"Höchste Schwester. Es kann sein, dass unsere gemeinsame Mitschwester Albertine dich demnächst aufsucht, um dir zu berichten, dass bei Köln ein alter, magisch angereicherter Tempel des römischen Kriegsgottes Mars ausgegraben und von Maglos betreten wurde. Dabei wurden wohl Meldeartefakte ausgelöst, die die Nachkommen der Erbauer alarmiert haben. Deshalb kamen die Fulminicaldis aus Italien an diesen Ort und verschafften sich das im Tempel aufbewahrte Artefakt, einen Speer des Feuers, der dem Kriegsgott geweiht sein soll. Näheres bei unserer Walpurgisnachtfeier."

Ein leises gläsernes Ping erklang. Dann war Margas Gesicht aus dem Spiegelglas verschwunden. Jetzt sah sich die Höchste aller Spinnenschwestern selbst wieder. "Ein Speer? Doch nicht etwa der Speer. Also gab es ihn doch, kein Gerücht, wie die werte Sardonia gedacht hat", dachte die Anführerin der Spinnenschwestern. Dann wandte sie sich dem Spiegel zu, in dem vorhin Margas Bild- und Tonbotschaft wiedergegeben worden war. "Empfange folgende Nachricht!" setzte Anthelia an und wartete, bis ihr Spiegelbild in einem silbergrauen Nebel verschwand. "Danke für die prompte Mitteilung, Schwester Marga. Wenn unsere Mitschwester Albertine mehr zu berichten hat wird sie dies hoffentlich baldigst tun, sobald sie unbemerkt und unauffällig zu mir hinfinden oder ihre Mittel der Verständigung nutzen kann. Ich habe von diesem Speer vernommen, hielt ihn jedoch für einen der vielen Zaubererweltmythen über mächtige Artefakte. Wenn die Fulminicaldis sich seiner Bemächtigt haben besteht Anlass zur Sorge, dass diese sich mit dessen Hilfe eine Vormachtstellung in Italien erkämpft und wo ihre Familie sonst noch angesiedelt ist. Diese Familie ist gefährlich, weil sie mit ihren Gedanken Feuer und Glut entfachen kann, aber nur die männlichen Mitglieder. Somit bleibe weiter an der Angelegenheit dran! Ende der Botschaft!"

Der Spiegelrahmen glomm für einige Sekunden in einem mittleren Grünton. Dann war der Rahmen wieder dunkel. Der silbergraue Nebel wich wieder dem gespiegelten Hintergrund des Raumes und dem Gesicht der höchsten Schwester.

Es vergingen nur zwanzig weitere Minuten, bis es vernehmlich ploppte und der darauf abgestimmte Meldezauber die Ankunft einer willkommenen Mitschwester verkündete.

Als die höchste Schwester in den Besprechungsraum eilte, wo die Besucherin schon wartete nickte sie ihr zu. "Ach, konntest du dich aus dem Ministerium absetzen, Schwester Albertrude?" fragte sie. Die angesprochene Hexe nickte heftig. Dann sagte sie: "Womöglich hat dir Schwester Marga schon die Nachricht durchgereicht, dass wir in Köln über viele Jahrtausende einen legendären Wurf- und Stoßspeer beherbergt haben?" Die höchste Schwester blickte ihre Besucherin kurz verdrossen an. Doch dann nickte sie bestätigend. "Ja, sie erwähnte jedoch, dass du mehr zu berichten hast. Also berichte bitte, Schwester Albertrude!"

Es dauerte an die dreißig Minuten, weil die Bewohnerin des hauptquartieres und oberste der Spinnenschwestern jede Einzelheit wissen wollte, vor allem, wieso es nichtmagischen Forschern möglich gewesen war, einen an sich magisch getarnten und verriegelten Kultort zu finden und zu betreten. Auch wollte sie wissen, was mit jenen drei aus der Kammer des Speeres entkommenen und nicht in wimmernde Säuglinge zurückverwandelten Männern passiert war. Dann tauschten sie sich noch über die Fulminicaldisippe aus, über die das italienische Geheimarchiv etliche Pergamentstapel zusammengetragen hatte. Dann sagte die höchste Schwester: "Ich pflichte dir bei, dass es um diesen Speer noch einmal Streit geben wird, sobald der Patriarch der Feuerlenkersippe mit seiner Hilfe mehr Macht erhalten will. Ich weiß ja aus eigener Erfahrung, wie mächtige Gegenstände starke Begehrlichkeiten wecken können. Aber dass nicht nur feiner als Frauenhaare gebündelte Lichtstrahlen, sondern auch überhohe Töne magische Verhüllungen durchlöchern können sollte uns sehr zu denken geben, Schwester Albertrude. Aber ich denke mir, dass du schon damit geliebäugelt hast, den Speer selbst zu erbeuten und ihn für dich und andere entschlossene Hexen nutzbar zu machen, richtig?"

"Ich bin und bleibe eine Hexe, keine brüllende, mit einer Waffe schwingende Kriegerin", knurrte Albertrude. Ihre Gesprächspartnerin entbot ihr dafür ein überlegenes Grinsen. Immerhin verdankte jene ihre Vormachtstellung ja unter anderem einem früher auch nur für einen Zaubererweltmythos gehaltenen Schwert, ohne das sie beide wohl auch nicht in die Kammern der letzten Hinterlassenschaften Ladonnas gelangt wären und ohne das die höchste Schwester den wiederverkörperten dunklen Wächter aus Japan nicht besiegt hätte.

"Vielleicht solltest du Schwester Daria noch darauf bringen, sich umzuhören, wie die Erbeutung des Speeres bei den achso philanthropischen Zauberbrüdern in Rom angekommen ist. Denn das deutsche Ministerium hat die Kollegen in Rom schon unterrichtet."

"Die hat schon genug damit zu tun, auf neue Zeichen dieser unsichtbaren Bogenschützin zu lauschen, die von dieser grünen TVE ergriffen und fortgeschafft wurde. Wenn ich diese überirdische Daseinsform richtig verstanden habe hat sie diese kleine Bogenschützin nicht getötet. Also mag sie noch irgendwo sein und irgendwas vorhaben."

"Davon gehe ich auch aus", erwiderte Albertrude. Dann fragte die höchste Schwester sie, wie ihr besonderes Projekt, der Schlüssel zu Gertrudes Hinterlassenschaften, vorankam. Denn Albertrude hatte sich vorzüglich vor dem Gedankenhörsinn der obersten Spinnenschwester abgeschirmt.

"Ich erkunde noch die Männerwelt, wessen Samen ich in meinen Schoß aufnehmen mag, um daraus den von diesem Körper zu gebärenden Sohn zu empfangen und auszureifen", erwiderte Albertrude scheinbar frei von Emotionen. "Wenn ich an den runden Stein gelange wirst du es früh genug erfahren. Denn wir haben ja noch ein Abkommen", sagte sie. Die höchste Spinnenschwester nickte behutsam. Ja, sie hatten ein Abkommen. Sie brauchten einander noch. Denn nur Albertrude konnte dorthin, wo der zweite Lotsenstein versteckt war und nur die höchste Spinnenschwester wusste, damit umzugehen. Das war und blieb die sehr dünne aber beständige Grundlage ihrer gegenseitigen Achtung und des gewissen Burgfriedens. Doch beide wussten, dass sich mit dem Stein auch mal eben die Machtverhältnisse verschieben konnten und dann alles wieder offen war. Jede wusste von der jeweils anderen, dass diese all zu gerne die oberste Führerin aller Hexen sein wollte. Allerdings wussten die beiden mächtigen Hexen auch, dass sie eben nicht allmächtig waren und dass es immer noch Kräfte gab, die ihnen überlegen waren. Die erwähnte grüne TVE hatte ihnen beiden deutlich gemacht, dass sie nicht unbesiegbar waren und dass es da wen gab, die sie aus einer besonderen Warte heraus beobachten mochte. Doch solange Albertrude keinen Sohn geboren hatte war das alles eh nur Zukunftsmusik.

Als Albertrude wieder disappariert war dachte die oberste Spinnenschwestter, dass sie ja auch noch mit einer anderen Hexe einen Burgfrieden vereinbart hatte, einer Hexe, die ihr helfen mochte, jene Liste zu bekommen, wer von Vita Magica zur Zeugung oder Geburt von neuen Zaubererweltkindern gezwungen werden mochte. Vielleicht kam sie über Godiva Cartridge auch an Aufzeichnungen aus dem Laveau-Institut. Doch dergleichen zu fordern wäre zu unbedacht. Am Ende konnte Cartridge doch finden, den Burgfrieden mit dem Spinnenorden aufzukündigen. Nicht, dass der Spinnenorden Angst vor einer magischen Auseinandersetzung mit dem MAKUSA hatte. Doch wenn es möglich war, wertvolles Hexenblut zu schonen, dann sollte das auch getan werden. Aber an eine Kopie der Liste möglicher Karussellkandidaten mochte sie doch noch kommen.

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Er war erwacht. Eigentlich hatte er befürchtet, erst in mehr als zehn oder zwanzig Jahren wieder wach genug zu sein, um sich daran zu erinnern, wer er war und wo er herkam. Auch war es gerade jetzt, wo er erwacht war nicht sonderlich angenehm für ihn. Es war fast völlig dunkel, eng und laut, da wo er war. Wenn er sich regte stieß er auf weichen aber undurchdringbaren Widerstand. Außerdem hörte er über das regelmäßige Pochen, Fauchen, Rauschen, Rumpeln und Gluckern hinweg, dass seine Ankunft immer noch nicht begrüßt wurde. Ja, bald musste er von hier fort. Das würde für ihn und die, die ihn in ihrer innersten Obhut trug sehr, sehr schmerzhaft sein. Er hatte kurz vor dem Einschlafen gedacht, diese Qualen nicht miterleben zu müssen.

Seine Gedanken wanderten hinaus aus dem engen, weichen Unterschlupf, in dem er zusammengerollt auszuharren hatte und berührten viele lebende Wesen in der Umgebung, die er als fest verwurzelte Wesen erkannte, die grünen Kinder, wie er vom Geist des Richtbaumes gelernt hatte. Ja, der Geist des Richtbaumes. Der hatte ihn und sie, in deren Körper er jetzt noch gefangen war, dazu verurteilt, nicht vor hundert Jahren wieder zu ihm hinzugehen oder zu sterben. Schnell zog der, der noch auf seine Ankunft warten musste seine Gedanken zurück, weil er merkte, dass sie, die Schwester seiner eigentlichen Mutter, Verdacht schöpfte. Denn er wusste, solange sie ihn für einen gewöhnlichen, unschuldigen, hilflosen Menschenjungen hielt, würde es ihr leichter fallen, ihn groß und stark zu füttern und ihn nicht als ihren persönlichen Todfeind behandeln. also galt es, zu warten, auch um den Geist des Richtbaumes in Sicherheit zu wiegen, dass dessen Wunsch sich erfüllte und er, der von seiner wahren Mutter entrissene und im Richtbaum lange Zeit gefangene Sohn der kriegerin, erst einmal neu aufwachsen musste.

"Ich hab dich gespürt, Kleiner Cetus", hörte er die Gedankenstimme derer, die dazu verleitet worden war, ihn in sich aufzunehmen, zu der er Mutter sagen sollte, wenn sie ihn unter den zu erwartenden Schmerzen aus sich hinausgetrieben haben würde. "Tu nicht so, als wenn du klein und unschuldig bist. Ich habe das mitbekommen, dass du schon mehr mitbekommst als ein ormales Baby."

"So, du weißt, dass ich schon wach bin und dass ich schon weiß, was und wo ich bin und dass ich erst noch aus dir raus muss?" dachte der, der nach seiner Ankunft auf der Welt wohl Cetus heißen sollte. Tatsächlich bekam er eine Antwort. "Ja, du warst nicht so vorsichtig, wie du gehofft hast. Als dein Vater Lucius mir gesagt hat, dass er dich am liebsten nach der Geburt aussetzen würde, wenn da nicht diese ganzen Geburtenmelder in Hogwarts und anderswo wären, habe ich deine Gedankenstimme laut und verärgert gehört und gespürt, wie du mit Händen und Füßen gegen meinen Bauch geschlagen hast. Sowas kann und macht kein gewöhnliches Baby im Mutterleib."

"Was du nicht sagst, verleitete Schwester meiner toten Mutter", gedankenknurrte der ehemalige Gefangene des Richtbaumes. "Aber dann ist das eben so. Wir zwei müssen miteinander klarkommen, ohne dass die anderen, vor allem dieser Lucius, mitkriegen, wie du mich bekommen hast. Immerhin haben wir zwei ja noch was wichtiges vor."

"Gut, das behalte ich mal als wichtig", hörte er die ungehalten eingefärbte Gedankenstimme derer, die auf der Suche nach mehr Macht mit dem alten Richtbaum körperlich zusammengefunden hatte und deshalb nun ihn, den entrissenen Sohn der Kriegerin, neu in die Welt zu tragen hatte. "Dann halte dich auch dran. Wenn ich dich geboren habe wirst du nur schreien, wenn du Hunger hast oder wenn ich deine vollen Windeln wechseln soll. Du wirst erst dann sprechen, wenn auf gewohnte Weise geborene Kinder soweit sind, sprechen zu können. Das gleiche gilt für das Laufen auf zwei Füßen. Schon anstrengend genug, dich in mir auszutragen und in drei bis zehn Tagen kriegen zu müssen. Ich will kein Gerede darum, wo du herkommst."

"Da ich wegen deiner Einfalt dazu gezwungen bin, mich von dir großfüttern zu lassen gehe ich darauf ein, nichts zu tun, was die gewöhnlichen Kinder nicht auch tun, damit keiner fragt, wo ich herkomme, schon gar nicht dieser Mensch, mit dem du zusammen bist."

"Gut, dann sind wir uns einig, Cetus. Morgen guckt die von mir gewählte Heilerin nach, ob du auch unbeschwert auf die Welt kommen kannst. Falls es nötig ist wird sie dich in die richtige Richtung drehen. Wehr dich nicht dagegen!"

"Welche soll das sein, mit dem Kopf nach unten. Dann ist das schon so, wie es sein soll", erwiderte Cetus. Darauf kam erst einmal keine Antwort mehr. Erst nach vielen lauten Schlägen über ihm hörte er ihre Gedanken wieder in seinem erwachten Bewusstsein: "Dann sind wir uns einig, Cetus." Das nahm der auf seine Ankunft in der Welt wartende als Zusage und verbindliche Aufforderung zugleich.

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Dass die Menschen den zwanzigsten März des Jahres 2008 schrieben nahm König Malin VII. nur deshalb zur Kenntnis, weil er mit den großen Leuten weiterhin Handel treiben wollte. Doch es verdross den Herrscher unter den deutschen Bergen, dass die britischen Kobolde mit diesen großen Leuten eine Vereinbarung hatten, dass ausschließlich sie über den Wert des Goldes bestimmen durften und das Recht hatten, die Schätze der großen Leute mit den Zauberstäben zu hüten. An und für sich empfand der könig der Schwarzalben unter dem Schwarzwald es als demütigend, dass sein ganzes Volk vom Wohl und der Gnade von Leuten abhängig sein sollte, das auf einer von Meerwasser umschwappten Insel entstanden war und dass sich seine Amtsgenossen in anderen Bergreichen dem Befehl von Leuten unterwarfen, die zur Ausübung hoher Kräfte Stäbe aus Holz und toten Tieren brauchten, wo er und seine Artgenossen durch uralte Worte der Erde, des Wassers, des Feuers und der Zeit durch Auflegen der Hände und Anbringen lebenswichtiger Körperflüssigkeiten wie Blut, Schweiß oder Tränen die hohen Kräfte dauerhaft auf feste Körper übertragen konnten, und zwar so, dass selbst die Großen mit ihren Holzstäben die Bezauberung nicht aufheben konnten. Sicher, diese spitzohrigen, langfingrigen Gierschlünde von den britischen Inseln konnten sowas auch, und deshalb hatten die sich das Alleinstellungsrecht bei der Bewertung und Bewahrung von Gold und allem was daran hing ergaunern können.

Eigentlich wollte er, König Malin VII., diesen Unzustand beenden und im Schulterschluss mit den Artgenossen aus den heiligen Ursprungslanden im hohen Norden die alten Rechte zurückerstreiten. Denn über Jahrhunderte hatten die Schwarzalben, die von den großen Leuten auch Zwerge genannt wurden, das Recht und die Ehre besessen, über die im Schoß der Erde ruhenden Edelmetalle zu bestimmen, sie für die großen Leute zu fördern, zu bearbeiten oder zu hüten. In den Nordlanden war das auch weiterhin so. Doch die dortigen Könige hatten es bei der letzten von ihm erbetenen Zusammenkunft abgelehnt, mit ihm und den südeuropäischen Königen zusammen für die Wiederherstellung der alten Rechte zu kämpfen. Denen ging es offenbar zu gut mit den Verträgen, die sie mit den großen Leuten hatten. Das gleiche galt für den alten Bierbauch aus dem Frankenland. Der Saufkopf hatte sich doch wahrhaftig dazu überreden lassen, einem niedergeschriebenen Friedensvertrag mit den dort hausenden Langfingern zuzustimmen, um seinen kleinen, armseligen Frieden zu behalten. Er, König Malin VII., hatte die Mehrheitsentscheidung der anderen acht Könige mit einem gewissen Ingrimm hinnehmen müssen. Er wusste, dass ihm bei einem offenen Krieg gegen die Spitzohren keiner von denen beistehen würde, außer vielleicht dem italienischen König. Doch weil es ja eine höchst amtliche Zusammenkunft war, bei der das entschieden wurde galt diese Entscheidung als verbindlich für alle, auch ihn. Er durfte den langfingrigen Goldkrämern aus Britannien keinen Krieg aufzwingen. Doch was, wenn diese von sich aus beschlossen, sich eines lästigen Geschäftsverderbers zu entledigen, dass sie ihn angriffen, sodass er und seine Krieger sich verteidigen mussten? Dann galt die seit vielen tausend Wintersonnenwenden gültige Beistandsverpflichtung der Könige. Wurde einer von ihnen von einem anderen Volk als den Schwarzalben angegriffen, so mussten die acht anderen Könige ihm gegen diesen Feind beistehen. Doch die Spitzohren dachten gerade nicht daran, ihn anzugreifen, oder sein Kundschafterdienst bekam nicht alles davon mit, was dessen Großmeister leicht den Kopf kosten konnte, sollte der König davon Kunde erhalten, dass die ausgesandten Späher und Lauscher versagten. Immerhin konnte er auf dieser Grundlage eine ständige Verteidigungsbereitschaft seines Volkes befehlen und das Gebot der Bereitschaft in Kraft halten, demnach alle kampffähigen Männer seines Volkes beim Ruf des Kriegshornes den Truppen zu dienen hatten. Ja, wenn er den Gedanken an eine ständige, heimliche Belauerung durch die Spitzohren und die mit diesen verbündeten Zauberstabträger aufrechthielt konnte er eine Lage schaffen, dass der kleinste Funke reichte, um das Feuer eines offenen Kampfes zu entfachen.

Auch wenn die Zauberstabträger und da vor allem ihre Späher mit den vielsehenden Glasaugen sein Reich ständig beobachteten und jede kleine Bewegung seiner Truppen verfolgten und an ihre Befehlshaber weitermeldeten sah Malin nicht ein, warum er seine Krieger nicht jeden Tag üben lassen sollte. Er konnte sich ja am Ende noch darauf berufen, dass der Zorn der Erde und die mehrjährige Bedrohung durch die mischblütige grausame Königin Ladonna gezeigt hatten, wie wichtig ständige Wachsamkeit und Kampfbereitschaft waren.

Großmeister Schmetterhammer, der oberste der Kriegergilde, saß in der Höhle der Beratungen mit den anderen Gildemeistern zusammen vor dem eisernen Herrscherstuhl. Malin VII. fragte ihn, wer von den Spähern mit den viel zu viel sehenden Glasaugen gerade auf Wache über dem Königreich herumflog. "Also nicht jene, die zwei solche vom nimmersatten Sohn der Erdmutter ausgewürgte Augen trägt", grummelte Malin. Dann sagte er: "Wie steht es um die Wortweiterleitungsverbindung zur Höhle der tausend Tiefenboote, Großmeister Schmetterhammer?"

"Die Weiterleitung wurde nun erfolgreich eingerichtet. Selbst wenn die uns belauernden Späher der Zauberstabträger mitbekommen sollten, was in unseren heimatlichen Höhlen gesprochen wird, so können sie doch nicht die auf den Schwingungen der Erde rreisenden Worte erlauschen. Euer Plan, O König unter den Bergen, verläuft weiterhin erfolgreich. Wir können ab sofort das Unternehmen Goldwanderung beginnen."

"Auch wenn ich weiß, dass ihr das Ungemach mit den britischen Goldverwahrern aus unserer Heimat verbannen wollt, mein König, so gebietet mein Rang des Großmeisters aller Händler, meine das Wohl des Volkes wahrende Warnung zu wiederholen", setzte Großmeister Goldfluss an, der wegen seines unerreichten Reichtums in den deutschen Landen der oberste Sprecher der Händlergilde war. Malin sah den graubärtigen Artgenossen in dem mit Goldfäden durchwirkten Gewand aus blauer Feuerbläserhaut sehr streng an. Doch er ließ ihn ausreden. "Wenn wir die Unternehmung Goldwanderung wie von Euch ersonnen und beschlossen ausführen, mein König, so besteht die nicht zu unterschätzende Gefahr, dass wir nicht nur alles Gold unseres Landes verlieren, sondern auch, dass die Zauberstabträger uns endgültig zu unerwünschten Bewohnern erklären. Auch wenn Euer Wunsch, dass sie einen anderen Handelsbeauftragten als den von Kobolden stammenden Giesbert Heller in Amt und Würden gesetzt haben erfüllt wurde, so hat dieser neue Beauftragte doch keine Absicht, uns ohne Blutvergießen das Goldwert- und Goldverwahrungsrecht zurückzugeben. Bedenket gütigst, dass die Zauberstabträger uns schon einmal mit Einschließung aller unserer Angehörigen bedroht haben!"

"Deine Worte wurden gehört, Handelsgroßmeister Goldfluss. Doch hast du uns bis heute nicht verraten, welchen anderen Weg als die weitere Hinnahme der Demütigung du für gangbar hältst", sagte der König unter den deutschen Bergen. "Ja, und auch wenn die acht anderen Könige der wahren Kinder der Erde nicht zu einem gemeinsamen Kriegszug wider die Spitzohren bereit sind, so wissen diese sehr wohl, dass die Lage, wie sie nach dem Zorn der Erdmutter eintrat eine klare und unumstößliche Entscheidung gebietet. Wenn wir nicht von uns aus zur entscheidenden Schlacht wider das britische Ungemach ausrücken dürfen, so müssen wir diese Unholde dazu bringen, wider uns anzutreten, um diese Entscheidung herbeizuführen. Das werden sie aber nur, wenn sie erkennen, dass Untätigkeit im Namen eines trügerischen Friedens nur Verluste an Gold und Ehre bedeutet. Diese Verluste werden sie nicht hinnehmen. Also werden sie wider uns antreten. Der zunächst als schmachvoller Fehlschlag anzuerkennende Ausgang der Unternehmung Tiefensonne hat uns gezeigt, wie schnell wir vorgehen müssen und worauf unsere Tiefenfahrer zu achten haben. Außerdem wissen wir seitdem, dass wir keine an einem festen Ort wirkenden Angriffe auf deren Niederlassungen ausführen dürfen, weil die dann gleich ihre Wisch-und-weg-Truppen mit ihren zum ewigen Gefangenen gehörenden Aufspürschwingungsgerätschaften erfassen und überladen können. So weit so richtig, Großmeister Schmetterhammer und Großmeister Schattenhut?" Die beiden Angesprochenen nickten. Die Niederlage beim Versuch, Gringottsniederlassungen mit aus den Tiefen der Erde hochgepumpter Hitze zu verderben war ja von den Kobolden abgewehrt worden. Auch hatten die es herausgefunden, deren Boten und Warenüberbringer zu lebenden Sprengkörpern zu machen, die alles in einem gewissen Umkreis zerstörten, hatte bewiesen, dass die Spitzohren genauso gnadenlos sein konnten wie die Krieger der Schwarzalben, die darauf hofften, bei einem ehrenvollen Tod in Durins höchste Hallen aufgenommen zu werden. Doch der Kundschafterdienst hatte mit den Meistern der stofflichen Wandlungen eine neuartige Kampfplanung ermöglicht. Dabei war jedoch auch auf verbotenes Wissen zurückgegriffen worden. Davon durfte außerhalb dieser Beratungsrunde niemand was erfahren, wussten sie alle hier. Doch weil der Stein der Verschwiegenheit in der Mitte des Raumes glomm und nicht nur alle Belauschung von außen verdarb, sondern auch gebot, dass hier besprochenes nicht an andere weitererzählt werden durfte, wussten sie auch, dass sie sich ihrer Sache sicher sein konnten. Die, die die Ergebnisse des verbotenen Wissens anwendeten wussten nicht, dass sie verbotenes Wissen anwendeten und hatten auch nur einen winzigen Teil des gesamten Vorhabens zu erledigen.

"Gut, so beschließe ich, dass die Unternehmung Goldwanderung ab dem Tag, wo Tageslicht und Nacht gleich lang sind beginnen soll", sprach der König. Alle hier versammelten Gildemeister stimmten durch Verbeugung zu, auch Großmeister Goldfluss, der sich sicher schon um seine eigenen Besitztümer sorgte.

Als König Malin nach der geheimen Abschlussberatung und dem von ihm getroffenen Beschluss in den Gemächern seiner Mutter Miru Silberstimme war und dieser ohne wortgetreu wiederzugeben, was er besprochen hatte mitteilte, was demnächst vorging sagte die einstige Sangesmeisterin des Königreiches: "Wichtig ist, dass keiner erkennt, dass du den Angriff der Kobolde haben willst, um den Beistandsfall herbeizuführen. Wenn auch nur einer von den anderen Königen argwöhnt, dass du den von ihnen abgelehnten Feldzug gegen die Spitzohren erzwingen wolltest könnten sie dich aus dem Rat der Könige ausschließen. Das weißt du ja."

"Dessen bin ich mir bewusst, Mutter", erwiderte Malin VII. verdrossen. Er empfand es als ganz eigene Demütigung, dass er jener Frau da, nur weil sie ihn in sich getragen und mit ihrer Milch ernährt hatte so unterworfen blieb, obwohl er schon mehr als hundert Jahre aus ihrem engen Schoß heraus war. Auch blieb es sein größtes und auch lebenswichtigstes Geheimnis, dass im Grunde sie seine Entscheidungen traf und ihm riet, was er zu verfügen hatte. Das durfte wirklich niemand in seinem Volk erfahren. Denn der König hatte aus eigener Entscheidung zu handeln, ja kein Zwergenmann durfte sich dabei ertappen lassen, sich von einer Zwergenfrau beraten oder gar bestimmen zu lassen. Das galt als größte Schmach, ob für einen einfachen Steinklopfer oder ihn, den König selbst. Bestenfalls konnte ihm aufgezwungen werden, seine Mutter hinrichten zu lassen, was ihm sicher eine Menge Schmerzen bereiten würde. Schlimmstenfalls konnte er entbartet und entmannt werden und dann mit ihr zusammen ins Haus der wertlosen Weiber gesteckt werden, wo er nur noch die niedersten Arbeiten zu verrichten hatte, wie die Sauberhaltung der Aborte und die Beseitigung allen anfallenden Unrates. Allerdings würde ihm das die Aussicht auf einen Platz in Durins erhabenem Reich ein für alleemal verderben. Dieses Ungemach durfte und musste er vermeiden.

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Sie litt Schmerzen und schrie diese hinaus in die Welt, in die er nun unweigerlich hinausgedrückt wurde. Er erlitt Unbehagen wegen der immer größer werdenden Enge, die ihm zeigte, wie gut er es eigentlich bisher gehabt hatte. Selbst die Aussicht, in nicht so langer Zeit freizukommen gab ihm keinen Mut. Vielmehr stieg in ihm die Furcht, dass er auf den ihm aufgezwungenen Weg ersticken oder zerdrückt werden konnte. Ihr Stöhnen und Schreien in den Ohren, die ihm wie sein Kopf immer mehr zusammengedrückt wurden steigerten auch seine eigene Furcht, diese Qualen nicht zu überleben. Jetzt merkte er, dass es keine Gnade war, vorher schon alles wieder gewusst zu haben, was er in der Gefangenschaft des alten Richtbaumes erlernt und erinnert hatte. Das hier war eine Folter für den Körper und seinen Verstand.

Er hörte nur ihr wild schlagendes Herz und ihr Schnaufen, wenn sie nicht wieder vor unaushaltbaren Schmerzen schrie. Was die andere sagte, die ihr half, ihn aus sich herauszutreiben, hörte der ehemalige Gefangene des Richtbaumes nicht. Er fühlte nur die Furcht, gleich zu ersticken oder zerdrückt zu werden. Dann war da auf einmal eine starke Glückseligkeit, etwas, das hier nicht hinpasste. Er fühlte sich trotz der ihn Stück für Stück drängenden Enge ermutigt. ER und die, die ihn bis jetzt in sich herumgetragen hatte waren miteinander verbunden. Das würden sie auch bleiben, wenn er aus ihr freigekommen sein würde. Freikommen, ja, mehr sein zu können als ein winziges Wesen in der Gefangenschaft eines anderen, das bestärkte ihn wieder. Die unsägliche Angst, das hier nicht zu überleben, wurde von diesem Gefühl, mit wem anderen verbunden zu sein und demnächst doch mehr Freiheiten zu bekommen als er es in seinem bisherigen Dasein erlebt hatte vertrieben.

Das erste Licht von außen traf seine immer noch nassen Augen. Seine Ohren kamen frei. Das bisher begleitende Pochen ihres Herzens war nun nnur noch zu spüren, aber nicht mehr zu hören. Überhaupt war alles nun anders, lauter. Das Licht war so hell, dass es ihm weh tat. Doch er konnte seinen Schmerz nicht äußern. Noch war er nicht vollständig frei.

Drei qualvolle Anstrengungen dauerte es noch, bis er endlich mit allem an sich freikam. Anders als ohne jeden Funken Erinnerung auf diese Weise in die Welt gedrückten Menschenwesen schrie er keinen Unmut in die Welt hinaus. Er freute sich, dass er es geschafft hatte. Er hickste, weil ihm was von der warmen, schützenden Flüssigkeit in den Hals geraten war. Dann endlich rief er seine Freude in die Welt, in die er nach vielen Jahren endlich hinausgelangt war. Er fühlte, dass seine Atemwege mit jedem lauten Aufschrei freier und ffreier wurden. Auch wenn ihm schwindelig war, weil sein Körper sich auf diese neue Art zu leben umstellen musste freute er sich. Die große, nur als grauer Schatten erkennbare Gestalt, die mit ihren übergroßen Händen an ihn fasste, lachte, während die, die nun seine Mutter sein und bleiben sollte immer noch von den Qualen der Mutterschaft erschöpft stöhnte. "Ja, da ist der kleine Sir doch endlich angekommen, wo wir alle schon auf ihn gewartet haben", sang dieses Geschöpf, dass seine Mutter, die Schwester derer, die ihn eigentlich ins Leben hätte tragen sollen, ausgesucht hatte, um ihn sicher auf die Welt zu bringen. Er stieß mal lange und mal kurze Schreie aus, nicht aus Angst, sondern aus ehrlich empfundener Freude. Auch als ihm diese pulsierende Schnur vom Bauch gelöst wurde, die ihn mit ihr, die ihn unfreiwillig in sich aufgenommen hatte verbunden hatte, war er noch im Freudentaumel, diesen ersten großen Schritt überstanden zu haben, der ihm endlich sein eigenes Leben bringen sollte, ein Leben, dass er damit zubringen wollte, sich an diesem alten Baum und der, die ihn in diesen hineingetrieben hatte zu rächen. Wo immer die war, die das getan hatte, sie sollte seine Rache spüren. Doch bis dahin musste er sich verstellen, sich wie ein gewöhnliches Menschenkind verhalten, wie immer das auch gehen sollte. Er hatte mit der, die ihn gerade unter großen Schmerzen aus sich hinausgetrieben hatte vereinbart, dass er sich wie ein solches übliches Menschenkind verhalten sollte. Ja, er musste das tun, weil er sonst nicht groß genug werden konnte, um seine Vergeltung zu bekommen.

"Vollendung der Geburt eines Jungen am zweiundzwanzigsten März zweitausendundacht um sieben Minuten nach sieben Uhr abends!" rief die, die seiner nun Mutter genannten Trägerin geholfen hatte. Dann trug die ihn mit ihren für ihn kopfgroßen Händen zu einem noch mehr zum bibbern bringenden Ding, auf das sie ihn ablegte. Sie rief dann noch was von Körpergewicht und Länge und Kopfumfang aus, wohl für wen, der oder die das für später mal erinnern sollte. Dann endlich durfte er auf dem noch warmen Bauch seiner neuen Mutter liegen, wo das wilde Bibbern abklang und er entschlossen wie nootwendigerweise herausfand, wie er sich für die nächste Zeit von ihr ernähren konnte. Die Erfahrung, etwas in seinen Mund einsaugen zu müssen, damit er nicht schwach wurde und zu früh wieder aus der Welt verschwand war nach der qualvollen Anstrengung seiner Geburt und die Notwendigkeit, Luft einzusaugen und wieder auszublasen die dritte lebensentscheidende Erfahrung für ihn. Nach mehr als zehn Jahren war er endlich da, der von einem gewissen Rodolphus gezeugte, eigentlich von einer gewissen Bellatrix Lestrange zu erwartende Junge, den die Gnadenlosigkeit einer damals nur auf Sardonias Pfaden wandelnden Hexe zum Gefangenen des alten Richtbaumes gemacht hatte.

"Mutter des Kindes Narzissa Malfoy geborene Black, cum potentia magica. Vater des Kindes Lucius Malfoy, cum potentia magica", hörte er die Geburtshelferin wieder für sich oder wen anderes aussprechen, was ihn betraf. Dann wurde die nun auch von ihm als Mutter angenommene Menschenfrau gefragt, wie er denn heißen sollte. "Er soll Cetus Arcturus heißen", sagte sie, an deren linker Brust er lag. "So lautet sein Name Cetus Arcturus Malfoy", bestätigte die Helferin. Das mit diesem klaren Ausspruch an zwei Orten Vorrichtungen in Kraft traten, um seine Ankunft und seinen Namen zu verzeichnen wusste er nicht. Es hätte ihn so wie er jetzt war auch nicht wirklich betroffen. Erst in einer Zeit, die er noch nicht erfassen konnte, würde das wichtig sein, dass schon anderswo etwas mitgeschrieben hatte, dass er auf die Welt gekommen war.

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Es war ihr längst vertraut, dieses Eintauchen in einen erst völlig schwarzen Raum, in dem sie wie durch einen Schacht zu fallen meinte. Doch sie hatte keine Angst, weil sie wusste, dass dies nur ein Übergang war. Als sie dann neben einer anderen Hexe mit einer Krone aus Rabenfedern stand und hörte, wie diese mit zehn anderen Hexen sprach lauschte sie andächtig. Nur weil sie sicher wusste, wie der Speer des Mars Invictus beschaffen war konnte sie jetzt mehr erfahren.

"Und ihr seid euch ganz sicher, dass die Gerüchte um das Pilum Martis Invicti kein bloßer Mythos sind, Schwestern?" fragte die Hexe mit der Krone aus Rabenfedern, Sardonia, die dunkle Königin der Hexen.

"Ich habe die Geheimberichte aus der Crypta Tenebrosa in Rom studieren können, nachdem ich die Sperren gegen unbefugte Leserinnen zumindest zeitweilig unwirksam machen konnte, Mater et regina mea", sagte eine der zehn Anwesenden mit starkem italienischen Akzent. "Auch wenn die Aufzeichnung die Behauptung abstreitet, dass dieser Speer vom römischen Schmiedegott Vulcanus geschaffen worden sein soll, so gibt es genug Zeugnisse, dass vor zweitausend Jahren ein Speer mit einer Spitze aus in Drachenblut gehärtetem und mit der unmittelbar nach seiner Verbrennung entnommenen Asche eines Phönix verbundenem Stahl und einem Schaft aus feuerbeständigem alten Feuereschenholz gemacht worden ist. Dieser Schaft wurde dann noch mit einer Politur überzogen, in die der Schnitzmeister eigenes Blut eingerührt hat. Am Ende verband er den Speer mit einem Bruchstück des eigenen Selbst, um sich als ersten Sohn des unbesiebbaren Mars zu krönen. Er hat dem Speer die Zauber Arma Martis und Vis Tauri aus den legendären Schriften über die Mächte des Himmels eingewirkt, um bei der Führung des Speeres zehnfache Stärke, Gewandtheit und vor allem Abwehrfähigkeit zu erlangen. Da der Speer mit Feuerzaubern bestärkt wurde kann er alle aus Feuer entstandenen Waffen abwehren, also vor allem alles aus geschmiedetem Metall, weil das ja zweifach aus Feuer entstand, O Mater et regina mea."

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"Soso, haben die dunklen Verliese unter dem Hügel Palatinus dir doch verraten, was ich wissen will, Filia et soror mea Rinalda?" fragte Sardonia. "Aber dann will ich auch wissen, wo der Speer nun ist und ob die Anbeter des Gottes der blutigen Schlachten ihn immer noch als ihr Heiligtum hüten."

"Die Aufzeichnungen verraten, dass der Speer mit einer der Legionen Roms aus Italien verbracht wurde und in einem Tempel an der Grenze zu Germanien verwahrt wird, weil es ja heißt, dass der, der den Speer als Feldherr führt, gegen alle seine Feinde siegen kann. Auch heißt es, dass nur ein Mann, in dem magisches Blut fließt, den Speer führen kann. Hexen wie uns würde sich diese Waffe verweigern. Achso, wo genau die Waffe zu finden ist geht aus den Aufzeichnungen nicht hervor. Es wird nur von der Grenze zu Germanien berichtet, also dem westlichen Ufer des Stromes Rhein."

"Ja, was von den Bergen Helvetiens bis zur Nordsee jeden Flecken Erde betreffen kann, ja vielleicht auch den Grund des Konstanzer Sees", grummelte Sardonia. Die Beobachterin aus einer fernen Zeit nach diesem Treffen teilte den gewissen Unmut, dass Sardonia den Speer nicht selbst nutzen konnte. Auch wusste die Beobachterin ja bereits, wo der Speer am Ende aufgetaucht war.

"Verrate mir noch mehr über diese Filii Martis Invicti, Filia et Soror mea Rinalda!" befahl Sardonia nach einigen Sekunden Schweigen. So erfuhr die Beobachterin aus der Zukunft, dass es damals eine aus nur zwölf Zauberern bestehende Gruppe gab, die zu den Beherrschern des römischen Reiches aufsteigen wollten. Sie verehrten zum einen die Zauberkünste, aber vor allem die nichtmagische Kampfkunst, weil sie sich nicht damit abfinden wollten, als Zauberer einer Göttin zu dienen, der Hecate, die von allen Hexen der damaligen Zeit auch als erste Mutter nach der Erde bezeichnet wurde. Diese Söhne des Mars wollten starke Waffen und Rüstungen erschaffen, die nicht von magischen oder nichtmagischen Gegnern überwunden werden konnten. Die dachten zuerst, dass sie nur gegen die auf reine Zauberstabkunst bezogenen Magier und die ihrer Meinung nach schwächlichen Hexen stehen würden. Doch zwei aus der Zwölfergruppe hegten eigene Pläne, so die Aufzeichnungen, die Rinalda nach mehreren heimlichen Vorstößen zu lesen vermocht hatte. Diese beiden waren brüder, die eine höchst seltene Begabung in sich trugen, jene, ohne Zauberstabnutzung Feuer aus dem Nichts zu rufen, feste Körper in Flammen aufgehen zu lassen oder im Falle von Metall oder Stein bis zum Zerschmelzen aufzuheizen, ohne äußere Glut daran anzulegen. Diese Begabung, die der Einwirkung auf Materie durch Gedankenkraft verwandt war, wie Sardonia, ihre Schwester Nigrastra und deren Tochter Anthelia sie entwickelt hatten, machte diese beiden Brüder zu äußerst gefährlichen Widersachern. Das wussten die auch. Sie bezeichneten sich als Söhne des Vulcanus, die nur deshalb der Marsanbetergruppe beigetreten waren, um aus dieser heraus eigene Herrschaftsansprüche durchzusetzen. Sie hatten mitbekommen, dass der Speer entstanden war und auch, dass dieser gegen Feuerzauber wirken sollte, auch gegen die Gabe der Feuerlenkung. So hatten die beiden Brüder, Pyrogaster und Igniferus Meridianus versucht, den Speer für sich zu erobern. Das lief den Plänen der anderen zehn zu wider, die mit dem Speer die Legion des Unbesiegbaren gründen und damit die damals noch bestehende Republik zu einem Reich von zehn Königen umwandeln wollten. Offenbar diente ihnen Platons Erzählung über das Königreich Atlantis als Vorlage. Jedenfalls kam es zum Kampf der zehn Marsgetreuen gegen die beiden Brüder, die sich als Söhne des Vulcanus betrachteten. Dabei starben an die tausend magische und nichtmagische Krieger auf beiden Seiten. Als sich androhte, dass Pyrogaster und Igniferus mit ihrer Begabung den Sieg erringen und sich den Speer aneignen mochten wurde beschlossen, den Speer zu verstecken. Damit keiner der Vulcanusssöhne erfuhr, wo genau wurde ein Zauber gewirkt, der den Aufenthaltsort eines Wesens oder Dinges in der Seele eines lebenden Wesens versteckte. Sardonia sagte nur "Ach, damals gab es also schon den Fidelius-Zauber."

"Ja, Mater et Regina mea", bestätigte Rinalda. "Jedenfalls wurde wohl beschlossen, dass der Speer nur dann wieder hervorgeholt werden sollte, wenn das Reich kurz vor der Niederlage stand und alles Volk nach Rettung und starker Führung rufen würde. Doch die zehn Geheimniskenner starben in von ihnen selbst provozierten Kämpfen. So wurde das Geheimnis um den Verwahrungsort des Speeres mit ihnen begraben. Allerdings war der Speer seitdem für jeden auffindbar, der die von den Söhnen des Mars gepflegten Losungswwörter und Traditionen kannte. Ja, und wie uns die Geschichte lehrt folgte auf die Republik erst die cäsarische Diktatur und daraus das römische Kaiserreich, das bis zu Alarichs Einmarsch in Rom im fünften nachchristlichen Jahrhundert um seinen Zusammenhalt rang. Ja, und weil einer der römischen Kaiser meinte, den neuen Heilsbringer aus dem Osten als Gründer der einzig wahren Religion Roms anzuerkennen wurden alle, die noch an die alten Götter glaubten in den Untergrund getrieben. Denn nicht wenige Zauberer sahen sich im Aufwind, für diesen neuen Glauben gegen alles zu kämpfen, was ihnen im Weg stand, auch gegen die Söhne des Mars und des Vulcanus. Doch wie wir ebenfalls schon wussten gründeten alle männlichen Zauberkundigen Roms eine geheime Bruderschaft, um das Reich auch nach dem Zerfall weiterzuführen und nannten sich Lupi Romani, in Anlehnung an den Gründungsmythos von Rom. Zu jener Gruppierung, die auch vor Raub und Mord nicht zurückschreckt, gehörten nicht nur die Nachkommen jener zehn treuen Söhne des Mars, sondern auch die Oberhäupter anderer im alten Rom groß gewordener Zaubererfamilien, die mit der neuen Eingottreligion hadern und diese sogar als Grund für die Schwächung des Imperiums verantwortlich machten."

"Ja, von dieser Bande hörte ich wohl und bin auch schon dabei, die in unserem schönen Heimatland Frankreich hausenden Mitglieder zu stellen und falls nötig aus der Welt zu stoßen", grummelte Sardonia. Dann fragte sie noch, was Rinalda von einer anderen mächtigen Hexe mitbekommen hatte, die angeblich oder wahrhaftig keine reinrassige Menschenfrau war, sondern als Tochter einer anderen menschenförmigen Zauberwesengattung geboren worden war. "Bisher sind es nur Gerüchte, Mater et Regina mea", erwiderte Rinalda. Doch dann erwähnte sie, was das Concilium Magicorum Italianum darüber erfahren hatte, dass es eine angeblich von slawischen Veelas und Menschen abstammende Hexe geben sollte. Rinalda warnte wegen der bereits vorhin erwähnten Lupi Romani, dass alle Gerüchte auch auf Behauptungen jener Erben dieser Bruderschaft gründen konnten, die bis heute die Geschicke in den einst römischen Provinzen am Mittelmeer lenken wollten.

"Gut, so verweile weiter auf der Hut und lausche, was du über jene neue Hexe erfährst. Sollte sie geneigt sein, das Übel der altrömischen Wölfe und deren Männlichkeitswahn aus dieser Welt zu schaffen erachte ich sie als mögliche Verbündete. Doch darf ich auch nicht außer Acht lassen, dass sie wegen ihrer Abstammung von den überschönen Wald- und Flussvölkern aus dem Osten deren Selbstverliebtheit und Größenwahn geerbt haben, als eine lästige Widersacherin gegen mich anzutreten wagen mag. Auch darum muss ich mehr über sie erfahren."

"Ich werde weiterhin auf der Wacht bleiben, Mater et Regina mea", bestätigte Rinalda. Dann verschwanden sie und Sardonia in einem silbergrauen kalten Nebel. Die Beobachterin dieser Ereignisse hob ihren Kopf und fand sich vor einem steinernen Becken kniend wieder. In dem Becken schimmerte eine silberweiße Substanz, weder Gas noch Flüssigkeit, ausgelagerte und magisch bewahrte Erinnerungen jener, die ein Jahrhundert Lang die französische Zaubererwelt und daran angrenzende Regionen beherrscht hatte.

Anthelia/Naaneavargia, die höchste Schwwester des Ordens der schwarzen Spinne, wiegte ihren Kopf und überdachte alle gerade nachbetrachteten, ja nacherlebten Erinnerungen Sardonias. Das von dieser ausgelagerte Erinnerungsgut stammte aus dem Jahr 1506. Damals stand Sardonia noch davor, Frankreich zu beherrschen. Es war also verständlich, dass sie sehr auf der Hut vor möglichen Widersachern und vor allem Widersacherinnen war, erkannte Sardonias Erbin. Sie ärgerte sich nur, dass sie nach der Verschmelzung mit Naaneavargia nur noch auf jene Erinnerungen im Denkarium zugreifen konnte, die unmittelbar mit ihr von anderen Stellen zugegangenen Berichten oder eigenen Erlebnissen zu berühren waren. Erst jetzt, wo sie vom Speer des unbesiegten Mars gehört hatte, dass es ihn wahrhaftig gab, ja dass Gesine Feuerkiesel eines der vier Wagenräder jenes Kriegsgottes im Besitz gehabt hatte, war es ihr möglich geworden, Sardonias Erinnerungen daraufhin zu überprüfen und jenes Trefffen nachzubetrachten, dass die damalige Königin aller französischen Hexen ausgelagert hatte. Immerhin war dieser dieses Treffen wohl wichtig genug gewesen.

"Tja, jetzt haben die Nachkommen dieser beiden Brüder den Speer doch erbeutet, auch wohl weil es von den eigentlichen Marssöhnen keinen mehr gibt, der rechtzeitig hätte hinzukommen können. Das heißt aber nicht, dass es keinen mehr gibt, der deren Erbe angetreten hat. Wenn diese sehr vielfältige Gesine Feuerkiesel eines der vier angeblichen Streitwagenräder besaß dann wohl auch diese Familie Fulminicaldi. Bleiben noch zwei, die irgendwo auf dem Gebiet des Imperium Romanum versteckt sind. Vielleicht melden die ihren Besitzern ja doch noch weiter, was passiert ist."

Ein von Anthelia eingerichteter Meldezauber verriet ihr, dass einer der großen Zweiwegspiegel im von ihr eingerichteten Verständigungsraum vibrierte. Sie eilte dorthin und zog den Vorhang vor dem betreffenden Artefakt zurück.

"Höchste Schwester, ich habe gerade von den Zögerlichen erfahren, dass die Feder der Geburten in Hogwarts einen neuen Namen verzeichnet hat, der dich womöglich interessieren sollte: Cetus Arcturus Malfoy", meldete eine von Anthelias Kundschafterinnen in den reihen der schweigsamen Schwestern Britanniens." Anthelia nickte nur. "Der Neffe dieser ihrem eigenen Großmaul zum Opfer gefallenen Bellatrix Lestrange. Also doch keine Hexe. Na ja, wird sich dessen großer Bruder, der ehemalige Kronprinz der Familie, sicher vor Freude überschlagen, wenn ihm diese Nachricht zukommt", goss Anthelia einen Kübel Häme über diese Nachricht. Dann fiel ihr noch was ein:

"Auch wenn dieser neue Zaubererweltbürger uns scheinbar nicht sonderlich betreffen mag so entstammt er doch mehrerer uralter Linien, die mächtige Hexen hervorgebracht haben. Insofern auf jeden Fall vielen Dank für die Mitteilung."

Als Anthelia wieder für sich alleine war dachte sie daran, dass Bellatrix Lestrange und Narzissa Malfoy Nausikaa Thornapple geborene Black als gemeinsame Vorfahrin gehabt hatten und dass Anthelia in ihrem ersten körperlichen Leben Nausikaa und andere Unterstützerinnen von Sycorax Montague in einem einzigen heftigen Schlag vernichtet hatte, als diese ihren Anspruch auf Führerschaft der entschlossenen Schwestern Britanniens zurückweisen und sie selbst töten wollten. Von Nausikaa hatte sie damals die Aufzeichnungen über den Richtbaum Dairons erbeutet und ausgenutzt. Sie dachte an die qualvollen Minuten oder Stunden in der geistigen und auch körperlichen Vereinigung mit jenem Baum, der fast ihre Seele verschlungen hatte. Nur die von Sardonia erlernten geheimen Wörter der grünen Natur und die von ihr geopferten Leben ungeborener Kinder hatten ihr die Kraft gegeben, sich aus der Umklammerung des Richtbaumes zu lösen und ihn ihrerseits zu unterwerfen. Ja, und diesem Baum hatte sie Bellatrix' Lestranges ungeborenen Sohn geopfert, um diese an Größenwahn ihrem erwählten Herren und Meister ebenbürtige Hexe zu züchtigen und zu unterwerfen. Eigentlich, so dachte sie nun, wo sie die Nachricht über die Geburt eines zweiten Sohnes von Lucius Malfoy erhalten hatte, hätte sie längst prüfen können, was aus dem Richtbaum geworden war und ob der ungeborene Junge, den sie in diesem versteckt hatte, nach dem Tod seiner Mutter immer noch darin eingelagert war oder mit seiner Mutter zusammen aus der Welt verschwand. Doch zu viele andere wichtige Dinge waren passiert, vor allem ihr bis heute schwerster Fehler, Daianira Hemlock unterschätzt zu haben und sie deshalb beinahe als deren Tochter wiedergeboren worden wäre. Ebenso war sie sich nicht mehr sicher, ob das magische Band, das sie damals mit dem Richtbaum geknüpft hatte, die Verschmelzung mit Naaneavargia überstanden hatte oder nicht. Außerdem, das erkannte sie ebenso, war ihr nach Bellatrixes Tod der Richtbaum unwichtig geworden. Falls die Vereinigung mit Naaneavargia das alte Bündnis beendet hatte müsste sie es durch die Opferung von ungeborenem Leben erneuern. Doch wusste sie nicht, ob sie aus sich heraus eigene Kinder hervorbringen konnte, weil die Tränen der Ewigkeit ihren Körper verändert hatten. Abgesehen davon wollte sie, falls sie doch noch eigene Kinder bekommen wollte, diese ausreifen und zur Welt bringen, wenn sie den dafür geeigneten Vater fand und für sich gewinnen mochte. Der Gedanke daran brachte sie wieder auf Albertrude Steinbeißer. Auch sie war nun eine aus zwei Seelen vereinte Hexe. Auch sie wollte ein altes Erbe gewinnen. Aber sie konnte in ihrem Körper neues Leben empfangen, herantragen und zur Weltbringen. Eine Tochter hatte sie so schon von einem arglosen Mann bekommen. Laut Gertrudes Testament musste sie noch einen Sohn bekommen, um Gertrudes Vermächtnis zu erlangen, zu dem auch ein Lotsenstein aus dem erhabenen großen Reich Altaxarroi gehörte. Albertrude hatte ihr nicht mehr erzählt, ob sie noch auf dieses Ziel hinarbeitete. Bisher war sie jedenfalls nicht wieder schwanger geworden.

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Der Familienuhu der Malfoys klopfte am frühen Morgen des 23. März um halb acht an eines der großen, unzerbrechlichen Fenster des Esszimmers von Astoria und Draco Mallfoy an. Scorpius, der Sohn der beiden, deutete mit seinem kleinen Zeigefinger auf den großen Postvogel und rief : "Omas Eule!"

"Ja, Goldstück, das ist Oma Zissys Eule", strahlte Astoria. Ihr Mann, einst ein sehr selbstherrlicher und großmäuliger Bursche und überstolz auf seinen Vater, grummelte missmutig: "Sie will nur schreiben, dass das Kleine wohl da ist." Astoria grinste ihn an und sagte: "Was wohl sonst, Draco." Der machte keinen Hehl daraus, dass ein verspätet eingetroffenes Geschwisterchen nicht das war, was ihm im Leben noch gefehlt hatte. Er dachte nur daran, dass sollte sein Vater ihn nicht längst enterbt haben, das das von dem noch nachgelegte Kind die Hälfte vom Familienerbe kriegen würde. Was gab es da groß drüber zu jubeln?

Er las, dass gestern der kleine Cetus Arcturus Malfoy geboren worden war. Damit machte seine Mutter wohl klar, dass der Kleine das Blut der Blacks in sich trug. Wegen Sirius Black, dem Verächter seiner Herkunft, waren die Malfoys ständig von ihm, dem als dunkler Lord verehrten, dermaßen überwacht und drangsaliert worden. Wegen dieses Burschens, der ein Animagus gewesen war, hatten sein Vater und er sich ihm, den sie damals noch für den allergrößten und wichtigsten Zauberer überhaupt gehalten hatten, angedient und sich damit ausgeliefert. Die achso hochwohlgeborenen Malfoys waren zu niederen Knechten jenes dunklen Meisters geworden, immer erpressbar mit dem Leben des jeweils anderen. Eigentlich hätte dieser Sirius Black das Familienerbe seiner hochwohlgeborenen und immer reinblütig gebliebenen Familie antreten müssen, wie dessen Bruder Regulus. Aber wie jener Regulus war auch Sirius zum Verräter an den alten Traditionen geworden, so hatte es damals Dracos Vater in unüberhörbarer Verachtung getönt. Tja, und wie ehrenvoll und einträglich es dann wirklich geworden war, ihm, dessen Namen heute immer noch nicht jeder auszusprechen wagte zu folgen, hatten sie dann schmerzvoll erlebt. Im Grunde musste Draco seiner Mutter weiterhin danken, dass sie damals verschwiegen hatte, dass Harry Potter den zweiten gezielt auf ihn geschleuderten Todesfluch überlebt hatte, weil nur etwas vom dunklen Lord damit abgetötet worden war. Nur ihrer Lüge, um ihn, Draco im Schloss suchen zu können, verdankte nicht nur er sein Leben, sondern auch seine Freiheit, auch wenn er nicht die überragende Karriere machen durfte, die sein Vater und er sich erträumt hatten. Ja, und mit seinem Vater war er längst zerstritten, weil er dem nicht vergeben wollte, dass der ihn zum Knecht des von den meisten immer noch unnennbaren Magiers gemacht hatte. Das alles ging dem aus dem Elternhaus verjagten Sohn von Narzissa und Lucius Malfoy durch den Kopf, als er die Nachricht von der Geburt seines Bruders Cetus las.

"Feiern die seine Ankunft, Draco? Steht da was?" wollte Astoria wissen. Sie hatte es noch nicht aufgegeben, ihre und Dracos Familien miteinander auszusöhnen, wohl auch wegen Scorpius.

"Hier stehen nur die Geburtsdaten und dass meine Mutter mmir das mitteilt, weil ich "ein Anrecht auf das Wissen" habe, dass da noch ein Malfoy angekommen ist. Klar, wenn wir uns irgendwann beim Zaubereiministerium treffen, um das Testament unseres gemeinsamen Erzeugers vorgelesen zu kriegen, könnte ich ja tot umfallen, wenn da noch einer steht, der so aussieht wie ich", ätzte Draco. "Aber von einer Willkommensfeier steht da nichts. Ja, und selbst wenn es eine gibt, dann sind wir dazu nicht eingeladen, Astoria. Dann müsste ja erst jemand erlauben, dass ich wieder über die Schwelle seines Hauses treten darf, und das ist so wahrscheinlich wie ein grüner Sonnenaufgang."

"Ja, und du willst dich nicht erniedrigen, um Vergebung zu bitten", sagte Astoria. "Vergebung, wie ein Anhänger dieses angeblichen Heilandes aus Nazareth? Vergiss das besser ganz schnell wieder, Astoria, auch um Scorpius' Willen", grummelte Draco Malfoy. Er sah wieder alles vor sich, wie er im Stolz und in der Gewissheit aufgewachsen war, zu einer der mächtigsten und reichsten Familien der britischen, ach was, europäischen Zaubererwelt zu gehören, mit vielen Kontakten und unschätzbar wichtigen Beziehungen, bis rauf ins Zaubereiministerium. All das war durch die von seinem Vater und ihm verursachten Fehlschläge im achso großen Plan des dunklen Lords wie eine große bunte Seifenblase zerplatzt. Peng! Der schwache Trost, dass auch seine irrsinnige Tante Bellatrix in Ungnade gefallen war, weil er ihr nicht verraten hatte, dass sie damals den Gesuchten Harry Potter gefangengenommen hatten, konnte ihm da nicht helfen. Aus dem Stolz, ja dem Hochmut, war am Ende nur Angst und Demütigung geworden, etwas, woran er, Draco, seinem Vater die Schuld gab, weil der das nicht früh genug eingesehen hatte und sich und seine Familie in Sicherheit gebracht hatte, statt ihn dem dunklen Lord als gehorsamen Knecht anzubieten wie ein Stück Schlachtvieh. Am Ende musste er noch der Überheblichkeit des dunklen Lords und seiner Niederlage gegen Harry Potter danken, dass er heute ein einigermaßen eigenständiges Leben führen durfte. Was wäre gewesen, wenn Potter ihm damals nicht seinen Zauberstab abgejagt hätte? Die Vorstellung verursachte ihm heute mehr Grauen und Widerwillen als Enttäuschung, weil der dunkle Lord nicht an der Macht geblieben war. All diese Gedanken sprudelten wie überkochende Milch in einem überhitzten Topf in sein Bewusstsein und verdrängten jeden Anflug von Freude, dass er noch einen kleinen Bruder dazubekommen hatte. Daher war ihm auch nicht wichtig, zu dessen Willkommensfeier zu kommen.

"Wenn die eine Feier haben müssen sie dich und damit auch Scorpius und mich einladen, um kein Gerede aufkommen zu lassen, Draco", holte Astoria ihn aus seiner Grübelei in die Gegenwart zurück.

"Klar, um dann, wenn wir alle zusammen im Festsaal von Haus Malfoy zusammensitzen zu riskieren, dass es zwischen ihm und mir wieder kracht, Astoria? Neh, meine Teuerste, da werden die eher auf ein Willkommensfest verzichten, zumal der Ruf unserer Familie ja immer noch heftig angeschlagen ist. Der Mann, der sich nur mit viel Gold aus Askaban freikaufen konnte, ein Sohn, der sich in Hogwarts was auf seinen tollen Vater eingebildet hat und der es dann noch gewagt hat, die Enkeltochter eines Zauberers zu heiraten, der seinem Vater noch einige hunderttausend Galleonen aus dem Hemd ziehen konnte, weil er ihn wegen dieses Dings im Sternenhaus von Frankreich am Kanthaken hatte. Das wollen die echt nicht riskieren."

"Ich dachte, deine Familie legt sehr großen Wert auf Beachtung und Anerkennung, Draco. Da werden deine Eltern nicht drum herumkommen, einen unverhofften Nachkommen öffentlich zu ehren, auch wenn sie bei denen, die damals gegen den dunklen Lord gekämpft haben als Verlierer dastehen."

"Hier, lies bitte selbst und sage mir, wo ich da was von einer anstehenden Willkommensfeier überlesen habe!" schnaubte Draco Malfoy und warf ihr den Brief seiner Mutter zu. Sie nahm ihn und las ihn. Sie wiegte den Kopf und las ihn noch einmal. Dann versuchte sie allen Ernstes noch einen Enthüllungszauber. Doch der brachte nichts zusätzliches zum Vorschein. Auch fand sie kein Anzeichen auf einen Zauber, der durch Blutgabe weiteren Text enthüllte. "Hier steht nur was davon, dass wir und alle anderen noch lebenden Verwandten informiert werden sollen. Von einem Willkommensfest steht da echt nichts."

"Hab ich doch gesagt", blaffte Draco seine Frau an. "Gut, ein Willkommensfest kann ja bis zu zwei Monaten nach der Geburt gefeiert werden. Vielleicht kommt da ja doch noch was", erwiderte Astoria Malfoy geborene Greengrass.

"Eh, merkst du nicht, dass du gerade nur weltfremdes Zeug daherredest, Astoria. Meine Eltern werden keine Feier veranstalten, weil sie genau deshalb, weil sie viel weniger Gold als früher haben und weil sie sich nicht dazu herablassen werden, dich und Scorpius einzuladen. Denn dann müssten sie auch deinen Vater einladen, weil der ja der Vater der Schwägerin ist. Bei so einer Feier darf kein Familienmitglied ausgespart bleiben, erst recht nicht, wenn die Familien Wert auf Ansehen legen. Dass wir Scorpius' Geburt gefeiert haben und da nur Mutter bei war weil Vater was anderes, unaufschiebbares zu erledigen hatte war doch schon überdeutlich, Astoria. Die wollen nicht mehr mit uns feiern, und vor allem wollen sie weder dich, noch mich, noch deinen Vater bei sich im Haus haben, wo ihnen vom Hauselfenzuteilungsamt nur deshalb eine Elfe zugeteilt wurde, weil sie sich schriftlich verbürgt haben, dass diese Elfe anständig behandelt wird, weil dieses Schl..., dieses besserwisserische Weibsbild Hermine Weasley das bei denen durchgesetzt hat, dass Hauselfen gewisse Rechte haben sollen, auch weil die ja bei der Schlacht von Hogwarts aus freien Stücken mitgekämpft haben. Ich wollte mein Frühstück eigentlich noch richtig verdauen."

"Sind wir mal wieder so weit, das bisherige Leben zu bereuen, Draco Malfoy?" fragte Astoria. "Natürlich weiß ich, dass dein Vater uns nicht mehr bei sich im Haus haben will. Womöglich hat er deshalb auch zugesehen, noch einen Sohn zu zeugen, dem er als der stolze, alles überragende Vater alles mitgeben kann, was der Zaubergamot noch von eurem Familienvermögen übriggelassen hat, was, wie du ganz genau weißt, nicht gerade wenig ist. Ja, und du lässt bitte den Zauberstab wo er ist, oder willst du dich hier vor unserem Sohn mit mir duellieren? - Sicher nicht. Ja, und was diesen gemeinen Vorwurf angeht, ich würde weltfremdes Zeug daherreden, mein werter Gatte, gerade weil ich wie du aus einer Familie stamme, für die Werte wie Größe, Einfluss und auch öffentliche Anerkennung wichtig sind gehe ich davon aus, dass deine Eltern eine Willkommensfeier für den kleinen Cetus geben werden, weil sie ihre verbliebenen Beziehungen nicht verlieren wollen. Ja, und wenn du die ganze Verachtung und den zwischen dir und deinem Vater stehenden Unrat mal vergisst wirst du mir recht geben müssen, dass seine Familie nur dann noch eine Zukunft hat, wenn sie die bestehenden Verbindungen erhält und ausbaut, wenn dieser Bann des Zaubergamots erlischt und dein Vater und du auch einträglichere Berufe ergreifen dürft und damit auch wieder wichtig werdet. Deshalb müssen sie ein Willkommensfest feiern. ja, und wer sagt, dass das in ihrem Haus zu sein hat? Es gibt kein festgeschriebenes Gesetz, dass das Willkommensfest für ein Neugeborenes in dessen Elternhaus stattzufinden hat. Ein angemiteter Festsaal reicht doch schon aus."

"Okay, Astoria, du hast erwähnt, dass es bis zu zwei Monaten nach der Geburt feststehen muss, ob ein Willkommensfest stattfindet oder nicht. Also warten wir es ab", grummelte Draco, der sah, dass Scorpius immer wieder zwischen ihm und Astoria hin und herblickte, weil der nicht wusste, was die beiden gerade für Probleme hatten. Draco wusste zu gut, dass er es sich nicht leisten konnte, sich mit Astoria zu zerstreiten. Seine Schwiegerverwandtschaft hatte ihn nur akzeptiert, weil er der Träger wichtiger Blutlinien war und eben reinblütig war und weil er in Durmstrang das letzte Ausbildungsjahr gemacht hatte - was in Westeuropa nicht an jedem Ort anerkannt wurde, weil er vorher von Hogwarts als mehrfacher Beihelfer für Angriffe auf die Schule von der restlichen Ausbildung ausgeschlossen worden war, hatten ihn die Greengrasses als Schwiegerverwandten akzeptiert. Doch diese hauchdünne Anerkennung würde in dem Moment verdampfen, wenn Astoria bekundete, mit ihm nicht mehr zusammenleben zu können. Dann würde ihm entweder nur der Mord an ihr bleiben oder die Aussicht, in mehrfacher Schande ganz alleine weiterzuleben. Tja, und dass er kein Mörder war hatte er schmerzvoll erkennen müssen, weil er es nicht geschafft hatte, Dumbledore zu töten, wo er die Gelegenheit dazu bekommen hatte und ihm diese Furie Carrow und ihr eigentlich beschränkter Bruder Amycus noch in den Ohren gelegen hatten, es zu tun. Ja, und die Frau umzubringen, die seinen Sohn ausgetragen und geboren hatte war sicher noch schwerer als einen von ihm damals heftig verachteten alten Mann mit für ihn damals völlig weltfremden Ansichten umzubringen. So gab er lieber klein bei und schluckte allen Stolz, den er überhaupt noch besaß einstweilen hinunter. Sollte seine Mutter entscheiden, ob sie Cetus' Ankunft in der Welt groß feiern oder sie nur als eine Nachricht unter vielen weitergeben wollte. Warum sich also darum zanken? Am Ende hatte es sein Vater sogar darauf angelegt, dass er sich mit Astoria zerstritt und dann als enterbter, geschiedener Kronprinz ganz und gar auf sich allein gestellt irgendwo abhängen musste. Sicher, er könnte nach Russland umziehen, weil er mit einem seiner Abschlussklassenkameraden in Durmstrang gut ausgekommen war. Doch wenn er ehrlich war würde er sich dann doch wieder wem ausliefern, der ihm beim kleinsten Fehler das Leben zum Albtraum machen würde, aus dem er nur durch einen weiteren Todesfall aufwachen konnte.

Es gelang den Eltern des kleinen Scorpius, wieder zu einem versöhnlichen Tonfall zurückzukehren. Scorpius entspannte sich wieder, als sein Vater und seine Mutter ihm erzählten, dass Oma Narzissa was geschrieben hatte, was für beide schwer war. Das war wenigstens nicht gelogen, fand Draco Malfoy.

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Einerseits konnten Zweigstellenleiter Murrmuck und seine Amtsgenossen in den anderen Gringotts-Zweigstellen freier atmen, wo die Mischblüterin Ladonna Montefiori den allgegenwärtigen Bund bis auf wenige, weit zerstreut herumirrende Einzelaugen verringert hatte. Andererseits nutzten das die außenstehenden Kobolde aus, um eigene Edelmetall- und Edelsteingeschäfte an Gringotts vorbei zu machen und sich mit den Zauberstabträgern zusammen zu bereichern. Dann bestand immer noch die Gefahr, dass die von Zwergenkönig Malin VII. aufgebrachten Bierbäuche und Saufbärte darauf drängten, das alleinige Goldwertbestimmungsrecht für die deutschen Lande zu bekommen. Das würde das gesamte Handelsgleichgewicht zwischen den Gringotts-Zweigstellen erschüttern, womöglich sogar umstürzen, sollte Güldenbergs neuer Goldverwalter Ambrosius Ährenhaag des lieben Friedens Willen zustimmen. Es war schon schwer genug zu schlucken gewesen, dass sich die Amtsgenossen in Frankreich auf ein Abkommen eingelassen hatten, bei dem sie mit den Zwergen zusammen die Rohgoldbestände prüfen und den Wert der Galleonen, Sickel und Knuts festlegen durften. Die Hauptstelle in London hatte diesem Abkommen nur sehr unwillig zugestimmt, um keinen neuen Aufruhr zu verursachen. Immerhin hatten die Kobolde von Gringotts es ja den Franzosen zu verdanken, dass die Zauberstabträger sie überhaupt noch ihr Gold aufbewahren ließen.

"Neue Meldung aus London", hörte er die aus der Luftschallverpflanzungsanlage dringende Stimme des diensthabenden Nachrichtenschlägers. "Nordamerikas Knotenstelle New York meldet anstehende Untersuchung der Goldverarbeitungsbetriebe durch MAKUSA. London drängt auf Verweigerung dieser Untersuchung. New York erbittet Bedenkzeit."

"Wie kommen die darauf, dass sie unsere Goldverwertungsstellen überprüfen sollen und wer gibt denen das Recht dazu?" wollte Murrmuck wissen. Eine Minute später erfolgte die Antwort aus dem Nachrichtenglockenraum: "Handelserlass vom fünfzehnten März zur vollständigen Überwachung inländischer Goldförderung und -weiterverarbeitung gemäß Handelsgewährungsvertragsabschnitt sieben, wonach zur Klärung von Waren- und Zahlungsverkehr nötige Überprüfungen zulässig sind, sollte es eine Abweichung zwischen Angaben und ermittelten Tatsachen geben."

"Ist einem von den Makusanern einer ihrer Dragnots in den Abort geplumpst, und jetzt denken diese, es fehlt was?" fragte Murrmuck. "Ich kann diese Frage nicht beantworten, Zweigstellenleiter Murrmuck. Soll ich die Frage weitergeben?" erfolgte eine Gegenfrage aus dem Nachrichtenraum. "Bei der großen Mutter, bloß nicht!!" rief Murrmuck und verwünschte den Umstand, dass der Nachrichtenschläger vom Dienst offenbar nicht zwischen ernster Frage und abschätziger Bemerkung unterscheiden konnte. "Dann bleibt diese Frage unbeantwortbar", kam es ohne jede Gefühlsregung zurück.

"Handelsvertrag Gringotts Deutschland Zaubereiministerium Deutschland!" rief Murrmuck. Zur Antwort rasselte es in einer der fünf Schubladen seines Granitschreibtisches. Leise surrend fuhr die silberne Schublade auf. Murrmuck pflückte den darin liegenden Hefter aus der Haut eines ungarischen Hornschwanzes heraus und klappte ihn auf. Schnell blätterte er die darin steckenden Pergamente durch und fand einen Abschnitt, der dem vorhin erwähnten entsprach. Das war kurz nach Zusammenlegung aller deutschsprachigen Zaubererweltregionen zu einem gemeinsamen Verwaltungsbereich. Der damals noch kaiserlicher höchster Geheimrat für magische Angelegenheiten, Wesen und Dinge genannte Zaubereiminister Kiesewetter hatte mit Murrmucks Vorvorgänger Hacknack am ersten Januar 1872 Menschenzeitrechnung diesen Vertrag abgeschlossen und zum ewig hungrigen Sohn der großen Mutter Erde tatsächlich eine Überprüfungserlaubnis ausgehandelt, wenn sich an den Goldbeständen oder der Goldverwahrungshandhabung etwas unhinnehmbares ankündigte oder bereits erwies. Giesbert Heller hatte diesen Vertrag bei seiner Amtseinführung übernommen, weil er zugesichert hatte, dass er "den ordentlichen Betrieb und die zuverlässige Verwahrung von Wertmitteln" von Gringotts sicher nicht stören würde, zumal er ja davon ausging, dass die Kobolde selbst einen sehr hohen Anspruch hatten, als zuverlässig und gründlich zu erscheinen. Tja, und jetzt saß dieser Ährenhaag auf dem Stuhl, auf dem Giesbert Heller eigentlich bis zum Lebensende thronen wollte. Auch das verdankten die Kobolde Ladonna Montefiori und diesen nach abgestandenem Bier stinkenden Saufbärten unter dem Schwarzwald, dachte Murrmuck. Somit hing ein viele Koboldlängen langes Eisenschwert an einem Seidenfaden über Gringotts, dass Ährenhaags Leute eines schönen Tages auch diesen Vertragsabschnitt anführen konnten, um in die Goldverarbeitung hineinzuschnüffeln. Da halfen auch die Drohungen nichts. Denn ein Zaubereiministerium hatte genug Mittel, um die Kobolde zurückzudrängen, wenn die sich weigerten. Kein Wunder, dass der Zweigstellenleiter in New York sich Bedenkzeit ausgebeten hatte. Wie schnell Kobolde außer Landes geschafft werden konnten hatten sie ja leider erlebt, als Ladonna Montefioris Feuerrosenföderation entstanden war. So demütigend das auch sein konnte, um weiter mit den Zauberstabträgern handeln zu können mussten sich die Gringotts-Kobolde hübsch ruhig verhalten. Für ihn in Frankfurt am Main galt das noch mehr, weil Güldenberg und Ährenhaag ihm locker damit drohen konnten, den Vertrag aufzukündigen und mit den Saufbärten um König Malin VII. ins Geschäft zu kommen. Selbst wenn Gringotts dann alle Verliese fest verschlossen halten sollte war Frankfurt dann für das restliche Netz der Koboldbank Gringotts verloren.

"Meldung aus London, Rohgold für Weiterverarbeitung zu Goldbätznern in aus Ontario eingetroffen und über Reiseweg zwanzig auf dem Weg zu uns", teilte der Nachrichtenschläger vom Dienst mit. Murrmuck bestätigte und forderte die Mitschrift der Nachricht auf seinem Tisch. Keine Minute später glitt aus dem Verteilerschlitz in der Wand ein hellgrünes Pergamentblatt mit silberner Schrift. Murrmuck prüfte Absender und Inhalt der Nachricht. Dann ließ er die für gesammelte Nachrichten zur Goldverarbeitung bestimmte Schublade aufgehen und holte den Ordner des laufenden Jahres heraus. Darin heftete er die Nachricht von gerade eben ab.

"Reiseweg zwanzig, also nicht über Frankreich, sondern über die Niederlande", dachte Murrmuck und rechnete die Stunden bis zur angemeldeten Ankunftszeit durch. Für die Menge Goldes, aus der 100.000 neue Goldbätzner geprägt werden sollten würden sie fünf Überbringer schicken und an die zwölf Stunden brauchen, von denen die längste Reisezeit die Beförderung auf einem Schnellschwimmer war. Murrmuck war nach seiner Ausbildung selbst ein paarmal mit solch einem Goldfrachter gereist. Was war er froh gewesen, als sein Amtsvorgänger ihn zum Bestandshüter befördert hatte und er nicht mehr auf diesen wild wackelnden, wie Fässer mit Flossen gebauten Kähnen übers Meer schippern musste. Es gab nur wenige Koboldarten, die sowas richtig genossen, allen voran die Klabauter, die sogar schwimmenund tauchen konnten.

Zwölf Stunden von der Nachricht bis zur Ankunft. Da hätte er eigentlich Dienstfrei. Doch eine Dienstvorschrift von Gringotts besagte, dass Goldfracht zu einer Zweigstelle von Gringotts von deren Zweigstellenleiter persönlich entgegengenommen zu werden hatte, sofern er nicht durch eine Krankheit daran gehindert wurde und für den Fall seinen Stellvertreter vorgemerkt hatte, der dann weit vor Eintreffen der Goldfracht in London melden sollte, dass er die Fracht empfangen würde. Also musste Murrmuck selbst auf die angekündigte Ladung Gold zur Weiterverarbeitung warten, ja die Ladung selbst bis zur Münzmeisterei begleiten, wo der diensthabende Münzmeister sie prüfen und den Empfang bestätigen musste. Es musste alles seine Ordnung haben, wenn's um Gold ging.

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"Ich werde nie wieder was essen, bevor ich auf dieses Wackelding steige", maulte Rugfoot, einer der fünf nicht ganz so fröhlich dreinschauenden Gesellen in der blau-goldenen Uniform der Frachtfahrer, während das fassartige Fahrzeug, auf dem sie über die unruhigenWellen der Nordsee dahinschaukelten immer mal wieder nach links und nach rechts umzukippen drohte. Selbst wenn Wetneck, der Klabauter, der dieses in die glutheißen Tiefen des nimmersatten Sohnes der Erde gehörende Gefährt lenkte vor sich hinpfiff waren die fünf Frachtfahrer damit beschäftigt, ihr Frühstück im Bauch zu behalten. War das echt die Menge Gold wert, die da im untersten Laderaum verstaut war?

"Ihr Erdkrabbler, wir sind in zwei Pings am Ziel. Dann könnt ihr das Gold aus dem Frachter laden und euch auf die Buckel laden", verkündete der blauhaarige halbe Artgenosse. Die Klabauter liebten das Meer und sie fuhren eigentlich gerne auf den Schiffen der großen Leute mit. Aber mit den wackeligen Frachtfässern, die mit künstlichen Fischflossen angetrieben wurden, war es noch viel schöner, vor allem, wenn solche Erdverwurzelten Burschen mitfuhren.

Rugfoot blickte auf die sich mühelos in der richtigen Lage haltende Vorrichtung, die aus zwei Glocken bestand. Die kleinere gab alle Viertelstunde ein einzelnes Ping von sich, während die größere jede volle Stunde zwischen einem und viermal mit lautem Klong die verstrichende Zeit verkündete.

"Wo wilde wellen wogen hat's mich hingezogen", fing der Klabauter jetzt auch noch an zu singen. Rugfoot wusste nicht was schlimmer war.

Endprüfung vor Ankunft", presste Rugfoot hervor, als das erste der beiden angekündigten Pings erklang. Die vier anderen stiegen die Leiter hinunter und begutachteten die fünf schweren Säcke mit Goldstaub, die sie nach dem Anlegen in ihre gewichtserleichternden Lastenrucksäcke packen wollten. Über 100.000 Goldbätzner, die für den deutschen Raum gültige Goldeinheit, konnten damit hergestellt werden.

"Melde, alle fünf Säcke dicht und sicher", rief einer der vier Begleiter Rugfoots.

"Dann macht euch mal fertig hier! Gleich dotzen wir an die Kante", flötete Wetneck der Klabauter.

"Wie lang kannst du Luft anhalten, Blauhaar?" fragte Rugfoot. "Beim letzten mal zwei volle Pings, wieso?" fragte Wetneck. "Vergiss es", grummelte der Frachtbeauftragte. Dann sah und hörte er die Brandungswellen, wie sie auf schroffen Kies rollten und wieder zurückwogten. Gleich war es geschafft.

"Salzwasserschlucker, freie Küste?" fragte Bootkick, einer der vier anderen Kobolde. "Was war das bitte?" fragte Wetneck nicht gerade erfreut klingend. "Mein Frachthelfer Bootkick erbittet eine genaue Auskunft, ob unsere Landung an dieser Küste ungefährdet stattfinden kann oder ob es mögliche Beobachter oder gar Wegelagerer gibt?" fragte Rugfoot.

"Fremdwesensucher läuft!" sagte Wetneck. Eine kugelförmige Vorrichtung begann sich leise klickend um ihre Senkrechtachse zu drehen. Nach Rugfoots silberner Taschenuhr verging eine Minute, bis die Kugel mit leisem sphärischen Ding-Ding erklang und dabei hellgrün aufleuchtete. "Joh, freie Küste. Wir landen", meldete Wetneck.

Das fassförmige Frachtschiffchen glitt in die laut rauschenden, schäumenden Brandungswellen hinein und hüpfte dabei auf den vier Antriebsflossen. Dann knirschte es vernehmlich, und die Schaukelei und Rüttelei war vorbei. "Wir sind da. Holt eure Seesäcke aus der Kajüte und macht euch von Bord!" rief der Klabauter.

"Du wartest hier drei Klongs lang, bis wir wieder da sind und nach Southhamton zurückfahren", sagte Rugfoot. Wetneck wollte gerade darauf antworten, als ein rot-grüner Lichtblitz aufstrahlte. Gleichzeitig war ihm und seinen fünf Fahrgästen, als würde ihnen jemand Kraft wegnehmen. Dem Klabauter, Rugfoot und den vier anderen wurde schlagartig schwarz vor augen. Sie kippten um und blieben auf den nassen Holzplanken über dem fassförmigen Schiffskörper liegen.

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"Ihr hattet Recht, Meister Schattenhut. Die haben die Landestelle mit ihrem fiesen Lebensschwinger überstrahlt, der jedes lebendige Wesen widerhallen lässt, auch wenn es getarnt ist", sprach Aldurin Steinhorcher in die mit einem trichterförmigen Fuß am Boden verankerte Schallübermittlungsvorrichtung. Keine drei Atemzüge später kam die Antwort: "Ja, und hat unser Kraftbrenner gewirkt?"

"Ja, hat er. Der Salzwasserschlucker und die fünf Langfinger sind bewusstlos. Meine Leute gehen rein und schließen den Vorgang ab", sagte Aldurin Steinhorcher. Dabei sah er mit seinen Fernblickgläsern, wie seine fünf Untergebenen mit ihren Schnelllaufschuhen losflitzten und das fassförmige Gefährt erstürmten. Sicher konnten dort noch Sicherheitsvorrichtungen wirken, die jeden Unbefugten töteten. Doch Steinhorcher vertraute auf die Spiegelpanzer, die magische Kraftstöße auf ihren Ursprung zurückwarfen. Vor allem galt es, die besondere Uhr an Bord solange anzuhalten, bis der Austausch vollendet war.

Die ganze Unternehmung dauerte nur zehn Minuten nach menschlicher Zeitmessung. Die Übungen in den Höhlen unter dem Fichtelgebirge hatten sich ausgezahlt. Als Steinhorchers fünf Kameraden, gedeckt von zehn weiteren Kameraden zurückkehrten grinsten die Schnellläufer. "Jawoll, fünf pralle Säckchen hin und fünf dicke Säckchen zurück. Öhm, wir haben genau die entsprechenden Gewichte eingehalten", vermeldete Nori Fährtenleser zufrieden.

"Es war richtig, nicht näher als tausend unserer Schritte an die Wasserkante ranzugehen. Diese Lebensschwingungskugel strahlt doch wirklich bis zu fünfhundert Schritte weit und tief in die Erde", stellte Steinhorcher fest, als er einen Kurzbericht der Überwachungsvorrichtung am Strand las. Dann beeilten sich alle, in das wartende Tiefenboot zurückzukehren, um mit ihrem Raub gen Heimat zu sausen.

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Nach seiner Taschenuhr waren schon zehn Minuten über die angekündigte Ankunftszeit verstrichen. Murrmuck grummelte, dass die Frachtbringer wohl unterwegs eine Pause gemacht hatten. Da öffnete sich das unter der Erde verbaute Tor für Anlieferungen, und die fünf angekündigten Lastenträger traten ein.

"Gruß euch Brüder, habt ihr unterwegs eine Trinkpause eingelegt oder war das Meer so unruhig, dass ihr nicht schnell genug fahren konntet?" fragte Murrmuck die Ankömmlinge.

"Wieso, wir sind doch pünktlich angekommen und ... Höh?!" erwiderte der Leiter der kleinen Gruppe. Doch als er auf die hinter Murrmuck angebrachte goldene Uhr blickte verzog er das Gesicht. Auch seine vier Begleiter blickten ungläubig auf die drei Zeiger der Uhr an der Wand. Dann zogen sie ihre eigenen Taschenuhren hervor und verglichen die Zeit. "Zwergendreck!" fluchten sie alle, auch Murrmuck. Denn die Taschenuhren gingen ganze neun Minuten nach. Weil die Wanduhren in den Verwaltungsbereichen immer genau auf die geltende Ortszeit eingestellt war lag der Fehler nicht bei dieser. "Wo sind die neun Minuten abgeblieben. Das kann doch eigentlich nicht sein", knurrte Bootkick. Murrmuck verlangte nun, die mitgebrachten Säcke in die bereitstehende Lore umzuladen und dabei noch einmal zu prüfen, ob es sich um reines Gold handelte.

Die Säcke wurden noch einmal mit den Goldloten abgetastet. Diese vibrierten auf der Tonhöhe für reines Gold. Doch als sie die Säcke öffneten sahen sie überwiegend Quarzsand und vereinzelte Bleistücke. Mitten in jedem Sack steckte eine schwach pulsierende Kugel aus Gold. "Ihr Stümper habt euch das Gold wegnehmen lassen!" entrüstete sich Murrmuck.

"Hallo, das kann nicht gehen. Die Lote haben Säcke voll mit Gold angezeigt. Außerdem hat unser Meerwassertreter die Landestelle mit dem Lebenswiderhaller beschallt und keinen Fremden gefunden. Dann sind wir auf eine Unebenheit geratenund dabei aus dem Gleichgewicht gekommen", sagte Rugfoot.

"Ja, Unebenheit, ihr Hohlköpfe. Irgendwer hat aus sicherer Entfernung mit was auf euch draufgehauen und euch wohl umgeworfen, um dann das Gold abzugreifen und ..." Während sich Murrmuck in wilde Wut redete glühten die goldenen Kugeln aus den Säcken kurz hell auf und zerfielen dann zu glitzerndem Staub. Sie hatten wohl ihren Zweck erfüllt.

"Ihr habt euch Gold im Wert von 100.000 Goldbätzner, umgerechnet 50.000 Galleonen, abnehmen lassen, ohne euch dagegen zu wehren, ihr Stümper."

"Eh, wer soll das gewagt haben. Dazu müsste ja wer gewusst haben, wo wir anhalten und hätte dann was machen müssen, um uns alle gleichzeitig zu betäuben oder sowas", sagte Rugfoot nicht minder zornig. Die Vorstellung, dass jemand diese Fracht an eine Gruppe Goldräuber verraten hatte war unerträglich. Dann war die Frage, wie die das vorgetäuscht hatten, dass sie die mitgeführte Menge Gold dabei hatten. Für Murrmuck stellte sich zudem die Frage, ob man ihm den Verlust des Goldes zur Last legen würde oder ob er das den fünf Lastträgern allein an die Beine binden konnte. Falls er das nicht schaffte konnte er froh sein, wenn sie ihn in die Mistkäfertruppe herabstuften, die die Fuhren Drachenmist vor den Hochsicherheitsverliesen abzufahren hatte. Wenn der Hauptstellenleiter einen sehr schlechten Tag hatte konnte er auch in der Halle der Verruchten enden, schön mit Gold überzogen, als mahnendes Beispiel für alle anderen, dass Versagen bestraft wurde. Es sei denn, er fand heraus, woher die dreisten Räuber erfahren hatten, dass ein Goldfrachter erwartet wurde und wo dieser landen würde. Feststand, dass die ganze Unternehmung durchgeplant worden sein musste. Beides, die Dreistigkeit und die offenbar sorgfältige Durchführung sprachen für die Spione und Störenfriede aus Malins Königreich. Wenn er das beweisen konnte kam er vielleicht mit Pergamentschrubben auf Lebenszeit davon. Jetzt bedauerte er es doch, dass der Bund der alles sieht und hört sogut wie ausgelöscht war.

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"Die werden sich jetzt besser absichern, mein König. Oft werden wir diese Unternehmung nicht durchführen können. Außerdem könnten sie unsere Nachrichtenquelle enthüllen und verschließen, mein König", gab Kundschaftergroßmeister Schattenhut seine Ansicht über die nächsten Unternehmungen zu bedenken. König Malin VII. nickte zunächst, winkte dann aber gleich wieder ab. "Wir haben noch vier in die deutschen Lande geplante Goldüberführungen. Wenn wir die auch noch abfangen wird das den Brummkreisel in Frankfurt und seine Amtsgenossen in Wien und Zürich so richtig in Schwung bringen."

"Das ist wahrscheinlich. Sie werden auch nach neuen Schutztruppen rufen, die die durch die entstandene Schwächung ihres eigenen Kundschafterdienstes entstandene Nachrichtenleere ausfüllen sollen. Deren Truppe zur Beseitigung von Schwierigkeiten reicht dafür nicht aus", erwiderte Schattenhut.

"Vor allem wenn die rausfinden, dass wir drei von denen in unseren Dienst gezwungen haben", merkte der König unter den deutschen Bergen an. Schattenhut nickte nur beipflichtend. "Das könnte ein schönes Durcheinander im achso geordneten Haufen der Spitzohren auslösen", fügte Malin noch mit unüberhörbarer Schadenfreude hinzu.

"Ja, nur ist es meine Pflicht als oberster Meister Eurer Kundschaftergilde, davor zu warnen, dass auch die Spitzohren Kundschafter in unsere Reihen einschmuggeln oder Mithör- und Fernbeobachtungsvorrichtungen an wichtigen Stellen zum Einsatz bringen und uns dadurch gefährden können, ohne dass sie den von Euch erhofften offenen Schlagabtausch riskieren müssen."

"Ja, und als eben jener Meister der Kundschaftergilde ist es deine vordringlichste Aufgabe, solche Gegenmaßnahmen der Spitzohren zu erkennen und zu verhindern oder sie dann gegen diese umzukehren. Das Ziel muss der Zorn der Spitzohren von den Inseln sein, der sich gegen unser Volk richtet. Nur dann haben wir die Möglichkeit und ja auch die Verpflichtung, sie aus unserem Hoheitsgebiet zu verjagen und das vor deren dreister Übergriffe bestehende Vorrecht zur Verwahrung und Wertbestimmung allen Goldes, und anderer Edelmetalle zurückzugewinnen. Also führe die Unternehmung Goldwanderung wie beschlossen fort, Meister Schattenhut!"

"Sehr wohl, mein König", erwiderte Schattenhut dientsbeflissen. Er hatte schließlich seine Bedenken vorgebracht und konnte sich im Falle eines völligen Fehlschlages darauf berufen, rechtzeitig davor gewarnt zu haben. Doch Schattenhut wusste auch, dass das, was sein König vorhatte, zum Tode von hunderten oder tausenden seiner Artgenossen führen konnte. Doch er hatte den Bartschwur geleistet, den Herren auf dem eisernen Stuhl des Herrschers mit allem zu dienen, was er besaß und konnte, notfalls auch das eigene Leben dafür zu geben, dem Willen des Herrschers zu dienen.

Als Schattenhut die gegen Belauschung und Fernbeobachtung abgesicherte Besprechungskammer wieder verlassen hatte grinste König Malin VII. sehr zufrieden. Die Kobolde würden sich bald dazu aufraffen, die heftigen Störungen ihres Gewinnstrebens zu beseitigen. außerdem ging er von gerade mal zehn bis zwanzig eigenen Todesopfern aus, die aber mehr als genug waren, um die acht anderen Könige dazu aufzurufen, ihm beizustehen. Auch wenn der letztes Jahr zusammengetretene Rat der neun Könige sich mehrheitlich gegen einen offenen Feldzug gegen die Kobolde entschieden hatte mussten sie einem angegriffenen Amtsgenossen beistehen, so der uralte Beistandspakt. Er wollte es noch in den nächsten zwei Jahren erreichen, das Goldverwahrungs- und Goldwertbestimmungsvorrecht zurückzuerhalten, ob es den Kobolden und den großen Leuten mit den Zauberstäben gefiel oder nicht.

Nachdem Malin zwei Schläge des Zeitambosses verstreichen ließ traf er sich mit Kriegsgroßmeister und Zehntausendschaftenführer Dorin Schmetterhammer, dem obersten Befehlshaber der Truppen. "Wie schnell kannst du alle grundausgebildeten Männer bewaffnen, wenn das Kriegshorn ertönt, Meister Schmetterhammer?" wollte Malin wissen.

"Da Ihr den Fall Morgenwache ausgerufen habt, mein König, so haben meine Zeugmeister und Truppenführer alle Pläne für eine schnelle Einberufung und Ausrüstung aller wehrfähigen Männer in Bereitschaft. Zwei Schläge des Zeitambosses reichen aus, um sämtliche gemeldeten Männer zu bewaffnen und auszurüsten. Außerdem ist in den geheimen Werkstätten der Nachbau von Erdfeuerpumpen verdoppelt worden. Wir haben auch die Zahl von fünfzig Tiefenboote und zehn Tiefenkreuzer für die unmittelbare Absicherung der Umgebung wiederhergestellt. In den über das deutsche Land verteilten Außenhäfen liegen noch über achthundert Boote und einhundert Kreuzer bereit, falls du und ich unsere Hörner blasen. Die Spitzohren werden sich wundern, wenn die uns angreifen. Es fehlt im Grunde nur der Ruf des Kriegshorns, mein König."

"Und was machen die Späher der großen Leute auf ihren in den feurigen Schoß der Erde zu verdammenden Flugbesen?" wollte der König wissen.

"Der Überwachungsdienst von denen wird ununterbrochen fortgesetzt. Die warten förmlich darauf, dass wir unübersehbare Truppenbewegungen veranstalten. Auch würde es nichts helfen, die uns überfliegenden Überwacher aus der Luft herunterzuschießen, weil die dann die Abschließung unseres Reiches beschließen würden. Gegen die Spitzohren können wir siegreich fechten, aber nicht gegen eine aufgebrachte Streitmacht der Zauberstabträger."

"Das hast du bei unserem Treffen im Bezug auf Unternehmung Goldwanderung schon erwähnt", erinnerte sich Malin mit hörbarem Unmut. "Mir geht es nicht darum, einen Krieg mit den Zauberstabträgern zu entfesseln, weil wir ja von denen und mit denen gemeinsam das Gold hüten wollen. Doch falls die uns aushungern oder gar verjagen wollen werden wir uns nicht vor ihnen ducken, sondern mit erhobenem Haupte und blitzenden Waffen wider sie antreten. Unsere Rüstungen wehren viele ihrer Kampfzauber ab, und unsere Waffen sind von unseren Waffenschmieden unzerbrechlich gemacht worden."

"Ja, dies ist so, mein König", bestätigte Schmetterhammer.

"Noch was nur für deine und meine Ohren, Kriegsgroßmeister Schmetterhammer", raunte König Malin und blickte schnell zu den Wänden, der Decke und dem Boden, um sicher zu sein, dass sie auch wirklich jedes hier gesprochene Wort im Raum zurückhielten. "Du weißt, dass diese Mondanbeterinnen, bei denen deine jüngste Schwester mitmacht, immer mehr Zulauf kriegen. Wenn wir den Kriegsfall ausrufen werde ich auch einen Erlass verkünden, dass unvergebene Frauen entweder freiwillig um Zuteilung zu einem ledigen Mann bitten oder als wertlose Mitesserinnen ausgestoßen und unwiederkehrlich von all unserem Leben ausgeschlossen werden müssen."

"Mein König, Iru will doch niemand von den klugen und wichtigen Männern haben, und sie als Frau eines Steinklopfers zu vergeben würde mir und damit auch euch als Entwürdigung unserer Familien ausgelegt werden", sagte Schmetterhammer irgendwie gedrängt klingend.

"Schattenhut braucht alle Kundschafter für die Außenüberwachung und Vorwarnposten. Du bist für unsere Sicherheit zuständig. Krieg raus, wo die sich jeden Neu- und jeden Vollmond treffen und lass einen von den Windelwäschern die Botschaft überbringen, dass sie ihre Unvergebenen Mitschwestern bald auf den Markt der ledigen Frauen bringen oder sich damit abzufinden haben, dass die im Haus der wertlosen Weiber landen, wo sie keinen Mond mehr anbeten können!"

"Mein König, Großmeister Schattenhut und ich können die Treffpunkte nicht finden. Die haben was gemacht, dass unsere Späher in die Irre lenkt. Ja, und noch gilt der Erlass, dass Trägerinnen von Durins edlem Sein, solange sie keine Verbrechen gegen die ihnen anvertrauten Männer begehen, zu schützen sind."

"Das wird sich ändern, wenn die Spitzohren auf unsere Herausforderungen eingehen. Dann gilt nur noch der Wert für Kampf und Volkserhaltung", erwiderte der König. "Dann schicke einen der entbarteten und entmannten entehrten in die Höhle der Mütter und Töchter und lass ihn deine Schwester übermitteln, dass sie ihre Verweigerung gegen die Unterwerfung aufgeben oder in nicht mehr all zu ferner Zeit verhungern muss. Falls sie fragt, was ich damit meine soll der Bote ihr sagen, dass die Schonzeit für Träumerinnen beim dritten kommenden Wintermond endet. Das soll die Begründung sein."

"Mein König, euer Vater und Vorgänger, möge er in Durins Ruhmesreich alle Freuden des Seins erfahren, hat schon damit gedroht, dass er die Unvergebbaren entweder auf niedere Diener aufteilt oder in eine der aufgegebenen Goldhöhlen steckt. Das hätte ihm fast die völlige Verweigerung aller Dienerinnen und Tänzerinnen eingetragen. Da er ... ja, weiterhin die Freuden seiner Herrschaft genießen wollte, hat er dieses Vorhaben aufgegeben. Ich weiß noch, wie er mir gesagt hat, dass niemals wer im Königreich in Friedenszeiten an die unvergebbaren Weiber rühren darf, weil die Vergebenen und die Dienstbaren mehr Wut als Angst bekommen könnten und dann lernen könnten, dass sie stärker sein können als wir. Das dürfe niemals geschehen, sprach Euer in Durins Ruhmesreich wohnender Vater und Vorgänger."

Malin hätte fast genickt. Denn wie stark die Frauen seines Volkes sein konnten wusste niemand besser als er, der Herrscher. Ja, und genau das durfte sonst niemand wissen. Aber genau deshalb sagte er nun: "Dann machen wir das anders. Wenn der Krieg mit den Spitzohren beginnt werde ich verfügen, dass nur die Frauen und Mütter kriegswichtiger Männer weiterhin zu Essen erhalten werden. Dann wird deine kleine Schwester eben verhungern."

"Mein König, ich will nicht um das Leben meiner Schwester Iru betteln, weil ich wie Ihr davon überzeugt bin, dass es gefährlich ist, ihre Gemeinschaft immer stärker werden zu lassen. Doch sie wird keine Furcht vor dem Hungertod empfinden. Der wäre für sie eine Art Erhöhung. Ihr wisst, dass die Träumerinnen, die sich Schwestern des Silberlichtes nennen, daran glauben, dass ihre Seelen eins mit der um unser aller Mutter kreisenden Himmelsschwester werden. Sie hat keine Angst vor dem Tod, mein König."

"Wie ein Krieger, nicht wahr, Schmetterhammer?" schnarrte der König. "Nicht in der Weise, wie wir Brüder von Eisen, Blut und Ehre es empfinden, aber offenbar auf eine Weise, die die Leiden des Lebens und den Tod für sie erträglich bis zu feiern machen. Bedenket bitte, welche Leiden die Mütter erdulden müssen, um dem Volk neues Leben zu schenken. Wer das ertragen kann lernt, den Tod nicht zu fürchten, mein König", erwiderte Schmetterhammer.

"Danke für diese klare Mitteilung, die dir sicher schwerer fiel als allein in eine Schlacht mit tausend bewaffneten Feinden zu ziehen, Kriegsgroßmeister Schmetterhammer", erwiderte der König verdrossen. "Dann werden sie eben leiden und ihre Seelen in die Leere des Himmels hauchen dürfen, weil der Mond nichts damit anfangen kann", erwiderte der König. Schmetterhammer nickte und antwortete: "Ja, so sehe ich das auch, mein König."

König Malin befahl Schmetterhammer noch, die heimlich ausgelagerten Truppen weiter ihre Übungen machen zu lassen, immer abwechselnd, damit jeder bereits fest angestellte Krieger im Ernstfall wusste, wo er was zu tun hatte. Das sicherte ihm Kriegermeister Schmetterhammer zu.

"Wieder einer mit künstlichen Vielseheraugen", knurrte der König, als der Befehlshaber seiner Wachen den halbtäglichen Bericht erstattete, was außerhalb der unterirdischen Stadt vor sich ging. "Ja, aber nicht dieses vorwitzige Weib mit den hinterhältigen Erschütterungsmitteln", sagte der Befehlshaber der Wachen. "Dieses wird wohl erst in zwei Tagen wieder unser Reich überwachen."

"Ja, und wenn sie da ist sollten die Wachen ihre Gehöre gegen überhohe Töne schützen", knurrte Malin VII. verdrossen. Er erinnerte sich noch zu gut daran, wie gestandene Krieger unter solchen lauten, überhohen Tönen kampfunfähig gezuckt und gestöhnt hatten. Diese Schande durfte sich nicht wiederholen.

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Julius Latierre wusste nicht so recht, was er bei dieser Besprechung am 23. März 2008 um halb zehn sollte. Die Ministerin persönlich hatte ihm eine Vorladung per Memoflieger ins Büro geschickt und zugleich auch eine Bestätigung, dass er bei der allmorgentlichen Besprechung der Mitglieder des Büros für friedliche Koexistenz zwischen Menschen mit und ohne Zauberkräfte entschuldigt war.

Als er im Büro der Ministerin eintraf waren dort schon der Leiter des Koboldverbindungsbüros, der Leiter des Zwergenverbindungsbüros, sowie Monsieur Bouvier aus der Handels- und Finanzabteilung und der immer noch auf Bewährung arbeitende Monsieur Chaudchamp von der Abteilung für internationale magische Zusammenarbeit. Also was sollte er hier so dringendes mitbekommen oder gar mitverhandeln?

Die Ministerin begrüßte alle von ihr einbestellten und dankte dafür, dass sie ihre wertvolle Zeit dafür opferten. Dann bat sie den Koboldverbindungsbüroleiter um seinen Bericht. Dieser erwähnte, dass die französischen Kobolde erfahren haben wollten, dass die US-amerikanischen Kobolde bessere Konditionen erhalten hätten, um nicht nur Gold, sondern auch andere Wertstoffe handeln zu dürfen und dass der MAKUSA mit der Zentrale von Gringotts in London ein geheimes Abkommen treffen wollte, was die Überführung in den Staaten geförderten Goldes betraf. Daher fragte der Leiter von Gringotts Paris an, ob es um des von allen so gewünschten Friedens wegen nicht günstiger sei, noch bessere Handelsbedingungen zu treffen. Der Koboldverbindungsbeauftragte gab zu bedenken, dass dies auch mit dem Zwergenverbindungsbüroleiter besprochen werden müsse, da der Frieden in Frankreich ja darauf gründete, dass Kobolde, Zwerge und magische Menschen gemeinsam den Wert des hierzulande gehüteten Goldes und anderer Edelmetalle festlegten.

"Monsieur Chaudchamp, Sie haben am fünfzehnten März berichtet, dass Ihr Kollege in den Staaten die Ambitionen für alleinige Handelsabkommen zwischen Menschen und Kobolden für beendet erklärt hat. Das wäre ja ein Widerspruch zu dem, was wir gerade erfahren haben."

"Die Frage sollte eher lauten, wem wir vertrauen könnenund wem nicht, Mademoiselle Laministre. Die Kobolde haben schon häufig behauptet, anderswo bessere Bedingungen bekommen zu haben als bei uns. Insofern ist das, was der Kollege aus dem KVB erzählt nicht wirklich neu oder gar weltbewegend genug, hier eine kleine Krisenkonferenz abzuhalten. Auch weiß ich nicht, was der Menschen-Veela-Beauftragte dabei zu tun hat, wo die Veelas doch mit uns so ein überragend gutes Friedensabkommen ohne bestehende Fragen oder Auslegungsmöglichkeiten abgeschlossen haben", sagte Chaudchamp. "Zudem besteht ja die Vereinbarung, dass einzelne Zaubereiministerien die über ihren eigenen Hoheitsbereich hinausreichenden Entscheidungen erst mit den zuständigen Fachkundigen zu besprechen haben, bevor sie irgendwelche Alleingänge machen, die auch andere Ministerien betreffen können. Ja, und natürlich wollen die Kobolde immer mehr von unserem Gold profitieren. Auch das ist nichts neues mehr. Insofern halte ich die mir von meinem Amtskollegen in New York zugesandte Mitteilung für glaubhafter und daher verbindlicher als irgendwelche Behauptungen eines Koboldes in Paris", erwiderte Chaudchamp.

"Was den Menschen-Veela-Beauftragten angeht wissen Sie, Monsieur Chaudchamp, dass er zudem auch in der Informationsabteilung des Büros für friedliche Koexistenz zwischen Menschen mit und ohne Magie arbeitet. Sollte es nötig sein, eine schnelle Anfrage an Kollegen in Übersee zu richten möchte ich ihn gerne damit betrauen, die ihm verfügbaren Mittel dafür einzusetzen", sagte die Ministerin.

"Sie spekulieren darauf, dass immer mehr meiner Amtskollegen auf dieses Netzwerk von Elektrorechnern zugreifen, um schneller als Expresseulen oder gemalte Botschafter miteinander zu kommunizieren, Ministerin Ventvit? Da muss ich Sie enttäuschen. Außer den wenigen, die sich auf dieses höchst fragwürdige Verständigungsmittel eingelassen haben wollen die meisten Amtskollegen von mir die althergebrachte, tausendfach bewährte Nachrichtenübermittlungsmethode beibehalten, zumal sie und ich der Überzeugung sind, dass wir uns nicht von den Elektrostromerzeugungsverfahren der magielosen Welt abhängig machen dürfen. Also, was soll er dann hier noch?"

"Zuhören, ob ich für ihn was wichtiges auszuführen beschließe, Monsieur Chaudchamp. Des weiteren darf und muss ich Sie daran erinnern, dass Sie immer noch auf Bewährung wegen des versuchten Umsturzes durch Ihre Familie und deren Mitverschwörer sind. Nur weil Sie die unerlaubte Öffnung des Gebäudes für die Verschwörer verweigert haben dürfen Sie weiterhin Ihr Amt bekleiden und Ihr nicht unbeträchtliches Gehalt beziehen. Ansonsten besteht immer noch die Möglichkeit, Sie vorzeitig zu entlassen oder Ihnen einen Dienstposten in unseren Überseebesitzungen zuzuweisen", schwang die Ministerin die Keule ihrer Befugnisse. Chaudchamp sah Julius an, der jedoch ruhig blieb. Die Abneigung dieses zu einer reinblütigkeitsverehrenden Familie gehörenden Zauberers war ihm ja hinlänglich vertraut.

Nun ging es darum, ob die Behauptungen des Gringottsleiters Paris tatsächlich glaubhaft waren und falls dem so war, wie sie dann mit den Zwergen darüber einkommen wollten, dass auch in Frankreich bessere Bedingungen für die Kobolde geschaffen werden sollten. Dabei zeigte sich, dass es den bestehenden Frieden zwischen den französischen Kobolden und Zwergen gefährden würde, falls das Ministerium beiden Volksgruppen nicht noch mehr Freiheiten zubilligte. Ja, die Kobolde könnten darauf bestehen, Zauberstäbe führen zu dürfen, um auch fernwirksame Zauber ausführen zu können. Alle waren sich einig, dass dies nicht gewährt werden durfte, weil dies einen Dominoeffekt für die ganze Welt nach sich ziehen würde. Auch stand wohl fest, dass der MAKUSA den Kobolden keine eigenen Zauberstäbe genehmigen würde. Die könnten ja sonst darauf kommen, sich für die erlittenen Erniedrigungen unter Ladonna Montefioris Einfluss zu rächen. Überhaupt sah alles danach aus, als wolle MAKUSA-Präsidentin Cartridge die Kobolde besänftigen, weil es bei denen wohl immer noch welche gab, die Vergeltung für die erlittenen Demütigungen und Misshandlungen forderten. Dann wartete Julius mit einer sehr gewagten Vermutung auf:

"Abgesehen davon, Kollege Chaudchamp, steht in den mir zugegangenen Vereinbarungen zwischen den Zaubereiministerien nur drin, dass Beschlüsse, die über das eigene Hoheitsgebiet hinausreichen mit anderen Ministeren oder deren zuständigen Fachbeamten abzustimmen sind. Was die eigenen Hoheitsbereiche angeht kann ein Ministerium oder eine entsprechende Verwaltungsinstanz schalten und walten wie es ihr beliebt und muss keinem anderen Ministerium Rechenschaft darüber ablegen. Insofern muss Ihr Kollege in den Staaten Ihnen auch nicht aufs Baguette schmieren, dass seine Verwaltungsorganisation ein separates Abkommen mit den Kobolden getroffen hat. Daher kann beides stimmen: Der MAKUSA will ein eigenes Abkommen haben und der Leiter von Gringotts Paris übertreibt, was die Auswirkungen auf die internationalen Handelsbeziehungen angeht. Ich erinnere Sie alle daran, was los war, als nach der Erdmagiewoge und der sogenannten Goldebbe die USA eigenes Papiergeld in Umlauf gebracht haben. Das galt nur in ihrem Zuständigkeitsbereich. Dennoch haben die Kobolde hier und in ganz Europa aufgeschrien, dass da jemand ihr jahrhundertealtes Vorrecht auf Goldwertbestimmung aushebeln will. Das war noch vor Ladonnas Unterwerfungsfeldzug gegen Menschen und Kobolde."

"Sie unterstellen meinem Kollegen in New York, mich nicht über alles mich und alle anderen Leiter internationaler zaubererweltbehörden betreffende unterrichtet zu haben, Monsieur Latierre? Ein sehr starkes Stück, was Sie, noch dazu als Außenstehender, sich hier erlauben."

"Nicht so stark wie Ihre trotz klarer Beschränkungen bestehenden Versuche, Ihre eigene Amtsposition wieder auszubauen", sprang Handelsabteilungsleiter Bouvier Julius bei, ohne dass dieser ihn darum gebeten hatte. "Oder haben Sie mittlerweile Ihren Anspruch auf alleinige Verhandlung mit den nordafrikanischen Zaubereiministerien zurückgezogen, weil Sie erkannt haben, dass die Ägypter und die von diesen angespornten Nachbarn nicht von ihren Forderungen abrücken werden und es für Sie günstiger ist, einem anderen die Verantwortung für einen sich daraus ergebenden Handelsstreit zu gönnen?"

"Ich habe Ihnen nur vorgeschlagen, meine über Jahre geknüpften Beziehungen zu inner- und außerministeriellen Stellen in den Maghrebstaaten zu nutzen, um den schwelenden Streit wegen der aus Ägypten entführten Artefakte möglichst schnell und geräuschlos beizulegen. Es ging und geht auch darum, dass wir beweisen wollen, dass Ägyptens Zaubereiminister sich erhebliche Vorteile bei den Geschäften mit Gringotts und dessen Fluchbrechern verschafft hat. Ihnen ging und geht es nur darum, bestehende Handelsabkommen wieder in Kraft zu setzen, weil der Nachschub an Zaubertrankzutaten und Zaubertränken versiegt und Sie all zu bereit sind, Al-Assuani und seiner Sippe die Füße und was sonst noch zu küssen, Kollege Bouvier."

"Das verbitte ich mir entschieden, Kollege Chaudchamp", knurrte Bouvier. "Ja, ich habe als Leiter der Handelsabteilung eine sehr große Verantwortung, dass unser Land und nicht nur unser Land weiterhin genug notwendige Ingredentien erhält, um im Bereich der Heilkunst und anderer lebensnotwendigen Bereiche jeden Engpass zu vermeiden. Aber ich habe es nicht getan und werde es auch nicht tun, diesem sich wie ein althergebrachter Pharao aufführenden Clanführer aus Kairo die Füße und was sonst noch zu küssen, damit er seine hörigen Händler und Braumeister dazu bringt, uns wieder zu beliefern."

"Messieurs, bitte mehr Anstand und Haltung, wenn ich bitten darf", schritt die Ministerin ein. Doch Julius und die anderen sahen ihr an, dass dieser aufgeflammte Disput zwischen den beiden Abteilungsleitern ihr zu denken gab. Julius bat noch einmal ums Wort und gab in seiner Eigenschaft als offiziell zertifizierter Pflegehelfer bekannt, dass die Heilzunft in Frankreich, sowie den Nachbarländern über deren Verbindungen nach Nordafrika und darüber hinaus genug Zaubertrankzutaten oder fertige Tränke für Heilmaßnahmen bezog. Er sah Chaudchamp an und sagte dann noch: "Das dürfte auch der Grund sein, dass Ägyptens Zaubereiminister Al-Assuani so verbittert ist, dass seine Handelsbeschränkungen nicht den gewünschten Effekt haben und er nichts dagegen tun kann, weil die magische Heilzunft global abgesichert ist und größtenteils eigenständig handeln darf, was den Erwerb von heilmagischem Wissen und Material betrifft."

"Wie bereits vorhin erwähnt verbitte ich mir Vermutungen von Außenstehenden, was internationale Vorgänge angeht, sofern ich sie nicht ausdrücklich erbitte", knurrte Chaudchamp und sah Julius an, der jedoch gelassen blieb. Dann sagte auch noch die Ministerin: "Als Pflegehelfer ist er gehalten, sich über die Vorgänge innerhalb der Heilerzunft auf dem laufenden zu halten und hat uns in dieser Eigenschaft als entsprechend befähigter und befugter Zauberer eine kurze Rückmeldung erstattet, da das Thema Trankzutaten ja gerade besprochen wird."

"Wie Sie meinen", knurrte Chaudchamp. Doch nun meinte Bouvier Oberwasser zu haben und hielt dem Kollegen Chaudchamp entgegen: "Sie haben darauf spekuliert, über Ihre Verbindungen nach Italien die Rückgabe der von Ägypten eingeforderten Artefakte zu ermöglichen, nicht wahr? Ja, und Sie haben wohl vor kurzem die Nachricht erhalten, dass Ihre geheimen Bemühungen misslangen, weil die von Ihnen kultivierten Verbindungen nicht an die unter Verschluss gehaltenen Artefakte herankommen und es auch trotz Ihrer heimlichen Umfragen in anderen Zaubereiministerien bisher keine Spur gibt, wohin die nicht im italienischen Zaubereiministerium gelandeten Artefakte gekommen sind. Denn soweit ich von meinen Kontakten weiß zielt Minister Al-Assuani weiterhin darauf ab, sämtliche als sogenannte Schätze des Nils bezeichneten Gegenstände und sämtliche aus Ägypten fortgeschafften Unterlagen zurückzuerhalten. Dem Herrn geht offenbar der Hintern auf Grundeis, was in einem Wüstenstaat was heißen soll, weil er weiterhin damit rechnen muss, dafür doch noch entthront zu werden, weil er über Jahre hinweg wissendlich mächtige und potentiell gefährliche Gegenstände in die Obhut der Kobolde gegeben hat."

"Was von dem, dass Sie beide bitte Haltung und Anstand zu wahren haben konnten Sie nicht verstehen, Monsieur Bouvier?" fragte die Ministerin, während Chaudchamp bereits rot vor Zorn um eine passende Antwort rang.

"Ich habe mich anständig ausgedrückt, Ministerin Ventvit. Außerdem war und ist mir wichtig, dass der Kollege Chaudchamp weiß, warum seine eigenen Bemühungen bisher nicht fruchteten und unter Umständen zu einem sehr peinlichen Fehlschlag führen können. Al-Assuani will alles aus Ägypten wiederhaben, auch wenn er genau weiß, dass jemand außerministerielles wichtige Artefakte erbeutet hat. Unsere Kollegen in Rom wollen aber genau wegen der Gefährlichkeit der Artefakte nicht darauf eingehen, diese aus ihrer Obhut zu geben, weil sie nicht wissen, ob dann nicht noch mehr davon abhanden kommen. Das kann ich als Leiter der Handelsabteilung nachvollziehen, und Sie, Kollege Chaudchamp, können das sicher auch nachvollziehen."

"Ich fordere eine weiterhin bestehende klare Trennung der Zuständigkeitsbereiche und damit verbundenen Äußerungen", knurrte Chaudchamp. "Ich gehe weiterhin davon aus, dass Al-Assuanis Handelsblockade nicht lange andauern kann, weil die ägyptischen Händler nicht auf ihre Einkünfte verzichten werden."

"Ja, soviel zur Zuständigkeit", erwiderte Bouvier unverzüglich. "Denn eben diese Händler machen damit gerade höhere Gewinne, weil sie heimlich still und leise an Al-Assuani vorbei Geschäfte mit unserer Heilerzunft und anderen heilmagischen Institutionen machen und dabei mehr Gold einstreichen, was wohl in nicht all zu ferner Zeit die Kobolde bei uns und im Rest Europas dazu bringen mag, uns wegen einer Auslagerung von Gold ins nicht von ihnen kontrollierte Ausland anzusprechen und Ersatzleistungen beanspruchen könnten. Dafür bin ich durchaus zuständig, Kollege Chaudchamp."

"Ministerin Ventvit, Messieurs Kollegen, ich möchte doch jetzt die Frage stellen, was ich als Kontakt zu den französischen Zwergen mit diesem Kompetenzendisput zu tun habe außer zu fragen, ob wir uns das leisten wollen, den Kobolden mehr Zugeständnisse zu machen und damit auch die Zwerge mehr an unseren Handelserlösen zu beteiligen?"

"Gut, beschließen wir, ob wir auf die von dem Kollegen aus dem Koboldverbindungsbüro mitgeteilte Nachricht reagieren oder sie als nur mitgeteilt abtun und bis auf weiteres keine eigenen Schritte unternehmen sollen", legte die Ministerin fest. Es erfolgte eine klare Entscheidung dafür, erst einmal auf die Bestätigung aus New York zu warten, dass dort etwas von internationalem Ausmaß vereinbart worden sein sollte. Dann durften die einbestellten Abteilungs- und Büroleiter wieder an ihre eigentlichen Arbeitsplätze zurückkehren.

Julius konnte sogar noch an der morgentlichen Besprechung seiner eigentlichen Abteilung teilnehmen. Dabei erhielt er die Aufgabe, weiterhin das Internet auf Aktivitäten vor allem der Vampire zu überwachen, weil Madame Barbara Latierre um Amtshilfe gebeten hatte, sehr zum Unwillen ihres Mitarbeiters Charlier von der Vampirüberwachungsbehörde.

Als Julius wieder in das in den Morgenstunden zu besetzende Büro für Veelaangelegenheiten zurückkehrte wartete davor eine dunkelhaarige, ältere Hexe, die trotz der vielen Lebensjahre noch überragend attraktiv aussah. Julius erkannte sie sofort wieder. "Oh, guten Morgen Madam Warbeck, entschuldigen Sie, dass Sie solange warten mussten. Aber meine anderen Obliegenheiten erforderten mehr Zeit als ich ursprüngich dachte", grüßte Julius die wartende Hexe auf Englisch.

"Nun, da ich erst in vier Stunden für ein Interview ihres Musiksenders vorgeplant bin habe ich noch ein wenig Zeit übrig", sagte die berühmte singende Radiohexe Celestina Warbeck.

Julius bat sie in sein Büro und bot ihr den bequemsten Gästestuhl an, auf dem sonst Madame Léto zu sitzen pflegte. Dann fragte er sie, wie er ihr helfen könne.

"Na ja, meine osteuropäische Verwandtschaft plant, Gold und andere wertvolle Güter aus dem Besitz von Ladonna Montefiori einzufordern und hat mir in Aussicht gestellt, davon etwas abzubekommen, wenn ich meine prominente Stellung nutzen möge, um die Freigabe dieser Gegenstände und Goldmittel zu bitten. Das ist, was ich zu sagen beauftragt wurde. Natürlich weiß ich, dass vieles, was Ladonna sich im Laufe dieser drei Jahre angeeignet hat durch Verbrechen beschafft wurde und damit eigentlich Diebesgut oder Erlöse aus Erpressungen ist. Ich benötige jedoch klare und amtliche Belege dafür, dass Ladonnas Goldvermögen nicht an lebende Verwandte ausbezahlt werden darf."

"Es wundert mich jetzt, dass Ihre entfernte Verwandte Sternennacht nicht persönlich bei mir vorgesprochen hat", sagte Julius, der sich ein verbittertes Grinsen nicht verkneifen konnte. "Gut, das mag auch daran liegen, dass Sternennacht nicht in Frankreich beheimatet ist. Hmm, ich muss ehrlich zugeben, dass ich nicht einmal wusste, dass Ladonna außer eindeutig zusammengestohlener Güter noch Goldvorräte besessen haben soll. ich hörte nur einmal, dass sie in den Jahren ihres zweiten Lebens einen nichtmagischen Mann aus Florenz als Heimstattgeber, Geliebten und womöglich auch Versorger kultiviert hat. Der hat aber kein magisches Gold besessen. Wenn Ladonna von ihren Gesinnungsschwestern Gold erhalten hat ist dies ebenfalls der Gewinn aus kriminellen Aktivitäten. Deshalb werden wohl die Kollegenin Italien damit zu tun haben, auch um zu sichern, dass sie die möglichen Goldvorräte für ihr Ministerium sichern können. Kein Staat kann der Versuchung widerstehen, durch Verbrechen beschafftes Geld für eigene Vorhaben abzuschöpfen, sozusagen als Entschädigung für die Untaten und die Inhaftierung der Untäter. So ähnlich ist es ja bei den Todesserprozessen von vor zehn Jahren gelaufen. Hat Ihnen Madame Sternennacht überhaupt genaue Vermögenswerte mitgeteilt?"

"Nein, das hat sie nicht. Sie sagte nur, dass wir, die mit ihr verwandt sind, jetzt für die von Ladonna ermordeten Verwandten um Entschädigung ersuchen sollten und wir deshalb ein Anrecht geltend machen müssen, Ladonnas ganzes Vermögen zu erhalten."

"Wieso kommt Madame Sternennacht jetzt erst damit, wo schon mehr als ein Jahr vergangen ist, dass Ladonna aus der Welt verschwunden ist?"

"Da fragen Sie mich wieder was, worauf ich Ihnen keine Antwort geben kann", seufzte Celestina Warbeck. Dann straffte sie sich und sagte: "Doch, ich kann Ihnen die Frage beantworten. Sie musste erst mit allen noch lebenden Veelas beraten, ob und wie sie dem italienischenZaubereiministerium Ladonnas Vermögen entlocken kann und welche rechtliche Grundlage sie geltend machen können. Dass sie mich dafür eingespannt haben, um das zu klären liegt daran, dass diese Person, Sternennacht, einen auf unser Blut wirkenden Zauber ausführte, der mich gewissermaßen verpflichtet, ihr beizustehen. Das habe ich erst gemerkt, als mir während eines Auftritts in der Royal Albert Hall Sternennachts Bild vor die Augen trat und ich ihre Stimme in meinem Kopf hörte, ich solle ihr helfen, Ladonnas verstecktes oder beschlagnahmtes Gold einzufordern. Ich habe mich da glatt um drei Töne versungen, was das Publikum zurecht verwundert hat. Ja und ich konnte den Zuhörerinnen und Zuhörern natürlich nicht erzählen, was mir passiert ist. Das mit meiner Verwandtschaft mit slawischen Wald- und Flussvölkern ist eine höchst vertrauliche Familienangelegenheit."

"Ja, aber was genau will eine Veela, die mehr wert auf lebendige Natur und eben familiären Zusammenhalt legt, mit schnödem, leblosen Gold, noch dazu welchem, an dem ganz sicher jede Menge Blut und Tränen kleben?" fragte Julius. Madam Warbeck musste gegen den Ernst dieser Frage lächeln. "Sehr poetisch haben Sie das ausgedrückt, Monsieur Latierre", sagte sie erst. Dann antwortete sie: "Angeblich will sie damit einerseits neue Wohngebiete für ihre anderen lebenden Verwandten erwerben. Andererseits weiß sie, wie wichtig Gold und andere Güter den magischen Menschen sind und will dadurch erreichn, dass diese nicht von Ladonnas Untaten profitieren. Kann also sein, dass sie jenes mit Blut und Tränen behaftete Gold nicht ausgeben, sondern an einem für Menschen unerreichbaren Ort verstecken will, damit eben kein Mensch mehr was damit anfangen kann und auch kein Kobold, weil das Gold ja dann aus deren Zuständigkeitsbereich herausgenommen wäre."

"Oha, das hat eine gewisse Logik", erkannte Julius. "Von Ladonnas Untaten darf nichts und niemand profitieren, auch kein Zaubereiministerium. Aber genau deshalb, weil das italienische Zaubereiministerium und die Gringottskobolde das genauso erkennen dürften, werden sie kein Gold aus Ladonnas Beute herausgeben, zumal die Kobolde ja selbst genug Gründe vorbringen könnten, warum sie entschädigt werden müssen. Insofern könnten wir hier gerade von etwas längst abgehandeltem reden", erwiderte Julius. Celestina Warbeck nickte bestätigend. "Dann hätte ich nur gerne Ihre amtliche Einschätzung, wie aussichtsreich es ist, an das von Ladonna zusammengebrachte Gold und andere Vermögenswerte zu kommen."

"Gut, ich schreibe Ihnen das mal eben in einer amtlich korrekten Formulierung auf. Kann nur so an die zwanzig Minuten dauern, weil ich ja auch sicherstellen muss, dass Kopien davon ins Archiv wandern", sagte Julius. Er bot der berühmten singenden Hexe für die Wartezeit Tee und Teegebäck an. Sie willigte ein. Er bestellte es mit "Servatio, bitte Tee und Teegebäck für meine Besucherin!"

Keine halbe Minute später apparierte der Ministeriumself Servatio mit einem Tablett, auf dem eine dampfende Teekanne, zwei filigrane Porzellantassen mit dem Wappen des französischen Zaubereiministeriums und ein Teller mit Teegebäck ritten. Er stellte das Tablett auf einen aus dem Nichts heraus erscheinenden Beistelltischchen ab und verbeugte sich tief vor der Besucherin.

Julius formulierte die von ihm und der Besucherin erörterten Punkte und schloss damit, dass jede Aussicht, legal an die von Ladonna Montefiori hinterlassenen Vermögenswerte zu kommen, höchst unwahrscheinlich sei und er als Veelabeauftragter sowieso keine annähernd angemessene Entschädigung für die von Sternennachts Familie erlittenen Verluste bemessen könne, weil dies auch Sache der italienischen Kollegen sei. Dann unterschrieb er diese amtliche Erörterung und stempelte sie ab, damit sie auch als amtliches Dokument gültig wurde. Er machte vier Kopien davon, eine für Madam Warbeck, eine für seine Akten hier, eine für das Archiv und eine für Madame Sternennacht, weil er wusste, dass sie diese amtliche Zusammenfassung sicher persönlich lesen wolle. In der Zeit hatte die Besucherin zwei Tassen Tee getrunken, aber nur ein Stück vom Teegebäck genossen.

Celestina Warbeck nahm die für sie bestimmte Kopie entgegen und seufzte: "Wird ihr nicht gefallen."

"Da können Sie nichts für, Madam Warbeck. Ich kann ihr da nicht helfen", sagte Julius ruhig und dachte nur: "Und ich will der auch nicht dabei helfen."

Die Besucherin verließ das Büro des Veelabeauftragten. "Womit ich mich heute alles befassen muss, ohne echt was machen zu können", dachte Julius.

Nach dem Mittagessen hatte er wieder Dienst im Rechnerraum und führte Belle Grandchapeaus Auftrag aus, nach Hinweisen auf Vampire oder Werwölfe in der nichtmagischen Welt zu suchen. Doch das Arkanet verzeichnete keine entsprechenden Vorkommnisse. War das die Ruhe nach oder vor dem Sturm? Julius wusste es nicht so recht.

Um sechs Uhr abends traf er wieder in seinem Haus in Millemerveilles ein. Félix freute sich, seinen Papa wiederzusehen. Sein lauter Ausruf lockte auch die anderen Kinder aus der mittlerweile großen Familie Latierre an.

Bis zum Abendessen durfte er sich von Aurore, Chrysope, Clarimonde und Félix anhören, was sie heute alles interessantes erlebt hatten. Aurore hatte heute in der Schule die Quadrat- und Kubikzahlen kennengelernt und sollte bis zur nächsten Denken-und-Rechnen-Stunde die ersten zwanzig Quadrat- und Kubikzahlen aufschreiben. "Ui, da will Mademoiselle Hellersdorf euch aber was abverlangen", sagte Julius.

Nach dem Essen spielte er mit den Kindern noch draußen auf dem hauseigenen Spielplatz. Als dann alle größeren Kinder müde genug waren, um ins Bett zu wollen hörte er von der gemalten Aurora Dawn, dass deren Gegenstück in Hogwarts mitbekommen hatte, dass in der Familie Malfoy ein kleiner Junge angekommen sei, der Cetus Arcturus heißen sollte. "Ach, hatten die Malfoys Langeweile", meinte Julius darauf mit unüberhörbarem Sarkasmus. "Lustig, die Frage haben sich viele in den Gemälden auch gestellt, die mit den Malfoys und ihren Ansichten unzufrieden sind", erwiderte die gemalte Aurora Dawn. "Jedenfalls ging das von den Schulleitern aus durch die Gemälde in den Schulhäusern und kam dann über Umwege auch zu mir. Professor McGonagall soll laut Dilys Dervent laut ausgesprochen haben, dass sie eine Aufnahme dieses Jungen nur dann befürworten würde, wenn dessen Eltern sich bis dahin untadelig in der Zaubererwelt betrügen."

"Ja, und dennoch wurde der kleine Cetus für Hogwarts vorgemerkt. Ach, sollen die den doch aufnehmen. Vielleicht kommt der ja dann nach Gryffindor oder Hufflepuff", scherzte Julius. Millie und Béatrice, die mithörten wussten nicht, warum Aurora darüber lachen musste. Doch dann erinnerte sich Millie wohl daran, was über die Malfoys im besonderen und die Slytherins im allgemeinen so behauptet worden war, als das trimagische Turnier in Beauxbatons lief. "Oh, das wäre für die Eltern dieses Burschens Draco aber eine ganz schwere Strafe", meinte Millie. Aurora kicherte: "Jahaha, gahanz genahau, Millie!"

"Die Malfoys sind doch die, die beinahe lebenslang in Askaban gelandet wären, weil die Eltern und der erstgeborene Sohn sich mit dem Herren der Todesser eingelassen und ihm zugearbeitet haben, nicht wahr?" fragte Béatrice. Millie und Julius nickten. Immerhin hatte Julius zwei Jahre mit dem hochnäsigen Kronprinzen Draco in Hogwarts zugebracht, die von diesem frei aufgehängte Galerie des Grauens von Salazar Slytherin unschädlich gemacht und nach dem endgültigen Sturz des geisteskranken Hexenmeisters Tom Riddle alias Lord Voldemort den Gerichtsprozess gegen diese achso reinblütige Familie mitverfolgt. Dass Aurora damals den gerade erst ein Jahr alten Draco vor Marodierenden Todessern gerettet hatte wusste er ja auch von ihrem Original. Hatten die sich also nach all den Jahren noch ein zweites Kind zugelegt, noch einen Sohn. Ob der ein genauso unausstehlicher Bursche wurde wie dessen großer Bruder wusste Julius nicht. Vielleicht erzogen die Malfoys ihn auch zu mehr zurückhaltung, weil sie ja eben gerade nicht so große Sprünge machen und sich richtig wichtig nehmen durften. Ja, und am Ende blieb die Frage unbeantwortet, ob der kleine Cetus das Produkt frustrierender Langeweile war, sowas wie innige Liebe und nach so vielen Jahren noch lodernder Lust wollte er Narzissa und Lucius Malfoy nicht wirklich zugestehen. Er hoffte selbst, dass er und Millie nicht eines Tages nur noch nebeneinander herlebten und sich über ihren Alltag ärgern würden.

Béatrice zog sich in ihr eigenes Zimmer zurück, um noch einige Abschnitte im buch über magische und nichtmagische Hieroglyphen zu lesen. Sie bereitete sich darauf vor, im Sommer, vielleicht auch erst im Herbst nach Ägypten zu reisen, um dort nach der silbernen Kette der Göttermutter Isis zu suchen, die ihrer rechtmäßigen Trägerin die Macht verlieh, gegen viele Zauber immun zu werden und alle ihr bekannten Heilzauber neunmal so stark und wirksam auszuführen. Das sollte eine Belohnung Ashtarias dafür sein, dass Béatrice mitgeholfen hatte, den Ehefrieden der Latierres zu retten und Julius' einen männlichen Erben des Heilssterns zu bescheren.

Als Millie und er im Bett lagen meinte er zu ihr: "Sternennacht meinte, über mich und die Sängerin Warbeck an Ladonnas geheime Goldvorräte zu kommen. wird ihr nicht gefallen, dass ich das als für mich unmöglich abgehandelt habe."

"Die hat wohl gehofft, du würdest dich von Warbeck so sehr betören lassen, dass du bei den Italienern gegen den Kessel haust und verlangst, dass leibliche Erben was von Ladonnas Hinterlassenschaft abbekommen sollen", giggelte Millie.

"Ich denke eher, Sternennacht wollte mich bloßstellen, weil ich ihr eine heftige Niederlage beschert habe, ohne das überhaupt zu wollen", sagte Julius. "Ach, das wegen der Spinnenhexe? Möglich ist das", erwiderte Millie. Dann rollten sich beide in ihre bevorzugte Einschlafstellung.

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Die sterile, nur aus Zahlen bestehende Zeitanzeige am rechten, oberem Bildschirmrand stand auf 29.03.2008, 17:44:22 Uhr, als die Frau mit walnussfarbenem Haar im unauffälligen blau-grauen Kostüm vor einem der zwölf frei benutzbaren Rechner im Internetcafé Digital World in Hamburg saß und das von der Bedienung an der Theke erhaltene Benutzerpasswort in das dafür bestimmte Eingabefeld eintippte. Da die Rechner hier alle ohne Tonwiedergabe arbeiteten war nur das Aufklappen eines künstlichen Fensters zu sehen, in dem ein Begrüßungstext die gelungene Anmeldung bestätigte. Nun konnte die Benutzerin auf Zeit mit dem Auswahlhilfsgerät namens Maus auf ein Bildsymbol zielen, das für die Suche im weltweiten Netz von Hypertextverbindungen stand. Nun wurden ihr mehrere sogenannte Suchmaschinen angeboten, die die zu einem bestimmten Wort oder Namen passenden Internetseiten forschen und diese anbieten konnten. Doch sie wählte das Eingabefeld für eine manuelle Adresseneingabe. Wie ging die noch einmal? Ach ja, jetzt wusste sie es wieder. Tja, hätte die werte junge Dame mit den weizenblonden Haaren nicht denken mögen, dass ihre Tipps für Nachrichtensuchen einmal von einer genutzt werden mochten, die eigentlich eine Feindin des deutschen Zaubereiministeriums und dessen Überwachungs- und Bestimmungsanspruchs war. Doch bisher bestand keine Veranlassung, das zu enthüllen.

Die Frau am Rechner, die ganz bewusst anders aussah als man sie von ihrer eigentlichen Arbeit her kannte, wählte eine mit "https://www" beginnende Adresse aus, die den Rechner, auf dem sie gerade arbeitete mit einem anderen Rechner verband, der ihr als Stellvertreter und Suchverstärker in einem dienen würde. Als sie nach Anklicken der Adresse wieder einen Benutzernamen und ein kryptisch erscheinendes Passwort eingetippt und bestätigt hatte konnte sie die auf dieser Seite angebotene besondere Suchmaschine auswählen die "Shadowwatch" genannt wurde und vom bundesdeutschen Kriminalamt mitbenutzt wurde, um außerhalb von Google, Lycos und Yahoo oder Facebook nach den Spuren lebender oder toter Menschen im künstlichen Raum der digitalen Tätigkeiten zu suchen. Sie würde heute nur den Werdegang eines gewissen Erasmus Söderdiek und alle Querverweise auf seine Eltern abfragen. Dann würde sie von einem anderen Internetcafé im deutschsprachigen Raum aus eine Abfrage zu Söderdieks Berufs- und Freizeittätigkeiten machen. Wichtig war dabei, dass kein Begriff benutzt wurde, der die im Internet umherstreifenden Mithörprogramme aufscheuchte, die mit einer Welt zu tun hatten, die die meisten Menschen hier für reines Märchenzeugs hielten.

Nachdem sie den Namen Erasmus Söderdiek mit dessen erfragtem Geburtsdatum in das Suchfeld eingegeben und mit "Schule und Ausbildung" ergänzt hatte startete sie den Schattenwächter des BKAs. Sie dachte dabei daran, dass hier in Deutschland gerade sehr kontrovers darüber diskutiert wurde, ob Behörden wie BKA, BND oder Verfassungsschutz die Zeit- und Quelldaten von Internetnachrichten speichern durften, um sie bei Strafermittlungen oder zur Abwehr von Spionen und Terroristen benutzen zu dürfen. Im Grunde hatten sie doch sowas schon für alles, was irgendwer digitalisiert hatte, vom Einwohnermeldeamt über das Finanzamt bis zur Sozialversicherung. Nur offen benutzen durften sie es nicht, ohne einen großen Aufruhr zu erzeugen.

Die nächsten zehn Minuten verbrachte die Benutzerin des Internetcafé-Rechners damit, alle offiziellen Berichte über Söderdieks Schulzeit zu sichten und die wichtigsten Punkte davon in einer Textdatei zu speichern, die sie nach der Sitzung ausdrucken lassen würde. Ja, es war schon sehr interessant, wie viel Geld und Mühe die Eltern von Erasmus Söderdiek aufgewandt hatten, um ihrem Kronprinzen eine möglichst umfangreiche Ausbildung zu ermöglichen. Deren Problem war dabei jedoch, dass er sich deshalb nicht auf eine bestimmte Fachrichtung oder einen bestimmten Berufsweg einlassen wollte. Immerhin hatte er sich dann für ein Anthropologiestudium begeistert, wohl auch, um möglichst weit von seinen auf reines Gewinnstreben ausgerichteten Eltern wegzusein. Sie erwischte sogar einen wegen anderer Zusammenhänge für wichtig gehaltenen Bericht, in dem sein Vater sich darüber beklagte, dass sein Sohn nicht im Traum daran dachte, die Firma zu übernehmen, eine umfangreiche Reederei, die Fracht- und Personenschiffe unterhielt, vor allem im Tourismusbereich. Sie bekam einen viermal geänderten Lebenslauf von Erasmus Söderdiek zu lesen. Dann erfuhr sie noch mehr über den Scheidungsstreit, den sich dessen Vater Erich mit dessen Mutter Heidemarie geliefert hatte, etwas, dass sie ja über die üblichen Boulevardmedien im Internet schon erfahren hatte. Doch hier und jetzt konnte sie die ganzen rechtlichen Winkelzüge und das schriftlich fixierte Urteil des Familienrichters nachlesen. Heidemarie hatte die Scheidung eingereicht, weil ihr Mann sie über die Gefahren im Unklaren gelassen hatte, die ihrem gemeinsamen Sohn Erasmus bevorstanden und dass er seinen Anspruch, der Herr des gemeinsamen Kontos zu sein, dazu verwendet hatte, die Teilnahme seines Sohnes an jener Höhlenexpedition in Uganda vor vier Jahren durchzusetzen. Laut Ehevertrag durfte keiner der beiden Unterzeichnenden das Leben eines oder aller gemeinsamen Nachkommen mutwillig gefährden, vor allem nicht, um damit Profit zu machen. Darauf hatte Heidemaries Familie bestanden, weil die wohl schon mitbekommen hatte, dass Erich Söderdiek für seine Tourismusagentur riskante Reiseprojekte auslotete. Ja, und weil Erich Söderdiek darauf bestanden hatte, dass Erasmus eine anspruchsvolle und verantwortliche Tätigkeit ausübte, bei der er zum ersten mal Geld für seine Arbeit verdienen sollte, hatte dessen Mutter Heidemarie genannt Heidi dem zugestimmt, weil sie hoffte, dass deren mitreisender Bruder Horst Burmester schon auf den einzigen Sohn Erasmus aufpassen würde.

Die Frau, die sich am Tresen als Annabell Becker ausgegeben hatte überflog noch, dass es drei weitere Gründe gab, weshalb Heidi Söderdiek die Scheidung von ihrem superreichen Mann erwirken wollte. Ihr Anwalt schaffte es laut Prozessakten, alle drei Gründe als Verstoß gegen die im Ehevertrag fixierten Vereinbarungen hinzustellen. Selbst als Erich Söderdieks Anwalt damit argumentierte, dass Erasmus zum Zeitpunkt jener Expedition bereits 37 Jahre alt war und somit seit 19 Jahren volljährig war und somit seinem Vater keine Schuld an dessen Tod vorgehalten werden durfte konnte der Anwalt von Heidi Söderdiek schriftliche Beweise dafür vorlegen, dass Erich Söderdiek gezielt darauf hingewirkt hatte, seinem abenteuerlustigen Sohn etwas zuzuschustern, dass ihn ein für allemal darauf festnageln sollte, wozu er sein nun mehr als 30 Jahre dauerndes Leben ausrichten sollte. Ja, es war sogar ein schriftliches Ultimatum ans Licht gekommen, dass Erasmus Söderdiek nur noch das Sommersemester 2004 von seinem Vater Geld für das Studium bekam und dann ausdrücklich auf eigene Kosten weiterstudieren oder sich doch einen Beruf mit geregeltem Einkommen ergreifen sollte. Davon hatte Erichs Frau nichts gewusst, weil die der Ansicht war, dass Erasmus endlich ein Fachgebiet gefunden hatte, mit dem er seine Neugier, Abenteuerlust und seine vielsprachliche Ausbildung sinnvoll und einträglich ausüben konnte. Laut des nur auf dieser heimlichen Überwachungsseite nachlesbarem Prozessprotokolls hatte ihr Mann darauf geantwortet, dass er als Außendienstmitarbeiter seiner Reederei auch all diese Eigenschaften einträglich anwenden konnte. Seine Frau hatte darauf erwidert, dass Erasmus jedoch kein hanseatischer Kaufmann werden wollte und trotz seiner Abkunft seinen ganz eigenen Weg gehen wollte. Das hatte ihren Mann zu einem deutlich als "unbeherrscht" gekennzeichneten Ausfall provoziert, dass Erasmus dann kein Recht mehr gehabt habe, sich wie "wie ein nimmersatter Blutegel" an seinem Vermögen zu nähren, wo viele andere hart für ihr Geld zu arbeiten hätten und seine Frau "eine Heuchlerin vor dem Herren" sei, dass sie jetzt, wo Erasmus bei "dieser Schnapsidee von einer Expedition" ums Leben gekommen sei, die besorgte Mutter herauskehren würde. Am Ende wurde die Scheidung zum 01.02.2006 rechtskräftig. Laut Ehevertrag erhielt Heidi Söderdiek, der freistand, wieder den Mädchennamen Burmester anzunehmen, über die Hälfte aller beweglichen und unbeweglichen Güter, sowie entweder die direkte Übertragung des halben Vermögens in Form von Geld und Wertpapieren oder eine bis zum Lebensende zu leistende Unterhaltszahlung.

Die braunhaarige Frau mit den graublauen Augen, die sich Annabell Becker genannt hatte, las dann noch nach, dass Söderdiek die Reederei und alle daran hängenden Logistikunternehmen in mehrere Einzelunternehmen aufgelöst und diese an interessierte Mitbewerber veräußert hatte, um seiner Frau die geforderte Direktzahlung des halben Vermögens zu sichern. Sie hatte dann die Villa im kalifornischen Malibu als neues Wohnhaus bezogen. Erich Söderdiek hatte dann die Villa in München Grünwald und London Mayfair an je einen guten Geschäftspartner veräußert, die in Bayern und England geschäftlich verwurzelt waren.

Weil sie schon dran war las sie dann noch die Polizeiberichte über das Autorennen am 20.06.2007, bei dem Erich Söderdiek mit einem automobilvernarrten Konkurrenten um eine Million Euro gewettet hatte, wer drei Runden auf dem Nürburgring schneller fahren könne. Söderdiek war im Jaguar angetreten, sein Konkurrent im Porsche 944. Ja, und weil Söderdiek die Fliehkraft in einer Kurve nicht beherrschen konnte war er mit seinem Wagen von der Bahn geflogen und gegen eine massive Absperrung geprallt. Der Wagen war sofort in helle Flammen aufgegangen und restlos ausgebrannt. Da hatte ihm auch kein Sicherheitsgurt und kein Airbag geholfen. Da seine Ex-Frau laut Gerichtsbeschluss auf jedes Erbe verzichtet hatte, wenn sie das halbe Vermögen auf einmal ausbezahlt bekam wurde Söderdieks restliches Vermögen dem Staat überantwortet. Das große Anwesen in Blankenese hatte er ja schon ein Jahr zuvor an einen guten Nachbarn verkauft, um sich weit ab von früheren Bekannten neu anzusiedeln.

Nun lies sich die Nutzerin des frei zugänglichen Internetrechners noch sämtliche Schul- und Sprachschulzeugnisse ausdrucken, die Erasmus Söderdiek erhalten hatte. Ja, seine Eltern hatten schon eine Menge aufgeboten, um ihn zu einem weltgewandten Burschen zu machen. Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Lateinisch, Altgriechisch, Portugiesisch, Swahili, ja und dann noch eine schriftliche Bestätigung einer illusteren Vereinigung, die sich "Botschaft der klingonischen Kultur und Lebensart" genannt hatte, dass er die fiktive Sprache Klingonisch erlernt hatte und jederzeit als "Botschafter der Föderation" vor den klingonischen Rat treten könne, ohne als "Erdmensch" aufzufallen. Diese wohl eher als reine Freizeiterrungenschaft zu wertende Auszeichnung veranlasste die Nutzerin noch, mehr über diese Klingonen zu erfahren als das, was sie von ihren mit der rein technischen Welt und ihren hohen und niederen Kulturen lebenden Kolleginnen und Kollegen erfahren hatte.

Im Grunde hatte sie in der nun doch auf anderthalb Stunden hinlaufenden Nutzungszeit alles wichtige erfahren. Näheres über mögliche private Aktivitäten wollte sie dann in den nächsten Tagen recherchieren, aber dann von einer anderen Stelle aus und über ein anderes Suchprogramm, das besonders für solche Sachen angefertigt worden war. Sie druckte noch alle für sie wichtig erscheinenden Dokumente aus und entnahm dem am Drucker angebrachten Zählwerk die Rechnung für die genutzten Seiten und die Menge reiner schwarzer Druckerfarbe. Dann meldete sie sich erst von jener geheimen Plattform namens Shadow Watch ab, sodass diese keinen Alarm schlagen würde, wenn jemand unbefugtes einfach nur die Verbindung trennte. Danach meldete sie sich auch von dem zeitweiligen Benutzerkonto ab. Sie sah auf der mitlaufenden Nutzungszeitanzeige, wie schnell doch eben anderthalb Stunden vergehen konnten und dass sie für jede angefangene Stunde zu zahlen hatte. Das ging ja noch, fand die Nutzerin und verstaute die ausgedruckten Texte in ihrer besonders gesicherten Handtasche. Zum einen konnte nur sie etwas hineinstecken oder herausnehmen. Zum zweiten wurde alles, was auf Papier, Plastikfolie oder Pergament geschrieben wurde, beim hineinstecken in Dinge wie Nagelfeile, Lippenstift, Puderdose oder Handspiegel verwandelt, sodass kein Mensch mehr lesen konnte, was auf den ganzen Schriftstücken stand. Das hatte sie deshalb so eingerichtet, um Leute wie sie, die in fremde Taschen, Schränke und Kleidungsstücke hineingucken konnten, davon abzuhalten, wichtige Mitschriften oder zusammengestellte Dokumente nachzulesen, ohne dass sie das wollte.

Ganz gemütlich bezahlte sie die Nutzungszeit und die Menge der ausgedruckten Seiten und hoffte, dass stimmte, dass sie bei der Abmeldung alle Internetbewegungen aus dem temporären Verzeichnis gelöscht hatte. Sie trank dann noch ein Glas stilles Minieralwasser und behielt dabei die Umgebung im Blick. Wenn sie ihre besonderen Augen auf Durchsicht einstimmte verschwammen alle Computermonitore und -gehäuse für sie zu einem bläulich-grau flirrenden Nebeldunst, durch den sie gezielt durchsehen wollen musste, um wieder frei zu sehen, was draußen so los war. Ja, ihre besonderen Augen und die moderne Elektronik vertrugen sich nur sehr begrenzt miteinander. Das wusste sie schon, nachdem sie einmal aus reiner Experimentierlust unter die Oberfläche eines LCD-Monitors geblickt hatte, um die Prozesse der Bilddarstellung genauer zu betrachten und dabei gänzlich unbeabsichtigt Meldungen über Gerätefehler ausgelöst hatte, weil der Monitor gestört wurde und der daran hängende Rechner nicht erkennen konnte, woran das lag.

Nachdem sie ihr Wasser getrunken und den schon leicht an Wuche grenzenden Preis dafür bezahlt hatte verließ sie das hamburger Internetcafé. Sie ging bis zu einem U-Banhof in der Nähe und suchte dort die Damentoilette auf. Dort nutzte sie einen weiteren Kunstgriff, den sie wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe entschlossener Damen anwenden konnte, um nicht bei ihrem weiteren Weg überwacht zu werden. Dann verschwand sie mit leisem Plopp aus einer der Toilettenkabinen.

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Drei Jahre war Félix nun schon auf der Welt. Wie schnell doch die Zeit vergangen war, dachten nicht nur seine Eltern Julius und Béatrice. jedenfalls durfte er all die Freunde und Bekannten aus seinem Kindergarten einladen, aber auch die Claudine, die so viel mit seiner ganz großen Schwester Aurore zusammen war, deren Bruder Justin, der so alt wie seine Schwester Clarimonde war und die vielen Kinder von Tante Camille und Onkel Florymont. Da das ja heute sein Geburtstag war durfte er bestimmen, was alle zu essen kriegen sollten und welche Spiele sie spielen sollten. Dabei war auch ein wildes Wettrennen auf den Kinderbesen, die nicht ganz so hoch fliegen konnten wie die von den Großen, und auch nicht schneller als rennende Beine fliegen konnten. Das war aber auch schon genug, um ganz wilde Sachen darauf zu machen, zum beispiel bis kurz vor dem Draufknallen an einen Baum ranzusausen und dann ganz nach links oder rechts wegzufliegen oder zwischen den hier herumstehenden Bäumen durchzufliegen und zu gucken, wer das am schnellsten konnte.

"Gut, dass die Besen aufprallschutz und Bergezauber haben", meinte Félix aus Amerika herübergeflogene Oma Martha, während sie zusah, wie die Kinder unter sechs Jahren auf ihren Besen herumwirbelten.

"Der hat von beiden Seiten Quidditchspielererbgut im Blut", sagte Julius, ganz der stolze Papa. "Wenn wir dem das abtrainieren wollten hätten wir irgendwann einen total gefrusteten Meckerkopf am Tisch. Neh, Mum, der soll das schon ausprobieren, was er kann, ohne ... ui! Okay, hätte es fast die Zoé vom Besen gehauen, weil die beide aufeinander zugerast sind."

"Hoffentlich wird euer Hoffnungsträger kein Raufbold, der sich mit allen anlegt, nur um zu sehen, wann es ihm mehr weh tut als den anderen", sagte Martha leicht besorgt. "Hast du das je gedacht, als ich so klein wie Félix war?" wollte ihr Sohn wissen. "Manchmal schon, wo du da schon mit diesen ... Burschen Lester und Malcolm unterwegs warst und ich deinem Vater erklären musste, dass es nichts brächte, dich davon abzuhalten, mit denen durch die Straßen zu ziehen. Aber du hast ja dann doch mehr Intelligenz als Wildheit von uns geerbt."

"Die Wildheit und Risikobereitschaft könnte Félix aber von meinem Vater geerbt haben, Martha", räumte Béatrice ein. "Der ist deshalb nicht im violetten Saal gelandet, wo er laut Auswahlartefakt von Beauxbatons auch hätte hinkommen können."

"Auf jeden Fall hat er verschiedene Anlagen mitbekommen", gestand Martha Merryweather ein.

Félix Stiefgroßvater Lucky lieferte sich derweil mit Félix offizieller Großmutter und inoffizieller Tante in personalunion ein wildes Besenwettfliegen. Die größeren Kinder beobachteten die beiden dabei und jubelten, wenn Hippolyte Latierre oder Lucky Merryweather ein spektakuläres Besenflugmanöver ausflogen. "Der arme Lucky hat sich von Hipp dabeikriegen lassen", meinte Béatrice. "Ich bin froh, dass der auch seine gewissen Frechheiten wiedergefunden hat. Offenbar hat er gelernt, dass er seinen Kindern und angeheirateten Enkeln kein ruhiger, über allem stehender Vater und Grandpa sein kann, wenn er seine eigenen Vorlieben unterdrückt", meinte Martha Merryweather wie eine Psychologin. Béatrice erwiderte darauf: "Immerhin hat dein Mann eine gewisse Balance ... o nöh!" knurrte sie, als Lucky in seinem quietschbunten Spielerumhang beinahe mit Hippolyte zusammengestoßen war. Doch weil die zum einen den superschnellen Ganymed 15 flog und zum zweiten Aurora Dawns Doppelachser beherrschte war sie fast wie disappariert aus dessen Flugbahn verschwunden und hing ihm nur eine Sekunde später ffast am Besenschweif.

"Die Estrella liegt mir in den Ohren, dass sie gerne den kleinen Goldrücken haben will, Julius. Ist der denn schon entwöhnt?" wollte Julius' Mutter wissen.

"Seit sechs Wochen jagt der nur noch selbst, vor allem Regenwürmer. Irgendwie muss in der Urknieselreihe doch noch ein Dachs oder Maulwurf dringesteckt haben", meinte Julius. Dann sagte er noch: "Ich weiß, dass Tante Barbara Latierre immer ein paar Formulare für die internationale Zuchtlinienüberwachung mitführt, auch weil sie ja erfolgreich erwachsene Latierre-Kühe vermittelt. Die wird aber darauf bestehen, dass du, Mum, einen offiziellen Antrag bei eurer Tierwesenbeauftragten stellst, um einen Sohn von Stardust dem Katzanova in die Staaten zurückzubringen."

"Ja, toll, und wer ist der oder die Tierwesenbeauftragte bei uns?" fragte Julius' Mutter. Béatrice grinste und winkte Brittany, die sich ansah, wie ihr Onkel sich mit der ihr größenmäßig ebenbürtigen rotblonden Besenkönigin Hippolyte käbbelte. Brittany kam herüber. "Wie war das jetzt, Britt, wollte deine Mutter nicht demnächst in die Tierwesenüberwachung in New York?" fragte Martha ihre angeheiratete Nichte.

"Du bist leider nicht auf dem neuesten Stand, Tante Martha", erwiderte Brittany. "Sylvia Southerland, die Cousine von Jacqueline Corbeau, wird am ersten Mai die neue Beauftragte für magische Tierwesen unter dem Kommando von Rupert Rossfield, dem Enkel von Aetonpferdetreiber Cuthbert Steedford und Bürgermeister des nach den Rossfields benannten Ort. Abgesehen davon will meine Mutter nicht aus Thorny raus, und Prinzipalin Wright hat keinen Grund, sie von da wegzujagen", vollendete Brittany ihre Erklärung.

"Moment, die Sylvia Southerland, die sich mit den chinesischen Goldseidenspinnern befasst hat und deren Rehabitierung nach China vorangetrieben hat?" fragte Béatrice. "Ja, genau die, die ungekrönte Königin der tierverschleißenden Zaubererweltmode, die auch mit Einhornfell gehandelt hat", grummelte Brittany. "Jedenfalls ist das gestern erst im Westwind und im Herold und im Geist von New York rumgereicht worden. Die vom Herold haben es mit "Seidenkönigin spinnt neue Fäden in der Tierwesenbehörde" betitelt und der Westwind hat es mit "Neuer Pferdehandel von den Steedfords, ehemalige Modeschneiderin soll jetzt lebende Tiere verwalten" übertitelt. Lino hat schon ein Interview mit der klargemacht, und unser Muntermacher Roddy Krueger hat die ganzen alten Werbelieder von Sylvies Seidenstube im Frühstücksradio gespielt. Ich wollte dem da schon einen Heuler schicken, dass meine Kinder und ich unser Frühstück gerne im Bauch behalten und durchverdauen wollen. Aber das wäre für dieses Weibsbild zu viel Ehre geworden."

"Ach das war das gestern, wo Estrella gefragt hat, was ein Seidentanz sein soll. War ja schon sehr nahe an unzüchtigem Text entlang", meinte Julius' Mutter. "Genau das Lied war das."

"Dann warte ich besser noch, bis sich die Verwaltungsorganisation in New York einspielt, Julius", sagte Martha Merryweather zu ihrem Sohn. Der nickte nur grinsend.

Der Nachmittag wurde noch richtig musikalisch. Denn weil fast jeder Gast ein Instrument spielen konnte oder ohne alle anderen zu verscheuchen singen konnte durften die Großen für die kleineren spielen und singen.

Weil die Temperaturen es zuließen eröffneten die Latierres an diesem sechsten April abends die Grillsaison. Neben tierischen Grillerzeugnissen durfte Brittany auch denen die wollten vegane Grillspezialitäten vorstellen.

Abends brachte Julius noch einmal die große Nummer mit den vielen auf einen Zauberstabwink heraufbeschworenen Schlafsäcken, um alle nicht noch nach Hause findenden Gäste in der Empfangshalle unterzubringen.

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"Wenn es den Bund, der alles sieht und alles hört noch gäbe würden sich diese frechen Saufbärte sowas nicht erdreisten", knurrte Meister Mondbart, der Sprecher der deutschsprachigen Kobolde, als er mit dem Rat der sieben zusammentraf, die jeder für sich einen Teil der Koboldverwaltung beaufsichtigten. Darunter war auch Zweigstellenleiter Murrmuck aus Frankfurt am Main.

"Wir suchen immer noch danach, woher Malins Räuberbande die Nachrichten hat, Meister Mondbart. Feststeht nur, dass es nichts brachte, den Beförderungsweg noch eine Viertelstunde vor Abreise zu ändern. Irgendwo zwischen London und uns sitzt einer, der das an die Saufbärte weitermeldet", sagte Murrmuck.

"Wenn wir noch Heller hätten würde ich dem das weitergeben und ihn dazu bringen, dass die Zauberstabträger die Goldfrachter überwachen. Aber mit Ährenhaag ist das nicht zu machen", knurrte der graubärtige Koboldpatriarch Mondbart. "Wie viele Frachten sind euch abgejagt worden?" fragte er noch. "Bisher drei, insgesamt 200 Mannesschweren in reinem Gold und 400 Mannesschweren in Silber. Unsere Neuprägung kommt langsam an die Grenzen", erwiderte Murrmuck und fügte hinzu: "Wenn das bei den Zauberstabträgern bekannt wird kommt dieser Eisenbesen Ährenhaag auf die Idee, wieder so Papierschnipsel als Geld einzuführen, weil wir dann ja den Wert der Goldbätzner, Silberschärfe und Bronzeheller neu bemessen müssen. Aber vor allem gibt das demnächst noch was mit der Hauptstelle in London, dass wir uns Gold und Silber wegnehmen lassen. Wir wissen nur, dass jemand unsere Frachter gleich nach der Landung mit einem Betäubungszauber überflutet, der nicht nur unsere Leute außer Gefecht setzt, sondern laufende Zeitmesser einfriert. Diese Auswürfe des nimmersatten Sohnes der großen Mutter haben irgendwas erfunden, um selbst von unseren Schwungzaubern angetriebene Geräte auf Stillstand runterzubremsen. Ja, und als wir vorsorglich gepanzerte Schutztruppen zur Landestelle hingeschickt haben sind die von irgendwas wie einer Riesenwelle ins Meer geschleudert worden. Nur deren Atemschutzzauber in den Helmen haben die vorm Ersaufen beschützt."

"Wenn das Malin ist soll er uns die geräuberte Fracht zurückgeben, sonst gibt es demnächst was auf seine Königskrone", schnaubte Packhack, ein grauhaariger Kobold, der nach dem amtierenden Meister Mondbart wohl dessen Namen und Rang erben würde und zur Zeit die Waffen- und Werkzeugschmiede der Kobolde befehligte."

"Packhack, genau das will der", knurrte Mondbart. "Er will uns solange piesacken, bis es uns reicht und wir ihm den Krieg erklären. Dann kann und wird er sich hinstellen und behaupten, er sei angegriffen worden. Damit könnte er alle Goldwühler und Saufbärte unseres Erdteils zur Hilfe rufen und die Zauberstabträger dazu bringen, für ihn einzutreten. Die Vorgehensweise ist einfach, aber leider auch erfolgversprechend. Wenn deine Leute in London fragen, wo die Bestätigung der Münzmacher bleibt, die aus dem Gold und Silber neue Münzen machen ... wissen die schon, dass deren Frachten unterwegs abgefangen wurden?" Fragte Mondbart. Murrmuck verneinte das sogleich. "Wenn ich denen in London das mitteile werden die zurecht meine Ablösung fordern, vielleicht sogar behaupten, wir würden uns an den Goldmengen bereichern. Ich hoffe noch darauf, dass wir herausfinden, wieso diese Saufbärte trotz Lebensucher ihre Leute an die Strände bringen und dann früh genug gegenhalten. Besser wäre es auch, wenn wir einen von denen lebend kriegen und ausfragen können, ob Malin echt Krieg will."

"Wie die das anstellen kann ich dir sagen, weil ich von den Graubärten auf den westlichen Erdteilen schon dergleichen erfahren habe. Die haben sicher eine nicht lebende Vorrichtung, die auf die Nähe von uns Erdkindern anspricht und dann was macht, was uns genug Kraft entreißt, um uns ohnmächtig zu machen. Dass daran geforscht wurde hat Leitwächter Brummback ja noch berichtet. Da nützt kein Lebensucher, der nur dreihundert Schritte weit ins Land hineinsucht", schnaubte Meister Mondbart. "Ja, und dieser König der Prahlbäuche weiß leider all zu genau, dass wir ohne einen uns genehmen Vertreter bei den Zauberstabträgern kein Geschrei machen werden, dass uns Gold und Silber geraubt wird. Deshalb wird er weitermachen, bis wir entweder den Verräter finden, der die Frachtwege weiterpetzt oder wir diesem Lärmschläger unsere Panzerkrieger entgegenschicken."

"Die ja auch nichts mehr bringen, wenn die diese Waffe einsetzen, die Panzerkrieger mal eben über hundert Schritte weit durch die Luft schleudern kann", sagte Murrmuck. "Ich habe das schon begriffen", knurrte Packhack, der Großmeister der Schmiede. "Offenbar nutzen die die Kraftrückprellbezauberung in den Panzern aus und halten der eine passende Gegenkraft entgegen, wie bei unterschiedlich gerichteten Eisenfangsteinen. Wenn die da ein ganzes Schildgitter um ihr Königreich ziehen kommt da kein Panzerkrieger an die ran, und ungepanzerte Krieger können von deren Armbrustschützen locker niedergeschossen werden."

"Will heißen, dass wir gegen den nichts machen können, bis wir wissen, wie der unsere Panzerkrieger umwerfen kann?" fragte Murrmuck. "Ja, bis wir das wissen oder ihr den Verräter gefunden habt. Wenn der in London sitzt haben wir was, um die Leute aus der Hauptstelle ruhig zu halten", sagte Meister Mondbart. "Die haben genug damit zu tun, die Pannen wegen Crushrock und dem Einbruch in den Raum der Weihesteine zu bewältigen", sagte Murrmuck. "Deshalb müssen wir in Frankfurt, Wien und Zürich ja aufpassen, dass wir denen keinen Grund zu lauten und schmerzhaften Aufräumtätigkeiten bieten."

"Wie erwähnt, wenn es den Bund noch gebe wäre das alles schon erledigt", grummelte Meister Mondbart verdrossen. Er hatte nie gedacht, dass er sich diesen alles und jeden überwachenden Geheimbund zurückwünschen würde. Doch leider galt eben auch bei den wahren Erdkindern der Grundsatz, dass die Fresswürmer aus den Löchern kamen, wenn die Felsenfeger außer Sicht waren. Am Ende beschwor Malin VII. mit seiner Gier und seinem Streben nach einem blutigen Krieg noch das Auftauchen des nimmersatten, großen, grauen Eisentrolls aus den feurigen Tiefen der Erde. Doch glaubte dieser König der Saufbärte, den die gnadenlose Wut der Erdmutter auf den Herrscherstuhl unter dem Schwarzwald gespült hatte noch an den größten Schrecken aller wahren Erdkinder? Einmal hatte es geheißen, dass die Dreiblüterin Ladonna diesen nimmersatten Gierschlund aus den Tiefen der Erde hervorgerufen und nach einer eindrucksvollen Vorführung wieder dorthin zurückgeschickt hatte. Doch das war sicher nur großes Getrommel und Gestampfe, wie übertriebene Nachrichten bei den Kobolden hießen.

"Also, wie geht es weiter?"

"Wir täuschen eine weitere Fracht vor, aus reinem Leprechangold und versehen die unterwegs mit dem leisen Ruf der Auffindbarkeit. Wenn das flüchtige Gold nach einem oder zwei Tagen verschwindet entlädt sich die verbleibende Kraft des lautlosen Rufes so stark, dass wir dessen Ursprungsort finden können", sagte einer der sieben Kobolde, die dem Graubart Meister Mondbart beigeordnet waren.

"Die in London werden dann ganz völlig zurecht fragen, warum wir Leprechangold verfrachten, wo kein wahrer Sohn der Erde das Zeug im eigenen Keller haben will. Abgesehen bist du da nicht auf der Höhe, wie Leprechangold entsteht und wohin es sich verflüchtigt. Die schaffen das aus kristallisiertem Sonnenlicht, dass sie mit ihren Gedanken verbinden. Wenn sie sich schlafen legen lösen sich die falschen Münzen auf und springen schneller als ein Unwetterblitz in deren Köpfe zurück, aus denen sie in deren Hände übergeflossen sind. Der lautlose Ruf würde also bei denen in den Köpfen losgehen. Abgesehen davon, dass kein Leprechan sich freiwillig dazu hergibt, für uns Erdgebundenen Gold abzugeben. Die machen das nur für die Zauberstabträger, weil die so unfähig sind, falsches von echtem Gold zu unterscheiden", grummelte Murrmuck. "War ein Vorschlag", schnaubte der Berater von Mondbart verbittert.

"Aber der Einfall als solcher ist nicht so schlecht. Wir tauschen unmittelbar vor dem Losfahren das Gold gegen gewöhnliches Gestein aus, das mit einem Erdkindgebundenen Aufheizzauber verbunden ist. Wenn die die Fracht klauen und weit genug von den Überbringern fortschaffen soll sie ihnen wie der Auswurf aus feurigen Schwellungen der großen Mutter entgegenspritzen", sagte Mondbart.

"Guter Einfall. Zum einen erfahren wir, wenn die Fracht unangetastet bleibt, dass jemand in London oder auf dem Weg zum Hafen der Verräter ist oder legen diesem Saufbart ein gewaltiges Drachenei. Ach ja, und wenn wir doch noch gegen den kämpfen müssen nehmen wir die fünf noch unzugeteilten schwarzen Feuerbläser, die wir gerade zurechtklirrern", erwiderte Murrmuck. Ja, so konnte es gehen, dachten wohl nicht nur Murrmuck und Meister Mondbart.

"Spätestens dann erfahren aber die Zauberstabträger, dass wir mit den Saufbärten im Krieg stehen", mahnte Meister Mondbart an. "Den wir nicht wollten", erwiderte Packhack darauf. "Ja, aber die Zauberstabträger könnten das zum Anlass nehmen, uns doch noch das Goldwertbestimmungsrecht zu entziehen und es den Saufbärten zu geben. Ich sage das nur, damit hinterher kein großes Geschrei aufkommt, dass wir diesem Prahlbauch Malin doch noch zu Diensten waren."

"Wir werden dann beweisen, dass der uns bestohlen und herausgefordert hat und dass wir uns nur gewehrt haben", sagte Packhack. Murrmuck stimmte ihm entschlossen zu. Auch die fünf anderen ranghohen Meister der wahren Erdkinder stimmten dem zu. Da konnte Meister Mondbart nichts mehr gegen sagen, außer, dass er sich eigentlich noch mit seinem auf den britischen Inseln herrschenden Amtsgenossen verständigen wollte. Doch dann würde er auch eingestehen müssen, dass vier Gold- und Silberfrachten in unbefugte Hände geraten waren. Diese Schande durfte Meister Mondbart sich nicht antun. Er hatte es schhließlich mitbekommen, wie der Vertreter von Nordamerika mal eben entbartet und aus dem Rat der ältesten Kobolde ausgestoßen worden war. Er wollte diesen Weg nicht gehen. So blieb es dabei, einen weiteren Versuch zu machen, um die räuberischen Schurken zu bestrafen, die ihnen Gold und Silber wegstahlen. Ja, und sollte es deshalb wirklich zu einem offenen Krieg kommen, so würden sie ihn nur führen, wenn an dessen Ende die Auslöschung der Familie von Malin stand und die anderen kleinwüchsigen Erdbewohner den Bewahrern des Goldverwertungsrechtes ausreichend hohe Busleistungen erbrachten, die nicht nur aus Gold und Silber bestehen mochten. Ja, so und nicht anders sollte es gehen. Falls es bestätigt wurde, dass Malin an der ganzen Sache Schuld war, musste der weg und mit ihm alle seine männlichen Nachkommen und Neffen, damit die Saufbärte nicht noch einen von denen zum neuen König ausriefen. Allerdings wusste Mondbart auch, dass Malin bei einem Angriff auf sein Reich Hilfe von allen anderen Zwergenkönigen bekommen konnte. Das konnte ein ähnlich blutiges Gemetzel werden wie die Schlacht vom schwarzen Felsen, die die Kobolde gerade so für sich gewonnen und damit ihre Ansprüche auf dem Europa heißenden Erdteil durchgesetzt hatten.

Eigentlich wollten die Erdkinder keinen blutigen Kampf mehr. Sie waren Schmiede, Künstler und vor allem Händler. Kriegg schadete immer dem Handel, auch wenn Waffenhändler und Metallhändler am Anfang viel mehr dabei zu gewinnen meinten als in Friedenszeiten. Packhack scharrte ja schon mit den eisenbestiefelten Füßen. Der freute sich darauf, dass die von seinen Leuten geschmiedeten Waffen doch noch echtes Blut kosten mochten. Denn laut der Heldensteine der Erdkinder stärkte sich jede aus dem Metall von Mond oder Sonne geschmiedete Waffe am eisenhaltigen Blut eines Feindes oder verzehrte sogar das Gift gefährlicher Untiere, um damit ihrerseits giftig auf gegnerische Körper oder deren Rüstungen einzuwirken. Solche Waffen zu besitzen war eine große Ehre für Angehörige der Krieger, von denen auch welche in Gringotts die Sicherheitsmannschaft bildeten. Die warteten doch sicher auch darauf, die gemeinen Goldräuber in Stücke zu schneiden und deren Fleisch den Felswürmern zu geben. Am Ende brauchten die nicht einmal einen überführten Täter, um die ständigen Herausforderungen der Zwerge mit Gewalt zu beantworten.

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Kundenrechner 07 zeigte den 07.04.2008, 18:33:50 Uhr an, als sich eine schlanke, strohblonde Frau mit sonnenbankgebräunter Haut auf das ihr beim Betreten des Internetcafés "Golden Wire" in Wien erhaltene Nutzungskonto eingewählt hatte. Das Café bot den Kundinnen und Kunden sogar den Service eines sogenannten Proxyservers an, über den die Internetdienste anonym abgefragt und genutzt werden konnten. So konnte die Nutzerin von Computer 07 sich Zeit nehmen, ihre ganz persönliche Recherche abzuschließen. Heute ging es um alle im Netz der Netze hinterlassenen Spuren des jungen Studenten Erasmus Söderdiek. Es ging darum, ob er noch Freundinnen und Freunde hatte, welche Freizeitbeschäftigungen er bevorzugt hatte, ja auch ob er sich für sexuelle Dienstleistungen interessiert hatte oder nicht. Die Nutzerin wählte hierzu auch ein über eine nur ganz ganz wenigen bekannte Adresse abrufbares Programm, eine Suchmaschine, die auch von geheimen Nachrichtendiensten benutzt werden konnte. Hierfür musste sie sich jedoch über drei Eingabeaufforderungen hangeln, bis sie sich legitimiert hatte. Dann musste sie noch einen Prioritätscode eingeben, den nur ein ranghohes Mitglied kennen und benutzen konnte und, was sie auch nur wegen ihrer guten hilfreichen Kollegin wusste, einen Code eingeben, um nach Ende der Sitzung kein Protokoll über Nutzung und Nutzungszeit erstellen zu lassen. Dann konnte sie alle Anfragen in Blöcken zusammenfassen und zur Bearbeitung weiterleiten. Das geheime Rechercheprogramm wies aus, dass Dr. Kistenmacher, der Name des Kontonutzers, ungefähr zwanzig Minuten zu warten hatte. Die Zeit nutzte die strohblonde Nutzerin mit den graublauen Augen aus, um weitere ganz unverfängliche Anfragen über die gängigen Suchmaschinen zu stellen, zum beispiel über Zusammentreffen von Fans der Science-Fiction-Welt Star Trek und da besonders jener, die sich dem an die nordische Kriegerreligion angelehnten Volk der Klingonen verbunden fühlten. Zwischendurch musste sie den Kopf schütteln, welchen Ehrbegriff diese fiktiven Wesen für sich beanspruchten. Auch las sie was über ein kleinwüchsiges Volk mit riesigen Ohren, die sich Ferenghi nannten und das Profitstreben und die Geldvermehrung zur höchsten und heiligsten Weltanschauung erhoben hatten. Ja, da gab es sicher genug reale Beispiele für diese Art zu denken und zu handeln. Sie ließ sich eine Zusammenfassung über die Klingonen ausdrucken und kehrte dann zu der eigentlichen Anfrage zurück. Die im Hintergrund laufende Recherchesoftware hatte inzwischen alle verfügbaren Seiten, staatlich oder kommerziell, abgegrast und zu den eingegebenen Fragen die in den Themenblöcken festgelegten Antworten zu kompakten Bild- und Textpaketen zusammengefasst. Diese druckte sie nach Eingabe des Legitimationscodes für analoge Kopien über den an den Rechner 07 angeschlossenen Laserdrucker aus. Danach wählte sie sich über die zwei Bestätigungscodes von dem geheimen Nutzerkonto ab, sodass das geheime Programm keine Fehlbenutzung oder gar unbefugte Nutzung weitermelden würde. Am Ende zeigte die neben der allgemeinen Systemuhr mitlaufende Nutzungszeitanzeige, dass sie eine Stunde, zehn Minuten und dreizehn Sekunden auf dem gebuchten Nutzerkonto zugebracht hatte. Da auch in diesem Internetcafé jede angefangene Stunde bezahlt werden musste sollte sie also wieder für zwei Stunden bezahlen. Damit sich das lohnte vertrieb sich die Kundin von Rechner 07 noch zwanzig Minuten mit dem Studium aaktueller Politik, Wirtschaft und Wissenschaftsnotizen. Ganz knapp vor der dritten angefangenen Stunde, also zur Nutzungszeit 01:59:10 meldete sie sich über den Auswahlcode von dem Benutzerkonto ab. Daraufhin surrte der Etikettendrucker und spuckte die am Tresen zu zahlende Summe für die Nutzungszeit und die gedruckten 30 Seiten Papier aus.

Sie zahlte die Nutzung des Rechners und die Tasse Milchkaffee, die sie zwischendurch getrunken hatte und dachte "Halber Preis für die Hauptstadt". Dann verließ sie mit den in ihrer besonderen Handtasche steckenden Unterlagen das Internetcafé.

Unterwegs achtete sie darauf, dass ihr niemand folgte, ob frei sichtbar oder im Schutze eines Tarnmantels oder Unsichtbarkeitszaubers. Sie suchte die nächste U-Bahnstation auf und wählte die Linie U1, auch als rote Linie bezeichnet. Diese sollte sie bis zur Station Praterstern bringen, von wo sie wie bei ihrem letzten Interneterkundungszug aus einer von ihren heimlichen Mitschwestern eingerichteten Toilette aus verschwinden konnte. Als sie in den nächsten weißen Zug mit roten Seitenstreifen einstieg und sich auf der Hut vor Langfingern und Grabschern zu einem freien Sitz vorarbeitete ritt sie der Wichtel, dass sie zur Belohnung für ihre erfolgreiche Internetrecherche noch eine Runde mit dem weltberühmten Riesenrad fahren und sich das abendliche Wien von oben aus ansehen konnte. Doch sie verscheuchte diese Idee schnell wieder. Es war immer riskant, unter falscher Identität und ohne Genehmigung von oben in der Maglowelt herumzulaufen. Auch hatte sie für ihren Ausflug nach Österreich keine Genehmigung erbeten. Sie musste keinem von Rosshuflers Maglowächtern über den Weg laufen. Denn sie rechnete damit, dass es auch hier im Land der Berge, des Walzers und der besonders kalorienreichen Zuckertorten auch jemanden mit ganz besonderem Sehvermögen geben mochte. Sie kannte zwar keinen, aber ging davon aus, dass sie einem solchen Kundschafter über den Weg laufen konnte. Zwar vertrieben sich sehr viele Ausländer am Prater die freie Zeit. Doch eben darum war dort sicher auch viel Polizei und sicher auch der eine oder andere Aufpasser, der sicherstellte, dass niemand aus der sich krampfhaft geheimhaltenden Welt irgendwas anstellte, beispielsweise echte Geister in die Geisterbahn einschmuggelte oder unsichtbar alle Karussells und Achterbahnen benutzte, die der ganzjährige Rummel auf dem Prater bot. Ausschlaggebend war jedoch für sie, dass sie mit ihrem Datenfang möglichst schnell nach Hause wollte, um vor dem Eintritt in ihre fruchtbaren Tage Klarheit zu bekommen, was sie mit dem im dauernden Tiefschlaf gehaltenen Gast anfangen sollte.

Eine Station vor der Haltestelle Praterstern verließ die Kundin aus dem Internetcafé "Golden Wire" den U-Bahn-Zug und suchte die im Bahnhof eingerichtete Bedürfnisanstalt für Damen auf. Dort fand sie eine freie Kabine. Die zuständige Toilettenfrau behandelte sie mit einem sacht gewisperten "Mikramnesia" und schloss die Kabine, ohne sie zu verriegeln. Mit leisem Plopp verschwand sie. Die Toilettenfrau erwachte da erst aus der kurzzeitigen Halbbewusstlosigkeit eines Gedächtniszaubers und blickte sich um. Alle Kabinen waren frei. Hier an diesem Bahnhof war auch nie wirklich viel Betrieb.

So geräuscharm sie aus der Nähe des Praters verschwunden war tauchte sie in einem mit starken Schutzzaubern umfriedeten Haus auf. Dort trat sie an den Badezimmerspiegel heran und bewegte ihren Zauberstab vor ihrem Gesicht und über ihren Körper hinweg. Es prickelte. In ihren Augen erschienen graue und silberne Funken, die aber nur drei Sekunden lang leuchteten. Dann blickte ihr das Spiegelbild einer weizenblonden, winterlich ungebräunten Frau mit denselben graublauen Augen entgegen und lächelte. Albertrude Steinbeißer war wieder zu Hause.

Die nächsten Stunden vertiefte sie sich in die erbeuteten Dokumente. Dabei erfuhr sie, dass Anthropologieprofessor Horst Burmester einen Ruf an die Columbia-Universität in New York angenommen hatte. Laut Kommentar zu diesem Punkt hatte Burmester wohl den Rat erhalten, sich nach dem Sommersemester 2004 eine neue Anstellung zu suchen und justamente einen US-amerikanischen Gönner gefunden, der ihm die Tür zum Hörsaal der anthropologischen Fakultät in New York geöffnet hatte. Ähnliches war der Humanbiologin Gitta Hinze widerfahren. Ihr hatte jemand aus Hamburg, laut Kommentar ein sehr reicher Unternehmer, eine Empfehlung vermittelt, mit der sie an der eidgenössischen Hochschule in Zürich angestellt wurde. Fritz Kohlhas, der Elektronikfachmann, war von einer texanischen Firma für Lasertechnik angeworben worden und hatte die von vielen begehrte grüne Karte erhalten, um in den USA zu arbeiten. Seit 2007 war er offizieller US-Staatsbürger. Der Kletterfachmann Ernst Altmoser war 2005 mit einem sehr üppigen Startgeld in ein privates Bergrettungsunternehmen bei Kitzbühl in Tirol, Österreich, eingestiegen. Alles in allem ergab sich, dass da jemand für gesorgt hatte, dass über die Sache in Uganda niemand mehr groß schreiben oder reden würde, weil ja alle Beteiligten einträgliche Berufe und / oder ein beachtliches Auskommen erhalten hatten. Was die Ausbilder an den diversen Sprachenschulen anging, wo ihr Dauergast Erasmus Söderdiek seine Kenntnisse erworben hatte, so gingen sie alle davon aus, dass er eben bei einer privat finanzierten Expedition verunglückt war. Der Klingonenfanclub, bei dem er unter dem Namen Vagor aus dem Hause Khothor mitglied war, hatte ihm auf seiner Internetplattform einen Text in Klingonisch gewidmet und laut Übersetzung einen Ehrenplatz unter den heldenhaft gefallenen Kriegern im Paradies der Klingonen namens Sto-vo-kor zugesichert. Die mit nordischen Mythen vertraute Albertrude Steinbeißer musste darüber grinsen. Woher wollten diese Möchtegernkrieger denn wissen, dass ihr Kamerad ehrenvoll mit der Waffe in der Hand in den Tod gegangen war? Soweit sie lesen konnte war über Erasmus' Söderdieks tödlichem Unfall nur erwähnt worden, dass er bei einer Höhlenexpedition abgestürzt war. Wo genau und wie genau war nicht in die Medien gelangt, auch wenn die sich auf Sensation und Klatsch spezialisierten Nachrichtenverbreiter schon alles versucht hatten, näheres zu erfahren. Aber da waren wohl auch hohe Schweigegelder an die Zeugen geflossen, um die Angelegenheit nicht noch größer aufzublähen als sie eh schon war. Danach hatte Erich Söderdiek ja eh andere Probleme gehabt.

Für Albertrude Steinbeißer war nur wichtig, dass sie einen sehr intelligenten, seinen Geist und seinen Körper in Übung haltenden Burschen erwischt hatte, den niemand mehr vermisste, der jedoch so wie er jetzt aussah nirrgendwo in der Welt auftauchen durfte, auch wenn die, die ihn noch kannten schön weit von seiner Heimat entfernt waren oder wie im Falle von Erich Söderdiek aus eigener jungenhaften Selbstdarstellungssucht zu Tode gekommen war. So dachte sie daran, dass sie, falls sie ihn zu ihrem Befruchter erwählte, nach erfolgreicher Zeugung eines Sohnes selbst mit vollkommen ausgelöschtem Gedächtnis im wiederverjüngten Körper irgendwo aussetzen konnte. Doch Damit würde sie das Problem nur um etwa zwanzig Jahre verschieben. Denn beim Wiederaufwachsen würde er ja wieder wie der offiziell für tot erklärte Erasmus Söderdiek aussehen. Ja, schlimmer noch, wenn eine Blut- oder gar Erbgutuntersuchung an ihm vorgenommen würde käme ja heraus, dass er entweder ein verspäteter Zwillingsbruder des toten Abenteurers war oder dass jemand ihn mit den nichtmagischen Methoden von künstlicher Nachzucht hergestellt hatte, klonen, wie die Maglos das nannten. Das würde in beiden Welten auffallen, zumal gerade die Herstellung von Doppelgängern durch den russischen Magier Igor Bokanowski einen besonders alarmierenden Beigeschmack bei den Sicherheitszauberern hatte. Sicher, sie könnte ihn vorher durch den Contrarigenus-Fluch in seine eigene Schwester verwandeln und dann erst verjüngen und dann erst das Gedächtnis auslöschen. Doch außer, dass er dann als eine "Sie" mit dem selben Erbgut, eben nur dem eines Mädchens, aufzuwachsen hatte änderte sich eben nichts. Blieb ihr echt nur, Söderdiek nach erfolgreicher Kindeszeugung zu töten und endgültig verschwinden zu lassen? Nein! Wenn der wirklich so umfangreich gebildet war, wie die im Internet erheischten Akten und Erlebnisberichte das auswiesen, dann könnte sie ihn als ihren persönlichen Kundschafter in der magielosen Welt kultivieren. Allerdings durfte er dann nicht so aussehen, wie er aussah und dann auch nicht mehr wissen, wer er früher mal war, sondern nur noch das wissen und können, was für ein weiterführendes Leben wichtig war. Die Idee gefiel ihr, zumal sie sich ja schon länger damit befasste, irgendwann aus Albertine Steinbeißers bisherigem Leben auszusteigen, nachdem sie herausgefunden hatte, dass die dieser verpassten Kunstaugen nicht magisch überwacht wurden, wie Albertine kurz nach dem Unfall mit diesem Schattenreiter noch befürchtet hatte. Sie konnte also jederzeit verschwinden. Doch sie musste dann auch dafür sorgen, dass niemand mehr nach ihr suchte, auch nicht Anthelia. Aber erst mal wollte sie ein paar wilde, höchst anregende Stunden mit dem bei ihr überdauernden Burschen haben, der in Canopus' Zeittresor eingeschlossen und somit vier Jahre lang ohne nennenswerte Alterung aufbewahrt worden war.

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"Irgendwas ist da wieder im Busch, Herr Wetterspitz", raunte Zwergenverbindungsbeauftragter Erlenhain, als er auf dem ultrakurzen Dienstweg ein Gespräch mit Sicherheitsabteilungsleiter Eilenfried Wetterspitz erhalten hatte. "Die von Ihnen und Herren Andronicus Wetterspitz eingesetzten Patrouillen melden einen Rückgang der Wehrübungen im schwarzwälder Zwergenstaat. Doch sie erwähnten auch, dass immer wieder junge Männer mit diesen Erdreisewalzen ausfuhren und erst bei tiefer Dunkelheit zurückkehrten. "Nachdem, was ich von den letzten Gesprächen mit Botschafter Heldensänger erfahren habe erwartet dessen König Malin immer noch ein Abkommen von uns, dass ihn wie die französischen Zwerge an der Goldwertbestimmung beteiligt. Außerdem beschwert er sich über die ständige Überwachung durch die Lichtwachen und anderen Kundschafter. Das würde er nicht, wenn er nichts zu verbergen hätte."

"Ja und? Wir hatten es doch schon mehrmals davon, dass ein gewaltsames Vorgehen gegen Malin, vor allem jetzt, wo er scheinbar oder wahrhaftig auf einen direkten Krieg mit den Kobolden verzichtet hat, nur noch mehr Unruhe und sehr viel vergossenes Blut heraufbeschwören. Erst wenn er von sich aus eine aggressive Handlung gegen uns oder die Kobolde unternimmt können wir mit allen Mitteln gegen ihn vorgehen, ohne uns den Unmut anderer Zwergenvölker zuzuziehen. Den kriegen wir nämlich dann auch, wenn Malin uns als Bedrohung für sich und sein Volk verkauft. Aber das wissen Sie ja besser als ich."

"Leider all zu wahr", seufzte Zwergenbeauftragter Hanno Erlenhain. "Ja, und er könnte sogar zum Märtyrer für alle Zwergenvölker werden, wenn wir ihn mit Gewalt entthronen würden. Das würde einen Unfrieden zwischen allen Zwergenvölkern und uns, den großen Leuten, den Zauberstabträgern, bedeuten. Bei so einer Auseinandersetzung würden die Kobolde als lachende Dritte erscheinen und klarstellen, dass da wo Zwerge wohnen auch ständige Unsicherheit herrscht."

"Nicht nur die Kobolde. Es gib noch heimliche Gruppierungen, die die Arbeit unseres Ministeriums verderben wollen, um ihren eigenen, heimlich oder offen menschenverachtenden Ansichten zu folgen. Wir haben jetzt die Möglichkeit, diese Gruppen zu ermitteln und wenn eindeutig der dunklen Seite zugehörig zu bekämpfen. Da können und wollen wir uns keinen Kampf mit aufgehetzten Zwergen und Kobolden leisten", sagte Eilenfried Wetterspitz.

"Ich wollte Sie auch nur darauf hinweisen, dass Malins Leute irgendwas vorhaben könnten. Dem wird es egal sein, ob wir, das Zaubereiministerium, einen offenen Krieg mit ihm und / oder den Kobolden haben wollen oder nicht. Wenn er mindestens einen Vorteil sieht, wird er ihn nutzen, allein schon des eigenen Ansehens wegen. Er braucht Erfolge, Herr Wetterspitz. Er wird Situationen suchen oder schaffen, die ihm solche Erfolge ermöglichen."

"Ich nehme Ihre Warnung zur Kenntnis und werde sie an Generalissimus Wetterspitz und Minister Güldenberg weiterleiten, Herr Erlenhain", erwiderte Eilenfried Wetterspitz.

"Wollen wir hoffen, dass ich am Ende nicht recht habe", sagte Erlenhain dazu. Dann durfte er wieder in sein eigenes Büro gehen, wo er den überwiegenden Teil des Monats mehr oder weniger dekorativ herumsitzen durfte. Denn nur einmal im Monat kam der Bote von König Malin zu ihm, um die immer gleichen Forderungen nach der Rückgabe des Goldwertbestimmungs- und Goldverwahrungsrechtes zu äußern und auf die Unzuverlässigkeit und Selbstsucht der Kobolde zu verweisen.

"Was du mir nicht erzählt hast, werter Hanno Erlenhain ist wohl, dass Malin von den acht anderen dicken Königen unter den Bergen zurückgepfiffen wurde oder die ihm die Gefolgschaft verweigert haben, weil der seinen eigenen Feldzug gegen die Kobolde machen wollte", dachte Eilenfried Wetterspitz. Dass er das überhaupt wusste lag an einer Verbindung nach Stockholm, wo der Dvergaman des schwedischen Zaubereiministeriums ebendiesem berichtet hatte, dass Malin die anderen Könige auf sich einschwören wollte und am Ende von seinem Vorhaben abgegangen war, gegen die Kobolde zu kämpfen, weil eine Mehrheit der zusammengerufenen Könige ihm nicht bei einem Angriffskrieg beistehen wollte. Als Eilenfried das dachte zuckte er leicht zusammen. kein Angriffskrieg. Aber was würden die acht anderen Zwergenkönige tun, wenn Malin von den Kobolden angegriffen würde? Ja, dann galt wohl jener Beistandspakt, von dem Erlenhain einmal berichtet hatte. Wartete Malin darauf, dass ihn die Kobolde angriffen oder machte der was, damit diese ihn angriffen? Womöglich hatte Erlenhain das auch schon überlegt und ihn deshalb angesprochen.

"Herr Wetterspitz, bitte auf eine kurze Unterredung zu mir ins Büro!" rief er in Richtung linker Schreibtischecke. Aus leerer Luft klang Andronicus Wetterspitzes Stimme: "Ach, wegen des Speeres oder wegen der Zwerge?"

"Wieso wegen der Zwerge?" fragte Eilenfried wie zu einem unsichtbaren Gesprächspartner gewandt. "Weil wir lange nichts mehr von Koboldfresser Malin gehört haben."

"Gut, nicht über die Schallverpflanzer, Herr Wetterspitz", sagte Eilenfried. Denn über die Benutzung der Schallverpflanzungsanlage wurde in der Zentralverwaltung Buch geführt, auch wenn die Wortinhalte nicht mitgeschrieben wurden. Aber die Zeit und die Gesprächskontakte konnten auch Aufschluss über den Verlauf eines Gespräches geben. Das wussten der Schwager von Eilenfried Wetterspitz und der Sicherheitsleiter sehr wohl.

Nur eine Minute später klopfte Andronicus bei Eilenfried an. Dieser berichtete ihm vom Gespräch mit Erlenhain und welche Schlussfolgerungen er selbst daraus zog. "Interessant. Der lautstarke König weiß, dass wir sein Reich unter Beobachtung halten. Der kann dort also keine offenen Kriegsübungen abhalten. Aber was hast du von immer wieder hinausfahrenden und zurückkehrenden jungen Leuten gesagt?" fragte Andronicus. Da klingelte es auch bei Eilenfried. "Der hat seine Truppen ausgelagert. Die üben woanders und haben auch ihre Ausrüstung anderswo. Aber wenn wir nicht rauskriegen wo, dann können wir ihm das nicht beweisen."

"So ist es wohl. König Malin tut so, als fürchte er keinen Angriff oder wolle selbst einen vorbereiten. Aber er hält seine Leute in Bereitschaft, und zwar so, dass selbst unsere Späher mit den Durchdringungsaugen oder Durchblickfernrohren das nicht sehen können", grummelte Andronicus Wetterspitz geborener Eisenhut.

"Will sagen, wir müssten herausfinden, wo diese ausgelagerten Truppen stehen und wie Malin es erreichen will, dass die Kobolde den ersten Schlag gegen sein Volk führen, damit er sich als Angegriffener in Szene setzen kann, der ganz dringend Unterstützung seiner acht Amtskollegen braucht."

"Gut gebrüllt Löwe! Wir können leider nicht mal eben unter der Erde dahinjagen wie die Kobolde oder wie auch die Zwerge. Wie sollen wir dann herausfinden, wo Malins vielleicht ausgelagerten Truppen sind?"

Indem wir das machen, was gegen die Kobolde schon sehr probat war. Wir ziehen einen Zaun aus sich ständig drehenden und die Polung wechselnden Magnetfeldern. Nicht direkt über dem Reich Malins, weil der das als unmittelbaren Angriff auf sein Volk auslegen wird. Aber so um das Reich herum, mindestens einen Kilometer davon entfernt, können wir so einen Zaun ziehen. Soweit ich weiß gibt es im Umkreis von drei Kilometern um die Landesgrenzen von Malins Reich keine MohnmA-Siedlung, die wir damit beeinträchtigen könnten. Ich brauche nur die entsprechenden Saiten zu zupfen, und wir haben in drei Stunden genug von diesen Magnetkreiseldingern da, um den Zwergen den Ausflug zu vergellen. Dann wird das nichts mehr mit dem Verlegen von Truppen oder Exerzizien in anderen Stützpunkten."

""Gut, das wird dann eine sehr clandestine Kiste, Andronicus. Das müssen wir uns von unserem Häuptling absegnen lassen, sonst hängt der uns beide am linken großen Zeh an die Decke vom Ministeriumsatrium auf."

"Gut, mach du das, Eilenfried. Ich kurbel das mit den Magnetfeldkreiseln an", sagte Andronicus Wetterspitz.

Eilenfried ging persönlich zum Minister, nachdem er von dessen Vorzimmerdrachen erfahren hatte, dass dieser gerade Zeit hatte. Als er dem erst Erlenhains Bericht, dann seine eigene Vermutung und dann noch Andronicus' Vorschlag dargelegt hatte sagte Heinrich Güldenberg: "Euch beiden ist klar, dass uns Malin das mit dem Magnetzaun übelnehmen wird. Seid ihr euch sicher, dass der schon irgendwas vorhat, um sich doch noch mit den Kobolden zu prügeln?"

"Heinz, wir müssen davon ausgehen, dass Malin eine neue Gelegenheit sucht, um die Kobolde aus unserem Land rauszuekeln. Du hast auch noch im Ohr, dass der uns bei Zuteilung des Goldverwahrungsrechtes "Bearbeitungsgebühren" abverlangen könnte? Wenn der irgendwas mit den Kobolden anstellt, um sie zum ersten Schlag zu reizen kann und wird er sich Hilfe aus den anderen Reichen holen. Und dann kracht es bei uns so richtig laut. Wer dann über ist kann und wird Zugeständnisse von uns verlangen, damit er ruhig bleibt."

"Eilenfried, ihr müsst da um des schlaf des Drachens Willen aufpassen, dass wir nicht als die Kriegstreiber hingehängt werden können", wisperte Güldenberg, um die Dramatik seiner Worte noch mehr zu betonen. "Wir dürfen nicht so auftreten, als wollten wir die Zwerge einsperren. Schon daran gedacht?"

"Hmm, öhm, die genaue Ausformulierung wollten wir dir überlassen, Heinz", erwiderte Eilenfried. Der Angesprochene grinste überlegen und meinte: "Natürlich wolltet ihr das, ihr zwei Haudegen. Gut, dann beschließe ich, dass nach allen offenen Provokationen gegen die Kobolde das Reich Malins gegen Angriffe ebenjener abzusichern sei und wir, um unserer Verantwortung für Sicherheit und Ordnung gerecht zu werden, eine wirkungsvolle Barriere gegen Kobolde errichten müssen, die natürlich nicht das Leben der Zwerge beeinträchtigen soll, solange sie sich an unsere Sicherheitsbeschränkungen halten. Der Name für diese Unternehmung soll Friedenswall lauten. Um das ganze rechtssicher zu machen müsste der Kollege Erlenhain den Botschafter der Zwerge informieren, dass wir so eine Abriegelung gegen Kobolde einrichten, damit kein Zwerg dagegenstößt und sich verletzt", sagte Güldenberg. Eilenfried Wetterspitz sog zischend Luft zwischen seinen Zähnen hindurch ein. Er nickte. Dann sagte er: "Ja, und wir schicken alle mit biomaturgischen Augen und Durchblickfernrohren hin, um die ordnungsgemäße Einrichtung zu überwachen und sicherzustellen, dass kein Zwerg aus versehen in den Magnetfeldern zerbröselt wird."

"Ganz richtig. Ja, und wenn der Zaun steht werden wir, also Herr Erlenhain, der Koboldverbindungskollege, sowie der Kollege Ährenhaag und meine Wenigkeit eine Verhandlung erzwingen, bei der die Kobolde und Zwerge mit uns dem französischen Friedenspakt folgen. Am Ende geht es Malin doch nur um mehr Gold für den eigenen Sparstiefel."

"Einverstanden, Herr Minister. Dann erwarten Generalissimus Wetterspitz und ich die nötigen Geheimbefehle."

"Dann sieh zu, dass du in deine Bude zurückkommst, Eilenfried Wetterspitz", sagte Heinrich Güldenberg, als spräche er nicht zu einem Untergebenen, sondern zu einem abenteuerlustigen Jungen.

Als Eilenfried wieder in seinem eigenen Büro saß fragte er sich selbst, warum Güldenberg den Zwergen noch eine Frist geben wollte, um aus einer zu bauenden Magnetfeldpallisade herauszukommen? Doch dann wurde ihm klar, dass Güldenberg schon zwei Züge weitergedacht hatte als er selbst. Wenn die Zwerge ohne Vorwarnung eingezäunt wurden hatten sie einen Grund, ihre Verbündeten in anderen Ländern zur Befreiung herbeizurufen. Außerdem würden sie das Ministerium dann als Verbündeten der Kobolde ansehen und dann erst recht auf die Störung oder gar Zerstörung der bestehenden Zaubererweltordnung ausgehen. So wurde Malin ja doch noch respektiert und sein Volk vorgewarnt.

Zehn Minuten später hörte er ein leises Rascheln wie von Flügeln aus Papier. Etwas klatschte auf seinen Tisch. Aus einem kurzen Flimmern heraus erschien ein blütenweißer Papierflieger mit zwei silbernen Schriftzeichen auf den Flügeln, Runen für Verborgenheit. Zwischen den Flügeln des scheinbar aus dem Nichts erschienenen Gebildes ragte eine mit einem dünnen Silberring zusammengehaltene Pergamentrolle. Eilenfried ergriff den Ring und hörte eine Stimme zwischen seinen Ohren fragen: "Name und Rang!" Er sagte leise seinen Namen und seinen Rang. Ein warmer Schauer durchflutete seine Hand. Dann konnte er die Pergamentrolle freiziehen. Er zog den Ring ab und las, dass ab der Bestätigung, dass Erlenhain die Nachricht an den Boten der Zwerge weitergeleitet hatte, die Operation Friedenswall beginnen sollte. Heinrich Güldenberg hatte diese geheime Anweisung mit seinem Siegel gekennzeichnet. "Wird dem kleinen, dicken Graubart nicht gefallen. Aber der will es ja nicht anders", dachte Eilenfried Wetterspitz.

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Gloin Heldensänger erschien in seiner violetten Botenuniform in der Höhle des Herrschers. Dieser saß aufrecht auf seinem eisernen Stuhl und sah den Boten an. "Was drängt dich, um mein Gehör zu bitten, Bote Heldensänger? Haben die Zauberstabträger dich etwa außerhalb der üblichen Zeiten einbestellt?"

"Schlimmer, o mein König", erwiderte Heldensänger verunsichert. Dann straffte er sich und sagte: "Ich wurde über die Steine der schnellen Mitteilung, die Euer in Durins seliges Reich eingegangener Vater dem Oberhaupt der Zauberstabträger Deutschlands überlassen hat davon in Kenntnis gesetzt, dass die Zauberstabträger unser Reich mit einem Zaun sich schnell und heftig stark ändernder Eisenfangfelder umschließen wollen, um uns vor Angriffen der Spitzohren zu bewahren."

"Bitte was?!" bellte Malin VII. höchst alarmiert. Dann hörte er die wortwörtliche Botschaft des unmittelbaren Verbindungszauberers Erlenhain, dass im Zuge zur Kenntnis gelangter Unruhen bei den Kobolden eine Auseinandersetzung zwischen diesen und den Zwergen zu befürchten sei und diese unter allen Umständen zu verhüten sei. Daher würden sie Malins Reich im Abstand von zweitausend Metern mit einem Wall aus ständig Ausrichtung und Stärke ändernden Eisenfangfeldern umfrieden.

"Zum nimmersatten Sohn der großen Mutter. Zurück in deinen Bereitschaftsraum, Heldensänger", schnaubte König Malin VII. Heldensänger verbeugte sich tief und machte dabei einen doppelten Kratzfuß. Dann wetzte er mit für seine Art üblicher Geschwindigkeit aus dem Herrschersaal.

Malin griff unter den eisernen Thron, auf dem er saß und zog ein kleines silbernes Horn hervor. Er setzte es an und stieß zweimal kurz hinein. Zu hören war jedoch nichts. Doch das sollte auch so sein. Nur die, für die der Ruf des Hornes bestimmt war, sollten es hören, Schattenhut und Schmetterhammer.

Es vergingen nur zehn Atemzüge des Königs, da ploppten beide aus unsichtbaren Bodenluken heraus wie unter Druck stehende Weinflaschenkorken. "Oh, ein wenig schneller als sonst. Die Übungen lohnen sich wahrhaftig", bemerkte Malin ein wenig verächtlich. Doch dann fragte er: "Meister Schattenhut, wie viele Durchblickspäher halten sich über unserem Reich auf?"

"Im Augenblick einer mit einem bezauberten Ferngglas, keiner mit ... Verzeihung, mein König ... gerade erhalte ich die Nachricht, dass soeben alle bisher verzeichneten Späher mit künstlichen Augen vor den Toren unseres Reiches erschienen sind und nun auf Wacht gehen."

"Zum Nimmersatten Sohn der ewigen Mutter", knurrte Malin. "Meister Schmetterhammer, auch wenn die uns beobachten, wir müssen alle kampffähigen Tiefenboote und -kreuzer mit höchster Bemannung zu den Außenhäfen senden, bevor diese überlangen Zauberstabträger unser Reich mit ihren Eisenfangwirbeldingern umzingeln."

"Dann werden sie aber sehen, dass wir mehr als zehn Tiefenkreuzer haben", Sagte Dorin Schmetterhammer.

"Wenn die es wirklich wagen, unser Reich mit diesen Folterkreiseldingern zu versperren kommen die Spitzohren nicht zu uns durch. Das haben die sich verdammt schlau ausgedacht", grollte Malin.

"Ja, aber warum haben die dann die Steine der unmittelbaren Verständigung benutzt, wo die doch wissen sollten, dass meine Horcher mithören können?" fragte Schattenhut. Schmetterhammer sah den Meister der Kundschaftergilde verächtlich an. "Damit unser mächtiger König, möge ihm sein Bart nie ausfallen, nicht hinterher beklagen kann, dass er und wir alle unschuldig eingesperrt wurden, ohne gewarnt worden zu sein."

"Ich hätte das nicht so gemacht, zumal unser großmächtiger König ..." Malin sah Schattenhut sehr streng an und sagte: "Ihr sprecht nicht von mir, als wäre ich nicht anwesend, ihr zwei Schlauköpfe. Ihr führt die Befehle aus. Meister Schattenhut, versucht die Aufpasser da draußen abzulenken, damit die nicht mitzählen können. Meister Schmetterhammer, alle Tiefenfahrzeuge bemannen und in die heimlichen Häfen! Ich lass mich doch nicht von diesen Überlangen am Nasenring herumführen wie einen Mickertroll", knurrte Malin. Die beiden herbeigerufenen nickten, verbeugten sich und tipten mit ihren Füßen dreimal auf den Boden. Wie von der Erde verschlungen verschwanden sie so schnell, wie sie vorhin aufgetaucht waren.

"Und ich werde diese Spitzoren und Langfinger doch dazu kriegen, uns zu beharken, damit ich die acht dicken Weichklöße dazu kriege, sich zum ehernen Pakt zu bekennen", dachte Malin VII.

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Albertrude saß in ihrem Büro, als die von den Lichtwächtern ausgeliehene Silberglocke losrasselte. Das hieß, ihr Patrouillendienst bei den Zwergen wurde wieder gebraucht. Sie umklammerte die Glocke. Darauf ertönte eine blecherne Stimme: "Achtung, alle magischenSpäher über Zwergenreich auf Beobachtungsposten. Zwergenaktivitäten Richtung Truppenverlegung beobachten und protokollieren!"

"Wenn ich deshalb den richtigen Zeitpunkt verpasse, um Söderdieks Saat in mich aufzunehmen muss ich noch einen Monat als Handlangerin dieser drei Skatspieler herumlaufen", dachte Albertrude Steinbeißer. Doch im Augenblick blieb ihr nichts anderes übrig, als der gegebenen Anweisung zu folgen, eben um nicht aufzufallen.

So geschah es, dass sie nur zwei Minuten später mit allen anderen Trägern biomaturgischer Augen über dem Ausläufer des Schwarzwaldes patrouillierte, unter dem Malins Zwergenreich angelegt war. Ja, und nach nur zwei weiteren Minuten konnte sie über die Schallverpflanzungsdose um ihren Hals verkünden: "Melde Betätigung bei kobaldblauen Walzenfahrzeugen für unterirdische Schnellreisen. Mehrere Dutzend männliche Zwerge besteigen die Fahrzeuge, unbewaffnet. Sie drücken sich eng zusammen."

"Bestätige, auch in meinem zugeteilten Sektor werden solche Fahrzeuge besetzt. Vermute einen Ausfall oder eine Absetzbewegung", meldete ein Lichtwächter, der im Kampf sein linkes Auge verloren und dafür ein ähnlich vielseitiges Kunstauge bekommen hatte wie Albertrude.

"Tja, hätte er sich doch einfach nur ruhig verhalten und uns machen lassen. So können wir ihn demnächst vorladen, wozu er die ganzen Walzenboote und die beachtlichen Schiffe braucht, dass er die jetzt in höchster Eile wegschickt", erwiderte ein weiterer Beobachter.

"Och nöh, Flügelsessel", meldete Albertrudes derzeitiger Patrouillenkamerad Fichtenspitz. "Kopfblasen!" rief ein anderer. Albertrude hatte da schon längst den entsprechenden Zauber gemacht. Da waberte es ihr und allen anderen auch schon entgegen, das aus sich heraus popelgrün glimmende Dunstgebilde, mit dem Zwerge meinten, ihre Gegner kampfunfähig zu machen, indem sie denen einen minutenlangen Niesreiz in die Nasen drückten. Albertrude überlegte, ob sie denen nicht einen passenden Gruß erwidern sollte. Sie kannte da einen anderen Dunstzauber, der alle Nasen, die ihn einatmeten für mindestens zwei Stunden geruchsunempfindlich machte. Doch dann fiel ihr ein, dass sie das ja erklären musste. Andererseits konnte sie auch den Wind der Zerstreuung rufen, der genau zur Abwehr gasförmiger Kampfmittel und magischer Nebel gedacht war. Also tat sie das. "Vortex Ventorum vapores hostiles repelle!" Mit einem lauten Zischen und einem spürbaren Erbeben ihres Zauberstabes entfaltete sich der Zauber. Dann raste laut fauchend ein aus sich hellblau schimmernder Wirbelsturm auf den grünen Nebel zu, traf darauf und zerfetzte ihn. "Condenseo Nebulam non gratam!" hörte sie einen ihrer Kollegen rufen und sah, dass aus dessen Zauberstab ein weißblauer Blitz schoss und in den Rest von grünem Dunst hineinfuhr. Dieser kondensierte zu weißgrünen Schneeflocken, die in den Ausläufern des Zerstreuungswindes herumgewirbelt zu boden sanken. Albertrude besann sich, dass das alles sicher ein Ablenkungsmanöver sein sollte, um die Flucht der vielen blauen Walzen zu verbergen. Also stürzte sie sich in die Tiefe und hielt wieder ausschau nach den blauen Walzen, die gerade verschlossen wurden. "Achtung, an die fünfzig kleinen und ui, zwanzig übergroßen Walzen werden soeben losgeschickt", meldete sie, bevor sie gewahrte, wie ein weiterer im Flugsessel sitzender Zwerg - mit einem Schlapphut auf dem Kopf! - auf sie zielte. "Das würde ich lassen, Kundschafter, wenn Ihr nicht wollt, dass wir Euch und Euren König festnehmen dürfen", rief Albertrude auf SvartAlfin, der Hochsprache aller Schwarzalben ohne regionale Einfärbung. Der auf sie zielende Kundschafter richtete seine Goldlichtlanze auf die ihm entgegenfliegende Besenreiterin. Diese hielt ihm den Zauberstab entgegen und dachte "Magnaflor Lunae!" Es sah erst aus wie ein Patronus-Zauber gegen Dementoren, als sich aus Albertrudes Zauberstab eine mondlichtsilberne Blume entfaltete, die zu einem zwölfblättrigen Blütenkelch anschwoll, dessen Durchmesser anderthalb von Albertrudes Körperlänge betrug. Im selben Augenblick schnellte ein goldener Lichtstrahl auf sie zu und verschwand im goldenen Blütenkelch. Dieser erstrahlte nun seinerseits golden. Zugleich kämpfte der Zwerg im geflügelten Sessel darum, seine Goldlichtlanze in den Händen zu behalten. Dabei zog diese ihn aus der gewünschten Flugbahn auf Albertrude zu, die ihren Zauberstab ganz ruhig aber sicher auf den Gegner ausgerichtet hielt. "Bartlose, wieso kannst du das?" stieß der gebeutelte Gegner aus, weil seine Waffe von ihm wegfliegen wollte. "Du brauchst nur das Goldlicht zu löschen, Kleiner", erwiderte Albertrude provokant. Der Zwerg versuchte, seine Lanze aus der Bahn der nun golden schimmernden Blüte herauszureißen und geriet dabei in Schräglage. Albertrude blickte nach unten und sah, wie weitere blaue Walzenfahrzeuge in der Tiefe der Erde verschwanden und dann mit irrwitziger Geschwindigkeit davonrasten, sicher so schnell wie Erdbebenwellen. Als sie keine blaue Walze mehr sah wedelte sie mit ihrem Zauberstab. Die Folge war ein lauter Schreckensschrei. Denn mit der Wedelei wirbelte sie den Zwerg im Flugsessel herum wie ein Blatt im Herbststurm. albertrude argwöhnte einen Angriff von hinten, drehte sich auf ihrem Donnerkeilbesen schnell herum, wobei sie den zwerg mit der Goldlichtlanze wie an einer langen Schnur herumschleuderte und ihn beinahe mit einem gerade in Stellung gehenden Kollegen zusammenprallen ließ. Der konnte gerade noch eine schnelle Steigbewegung machen und dann zwischen dem Kollegen und Albertrude die Bahn des Goldlichtes durchqueren. Der Lichtstrahl wurde unterbrochen. Der Lanzenträger wurde mit einem weiteren Aufschrei nach hinten weggeschleudert, während der, der ihm zu Hilfe geeilt war von den aus der nun wieder silbernen Blüte spotzenden goldenen Blitzen durchgeschüttelt wurde.

"Sage deinem Herrn und König, dasss ihr ihm damit keinen Gefallen erwiesen habt. Denn nun dürfen wir euch festnehmen", sagte Albertrude in der Hochsprache der Zwerge.

"Erst wenn die Sonne gefriert", erwiderte der zweite Gegner und machte was, dass wohl eine Art Gegenschlag werden sollte. Aus seiner unter dem Umhang getragenen Rüstung blähte sich ein goldenes Licht auf, das wie eine zweite Sonne anwuchs und auf Albertrudes silberne Lichtblüte zujagte. Diese öffnete sich weit und verschluckte den Lichtball vollständig. Da klirrte s, und in goldenen Scherben riselte die Rüstung des zweiten Gegners durch die in Fetzen zerrissene Kleidung. Der Sessel wurde mit einem blau-silbernen Flackern wieder für alle Augen Sichtbar und trudelte mit immer wilder schwirrenden Flügeln nach unten weg. albertrude sah den ersten Gegner wieder, der wohl überlegte, seine Goldlichtlanze noch einmal einzusetzen und dann doch davonflog.

"Verdammt, musste vier unsichtbare Flügelsessel mit Inhalt mit Mondlichthammer zurückschlagen. Konnte nicht zählen, wie viele dieser blauen Boote sie rausgekriegt haben."

"Fünfzig kleine und zwanzig zehnmal so große. Jetzt ist kein Fahrzeug mehr da unten", meldete Albertrude und sah, wie eine Gruppe unsichtbarer Zwerge in geflügelten Sesseln in Richtung Heimattor hinabsauste.

"Gut, die wollen's nicht anders. Friedenswall hochziehen", hörten sie alle Andronicus Wetterspitzes befehlsgewohnte Stimme.

"Schön, den Brunnen zuschütten, wo alle Kinder reingefallen sind", beschwerte sich einer der Späher. "Das habe ich gehört, Leutnant Fichtenspitz und werde das beim nächsten Generalappell bedenken", erwiderte Andronicus Wetterspitz. Albertrude erkannte, dass es nicht darum gegangen war, die Boote aufzuhalten, sondern zu beobachten, dass sie ausgeschickt wurden. Was noch an Fußtruppen oder Sesselfliegern da unten war wurde nun vom Zaun aus wechselnden Magnetfeldern eingepfercht. War die Mission damit erfüllt?

"Außer SVD alle zurück in BSR!" befahl Andronicus Wetterspitz. Albertrude blickte sich um und stimmte ihre Augen auf Fernsicht ein. Ja, da war er, der Generalissimus der Lichtwächter. Er ritt auf seinem Donnerkeil 21 schön weit über allem Geschehen. Da Albertrude gerade keine SVD, also Späherin vom Dienst war konnte sie also in ihren BSR, Bereitstellungsraum, zurückkehren. Was die Festnahme der beiden von ihr gesehenen Zwerge anging würde sie das in ihrem Bericht festhalten.

Als sie wieder in ihrem eigenen Büro saß dachte sie, dass ihr die Aktion des Skatclubs vielleicht die Tour verdarb, sich mit Hilfe der Zwerge aus Albertines bisherigem Leben zu verabschieden. Aber wenn Malin wirklich einen Krieg mit den Kobolden suchte kam sicher noch eine gute Gelegenheit. Ihr fiel ein, dass sie sich ja noch mit den Zaubern befassen wollte, die Canopus Hertzsprung erfunden hatte. Da waren zwei bei, die sie ganz gerne an einer Horde von Männlichkeit übertriefender Zwerge ausprobieren wollte. Allerdings durften dabei keine menschlichen Zeugen zusehen. Außerdem wollte sie ja in dieser Nacht nach dem kleinen bunten Vogel rufen. Dazu musste sie aber erst sicherstellen, dass ihr Mitrufer nicht meinte, sie mal eben erwürgen oder mit Karatetricks kampfunfähig machen zu müssen. Aber wie sie das verhindern sollte wusste sie schon. In fünf Stunden, falls nicht noch ein Ruf zu den Zwergen hereinkam, hatte sie dienstfrei.

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"Wir können da jetzt rein und alle Kundschafter festnehmen, vor allem den, der sich selbst aus der Rüstung herausgepellt hat", meinte Oberleutnant Adlerhorst zu Andronicus Wetterspitz. Dieser schüttelte den Kopf. "Ja, wissen wir. Aber wir machen das erst, wenn die da drinnen kurz vor dem Hungertod stehen, Oberleutnant Adlerhorst", erwiderte der ranghöchste Lichtwächter des deutschen Zaubereiministeriums.

"Dürfen wir darum wetten, wann Malin einen Parlamentär schickt", fragte Adlerhorst, ein noch recht junger, aber kleiderschrankartig gebauter Zauberer mit pechschwarzem Haar.

"Nein, es darf nicht gewettet werden", erwiderte Wetterspitz. "Wir halten die Absicherung bis auf Malins ganz eigener Kapitulation aufrecht. Der weiß, dass er nun nicht mehr vor die Tür kann, ohne dröhnende Kopfschmerzen zu bekommen. Die Zwerge sind gegen die Magnetkreiselfelder genauso empfindlich wie die Kobolde."

"Ja, aber er könnte uns die losgeschickten Boote auf die Hälse hetzen, Generalissimus Wetterspitz", merkte ein anderer Lichtwachenleutnant an.

"Dann hat er Krieg mit uns und wir einen mehr als gültigen Grund, sein Volk aus unserem Land zu vertreiben, sagt der Minister."

"Verstanden", erwiderte Adlerhorst.

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"Ihr dürft demnächst mit den Grottenschnecken um die Wette laufen. Da besteht noch eine beachtliche Wahrscheinlichkeit, dass ihr da gewinnt", schimpfte Gildemeister Schattenhut mit den Kundschaftern, die eigentlich das Entsenden der Tiefenboote und -kreuzer verbergen sollten. "Was hat diese unterernährte Krawallhexe da überhaupt gezaubert. Die hat mir fast die Lanze aus den Händen gezogen."

"Weiß ich auch nicht, Luftspäher Mondschreiber", knurrte Meister Schattenhut. "War auf jeden Fall ein sehr wirksamer Gegenzauber zum Goldlicht. Abgesehen davon habe ich mit keinem Wort den Einsatz von Goldlicht genehmigt. Ihr solltet nur mit Niesreiznebel und um ihre Köpfe herumschwirrend dafür sorgen, dass sie nicht mitbekommen, wie viele Tiefenboote und -kreuzer wir losschicken. Die knochendürre Frau hat leider recht, dass wir uns damit angreifbar gemacht haben, unabhängig davon, ob dein Goldlicht ihr was hätte anhaben können oder nicht."

Die kommen nicht zu uns rein, um uns festzunehmen, weil die sich an unseren Decken die Köpfe blutig hauen", freute sich der gerade gemaßregelte Kundschafter.

"Genau, und weil die das wissen werden die Helme aufsetzen oder noch besser einfach darauf warten, bis wir vor lauter Hunger nicht mehr in den Höhlen ausharren können. Die haben eine verflixt wirksame Waffe gegen uns Erdkinder bekommen, und jetzt, wo wir unsere Tiefenboote ... Jedenfalls werden die warten, bis wir freiwillig hinausgehen", grummelte Schattenhut. Er ärgerte sich, weil ihm kein wirklich guter Einfall gekommen war, um die Späher abzulenken. Außerdem bangte ihn vor der Wut des Königs. Denn es war nicht geplant, sich bewusst den Unmut der Zauberstabträger einzuhandeln. Die konnten diese unsichtbare Pallisade auch direkt über dem Hoheitsgebiet des Königs errichten. Dass sowas bei den Spitzohren übergut gelungen war wusste Schattenhut aus den Berichten, die seine Späher geliefert hatten. Doch was half es? Er musste jetzt zum König und ihm Bericht erstatten.

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"Mein alter Herr und mein Onkel haben mir angeboten, auf eine kleine Reise zu gehen", sagte er der nur zwei oder drei Jahre älteren Frau mit den flachsblonden Haaren und den graublauen Augen. Sie sah ihn an, bedauernd, ja zum Teil auch enttäuscht. "Dann wird das nichts mit der Verlobungsfeier im Frühling?" fragte sie. Er dachte daran, dass er sich bisher nicht getraut hatte, Al bei seinen Eltern vorzustellen, eine ewige Studentin wie er und noch dazu aus einer reinen Arbeiterfamilie irgendwo bei Lüneburg. Er hatte sie vor zwei Jahren kennengelernt, weil die sich so genial mit den Germanen und der Runenschrift auskannte. Irgendwie hatte sie es geschafft, ihm die ganzen wilden, abenteuerlustigen Mädchen aus dem Kopf zu treiben und diese, wenn sie in echt bei ihm aufkreuzten, mit einem superstrengen Blick zurückzuscheuchen. Dieses Frauenzimmer, das sich von den Kommilitonen nur Al nennen lassen wollte, weil ihr Name zu antiquiert war, hatte bei ihm all die Saiten angezupft, die er bisher nicht angespielt hatte, die, die davon sangen, mit einer Frau nicht nur Liebe zu machen oder auf einer Expedition für Wissenschaft und Neuigkeiten zusammenzusein. Was den Sex anging hatte sie ihm klargemacht, dass er echt nichts verpasste, wenn er die jüngeren Dinger vergaß, die vielleicht doch nur wegen des Geldes seines Vaters an seinen Ärmeln zogen oder meinten, sich vor ihm nackig hinlegen zu wollen. Al hatte ihm gezeigt, dass die Vereinigung zwischen einem Mann und einer Frau die rechten Orte brauchte, nicht ein schnödes Bett in einem kleinen Schlafzimmer, sondern mal am Meeresstrand, wo sie sich im Rhythmus der an- und abrollenden Wellen geliebt hatten. Dann hatten sie es mal auf einem Bergplateau in den Alpen getrieben, nur mit Mond und Sternen als Zeugen. Was einer seiner Mitstudenten als Beischlafbeziehung bezeichnete, wenn er nicht ein Gossenwort dafür gebrauchte, geriet zum größten Geheimnis in Oskar Kiesewetters Leben. Tja, und dann hatten ihm sein Onkel Heinz und sein Vater Ottfried diese Reise angeboten, einen Ausflug in eine alte Schamanenhöhle irgendwo in den Bergen von Uganda. Da konnte er Al nicht mitnehmen. Dabei hatte er es seinen Eltern immer sagen wollen, dass er sich eine Frau ausgesucht hatte, dass sie doch noch Hoffnung haben konnten, einen kleinen Kiesewetter zu sehen zu bekommen, der irgendwann die ganzen Reisebusse und Exotikhotels erben konnte, die sein Vater von München Grünwald aus dirigierte. Doch Al war nicht wütend, nur enttäuscht. Doch dann straffte sie sich und sagte zu ihm: "Ich seh ein, dass du deinem alten Herren zeigen musst, dass du doch noch ein harter Kerl sein kannst, weil der dich nicht so kennenlernen durfte wie ich. Aber dann will ich noch eine Nacht mit dir, in der Berghütte, wo wir die Mittsommernacht laut und wild gefeiert haben, Osi."

Er hatte nicht mal versucht, ihr das auszureden. So hatten sie in der letzten Nacht vor seiner Abreise die Hütte in den Alpen zum Wackeln gebracht. Wenn sein Vater gewusst hätte, wozu er die Hütte gebraucht hatte.

Irgendwie schien er das nicht mitbekommen zu haben, dass er am Flughafen Franz-Joseph-Strauß in die Gulfstream seines Vaters eingestiegen war. Er genoss die Reise nach Afrika und war stolz, sein Swahili anbringen zu dürfen und sich und die Reisegruppe aus drei Männern und einer Frau zu dieser Höhle zu bringen. Tja, und da war es wohl passiert. Sie waren in den Hinterhalt der Rebellengruppe LRA geraten und hatten ihr Heil in der Flucht in die Höhlen gesucht. Dann hatten sie hinter ihnen den Eingang weggesprengt. Sie waren mehr als einen Tag in den Höhlen herumgeirrt. Er hatte hinter jeder Kurve gedacht, gleich abgeknallt zu werden. Immer hatte er Als lustvoll gerötetes Gesicht gesehen. Er dachte daran, dass er nicht dumm und unschuldig sterben musste. Das hatte ihm Auftrieb gegeben. Dann waren sie alle einen Schacht hinuntergeklettert. Doch der war instabil. Sie hatten es gerade noch geschafft, am Grund anzukommen, als der Schacht mit Getöse zusammenkrachte. Er war von seinem Onkel Heinz Oberwiesner in einen Stollen gestoßen worden, bevor die Gesteinslawine bei ihnen unten ankam. Verdrängte Luft und bretthart auf ihn einprügelnder Gesteinsstaub trieben ihn voran, durch verwinkelte Gänge, die die hinter ihm tosende Woge der Vernichtung brachen. Dann war er in einer Halle angekommen, in der ein Hubschrauber stand. Ja, über ihm war eine Luke in der Decke. Hier war ein verdammt geheimer Landeplatz. Seine Leute waren nicht mehr mitgekommen. Er hatte nur die Chance, den Heli zu nehmen. Doch er konnte so eine Maschine nicht fliegen. Das erübrigte sich, als drei Uniformierte aus einem Seitengang kamen und ihm ihre Uzis entgegenhielten. Er dachte gleich, zu einem Haushaltssieb zerschossen zu werden. Doch dann sprach einer der afrikanischen Soldaten. Er erklärte, wer er sei und dass sein Vater sicher eine hohe Belohnung für seine Rettung bezahlen würde. Die drei Männer hatten gelacht und ihn dann mit dem Helikopter aus der Höhle hinausgeflogen, durch drei Decks hindurch nach oben und hinaus. So war er als einziger wieder nach Deutschland zurückgekommen. Doch seine Eltern waren nicht erfreut über den Ausgang dieses Abenteuers. Sie hatten ihm klargemacht, dass er von heute an seine eigene Wohnung finden und auch alleine finanzieren musste, weil sie ganze zehn Millionen Dollar für seine Rückkehr hatten zahlen müssen.

Al half ihm aus, froh, dass sie ihn wiederhatte. Jetzt erfuhr er von ihr, dass sie keine reine Proletentochter war, sondern die im Exil lebende Tochter eines südamerikanischen Revolutionärs. Daher also ihr supergutes Spanisch, erinnerte sich Oskar Kiesewetter nun daran, wie häufig er mit ihr in dieser Sprache konversiert hatte, als beide rausbekamen, dass sie sich in dieser Sprache unterhalten konnten.

Sie zogen nach Tenerifa um, ohne seinen Eltern was zu sagen. Doch die hatten wohl einen Detektiv hinter ihm hergeschickt und wollten ihn wohl mit der Frau, die ihn sich geangelt hatte überraschen. Dabei musste wohl jemand vergessen haben, eine Schraube am linken Triebwerk der Gulfstream festzuziehen. Jedenfalls verunglückte die Privatmaschine über dem Atlantik. Da Oskar nicht wollte, dass sie ihn wegen Mordes belangten versteckte er sich mit Al. So vergingen zwei Jahre, bis er und sie erkannten, dass nicht nach ihnen gesucht wurde. Als sie zurückkehrten erfuhr Oskar aus dem Internet, dass die Rotel-Hotel-Kompanie seines Vaters mittlerweile an vier große Tourismusunternehmen aufgeteilt worden war und dass sein Vater alles Geld an wohltätige Stiftungen vermacht hatte und ihm nur ein Kleckerpflichtteil von 100.000 Euro verblieben war. Immerhin hatte das gereicht, um Doña Alejandra Isabel Buenaventura de Almadena in Las Vegas zu heiraten und mit ihr in das Haus auf der Lüneburger Heide umzuziehen. Was ihren Körper anging begehrte er diesen noch so wie in der allerersten Nacht, auch wenn diese bereits fünf Jahre her war.

Wieder fand er sich mit ihr in einer leidenschaftlichen Zweisamkeit, diessmal noch wilder, noch begieriger, noch intensiver als er es bisher gedacht hatte. Es mochte daran liegen, dass sie heute im Grunde ihr fünfjähriges feierten. Am achten April 2003 hatten sie das berühmte erste Mal miteinander erlebt. Damals war sie die stipendiatin aus Lüneburg und er der von einem Reisebuskönig aus Hamburg stammende Kronprinz, dessen Vater der Liebe wegen in die bayerische Hauptstadt umgesiedelt war.

Das intensive Miteinander, die körperliche Vereinigung mit ihr, das Feuer war noch heiß in ihm, dieses Mädchen bis zu den fernsten Sternen zu fliegen, auch wenn es nur das gemeinsame Ehebett war, in dem sie ihre gemeinsame Lust auslebten. Als erst er und nach einer Minute auch sie selbst den Gipfel der Wonne erreichte fühlte er, dass er sich diesesmal mehr angestrengt hatte als damals, wo er dachte, nur wieder eine von vielen Einzelnächten zu erleben. Die da bei ihm war die Frau, mit der er durch Himmel und Hölle gehen wollte, die ihm die Welt geöffnet und ihn in Leib und Seele eingelassen hatte. Ihretwegen hatte er den Ausflug in die Höhle von Uganda überlebt. Zumindest dachte er dies alles. Denn an etwas anderes konnte er sich nicht erinnern. Doch der wilde Liebesakt, der war so wirklich etwas nur sein konnte, und das stimmte auch.

Als er und sie nach der zweiten Runde vollständig erschöpft nebeneinander lagen und sich noch sinnliche Sachen auf Spanisch in die Ohren wisperten fühlte der Mann, der dachte, er sei Oskar Kiesewetter, dass er nun schlafen musste. Es war, als wenn er innerhalb dieser einen Nacht mehrere Monate oder Jahre ohne zu schlafen erlebt hatte. Der Rhythmus ihres langsam zur Ruhe kommenden Atems trug ihn nun in einen tiefen, von weiteren Träumen der Erinnerung erfüllten Schlaf hinüber.

Er bekam nicht mit, wie die Frau, die er für seine angetraute hielt, sehr zufrieden lächelte, während sie auf das langsam wieder ruhiger schlagende Herz horchte und noch das gewisse Ziepen im Unterleib fühlte, weil sie beide es sehr wild miteinander getrieben hatten. Doch wenn das genügte, dass etwas von ihm nun in ihr aufkeimte und falls das dann auch ein kleiner Junge werden würde, hatte sich das alles gelohnt und würde hoffentlich noch weiter erfolgreich verlaufen.

Die Frau, mit der der Mann, der davon überzeugt war, Oskar Kiesewetter zu heißen, im gemeinsamen Bett lag, grinste überlegen. Das könnte sie dieser Wiederkehrerin unter die Nase reiben, dass ein einfacher, ausgiebig gewirkter Gedächtniszauber reichte, um einen Mann einmal und für immer gefügig zu machen. Denn jetzt, wo der dachte, dass er sich in sie verliebt hatte und dass sie ihm aus einigen Sachen heraus geholfen hatte, brauchte sie ihn nicht mehr zu überreden, sich mit ihr zusammenzulegen. Ja, sie konnte ihn ohne Imperius damit beauftragen, in der nichtmagischen Welt für sie zu handeln. So und nicht anders mussten es jene vaterlosen Töchter der Lilith anstellen, wenn sie ihre Abhängigen an sich banden. Andere Hexen waren ja so einfältig, mit Liebestränken oder dem Aura-Veneris-Fluch zu hantieren, um sich ihre Wunschliebhaber zu angeln. Doch den gewünschten Liebhaber in ein Netz aus falschen Erinnerungen und Begehrlichkeiten einzuschnüren machte ihn dauerhaft verfügbar und lenkbar für sie. Er dachte daran, dass sie mehr oder weniger incognito leben mussten. Daher hatte sie ja "seinen Nachnamen" angenommen. Er wusste auch, dass es irgendwo in diesem Haus ein Hochzeitsfoto aus einer dieser kitschigen Hochzeitskapellen in Vegas gab. Doch das hatte er seit zwei Jahren nicht mehr hervorgeholt. Um sicherzustellen, dass er ihr nicht aus Versehen auf die Schliche kommen würde galt es, ihn bis zu ihrem Ausstieg aus dem bisherigen Leben in einem Tiefschlaf zu halten, auch damit er nicht hungern und dursten musste. Wenn sie wusste, dass sie den erwünschten männlichen Nachkommen im Leib trug würde sie den Ausstieg schaffen und ihn dann an einen Ort mitnehmen, den sie schon vor einem Jahr für diesen Fall ausgesucht und eingerichtet hatte. Um die Zeiten, die er verschlief nicht als störende Gedächtnislücken erscheinen zu lassen würde sie ihm entsprechende Scheinerinnerungen geben und ihm so auch eine Überzeugung einflößen, warum sie aus dem Haus hier fort mussten. Doch noch bestand auch die Möglichkeit, dass seine Saat nicht in ihr aufging. Auch konnte es sein, dass sie von ihm eine Tochter empfing. Wollte sie ihn dann ernsthaft das ganze Leben lang an sich binden, damit er ihr auch den Sohn in den Leib legen konnte, den sie wegen Gertrudes Testament brauchte, um an das blaue Haus zu gelangen? Ja, er sollte für sie da sein, ihre Augen, Ohren, möglicherweise auch Hände in der magielosen Welt sein. Vielleicht band sie ihn sogar mit dem Catena-Sanguinis-Fluch an ihn. Doch halt, der Fluch konnte auch für sie und das mit diesem verbundene Kind gefährlich werden. Es gab zu viele dumme Hexen, die ihn verwendeten, um die Väter ihrer Kinder an sich zu ketten. Doch wer da mit wem zusammengekettet war konnte auch leicht verwechselt werden. Nein, sie wollte Prunellas kleinen Bruder unbeschwert und ohne Furcht vor der Dummheit oder Abneigung seines Vaters großziehen. Prunella, die schlief auch gerade tief und fest. Die musste nicht wissen, dass ihre heimliche Mutter gerade mit einem anderen Mann das Lager geteilt hatte. Prunellas Vater wusste nichts von seinem fragwürdigen Glück. Den hatte sie damals mit einem anderen Gedächtnis zurück in sein harmloses kleines Maglo-Leben geschickt. Aber den hier, diesen ehemaligen Reedereiprinzen, den wolte sie behalten. Der hatte verdammt gutes Erbgut, auch wenn er keinen Funken Magie im Körper hatte. Doch sie war keine Reinblüterfetischistin. Sie war eine entschlossene Schwester, die wusste, dass nicht die Reinheit des Blutes zählte, sondern was aus vereintem Erbgut hervorgehen konnte.

Behutsam holte jene, die sich gerade mit einem von ihr unterworfenen Mann ausgetobt hatte, aus einer nur von ihrer Hand zu bewegenden Schublade ihren Zauberstab hervor und versenkte den Mann, der nun Oskar hieß in einen tiefen Schlaf, der alle Körperfunktionen verlangsamte, dass er nicht hungern, nicht dürsten und auch keine Ausscheidungen absetzen musste. Danach drehte sie sich wieder um und versank selbst in einen tiefen Schlaf.

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"Soso, haben die Zauberstabträger die Saufbärte in einen Ring aus diesen widerlichen flirrenden und springenden Eisenweisefeldern eingeschlossen?" fragte Meister Mondbart seinen Untergebenen, der mit dem zaubereiministerium in Verbindung stand.

"Nun, die gehen davon aus, dass die Zwerge fürchten, wir könnten sie angreifen", erwiderte Knickhock mit feistem Grinsen. "Packhack würde denen ja lieber heute als morgen alle Höhlen auf links drehen. Aber du und Murrmuck haben es ihm ja ausgeredet, Meister Mondbart."

"Ja, und das aus verdammt gutem Grund, Knickhock. Gerade weil uns das zu wichtig ist, weiter mit den Zauberstabträgern auszukommen. Wenn die Saufbärte das hinbekommen, uns vom europäischen Festland runterzuekeln und vom Nordkap bis nach Sizilien, von den Kanaren bis zum Ural alles zu kontrollieren, was wir so mühsam aufgebaut haben werden die uns in London nur noch zum Drachenmistabfahren einteilen, ja und dass wir in den steinernen Erinnerungen unseres Volkes als die schlimmsten Versager aller Zeiten aufgeführt werden würden. Lautschreier Malin VII. hat darauf gesetzt, dass er Murrmuck nur vier Goldfrachten wegnehmen muss, um dann von uns beharkt zu werden, um dann noch lauter nach Hilfe aus den anderen Zwergenvölkern zu rufen. Wir hätten dann natürlich nicht zurückstecken dürfen und unsererseits mit allen Panzerkriegern gegenhalten müssen. Am Ende hätten die Zauberstabträger uns beiden alle Rechte aberkannt und uns auf irgendeiner einsamen Insel ausgesetzt, von der wir nicht mehr runterkommen können. Das hätte diesem verfressenen, bierbäuchigen Wicht so gepasst."

"Ja, aber jetzt werden die Zwerge ausgehungert, wie in Italien, wo Ladonna deren Reich mit blauem Feuer umschlossen hat, bis die Zauberstabträger da es rausgefunden haben, wie sie es wieder löschen konnten."

"Du wartest drauf, dass Güldenbergs Verbindungszauberer dich noch mal anschreibt. Du gehst nicht gleich auf den ersten Terminvorschlag von dem ein, sondern behauptest, mit mir noch einmal Rücksprache nehmen zu müssen. Dann werde ich einen Termin vorschlagen, den die nicht annehmen können, wenn die von ihren Weibchen nicht mit den Besenstielen vertrimmt werden wollen. Erst nach dem Fest, dass sie Walpurgis nennen, sollst du mit denen reden. Bis dahin habe ich mit den anderen grauen Bärten unterhandelt, wie wir die geräuberte Goldfracht zurückbekommen können und bei der Gelegenheit Malin nahelegen, von seinem eisernen Stuhl herunterzusteigen und wem Platz zu machen, der mit uns auskommt, dann darfst du mit denen reden."

"Bei aller Achtung deines Ranges, deiner Erfahrung und Weisheit, Meister Mondbart, aber Malin wird nicht von seinem Herrscherstuhl herabsteigen, weil wir das wollen", wagte Knickhock zu widersprechen. Mondbart sah ihn erst verkniffen an, wollte wohl einen Tadel aussprechen. Doch dann grinste er. "Nein, von uns wird er sich das nicht vorschreiben lassen. Ja, und seine eigenen Leute dürfen ihn noch nicht herausfordern, es sei denn, es ist ein anderer König, der sein Reich mit seinem eigenen zusammenbacken will. Vielleicht geht in der Richtung was, Knickhock. Vielleicht können wir die Zauberstabträger dazu kriegen, das irgendwie rumgehen zu lassen, dass die Saufbärte südlich Skandinaviens ihr Wohn- und Lebensrecht verlieren könnten, wenn Malin keinen Frieden halten will wird sich sicher wer finden, der ihn zur Ordnung ruft und sei es, in einem Kampf gegen ihn gewinnt."

"O Meister Mondbart, das kann aber auch sehr leicht nach hinten losgehen", wagte Knickhock eine wohlgemeinte Warnung. Meister Mondbart starrte ihn verdrossen an. Doch dann erkannte er, dass Knickhock leider recht hatte. Sich darauf zu verlassen, dass ein anderer Zwergenkönig Malin herausforderte und besiegte war ein sehr gewagtes Glücksspiel, was Murrmuck oder andere Goldkrämer von Gringotts niemals wagen würden, wenn sie nicht sicher waren, auch zu gewinnen. Bei Rangkämpfen bei den Zwergen war das aber nicht so leicht abzusichern. Aber vielleicht gab es ja noch andere Möglichkeiten, bei denen Mondbart und seine Artgenossen als überlegene Sieger herauskamen. Sie hatten die Folterknechte des Unnennbaren überstanden, dessen Erben Wallenkron alias Vengor unbeschadet überlebt und auch die Drangsal und Demütigungen, ja die Entmachtung des alles sehenden Bundes durch Ladonna Montefiori überstanden. Da würden sie sich doch nicht von einem lautstark herumkrakehlenden Langbart ins lodernde Drachenmaul treiben oder von ihren Errungenschaften vertreiben lassen. Allerdings, das erwähnten die anderen grauen Bärte immer wieder, lag allen noch der Verlust von Australien schwer in den Mägen. Das viele Gold da war zu wertvoll, um es den Zauberstabträgern alleine zu überlassen. Außerdem konnten sie nun nicht mehr vergleichen, wie viel Gold auf der Welt im Handel war. Am Ende überfluteten die Australier den Goldmarkt mit Tonnen von unzertifiziertem Gold und stürzten damit den Goldwert in einen tiefen Abgrund. Doch weil Australien so weit weg und von so viel Wasser umgeben war konnten sie da nicht heran. Denn mit Schiffen zu fahren war eine Folter, außer für die Nebenlinie der Klabauter, die sich gerne auf Schiffen herumtrieben. Mit einem magischen oder unmagischen Flugapparat durch die Luft zu fliegen war ja noch viel schlimmer. Am Ende war das sogar tödlich, wenn jemand länger als zehn Atemzüge mehr als hundert eigene Längen vom festen Erdboden entfernt mit mehr als der eigenen Schrittgeschwindigkeit durch die Luft flog. Er hatte sogar schon Schauergeschichten von laut fauchenden, beim Vorbeiflug urwelthaft laut knallenden Flugapparaten gehört, die schneller als ein Laut durch die Luft jagen konnten. Nein, wenn das die einzigen Möglichkeiten waren, nach Australien zurückzukehren sollten sie es lieber lassen. Aber genau dann galt es, die Errungenschaften zu behalten, die sie noch oder die sie wieder besaßen. Auch das durften sie sich nicht von einem auf Krawall ausgehenden Saufbart verderben lassen.

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Das Leben als Säugling gehörte wohl zu den langweiligsten und zugleich unwürdigsten Abschnitten in einem Leben, dachte Cetus Arcturus Malfoy. Abgesehen davon, dass sein vermeintlicher Vater ihn immer so ansah, als habe er gerade die Windeln randvoll und abgesehen davon, dass er erst einmal herausfinden musste, wofür die ganzen Körperanhängsel gebraucht wurden konnte er wirklich nur schlafen, schreien, Milch saugen und was davon dann durch seinen Bauch durch war unter sich lassen. Hoffentlich ging das schnell um und er konnte diesen ihm aufgezwungenen Körper und dieses ihm zugemutete Dasein richtig ausnutzen.

"Ich werde keine Willkommensfeier für ihn veranstalten. Denkst du, ich will mir dutzende von Absagen einhandeln, weil ich bei den Reinblütern unten durch bin, weil ich mich nicht offen zu ihm bekannt habe oder von denen, die mich immer noch für einen ungerecht reich gewordenen Parasiten halten? Es reicht aus, dass Cetus in Hogwarts registriert ist, sofern die ihn da überhaupt aufnehmen. Falls nicht kommt er eben nach Durmstrang. Immerhin ist er ja reinblütig."

"Lucius, wir müssen langsam wieder anfangen, unseren Stand und unsere Würde zurückzubekommen. Du hast früher immer gesagt, dass der Wert einer Familie nur in ihrer Wichtigkeit und ihrem Einfluss besteht, nicht in der Zahl der Kinder. Wir müssen irgendwann wieder Tritt fassen. Es ist jetzt bald zehn Jahre her, dass wir aus dem Ministerium verbannt wurden. Du hast noch zehn Jahre Zeit, dich wieder in Stellung zu bringen, genau wie ich. Und er da geht genausowenig nach Durmstrang wie ... sein großer Bruder", hörte er die, die ihn in sich getragen und unter großen Schmerzen aus sich hinausgepresst hatte antworten.

"Fangen wir wieder an, uns gegenseitig vorzuwerfen, wer eigentlich Schuld hatte, dass wir so tief abgestürzt sind, dass wir gerade noch dieses Haus behalten konnten?" knurrte Lucius Malfoy. "Deine irrsinnige Schwester war es, die ihn darauf brachte, sich mit uns zu treffen. Ja, ich weiß, ich sah in ihm die große Hoffnung, die aus den Händen gegebene Zaubererehre zurückzuerobern und uns über diese unterentwickelten, wertlosen Muggel zu erheben. Aber im wesentlichen ist deine irrsinnige Schwester Bella das schuld gewesen, dass er sich für uns interessiert hat."

"Jetzt tu nicht wieder so, als wenn du nicht die ganze Zeit danach gegiert hast, ihm zu dienen, allein schon, weil du ihm unsere ganzen guten Beziehungen andienen konntest, ja auch den Einfluss auf Ministeriumsleute, die mehr Ideen als Gold hatten", erwiderte Narzissa Malfoy. "Aber das ist jetzt eben vorbei, Lucius. Wir müssen neu planen, was wir tun und wo wir stehen wollen. Da wäre eine Willkommensfeier für unseren späten Sohn, unsere späte Freude im Leben, ein wertvoller Anfang."

"Nicht unter meinem Dach und nicht mit heuchlerischen Würmern, die nur deshalb vor dir und mir kriechen, weil sie sehen wollen, wie weit wir uns herablassen, mit ihnen zu feiern. Außerdem müssten wir dann ja auch diesen undankbaren Burschen einladen und dieses Frauenzimmer, das er geheiratet hat und das von ihm ein Kind bekommen hat."

"Ja, deinen Enkelsohn, Lucius. Deinen und meinen Enkelsohn", bekräftigte Narzissa Malfoy. Cetus lag in seiner Wiege und hörte mit geschlossenen Augen zu, was wegen ihm oder über ihn gesagt wurde. Am Ende setzte sich jedoch Lucius durch. Er bestand darauf, keine Willkommensfeier für ihn zu veranstalten, weil er das Gold, dass er überbehalten hatte lieber dafür ausgeben wollte, seinen in den Staub getretenen Ruf neu zu stärken. Dann eben nicht, dachte Cetus. Er lauschte weiter und hörte jetzt auch wieder das Wispern der aufblühenden und der Sonne entgegenwachsenden grünen Kinder der Erde, wie es der Geist des alten Baumes genannt hatte, mit dem er über mehrere Wärmezeiten zusammengebunden gewesen war. Er wusste von Narzissa, seiner Gebärerin, dass sie wegen ihm auch die neue Gabe hatte, die grünen Kinder zu erfühlen, ihr Wohlbefinden zu erkennen und sie dazu zu bringen, sich in die von ihr gewünschten Richtungen zu bewegen. Das konnte sie nur, weil er in ihr herangewachsen war und sie mit ihm ihr Leben teilte. Eigentlich sollte er froh sein, dass er aus der Gefangenschaft des alten Richtbaumes freigekommen war. Er würde lernen, sich selbst anderswohin zu bewegen, ja auch die hohen Künste lernen, die Dairon, der Schöpfer des alten Richtbaumes, gekonnt hatte. Ja, er mochte diesen Meister eines Tages übertreffen, sein wahrer und mächtiger Erbe werden, Herr aller grünen Kinder und aller Menschen der Welt. Dafür lohnte es sich, das langweilige Leben als Säugling zu führen, bis es vorbei war.

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Béatrice Latierre konnte nicht behaupten, dass ihr langweilig sei. Zum einen hatte sie seit dem achten November 2007 eine kleine Tochter, die sie erst langsam entwöhnen konnte. Zum anderen war da der kleine Félix, der mit seinen Zwillingshalbgeschwistern Flavine und Phylla immer wieder lautstark durch das Apfelhaus tobte. Zum dritten hatte sie als zweite Hebamme von Millemerveilles trotz der wenigen Geburten im letzten und in diesem Jahr genug mit den Kindern zu tun, deren Ankunft sie vor vier Jahren ermöglicht hatte. Solange war das also auch schon wieder her, dass Vita Magica ein ganzes Magierdorf in einen unbändigen Fortpflanzungsrausch versetzt hatte. Ja, und als wenn das alles nicht schon für ein ganzes Leben ausreichte hatte sie sich ja noch darauf eingelassen, ein altes Erbe Ashtarias zu erwerben, wenn die kleine Chloris lange genug von ihren nährenden Brüsten entwöhnt war, dass sie mal für eine oder zwei Wochen von ihr forrtgehen konnte. Aber um dieses Erbe zu bekommen musste sie alles über die altägyptische Sprache und deren Schrift lernen, um auf der Suche nach der Kette der Isis nicht gleich am ersten Straßenschild zu scheitern, wie sie sich vor drei Tagen mal geäußert hatte, als Millie sie fragte, wie weit sie mit den alten Hieroglyphen gediehen war. Die hatte echt gut reden. Die hatte Dank ihres Mannes Zugang zu einer Wissensquelle erhalten, die ihr in wenigen Wochen das Wissen aus sieben Lehrjahren verschafft hatte.

Heute war wieder der 25. April, Millies Geburtstag, der sechsundzwanzigste. Auch schon wieder solange her, dass Millie selbst ein winziges, schreiendes und sabberndes Hexenbaby gewesen war. Béatrice hatte versprochen, an diesem Tag nicht in ihrem Arbeitszimmer zu bleiben, sondern mit ihr und allen anderen, die sie einlud zu feiern.

Über die gut gemeinten, aber schon am Rand der Gängelei liegenden Bemerkungen ihrer Schwestern Hippolyte und Barbara konnte sie mittlerweile hinweghören. Sie hörte, wie Hippolytes Schwägerin Primula mit Albericus über die Verwandtschaft stritt, die lange nichts mehr von ihm gehört hatte. "Ich habe unserer Mutter nicht geraten, sich noch mehr Kinder zuzulegen, Pri. Schon heftig genug, dass die eine Familie so von der Spur abgekommen ist. Ich bin froh, dass meine eigene Familie sich zu einer ehrbaren Gesellschaft entwickelt hat und ich bewundere Julius, dass der es mit neun Kindern aushält, wo mir drei schon eines zu viel waren."

"Das habe ich gehört", flötete Hippolyte von weiter weg. Gut, dass Miriam es nicht hörte. Die spielte draußen mit Claudine, Aurore und Sandrines Zwillingen auf den Kinderbesen wie bei Félix' Geburtstag. Dabei hatte Miriam erleben müssen, dass Aurore schon richtig gute Besenflugmanöver fliegen konnte, darunter auch den Dawn'schen Doppelachser. Die würrde, wenn sie nach Beauxbatons kam, sicher erst frustriert sein, weil sie da im ersten Jahr noch keinen eigenen Besen mitbringen durfte.

Sie unterhielt sich mit Laurentine, die von Hera Matine zur Pflegehelferin ausgebildet worden war und am 21. April ihre Prüfung bestanden hatte. "Immerhin kann ich jetzt mehr machen als nur Wundpflaster auflegen", sagte Laurentine.

"Und, bringt dir Louiselle noch weitere Abwehrzauber bei, falls du da draußen wieder einer dunklen Hexe über den Weg laufen solltest?"

"Was heißt wieder? Achso, wegen dieser Dame in New York. Wennich daran denke, dass das jetzt auch schon wieder fast vier Jahre her ist. Wahnsinn", erwähnte Laurentine. Dann wurde sie sehr ernst. "Ja, und meine Großmutter Monique macht sich gerade Sorgen wegen meiner Cousine Hellen. Die meldete sich nicht mehr und behauptet immer, eine Menge um die Ohren zu haben. Die ist ja in einer Anwaltskanzlei tätig, also Rechtshelferin. Aber als ich das letzte mal mit ihr telefoniert, also über Fernsprecher gesprochen habe klang sie so, als hätte ihr irgendwer die Lust am Leben genommen, richtig unter Stress und ja auch irgendwie angeschlagen. Als ich mit meiner zweiten Cousine Vicky darüber gesprochen habe meinte sie, dass es nicht daher kam, dass sie sich mit ihr über die Ansichten ihres Arbeitgebers wegen Gleichberechtigung von Frauen gestritten habe und dass sie, Victoria, keine Ahnung davon habe, was Hellen gerade alles zu erledigen habe. Dabei sind die beiden im Grunde gleich heftig gefordert. Also wenn das meiner Großmutter Monique auch aufgefallen ist verstehe ich sie da zum aller ersten mal vollständig, wenn sie sich Sorgen macht. Ach ja, das habe ich Millie und Julius vorhin erzählt und kann es dir jetzt auch erzählen. Mémé Monique hat dieses Simulationsgerät ausgeschaltet, was ihr vorgegaukelt hat, dass da alle drei Stunden der Satellit mit der Asche meines Großvaters über sie wegzieht. Sie sagt, dass es ihr nun reiche, dass er seinen Willen bekommen habe und sie ja nur in die Sterne gucken müsse, um zu wissen, wo er gerade sei. Julius meinte, dass er und Martha, also seine Mutter, auch nur an bestimmte Orte denken würden, um zu wissen, dass sein Vater die gerne besucht hatte. Das Ding mit dem versenkten Haus hast du damals ja mitbekommen." Béatrice nickte. Julius hatte ihr das erzählt, dass sie dort mittlerweile ein fünfstöckiges Appartmenthaus hingebaut hatten und nur wer in das zweite Untergeschoss fuhr eine Messingtafel lesen konnte, auf der alles stand, was damals auf dem Schild bei dem Krater in der Winston-Churchill-Straße 13 gestanden hatte. Dann kam Béatrice noch einmal auf Laurentines Cousine Hellen zu sprechen, die sie ja damals auch kennengelernt hatte, als Laurentines Eltern beigesetzt worden waren. "Kann es sein, dass deine Cousine etwas traumatisierendes erlebt hat, etwas, über das sie mit niemandem sprechen möchte, schon gar nicht mit Leuten, die sich zu recht um sie sorgen?"

"Mir gefällt die Frage nicht, muss ich dir ehrlich sagen. Denn ich habe das mich selbst auch schon gefragt, nachdem ich Horrorgeschichten über das Verhältnis von Lehrern und Studentinnen in den USA gelesen habe, wo ich mir doch schon mal an den Kopf gegriffen habe, ob das echt so sein kann."

"Also hast du auch schon überlegt, ob deiner Cousine nicht was übles passiert ist?" hakte Béatrice nach. "Gedacht ja, aber ich werde keinen schlafenden Hund wecken, da genauer nachzufragen, zumal Tante Suzanne das garantiert als unerwünschte Einmischung sehen würde."

"Sie hat aber eindeutig nichts mit unserer Welt zu tun bekommen, Laurentine. Ich meine, nicht, dass diese eine Hexe, der du in New York begegnet bist, irgendwas mit ihr angestellt haben könnte?"

"Ich denke, das wäre groß und breit in einer der US-Zaubererzeitungen erwähnt worden", grummelte Laurentine. "Aber falls ihr echt was passiert ist brauchte es sicher keine magische Welt und keine wie auch immer eingefärbten Hexen, um sie aus der Spur zu werfen. Du hast doch diese heftige Kiste mit Hanno Dorfmann damals mitbekommen, vielleicht nur als Fallstudie oder dergleichen. Die Magielosen können sich auch ohne dunkle Zauberkräfte das Leben zur Hölle machen", seufzte Laurentine.

"Das streite ich nicht ab", erwiderte Béatrice. "Julius hat mir da auch schon einiges erzählt, das mir trotz aller Grausamkeiten von 1997 und 1998 noch das Gruseln beigebracht hat", räumte Béatrice ein. Das genügte Laurentine auch schon.

"Na ja, jedenfalls ist Mémé Monique im Moment damit befasst, rauszufinden, was mit Hellen los ist und lässt mich in Ruhe. Ich kann ihr immer noch nicht erzählen, dass Louiselle und die kleine Lucine bei mir wohnen. Ich trau mich das nicht, weil da soooo viel dranhängt. Immerhin stimmt mir Lou zu, dass wir unser gemeinsames Leben nur denen erklären, die unmittelbar mit uns zu tun haben. Immerhin kann ich sie auch gut damit auf Abstand halten, dass ich mit den vielen Kindern zu tun habe, die in die Schule gekommen sind."

"Millie kommt wieder rein. Also ist Hipp jetzt draußen bei den größeren Kindern", stellte Béatrice fest. "Oha, wer da wohl auf wen aufpassen muss", rutschte es Laurentine heraus. "Sei froh, dass Ma gerade auf ihren Besen geklettert ist und mit Claudine und Miriam Jägerübungen fliegt", grinste Millie. Dann sah sie Laurentine an und erkannte, dass sie etwas besorgt aussah. "Ist was wegen der Kleinen?" fragte sie ehrlich interessiert. Denn Lucine war ja auch ein sehr gerne gesehener Hausgast.

"Mit Lucine ist alles soweit in Ordnung, zumal Hera ihr vor zwei Tagen eine sehr gute Gesundheit und eine für ihr Alter ein wenig vorauseilende Auffassungsgabe bescheinigt hat. Louiselle meint, die hätte wohl all die Intelligenz ihrer weiblichen Vorfahren in sich gebündelt. Ich hab's gerade deiner Tante und Mitbewohnerin erzählt, dass ich mir gerade Sorgen wegen Hellen mache. Du hast sie ja auch kennengelernt."

"Ach die, die achso ernst an ihrer Karriere als Rechtsgelehrte arbeitet und sich mit ihrer Schwester darum zofft, wie die Staaten geführt werden sollen. Was ist mit der?"

"Genau das ist die Frage, und mir bangt davor, sie zu stellen und noch mehr, eine Antwort zu kriegen, die ich nicht hören will", gab Laurentine zu. "Ich habe euch ja erzählt, dass sie in dieser Anwaltskanzlei Voluntärin ist um ihr Studium zu finanzieren und zugleich praktische Berufserfahrungen zu sammeln, wie das eben so läuft bei denen drüben. Deine Tante deutete an, dass ihr dabei was passiert sein könnte, womit sie nicht gerechnet hat und das aber nicht weitererzählen will, damit wir uns nicht noch mehr Gedanken machen. Also ich selbst bin ja in jeder Hinsicht weit von ihr weg. Aber ihre Schwester Vicky und meine Großmutter, mit der ich nach dem Tod von Grandpapa Henri immer wieder telefoniere ist ziemlich besorgt.""

"Ja, nur dass du deine Cousine nicht ohne Imperius-Fluch dazu zwingen kannst, dir zu erzählen, was passiert ist, sofern nicht wer anderes meinte, sie mit irggendwas zu irgendwas ungewolltem zu zwingen", erwiderte Millie und erschauerte bei dem von ihr angestoßenen Gedanken. Béatrice nickte nur. Laurentine sagte: "Genau das wäre die Antwort, die ich nicht hören wollte, Millie. Aber vielleicht machen wir uns alle auch nur unnötig Sorgen und Ms. Superperfekt und Wertetreu hat sich nur mehr aufgeladen als sie alleine tragen kann, um ihren Traum von der Megakarriere zu erfüllen, die erste republikanische Präsidentin der USA zu werden."

"Hmm, soweit mir Britt und Julius gesagt haben muss da erst mal die Hölle zufrieren, bevor eine Frau egal für welche politische Gruppe Präsidentin werden kann", sagte Millie. Laurentine nickte. Dann bat sie um Entschuldigung, weil sie diesen eigentlich fröhlichen Tag mit ihrer unbestimmten Missstimmung verdorben hatte. "Du hast mir und denen allen hier nichts verdorben, Laurentine. Und wir Latierres wissen, wie wichtig es ist, dass sich Familienangehörige kümmern. Aber wenn du gerne über was anderes reden möchtest kein Problem."

So tauschten sie noch Neuigkeiten aus der magischen und nichtmagischen Welt aus und dass Louiselle und Laurentine mit Lucine in diesem Sommer Louiselles Verwandte in Lyon und Dijon besuchen würden, welche "die Kleine" endlich einmal in Natura sehen wollten. "Ist so, als wenn du vor der Hochzeit die Schwiegerverwandtschaft kennen lernst, nicht wahr?" fragte Millie Laurentine mit mädchenhaftem Grinsen. "Die Schwiegereltern ja nicht, weil es die leider nicht mehr gibt. Aber eine weitere Tante, deren zwei Töchter, also Luiselles Cousinen und eine Cousine ihrer Mutter, deren drei Kinder schon seit zwölf Jahren aus Beauxbatons raus sind. Alles ein illusterer Hexenverein", sagte Laurentine und log damit nicht einmal. Denn nur sie und Louiselle wussten, dass alle Verwandte nicht nur Blutsverwandte waren, sondern auch einer bestimmten Schwesternschaft angehörten.

"Britts Angebot steht ja noch, dass du dir auch mal das Amerika der Hexen und Zauberer ansehen kannst", meinte Millie. "Und dann in dem einen Gästebett schlafen, in dem Clarimonde auf die Reise ins Leben gestartet ist?" fragte Laurentine verrucht klingend. "Kommt ganz darauf an, mit wem du dort schläfst", erwiderte Millie ebenso verrucht klingend. Beide jungen Hexen lachten darüber.

Der Abend wurde wieder lang. Flavine, Phylla und Aurore erinnerten die Gäste daran, dass sie in einigen Tagen auch Geburtstag feiern würden. Dann würden auch Brittany mit Familie und Aurora Dawn und die kleine Rosey zu Besuch kommen.

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Der 26. April galt sowohl in der Geschichte der Magie als auch jener der rein technischen Welt als Schicksalstag. Für die Hexe im nachtschwarzen Kapuzenumhang mit den vier silbernen Schließen war dieser Tag im Jahr 2008 deshalb symbolträchtig. Denn hier, in den Tiefen eines Waldes im unberührten Teil Rumäniens, würde sie gleich mit eigenen Sinnen erleben, wie sich ein besonders mächtiger Zauber auswirkte, von dem sie erst vor wenigen Wochen erfahren und dessen manuelle, mentale und verbale Komponente erlernt hatte. doch vorher musste sie sich selbst absichern und zugleich einen Versuch unternehmen, um zu wissen, ob zwei andere mächtige Zauber einander verdrängten oder gleichwertig koexistierten.

"Aura Urani nunc me veste!" murmelte sie, wobei sie an einen sternenklaren Himmel mit Vollmond im Zenit dachte. Sie zielte mit ihrem Zauberstab auf ihre Schädeldecke. Unvermittelt meinte sie, in einen eiskalten Regenschauer geraten zu sein. Aberhundert Tropfen trommelten scheinbar auf sie ein, himmelblaue Tropfen. Ja, es waren eigentlich keine Tropfen, sondern winzige Bruchstücke des wolken- und gestirnlosen Himmels, die da auf sie einprasselten, von oben nach unten an ihr hängen blieben und dann, nach nur sieben Sekunden, zu einem alle ihre Körperformen umschließenden himmelblauen Lichthof verschmolzen. Als auch ihre Füße von jenem blauen Licht umflossen wurden hörte das Gefühl auf sie niederprasselnder eiskalter Regentropfen auf. Sie fühlte keine Nässe auf ihrer Haut. Doch nun stand sie weithin sichtbar von einer himmelblauen, mehr als einen Fuß breit ausgreifenden Aura da. Damit bot sie für jeden Angreifer ein klar erkennbares Ziel. Es sei denn ...

Schnell setzte sie die Kapuze ihres Umhanges auf und befestigte diese mit den silbrig glitzernden Schnüren unter ihrem Kinn. Dann verschloss sie alle vier silbernen Schließen. Jetzt musste sich zeigen, ob der Schatten des neuen Mondes den Hauch des Himmelsvaters auslöschte, wegen dieses nicht in Kraft trat oder mit ihm zusammen weiterwirkte.

wie schon in der Höhle von Canopus Hertzsprung erlebte sie einen ihren ganzen Körper durcheilenden Kälteschauer. Dann sah sie von sich nichts mehr. Auch die himmelblaue Aura, die sie bis dahin umflossen hatte, war nicht zu erkennen. Hieß das, dass diese erloschen war, sowie sie gerade nicht mehr zu sehen war? Sie zielte mit ihrem Zauberstab auf einen Baumstumpf und beschwor mit dem Ausdörrungszauber eine vollständige Trocknung herauf. Kalter Wasserdampf entwich dem Stumpf und verflüchtigte sich im durch die vielen hundert Bäume gefilterten Wind. Dann stand da ein fast wie verkohlt wirkender Rest eines von Sturm oder Gewitterblitz gefällten Baumes. "Incendio!" zischte die nun völlig unsichtbare Hexe. Aus dem Stumpf sprühten Funken. Keine Zehntelsekunde später schlugen helle gelbrorange Flammen aus dem im Boden vergrabenen Baumrest heraus. Jetzt musste es sich zeigen, was Canopus über den Aura-Urani-Zauber geschrieben hatte.

Die gerade vollkommen unsichtbare Hexe eilte mit schnellen Schritten auf den Stumpf zu, bereit auf sie übergreifende Flammen mit einem Wasserstrahl abzuwehren. Doch als sie nur noch einen Meter von den ausgreifenden Feuerzungen fort war sah sie, wie diese breitgedrückt und dabei auf tiefrot abgedunkelt wurden. Sie tat noch einen kurz abgemessenen Schritt und sah, wie die in ihre Richtung ausgreifenden Flammen an den lodernden Baumstumpf zurückgedrückt wurden. Sie wagte es und streckte ihre linke Hand aus. Eigentlich musste sie nun Hitze empfinden. Doch als sie ihre Hand über die dunkelrot flackernden Flämmchen senkte erloschen etliche der tiefroten Lichter vollständig. Ja, sie konnte den bereits gut angekohlten Baumstumpf berühren. Nun sah sie, dass sämtliche bisher weit ausgreifenden Flammen zu tiefroten Flämmchen geschrumpft waren. Die Feuer- und Feuerzauber von ihr abhaltende Kraft, die Canopus der Aura des Uranus zugeschrieben hatte, wirkte also. Es war eine Steigerung des Flammengefrierzaubers. Denn als die unsichtbare Hexe sich über den Baumstumpf beugte, um zu prüfen, ob sie ihn mit ihrem Körper abdecken konnte, erloschen die kleinen Flammen vollständig. Die rote Glut, die eigentlich hätte bleiben müssen, erlosch ebenfalls. Der Baumstumpf stand nun schwarz angerußt da.

Drei Atemzüge lang blieb die unsichtbare Hexe über den Stumpf gebeugt. Dann richtete sie sich wieder auf und trat drei lange Schritte zurück. Sonst geschah nichts. Der Incendius-Zauber war vollständig erloschen und jedes von ihm entfachte Normalfeuer ebenso.

"Versuch mit brennendem Hindernis zeigt trotz geschlossenen Umhangs weiterhin wirksame Abwehr gegen alle auf Luft und Feuer gründenden Beeinträchtigungen ohne Ausdauerverlust", notierte die unsichtbare Hexe in ihren Gedanken. Sie beschloss, später, wenn sie das blaue Haus betreten konnte, das dort wartende Denkarium mit diesem Versuchsergebnis zu befüllen. Das sollte auch für die beiden kommenden Versuche gelten.

Die gerade völlig unsichtbare Hexe trat in die Mitte der Waldlichtung. Welchen der beiden heftigeren Zauber wollte sie zuerst ausprobieren? Weil sie wissen wollte, wie der eine auf lebende Wesen wirkte und sie vorhin im Umkreis von zweihundert Schritten mehrere kleine und große Waldtiere ausgemacht hatte wollte sie erst den Schicksalszauber ausprobieren. Sie hob ihren sicher in der Hand liegenden Zauberstab senkrecht über ihren Kopf, vollführte damit eine Kreisbahn gegen den natürlichen Lauf der Gestirne und wisperte: "Fatum Urani Imple te nunc!" Beim letzten, komplexe Zauber in Kraftsetzenden Wort schlug sie den Zauberstab mit lautem Wusch in Richtung Erde, bis dieser mit der Spitze genau zwischen ihre Füße zielte. Gleichzeitig dachte sie an eine eine in weitem Bogen schwingende, aus sich heraus grau schimmernde Sense und wie sie damit den vor ihr liegenden Wald niedermähte.

Dann brach blutrotes Licht aus der Erde hervor, schoss innerhalb einer Sekunde bis auf die zehnfache Höhe der Hexe, als sie noch den Zauberstab ganz nach oben gestreckt hatte. Gleichzeitig jagte die rote Lichterflut lautlos kreisförmig von ihrer Beschwörerin fort. Sie durchdrang Bäume, Sträucher, Gräser und Kräuter, ohne diese zu beeinträchtigen. Doch auf die in den Baumwipfeln, Büschen und unterirdischen Tiere wirkte sie heftig ein. Lautes Quieken, Kreischen, Heulen und Krächzen erfüllte die Luft, als die blutrote Welle sich bis auf Rufweite der unsichtbaren Hexe ausdehnte und für vier ruhige Atemzüge erstrahlte. Dann erlosch sie wie eine elektrische Glühbirne. Gleichzeitig erstarben die Laute von Schmerz und Angst. Völlige Stille trat ein.

Nun stimmte die unsichtbare Hexe ihre besonderen Augen auf Nachtsicht, Fernblick und Durchdringung ein und sah sich um. Dabei durchdrang ihr Blick Erdschichten und Wurzelgeflechte. Sie sah Höhlen, in denen leblose Mäuse lagen, einen Fuchsbau, in dem eine ganze Fuchsfamilie in eine Agonie eingefroren zusammengerollt am Boden lag. Sie sah Vogelnester, in denen die erwachsenen Vögel mit schlaff ausgebreiteten Flügeln dalagen, als wenn ihnen jemand alle Kraft geraubt hätte. Laut den Aufzeichnungen, die die Unsichtbare über jenen von ihr entfachten Zauber gelesen hatte wusste sie, dass dem auch so war. Alle nichtmagischen Wesen wurden entkräftet, die männlichen viermal so stark wie die weiblichen. Die konnten sich laut Aufzeichnungen einen ganzen siderischen Tag lang nicht mehr rühren, was ein sehr beklemmendes bis traumatisches Erlebnis bedeutete. Dagegen waren alle magielosen Männchen besser dran, weil sie diesen langen Tag bewusstlos blieben. Rings um sie herum gab es im Moment kein eigenständiges tierisches Leben. Doch hier war nichts magisches gewesen. Das, so die Aufzeichnungen, würde je nach eigener im Körper steckender Zauberkraft heftiger bis tödlich betroffen als nur entkräftet.

"Dann werde ich das in dieser Nacht noch in diesem europäischen Drachenreservat ausprobieren", dachte die Unnsichtbare. Doch vorher wollte sie noch den zweiten als sehr verheerend beschriebenen Zauber ausprobieren.

Sie hielt den Zauberstab wieder senkrecht über ihren Kopf und ließ ihn mehrmals gegen den Sonnenlauf kreisen. Dabei stellte sie sich eine Flut greller blauer Blitze vor und rief laut aus: "Ira Urani cum viribus maximis ardeto nunc!" Aus ihrem Zauberstab, der gerade wie sie völlig unsichtbar war, krachte ein greller, blauer Blitz, der mit lautem nachfauchen in den Himmel emporjagte. Kaum war er im Himmel verschwunden fuhren um sie herum laut krachend und kreischend grelle Blitze wie bei einem heftigen Gewitter nieder. Sie schlugen in die Bäume oder versengten den Erdboden. An die zwanzig solcher Blitze schlugen wie weißglühende Peitschen aus dem Himmel herab. Da wo sie das trockene Holz durchfuhren loderte dieses auf. Auch der vorhin schon einmal entzündete Baumstumpf wurde von einem der niederkrachenden Blitze getroffen. Der Stumpf platzte mit lautem Knall auseinander. Die Fetzen flammten wie trockenes Reisig auf und flogen umher. Einer davon geriet in die Nähe der Unsichtbaren. Doch statt sie zu treffen und zu versengen zerstob das stück brennenden Holzes in der Luft zu glimmender Asche, die um die Ausruferin dieses Zaubers herum vom Wind verblasen wurde. Mit einem finalen Krachenund Donnern traf ein an die zweihundert Meter entfernt einschlagender Blitz gleich drei zusammenstehende Fichten und setzte diese in Brand. Dann war der entfesselte Zorn des Himmels verraucht. Bei dem zerstörerischen Spektakel hatte keine einzige Wolke am Himmel gestanden. Die Blitze waren aus der sowieso in der Luft gespeicherten Elektrizität zusammengefügt und entladen worden. Auf jeden Fall stand nun der Wald rund um die Lichtung in immer helleren Flammen. doch die Unsichtbare fühlte keine Hitze davon ausgehen. Sie wusste nur, dass sie jetzt besser das weite suchen sollte. Sie griff ohne hinsehen zu müssen in eine der Taschen des Umhanges und ertastete einen kleinen Kristallkörper. Diesen zog sie frei und tippte ihn mit ihrem Zauberstab an. Dann warf sie den Kristall aus dem Handgelenk gerade zwei Schritte von sich fort, so dass er nun als rot leuchtender Körper sichtbar wurde. Mit einer schnellen Bewegung auf dem Absatz drehte sich die Unsichtbare und verschwand mit vernehmlichem Plopp. Wenige Sekunden später barst der immer heller leuchtende Kristall in einer Wolke aus silberweißem Licht auseinander. Zurück blieb eine Gruppe brennender Bäume und Sträucher und alle nun dem Tod geweihten Tiere, die ein vorangegangener Zauber entkräftet hatte.

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Es war gegen drei Uhr nachts, als der Drachenwecker losschepperte. In der feuerfesten Lehmhütte, in der die sechs Drachenhüter vom Dienst wohnten und schliefen, schrak ein rothaariger Zauberer aus den Träumen von einem wilden Quidditchspiel auf, bei dem er vor Jahren selbst mitgespielt hatte. ER hörte das blecherne Scheppern und dann auch das wütende Schnauben und Brüllen von etwa einen Kilometer entfernten Drachenweibchen, die wohl einen unerwünschten Eindringling witterten.

"Carol, Mutter Anuschka ist wütend", grummelte ein schwarzhaariger Zauberer mit dichtem Vollbart, Janosch Popescu. Der hatte es längst aufgegeben, den wirklichen Namen des rothaarigen Zauberers aus Großbritannien aussprechen zu lernen.

"Ich höre es, Janosch. Dann müssen wir wohl nachsehen. Sicher wieder Möchtegerneierdiebe, die meinen, Dracheneier klauen sei der größte Männlichkeitsbeweis überhaupt."

Die zwei Zauberer und dann noch die drei aus der anderen Schlafkabine eilten nur eine halbe Minute nach dem Aufwecken hinaus und blickten sich mit ihren Nachtsichtfernrohren um. Tatsächlich zuckten laut tosend Feuerstöße aus der Höhle, in der die Hornschwanzhenne Anuschka wohnte. Warum man diesem pechschwarzen Biest einen so niedlichen Namen vergeben hatte wusste wohl nur der, der die Drachendame damals aufgezogen hatte. Sie war damals als lebende Mutprobe für das in Hogwarts stattfindende trimagische Turnier mitgenommen worden und nach ihrem Einsatz gegen einen vorwitzig auf seinem Wunderbesen um sie herumsausenden Champion wieder in ihre Wohnhöhle zurückgebracht worden. Wen hatte sie jetzt auf dem Kieker?

Apparieren oder Besen?" fragte Janosch. Sein britischer Kollege antwortete mit einer schnellen Disapparition. Keine Sekunde später stand Charles Weasley nur hundert Meter von der Drachenhöhle entfernt. Er sah noch, wie Anuschka einen letzten Feuerstoß hervorblies und sich dann schnell wieder in ihre Höhle zurückzog, um ihr dort geborgenes Gelege mit sanften Feuerstößen warmzuhalten.

"Drachendreck, genau die paar Sekunden zu spät", dachte Charlie Weasley und blickte sich schnell um, ob er den Eindringling noch sehen konnte. Doch der hatte sich wohl schon wieder abgesetzt. Dann hörte er in einiger Entfernung das Reviergebrüll von Pyrostomos, dem kapitalen Hornschwanzhahn. Man hatte sich bei Drachen auf die Bezeichnungen Hahn und Henne geeinigt, weil andere Geschlechtsbezeichnungen wie Kuh und Bulle dann doch besser zu Pflanzenfressern passten und Fähe oder Rüde dann eher zu hundeartigen Tierwesen passten statt zu schuppigen Ungetümen, die Feuer speien konnten.

Charlie Weasley wolte gerade in die Nähe von Pyrostomos' Höhle apparieren, als er schon hörte, wie der pechschwarze Bursche frei flog. Er musste etwas jagen, das ihn aufgescheucht hatte.

Charlie apparierte schnell in der Nähe der Hütte. Weil alle darin gelagerten Besen und Ausrüstungsgüter in diebstahlsicheren Truhen und Schränken steckten konnte er seinen eigenen Feuerblitzbesen nicht wie damals Harry Potter oder seine Brüder Fred und George aus einem Raum heraus zu sich hinrufen. Er eilte in die Hütte, zerrte den Sicherheitsschlüssel an der Kette um den Hals hervor und stieß diesen in das silberne Schloss, das von mächtigen Runen umgeben war. Er klappte die Truhe auf und angelte seinen Feuerblitz im Futteral heraus. Schnell hatte er die Schutzhülle um den Besen abgestreift und sie in die Truhe zurückgelegt. Janosch, der gerade auch von der kurzen Untersuchung Anuschkas zurückkehrte sah, was Charlie vorhatte. "Ich habe Pyrostomos schreien gehört. Der hat wen aufgestöbert und jagt den jetzt. Du weißt, was beim letzten mal passiert ist, als wer ihn aufgeweckt hat, Janosch?"

"Ja, ein verkohltes Skelett, ein zu Asche verbrannter Besen und zehn Pergamentrollen Schadensbericht an alle zuständigen Stellen wegen dieses armen Idioten, der meinte, mit einem Hornschwanz fangen spielen zu müssen", sagte Janosch. "Sogesehen müssen wir das jeden Tag und nicht nur bei Hornschwänzen. Gregori kommt erst morgen wieder zu uns, nachdem er das letzte Stelldichein mit Norberta gerade so überlebt hat. Die mussten den in ein völlig umschließendes Heilbad legen, um das angekohlte Gewebe zu regenerieren", sagte Charlie, froh, dass ihm das bisher doch noch erspart geblieben war, weil er den Feuerlöschzauber so gut konnte und seine Erfahrungen als Quidditchchampion auf dem Besen ausnutzen konnte.

Janosch folgte Charlie auf seinem neuen Buranbesen. Doch mit den Feuerblitz, auch wenn der immer noch der ersten Generation entstammte, kam der russische Renner nicht mit.

Charlie erreichte Pyrostomos' Höhle mehr als eine Minute vor Janosch. Er sah mit dem Nachtsichtglas, dass die Höhle leer war. Nur der üble Gestank nach verschmortem Fleisch und frischem Drachendung quoll heraus, nichts für empfindliche Nasen, dachte Charlie. Dann suchte er, in welche Richtung Pyrostomos geflogen sein konnte. Er hörte in der Ferne weitere kurze Schreie. Doch das waren andere Drachen, die von dem Aufruhr hier aus ihrem Schlaf geschreckt worden waren. Da jedem Drachen ein Wohnrevier von fünf Quadratkilometern zugestanden wurde verteilte sich die ganze Drachengruppe auf mehr als eintausend Quadratkilometer.

"Echo vitae moventis monstra te!" rief Charlie mit von der Höhle fortweisendem Zauberstab. Sofort sah er das geisterhaft verschwommene Bild eines aus sich heraus leuchtenden Drachens, der mit wilden Flügelschlägen nach oben stieg und in Richtung Osten flog. "Ui, gerade noch rechtzeitig", dachte Charlie. Denn das beschworene Echo eines sich bewegenden Lebewesens wäre in nur noch einer Minute unkenntnlich geworden. Er saß auf und flog dem davonfliegenden Schemen hinterher. Dabei murmelte er immer wieder "Repetitio Ultima!" So konnte er den letztgewirkten Zauber ohne ihn immer wieder auszuformulieren wiederholen und somit das vor ihm dahinjagende Echo eines sich bewegenden Lebewesens sichtbar halten. So konnte er folgen, weil sein Besen immer noch schneller war als ein erwachsenes Hornschwanzmännchen.

Unterwegs fragte sich Charlie Weasley, was der Drache eigentlich verfolgte. Denn er sah nur das magische Echo seines Fluges. Normalerweise musste er den Lebensmüden, der ihn hinter sich herlotste auch auf diese Weise sehen. Sicher, Drachen waren groß und besaßen daher sehr viel eigene Lebenskraft und auch Magie im Blut. Doch deren Bewegungsecho überlagerte keinen auf einem Besen fliegenden Menschen vollständig. Ja, und warum flog wer auch immer nicht einfach davon? Die modernen Besen konnten jeden Drachen locker abhängen. Die Antwort war, dass jemand den Drachen selbst stiebitzen wollte und ihn daher hinter sich herlockte, immer gerade so schnell flog, um aus seiner Feuerreichweite zu bleiben und nicht eingeholt zu werden. Aber das würden Charlie und seine Kollegen wem auch immer verderben. Denn lebende Drachen ohne ministerielle Genehmigung aus dem amtlich zugewiesenen Habitat zu entführen stellte eine schwere Straftat gemäß sämtlicher in der internationalen Zaubererkonföderation zusammenwirkenden Zaubereiministerien dar.

"Janosch, bist du hinter mir?" fragte Charlie, als er während des Fluges die an einer Kette hängende silberne Schallverpflanzungsdose aufklappen konnte. "Ich folge deinem und Pyrostomos' Bewegungsecho. Wer will einen erwachsenen Hornschwanz klauren?"

"Zumindest einer, der sich gegen den Bewegungsecho-Zauber abschirmen kann, Janosch. Ich sehe nur den Drachen vor mir, aber keinen, den er verfolgt. Als wenn den wer zu sich hingerufen hätte und jetzt wartet."

"Was so einfach nicht klappt, wie wir ja alle gelernt und erfahren haben. Imperius wirkt bei Drachen nicht, und dem einen Gehorsamsring umzulegen scheitert an der Magieisolation der Schuppen. Nur ein Rückhaltering mit externem Ortsanker hält Drachen an einer Stelle fest."

"Ja, und sonst noch was neues?" fragte Charlie und trieb seinen Besen so schnell an, dass er fast durch das von ihm beschworene Bild des Drachens hindurchflog. Das musste er aber vermeiden, weil er den Zauber dann unwiederholbar unterbrach. Also bog er kurz vor der Durchdringung hart nach rechts ab, wartete, bis das geisterhafte Bild des fliegenden Drachens noch einige Dutzend Meter weitergeflogen war und nahm wieder die Verfolgung auf.

Unterwegs blickte er durch sein Fernglas. Doch er konnte das Original des verfolgten Geisterbildes nicht ausmachen. Dann sah er, wie pyrostomos wohl in den Sinkflug überging. Da vorne war ein Berg, auf dessen halber Höhe eine große Höhle war, in der vor einem Jahr noch die betagte Kurzschnäuzlerhenne Frigg gewohnt hatte. Da Drachen erst mehr als zwei Jahre nach dem Tod eines anderen Drachens dessen Höhle in Besitz nahmen, sofern sie sie nicht von jenem Drachen eroberten, war da im Moment niemand anderes. .

"Janosch, wer immer den Pyrostomos geklaut hat hat ihn zu Friggs verwaister Höhle hingeführt. Vielleicht sind da genug Leute, die ihn überwältigen und dann abtransportieren sollen."

"Will heißen, wir brauchen alle Mann, um das zu verhindern", erwiderte Janosch. Charlie bejahte es. "Gut, ich rufe die Bodentruppen. Die sollen gleich dahinapparieren. Wir zwei bleiben auf den Besen und sehen zu, dass die Bande nicht durch die Luft abhaut."

"Alles klar, Janosch", sagte Charlie. Da Janosch der vom rumänischen Zaubereiministerium eingesetzte Chef des Drachenreservates war musste Charlie seinen Anweisungen folgen.

Er steuerte nun die Höhle an. Dabei hörte er Tollja und Bernard, zwei Kollegen, der eine aus Russland, der andere aus Belgien, die sich absprachen und die Höhle erkunden wollten. "Pyrostomos ist drinnen. Sonst keiner!" rief Tollja über die Schallverpflanzungsdosenverbindung.

"Menschenfinder?" Rief Janosch Popescu. "Negativ, ebenso Vivideo. Aber der Pyrostomos hat wohl wen gewittert. Er bläst ständig Feuer in die Höhle rein, als wenn da was wäre. Der riecht das wohl."

"Dann mach den Hundenasenzauber, Tollja!" erwiderte Janosch. "Sehr nett, Genosse Popescu", knurrte Tollja. Dann meinte Charlie durch die Dosenverbindung eine entschlossene Frauenstimme mit höhlenhaftem Nachhall zu hören:

"Fatum Urani imple te nunc!"

Anschließend erfolgten mehrere überlaute Aufschreie. Charlie sah aus knapp zwanzig Metern höhe ein blutrotes Licht von dort ausstrahlen, wo Friggs verwaiste Höhle war. Er hörte Männerstimmen, die in größter Agonie schriien, aber vor allem die wie hundert auf einmal unter das Schlachtermesser geratende Eber klingende Gebrüll. Charlie meinte, von seinen Füßen her ein wildes, heißes Kribbeln zu spüren, als der Widerschein jenes roten Leuchtens ihn erreichte. Mehr fühlte er nicht. Dann hörte er ein lautes Knacken aus der Schallverpflanzungsdose und einen dumpfen Aufschlag. Dann erlosch jenes magische unheimliche rote Licht so abrupt, dass die ihm folgende Dunkelheit in den Augen schmerzte. Charlie Weasley fühlte kein Kribbeln mehr in den Füßen. Er sah nun im Licht der Nachtgestirne den Berg auf ihn zurasen und wendete den Sofortbremsezauber seines Besens an.

"Tollja, Bernard, was ist los?" hörte er Janoschs Stimme aus der Fernsprechdose. "Tollja, Bernard, meldet euch gefälligst!" Doch Tollja und Bernard meldeten sich nicht.

"Da war eine Frauenstimme, die eine Beschwörung ausgerufen hat, Janosch. Womöglich hast du das auch gehört. Danach kam helles, blutrotes Licht aus Friggs Höhle raus und ich hörte Pyrostomos und zwei Männer laut schreien. Ja, und weil ich wohl gerade weit genug von diesem Licht weg war ist mir nur ein heißes Prickeln an den Füßen und Zehen passiert. Irgendeine dunkle Hexe hat da was ganz übles aufgerufen."

"Irgendwas mit Uran. Am Ende hat da wer einen Strahlungsverstärker erfunden. Nicht zu nah ranfliegen, Charlie!"

"Ich muss sehen, was mit Tollja und Bernard passiert ist", sagte Charlie. Als er vor der Höhle landete bereute er diese seine Äußerung zu tiefst.

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sie hatte den Aura-Urani-Zauber neu aufrufen müssen, weil der beim Apparieren unterbrochen worden war. Wenigstens blieb der im Umhang verstärkt wirkende Umbra-Novae-Lunae-Zauber in Kraft. Sie hatte erst die Höhle eines brütenden Weibchens erreicht und es mit gewisser Befriedigung erfahren, dass auch Drachenfeuer ihr mit dem Schutz des Himmelsvaters nichts anhaben konnte. Dann war sie zur nächsten Höhle appariert, von der ihr eine bulgarische Mitschwester berichtet hatte, die ihr von Gundi Wellenkamm vorgestellt worden war und deren Mann zu den Drachenhütern in Rumänien gehörte. Von dem hatte diese eine genaue Karte mit allen namentlich aufgeführten Drachen organisiert, nur für den Fall, dass mal sowas wie Drachenblut, Drachenhaut oder Drachenhorn benötigt wurde und dafür nicht beim Zaubereiministerium um Einfuhrgenehmigung gebeten werden sollte.

Jetzt stand sie vor einer tiefen Höhle, aus der ihr der üble Brodem eines lebenden Drachens entgegenschlug. Sie jagte einen magischen Feuerball in die Höhle hinein und zerdrückte zugleich eine Phiole an ihrem Besen, die einen unangenehmen, aber nicht klar einordnenbaren Geruch verströmte. Dann sah sie mit ihren besonderen Augen, wie ein nachtschwarzes Ungetüm auf vier krallenbewehrten Pranken mit einem zum Zubeißen aufgerissenen Maul herauskam. Die für alle Augen unsichtbare Hexe schwang sich auf ihren Donnerkeilbesen, der dadurch genauso unsichtbar wurde wie sie, weil er noch im Einflussbereich des verstärkten Neumondschattenzaubers war. Dann flog sie einfach davon. Der aufgebrachte Hornschwanz brüllte laut auf und verfolgte sie dann. Sie flog gerade schnell genug, dass er ihr folgen konnte, ohne sie einzuholen und weit genug vor ihm, dass seine wütenden Feuerstöße laut tosend in leerer Luft verpufften. So führte sie den von verdünntem Harn eines fruchtbaren Hornschwanzweibchens benetzten Besen zu jener Höhle, von der ihre bulgarische Mitschwester berichtet hatte, dass dort bis vor einem Jahr eine uralte schwedische Kurzschnäuzlerhenne gewohnt hatte, die aber schon seit zehn Jahren kein Gelege mehr bebrütet hatte. Sie wusste, dass ein Drachenmännchen dort nicht hineinkroch, solange noch ein Hauch der Vorbewohnerin zu riechen war, selbst wenn er einer angeblich willigen Artgenossin folgte. Jedenfalls hielt die Trägerin von Canopus' Umhang den Drachen schön hinter sich. Der hatte es offenbar sehr, sehr nötig, dachte die unsichtbare Fliegerin.

Sie flog geschmeidig in die verwaiste Höhle hinein und landete zehn Hornschwanzlängen vom Höhleneingang entfernt. Denn sie musste festen Erdboden unter den Füßen haben. Auch musste der ihr nachjagende Drache fest auf der Erde stehen, damit ihr Zauber ihn voll treffen konnte. Es galt nun noch herauszufinden, ob Drachen zum einen überhaupt davon betroffen werden konnten und falls ja wie heftig.

Schnell zog sie sich von dem benetzten Besen zurück, damit der Hornschwanzhahn sie nicht mit seiner schieren Körpermasse plattwalzte. Da kam er auch schon angeflogen. Seine lederartigen Flügel schlugen laut flappend noch viermal. Dann war das Ungetüm gelandet.

Das Drachenmännchen grollte und schnaubte und blies kurze, nicht ganz so kräftige Feuerstöße in die Höhle, wohl eher die Aufforderung, das das dort gewähnte Weibchen ihn erhören und herauskommen sollte. Womöglich würde der gleich noch seinen Paarungsruf ausstoßen, dachte die unsichtbare Hexe. Dann hörte sie ein mehrfaches Krachen und Ploppen. Dass diese Drachenbändiger es offenbar nicht lernten, möglichst leise zu apparieren, dachte sie, als sie sechs Zauberer und keine Hexe in dicker Lederkleidung sah, offenbar Drachenhautpanzer und feuerfeste Kleidung. Eigentlich hatte sie ja nur mit dem angelockten Drachen experimentieren wollen. Doch so bot sich ihr die Gelegenheit, ihre neueste verhängnisvolle Errungenschaft an magischen Menschen zu erproben, dachte sie mit der Skrupellosigkeit, die jener eigen war, mit der ein Teil ihrer Seele vereinigt worden war. Dann wiederholte sie jenen Zauber, mit dem sie vorhin in einem Waldstück in den Karpaten unzählige Waldtiere entkräftet hatte. Wieder schoss blutrotes Licht aus dem Boden und breitete sich explosionsartig in alle Richtungen aus, wobei die kreisförmige Woge nicht höher als zehn Körperlängen der Beschwörerin aufragte.

Gerade wollten die herbeiapparierten Zauberer trotz des vor der Höhle hockenden Drachens nach vorne, um zu sehen, wer da einen Zauberspruch gerufen hatte. Doch da ereilte sie auch schon das Schicksal des Uranus mit endgültiger, grausamer Gnadenlosigkeit.

Die blutrote Lichtwoge ließ die sechs Zauberer aufleuchten. Sie schiennen auf einmal anzuschwellen. Sie schrien unvermittelt laut und vor unbändigen Schmerzen wie unter dem Cruciatus-Fluch. Doch hier war eine andere Wirkung im Spiel. Auch der Drache schrie auf, als das rote Licht ihm in Augen, Nüstern und aufgerissenes Maul hineinleuchtete. Er brüllte so laut, dass kleine Steinchen von der Decke abbröckelten und die unsichtbare Hexe um ihre Trommelfelle bangte. Dann schoss etwas grün-rotes, heftig dampfendes aus dem Maul des Drachens. Sein Brüllen wurde zu einem gequälten, gurgelnden Röcheln. Ein letzter verzweifelter Feuerstoß entfuhr dem Drachenmaul und umtoste die, die ihm diese unerwartete Pein zufügte, ohne ihr was anzuhaben. Im roten Licht sah sie, wie die Körper der sechs Zauberer aufplatzten wie viel zu lang im kochenden Wasser liegende Brühwürste. Vor allem ihre Unterleiber schinen heftig betroffen zu sein. Die Unsichtbare erkannte mit einer Mischung aus Ekel, Entsetzen aber auch einer gewissen Überlegenheit, wie die sechs Männer regelrecht von innen her aufbrachen. Dann war auch schon die Wirkung des verhängnisvollen Flächenzaubers beendet. Der Drache zuckte noch einmal. Dann schlug er laut und dumpf auf dem Boden auf. Aus seinem Maul floss immer noch jene rot-grüne, dampfende Flüssigkeit heraus.

Die Unsichtbare wusste, dass sie jetzt ganz schnell von hier verschwinden musste. Ihr Besen brannte. Der letzte Feuerstoß des Hornschwanzes hatte ihn wie eine Fackel entzündet. Gut, dann eben ohne den Besen. Gut, dass sie nicht auf ihrem Dienstbesen hergekommen war, dessen unter der Lackierung versteckte Registriernummer lesbar gemacht werden konnte. Sie aktivierte den zweiten mitgeführten Kristall, warf ihn dorthin, wo der Besen Brannte und disapparierte, als ein weiterer Zauberer auf seinem Besen vor der Höhle landete. Keine vier Sekunden später blähte sich ein silberweißer Lichtball auf und vertilgte die im Durchmesser von 24 Metern verbliebenen Reste von Magie so gründlich, dass selbst mit einer Rückschaubrille die letzte Stunde vor der Entladung unnachvollziehbar wurde.

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Charlie Weasley wusste, dass er ab heute immer wieder davon träumen würde, was er gerade vor sich sah. Ekel und Entsetzen, Trauer und Verzweiflung wühlten seinen Magen derartig auf, dass er gerade so noch den Oberkörper von dem Tatort wegstrecken konnte, um sein halb verdautes Abendessen auszuspeien. Auch nachdem er sich freigehustet hatte fand er erst mal keine Worte. Er hörte die Anrufe an ihn, doch konnte erst nicht antworten. Dann, nach einer nicht bemessenen Zeit, gab er die Meldung durch, dass sechs Kollegen und Pyrostomos einem sehr grauenvollen Fluch zum Opfer gefallen sein mussten. Allein schon dass aus dem verendeten Drachen immer noch wild dampfendes Blut floss zeigte, wie durchschlagend dieser Zauber war. Aber dass er sechs gestandene Zauberer auf einen Schlag bis zur Unkenntnlichkeit entstellt hatte war noch viel schlimmer.

"Jungs, wer keine wiederkehrenden Albträume gebrauchen kann sollte besser nicht herkommen. Reicht schon, dass ich wohl morgen zu den Heilern ins St. Mungo muss, um diese Bilder zu verarbeiten", wimmerte Charlie Weasley. Da krachte es laut. Janosch apparierte mit geschultertem Besen, sah und krümmte sich wie ein geschlagener Hund. Auch ihm trat die Übelkeit ins Gesicht. Auch er erbrach sein Abendessen. Dann gab er durch: "Ruf an alle, Mit Namen melden! Das ist ein Befehl!"

Charlie meldete sichüberflüssigerweise über die Dosenverbindung. Andere kamen der klaren Anweisung nach. Doch von den dreißig gerade im Reservat dienst tuenden Drachenhütern meldeten sich nur dreiundzwanzig bei Janosch Popescu. Er schrieb sich jeden Namen auf. Die, die sich nicht gemeldet hatten, darunter auch Tollja Gregorewitsch Petrov und Bernard de Bruyne.

"HVDs zu den Bezugspunkten von Friggs Höhle!" befahl Janosch mit hörbar erschütterter Stimme. "Alle anderen, die sich gemeldet haben bleiben in den Wohnquartieren. Das ist nichts für Neugierige."

"Sind die alle tot?" fragte Charlies Patenlehrjunge Woody Brocklehurst, der erst vor einem Jahr die Drachenwärterauswahlprüfung geschafft hatte. "Ja, alle sechs, die sich nicht mehr gemeldet haben, Elwood. Bleib du im Quartier, bitte", gab Charlie durch.

"Ich war überzeugt, wirklich schon schlimme Verstümmelungen gesehen zu haben", stöhnte Janosch. "Rat mal wer noch", seufzte Charlie Weasley. Da ploppte es, und die drei Heiler vom Dienst apparierten.

"Wer war das?" fragte Anton Illiescu, der Verbindungszauberer zur rumänischen Heilmagierzunft, nachdem er die übel zugerichteten Leichen begutachtet hatte. "Ist gleich nach dem Abklingen seines Vernichtungszaubers verschwunden. Es war aber eindeutig eine Hexenstimme. Außerdem hat sie wohl noch einen IVK aktiviert, um jede Nachbetrachtung zu verderben. Ich vermeine jedenfalls das typische Licht einer IVK-Entladung gesehen zu haben", sagte Charlie.

"Einen solchen Flächenfluch habe ich bisher nicht erlebt", meinte Illiescu. Seine beiden jüngeren Kollegen nickten. "Ihr habt die Zauberformel gehört?" fragte der Heiler Charlie und Janosch. Sie nickten. Charlie sprach die Formel so aus, wie er sie verstanden zu haben glaubte. Janosch erinnerte sich nur daran, was mit Uran gehört zu haben."

"Fatum Urani? Das passt zu dem, was der Fluch bei unseren Kollegen angerichtet hat", sagte Illiescu und deutete auf die Unterkörper der sechs Toten. "Näheres klären die Thanatologen. Janosch, ich bitte darum, die Heilerkollegen in den Herkunftsländern der Verstorbenen zu informieren, auch wenn du wohl gerne eine S0-Sache draus machen möchtest."

"Da haben wir alle gedacht, Ladonna ist weg. Aber offenbar kriechen ihre unterdrückten Schwestern jetzt wieder aus ihren Löchern. Wer diesen Zauber kann muss entweder total skrupellos oder Wahnsinnig sein", meinte Janosch. "Sowas wie ein weibliches Pendent zu ihm, der nicht beim Namen genannt werden darf", seufzte Illiescu. "Tom Riddle hieß der Kerl, Anton", knurrte Charlie. "Der unnennbare Name war nur sein selbstgewählter Kampfname."

"Wie auch immer. Der Zaubereiminister wird das hier mit einem tonnenschweren Bleideckel zudecken", meinte Janosch. "Ja, aber die Angehörigen der Toten haben ein Recht auf Mitteilung. Da kann auch ein S0-Zertifikat nichts gegen machen", erwiderte Illiescu.

"Ja, und ihr solltet den Angehörigen raten, auf eine letzte Ansicht zu verzichten", raunte Charlie.

"Das versteht sich ganz von selbst, Kollege Weasley. Ach ja, du solltest dem Kleinen jetzt erklären, warum der die Kollegen hier nicht ansehen darf, aber so, dass der nicht morgen schon in unserem Heilerhaus landet", sagte Illiescu. Charlie sah Janosch an, der durch ein entschlossenes Nicken diese Anweisung bestätigte. Charlie nahm also seinen Besen, schulterte ihn und kämpfte darum, die Bilder des Grauens aus seinem Bewusstsein zu kriegen, damit er sich auf das "Knabenhaus" konzentrieren konnte, wie die Hütte der Anwärter von den Alteingesessenen genannt wurde. Dann disapparierte er mit lautem Knall.

"Das muss an die Sicherheitsbehörden aller konföderierten Ministerien. Am Ende war das diese schwarze Spinne, vor der sie im Westen so viel Angst haben", sagte Janosch Popescu zu Anton Illiescu. "Ja, oder es ist Ladonnas Erbin, die ausprobiert hat, was ihre große Meisterin ihr alles so an Männermordmethoden beigebracht hat", sagte Illiescus Heilerkollege Dumitru.

"Leider auch nicht auszuschließen", erwiderte Janosch. "Gut, ich gebe die Überwachung des Reservates an den Kollegen Borodin ab, damit ich mit dem Minister selbst reden kann. Vielleicht holt der die Ministerkollegen aus den Ländern der toten Kollegen noch dazu."

"Du ruhst dich erst mal aus. Du kriegst Träumguttee von mir, genau wie Charlie", sagte Illiescu. "Ich muss das sofort klären, Toni, sonst macht dieses Weibsbild heute noch woanders wen tot. Womöglich wollte die testen, ob sie mit ihrem Zauber auch gestandene Drachen erledigen kann. Gut, das weiß die jetzt."

"Ich kann dir eine Heileranweisung erteilen, hier vor den Zeugen", sagte Illiescu. "Ja, kannst du, aber der Minister würde dich dafür aus dem Reservat jagen, weil er hier das Hausrecht hat", antwortete Janosch.

"Gut, nicht im Angesicht so verheerender Tode noch ein Kompetenzenstreit", grummelte Illiescu. "Dann sieh zu, dass du den Minister erreichst!" Janosch Popescu dankte dem Heiler und disapparierte.

Charlie Weasley musste nun vor den Anwärtern erklären, das jemand es fertiggebracht hatte, einen ausgewachsenen Drachen und sechs Kollegen mit einem einzigen Fluch bis zur Unkenntnlichkeit zu verstümmeln, wobei er die Einzelheiten aussparte. "Jungs, ich war damals bei der Schlacht von Hogwarts dabei. Ich habe meinen eigenen Bruder Fred tot auf einer Treppe liegen gesehen, habe verstümmelte Hexen und Zauberer über das Gelände verteilt liegen gesehen, davon viele fünf Jahre jünger als ihr heute seid. Aber das eben war noch viel viel heftiger. Dumbledore hat damals recht gehabt, für einen Anhänger der dunklen Künste ist keine Grausamkeit unmöglich."

"Ja, und was passiert jetzt?" fragte Elwood genannt Woody Brocklehurst, dessen neun Jahre ältere schwester Mandy in der Handelsabteilung arbeitete.

"Das klärtt Janosch. Womöglich müssen wir alle eine magisch bindende Erklärung unterschreiben, dass wir keinem Außenstehenden davon berichten. Ansonsten werden die Angehörigen informiert, womöglich so, dass sie beim Umgang mit Drachen den Tod gefunden haben und wegen der Drachen nicht noch post mortem besucht werden sollten."

"Sie hatten echt Glück, noch weit genug weg zu sein, Drachenhüter Weasley", sagte ein anderer der jungen Anwärter. "Ja, davon dürfen Sie ausgehen, Anwärter Kesselgrund", erwiderte Charlie Weasley.

Es ploppte vor der Wohnhütte der Anwärter, und eine Stimme sagte: "Kollege Weasley, mein Vorgesetzter ordnet an, dass Sie bis morgen früh um zehn unter Einwirkung von Träumguttee ausschlafen."

"Ach, wieso kommt er nicht und sagt mir das selbst, Frantisek?" fragte Charlie und öffnete die Tür zur Hütte. "Weil der schon unterwegs in die Heilerzunftzentrale ist, um Bericht zu erstatten und die thanatologische Untersuchung der getöteten Kollegen einzuleiten", sagte Frantisek Dumitru. Dann wandte er sich an die anderen Anwärter: "Ja, und ihr junges Volk legt euch auch wieder hin. Besser ist das, wenn ich gleich eine ganze Lokalrunde Träumguttee springen lasse."

"Und es ist nicht klar, ob das eine von Ladonnas alten Schwestern oder eine von den Spinnenschwestern oder sonst wem war?" wollte Elwood Brocklehurst wissen.

"Nein, ist es nicht", grummelte Dumitru. "So in zehn Minuten haben alle die für sieben Stunden nötige Dosis Träumguttee. Dann wird weitergeschlafen. Heileranweisung!"

"Das möchte ich von Meisterwärter Popescu persönlich hören", entgegnete Pjotter Tupulew, der jüngere Bruder eines berühmten russischen Quidditchspielers.

"Auch noch frech werden, wie? am Besten verpasse ich dir gleich noch einen Schluck Fügsamkeitstrank, wie wir den den jungen Drachen verabreichen. Also, die Anweisung gilt. Außerdem ist Popescu schon in Bukarest beim Minister."

"Ist ja gut, Fran", knurrte Tupulew.

Charlie Weasley begleitete den Heiler auf dem Gang zur Heilerküche und bekam die erste Dosis Träumguttee. Dann sicherte er, dass alle sogenannten Knaben in ihrer Hütte ihre Dosis bekamen. Dann fühlte er auch schon die einschläfernde Wirkung des Gebräus und zog sich in die mit Janosch geteilte Hütte zurück.

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Über drei Dinge war sich Albertrude Steinbeißer nun ganz sicher. Der Zauber Fatum Urani wirkte wie Canopus ihn beschrieben hatte. Die Bilder der Vernichtung würde selbst sie, eine machtbewusste und skrupellose Hexe, so schnell nicht vergessen. Ja, ein wenig bereute sie sogar, dass sechs Zauberer gestorben waren, die ihr nichts getan hatten. Drittens wusste sie, warum Canopus den Zauber als allerletztes Mittel bezeichnet hatte und warum er ihn tunlichst nicht weiterverraten hatte. Doch waren er und jetzt sie die einzigen, die ihn kannten? Auch sie erkannte, dass es wohl nötig sein würde, einen Gegenzauber gegen diesen verheerenden Flächenzauber zu ersinnen. Dann viel ihr noch was ein: Sie hatte noch einen rothaarigen Zauberer auf einem Feuerblitzbesen landen sehen können. Wenn der ihren Zauberspruch gehört und das rote Licht gesehen hatte gab der das sicher weiter. Dann erfuhren Leute, denen sie es eigentlich nicht mitteilen wollte, dass eine Hexe einen großflächigen Körperzerstörungsfluch ausgeführt hatte, der durch die Körperöffnungen von Drachen sogar deren Organe zerstören konnte. Doch sie wusste nun auch, dass sie im Schutze des Umhangs und des Aura-Urani-Zaubers eine magische Armee vernichten konnte. Das galt dann ja auch für Zwerge und Kobolde. Ja, ihr Plan, sich mit einem spektakulären Blitz und Donnerhall aus Albertines bisherigem Leben zu verabschieden, konnte nun umgesetzt werden, auch wenn Malins Zwergenreich mit wirbelnden Magnetfeldern umgeben war. Doch Malin würde sich das nicht dauerhaft bieten lassen.

Erst einmal galt, abzuwarten, ob ihr neuer Befruchter seine Aufgabe erfüllt hatte. Nur dann würde sie die Endphase ihres Ausstiegsplanes umsetzen.

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König Malin wusste, dass er sehr gewagt spielte. Im Grunde war die jetzige Lage vergleichbar mit den drei Kampfprüfungen, die ihm die endgültige Königswürde verschafft hatten. Doch diesmal kämpfte er nicht gegen einen einzigen Gegner, sondern gegen die Ungeduld seines Volkes und die Überheblichkeit dieser langen Leute mit denZauberstäben. Dann warteten da draußen wohl noch Spitzohren, die wissen wollten, wo er die vier von denen abgefangenen Goldladungen hingeschafft hatte.

"Dieser Pallisadenzaun aus springenden Eisenfangfeldern ist widerlich", meinte Miru Silberstimme, als ihr Sohn sie nach dem langen Amtstag in ihrer eigenen Wohnhöhle besuchte. "Keine von uns konnte mehr als tausend Schritte aus dem Tor, ohne rasende Kopfschmerzen und wildes Blitzen vor den Augen und die Ohren zerreißendes Dröhnen im Kopf zu erleiden. Diese langen Leute haben es echt gewagt, uns vor allen anderen abzuschließen, in unserem eigenen Reich einzusperren. Die anderen Frauen wollen wissen, wielang du und deine Krieger euch das gefallen lasst. Sie wollen bald wieder frisches Obst und Gemüse haben, auch für die gerade schwangeren."

"Wer hat mir in den Ohren gelegen, das mit dem Goldverwahrungsrecht endgültig zu klären? Wer hat immer genöhlt, dass ich den anderen Königen gegenüber mehr Führungsstärke hätte zeigen sollen, statt mich von diesen Friedensanbetern niederreden zu lassen? Wir haben es versucht, die Spitzohren zu einem Angriff zu reizen, damit wir endlich klare Tatsachen schaffen können. Europa gehört den Schwarzalben, nicht den britischen Langfingern. Das wollte und das will ich immer noch klären", erwiderte der König verdrossen. Miru Silberstimme sah ihren Sohn tadelnd an und sagte:

"Du warst zu zögerlich, als es darum ging, den Scheinfrieden in Frankenreich als reine Unterdrückungshandlung zu enthüllen. Du hast die aus dem Norden stammenden Könige nicht davon überzeugt, dass sie selbst mehr Macht bekommen, wenn sie die Langfinger von den zwei Inseln im Nordwesten dahin zurückwerfen, wo sie hingehören. Statt dessen hast du deine Krieger zu Wegelagerern gemacht, die vorbeikommende Goldträger ausrauben. Natürlich hat das Zaubereiministerium da sofort gehandelt."

"Ich wiederhole es, Mutter: Wer hat mir in den Ohren gelegen, das mit den Spitzohren endgültig zu klären? Die anderen Könige mästen sich im honigsüßen Speckmantel ihrer ungefährdeten Errungenschaften, auch die aus dem Norden, ja gerade die von da, weil die ja schon alles haben, was wir hier im Süden jahrhundertelang nicht bekommen konnten. Also musste ich ungewöhnliche Wege beschreiten. Abgesehen davon werden wir in nicht all zu ferner Zeit den Eisenfangirrsinn durchbrechen und die langen Leute vor die Wahl stellen, entweder freiwillig ihre Goldreserven an uns zu übergeben oder zuzusehen, wie die Spitzohren und wir uns darum schlagen. Denn glaub's mir, die warten schon darauf, dass wir diesen Eisenweisewirrwarrzaun durchlöchern, damit die zu uns hinkommen und uns auf die Finger hauen können."

"So, ist das so?" fragte Miru Silberstimme, die hörbar damit haderte, ihrem Sohn solche Einfälle angeraten zu haben. "Habt ihr denn noch Verbindung mit den ausgelagerten Truppen?"

"Aber genau das, Mutter. Die Erdschallübermittlung arbeitet weiterhin störungsfrei. Wir arbeiten daran, ein Gegenkraftgerät gegen die Eisenweisekreiseldinger zu bauen. Außerdem habe ich noch einige Ausweichpläne, um diese Belagerung aufzuheben und zugleich die Spitzohren dazu zu bringen, den Zauberstabträgern in den Rücken zu fallen, weil die denen doch den großen Kampf verdorben haben."

"Dir ist bewusst, dass das Volk langsam missmutig wird?" fragte Miru Silberstimme. "Zwar dürfen sie dich nicht herausfordern, weil du noch in der heiligen Ruhezeit bist. Aber deine Feinde bringen sich schon in Stellung."

"Und was gibt es neues?" fragte Malin VII. und rechnete damit, gleich wieder diesen lähmenden Übelkeitsanfall zu erleiden, weil er gegen seine eigene Mutter aufbegehrte. "Ich wollte es dir nur in Erinnerung rufen", schnaubte Miru Silberstimme. Doch Malin überhörte es.

"In den nächsten Tagen werden die von mir ausgelagerten Tiefenboote die Haltepunkte für die Eisenfangkreisel angreifen und vernichten. Wenn dann der Zaun weg ist werde ich den Zauberstabträgern vorhalten, den Kobolden zu dienen, weil die denen bessere Bedingungen angeboten haben, um sich nicht selbst die langen Hände schmutzig zu machen", erwiderte Malin VII. und klopfte an eine der Taschen seines Throngewandes. "Sobald der Zaun offen ist werden die Spitzohren versuchen, ihr Gold aus unserem Reich zurückzuholen, weil sie nicht wissen, wo ich es habe hinbringen lassen. Ab da greift dann der Beistandspakt mit den acht anderen. Die müssen dann helfen und werden dann ihren achso kuscheligen Frieden mit den Zauberstabträgern vergessen müssen. Denn unser aller Blut ist heilig. Wir sind alle Kinder des großen Durin."

"Ja, noch", grummelte Miru Silberstimme. Ihr Sohn hielt es für überflüssig, noch mehr dazu zu sagen.

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Gesine Feuerkiesel musste sich sehr anstrengen, kein Gefühl zu zeigen. Ihre rumänische Bundesschwester hatte ihr über jene bereits erprobte abgestimmte Zweiwegespiegelverbindung mitgeteilt, was in der Nacht zum 26. April im Drachenreservat vorgefallen war. auf die Frage, ob Gesine wissen könnte, wer die unbekannte Hexe sei, die da offenbar einen dieser selbst noch unbekannten Vernichtungszauber ausgeführt hatte erwiderte die Stuhlmeisterin der schweigsamen Schwestern in Deutschland: "Es gab Gerüchte, dass Meister der siderischen Zauber nach der Entdeckung des Uranus und später auch nach der Neptuns daran gearbeitet haben, auf diese Planeten bezogene Zauber zu erfinden. Dabei werden sie natürlich der alten Tradition folgen, die mythologischen Hintergründe des benannten Planeten als Grundlage für ihre Kreationen zu nehmen. Uranus war der archaische Gott des Himmelsgewölbes und des Wetterrgeschehens, Großvater von Zeus beziehungsweise Jupiter. Wenn hier ein Fatum also Schicksal des Uranus gemeint ist dann höchstwahrscheinlich dessen blutige Entmachtung mit zeitgleich erfolgter Kastration durch seinen eigenen Sohn Kronos, der bei den Römern Saturnus hieß. Das würde genau zu den Resultaten passen, die deine bei den Heilern tätige Mitschwester erwähnt hat, Mater Milena."

"Ja, aber wer könnte diesen Zauber erfunden haben. Uranus wurde erst 1781 als weiterer Planet entdeckt", erwiderte die rumänische Stuhlmeisterin. "Also dann auf keinen Fall jemand aus der Zeit davor. Wenn es wer von unserer Schwesternschaft war, dann hätte eine von uns das irgendwann doch mal mitbekommen. Aber wer sagt, dass es eine Hexe erfunden haben muss. Immerhin wurde Uranos oder Uranus ja von seinem Sohn und nicht von seiner Ehegattin oder Tochter kastriert."

"Ich bewundere deinen Hang zu poetischem Sarkasmus, Mater Gesine", erwiderte die rumänische Stuhlmeisterin. "Könnte aber eine von uns diese Quelle gefunden und ausgeschöpft haben, oder war es womöglich eine Anhängerin von Ladonna Montefiori, die den Zauber von dieser erlernt hat? Immerhin hat Ladonna über Jahre das italienische Zaubereiarchiv zur Verfügung gehabt."

"Weshalb wir ja auf der Hut sein müssen, was deren selbsternannte oder von dieser noch berufene Erbinnen angeht, Mater Milena", entgegnete Gesine Feuerkiesel.

"So ist auch dieser Schoß noch fruchtbar, nicht nur der der sogenannten Todesser oder der des dunklen Erzmagiers aus dem alten Reich."

"Wobei letzterer es sich verbeten würde, einen gebärfähigen Schoß sein eigen zu nennen", erwiderte Gesine trocken. Das im Spiegelglas sichtbare Gesicht der rumänischen Bundesschwester verzog sich zu einem verächtlichen Grummeln. Dann sagte Mater Milena: "Nun, was ich wollte habe ich erledigt. Irgendwer da draußen hat mit sehr blutigem Erfolg einen uns beiden unbekannten Zauber ausgeführt, mit dem sogar Drachen getötet werden können. Das sollte uns sehr zu denken geben."

"Ja, und deshalb danke ich dir, dass du mir diese Nachricht übermittelt hast", erwiderte Gesine. "Wie geht es bei euch mit den Blutsaugern?"

"Das Vampirmoratorium wird auch bei uns sehr strickt durchgesetzt. Seit Dezember letzten Jahres ist kein Vampir aufgefallen", sagte Milena. "Meine Enkeltochter deutete an, dass sie wohl demnächst nach Afrika umziehen müsste, weil es dort noch frei herumschwirrende Vampire gibt."

"Diese Pest wird uns früher wieder heimsuchen als uns allen lieb ist, Mater Milena", erwiderte Gesine. Dem konnte ihre Gesprächspartnerin nur zustimmen. Dann verabschiedeten sie sich mit der in der gesamten schweigsamen Schwesternschaft geltenden Grußformel: "Semper Sorores!" Danach beendeten sie die Bild-Sprech-Verbindung. Nun konnte sich Gesine Feuerkiesel selbst im Spiegelglas sehen. Ihre blattgrünen Augen blickten sorgenvoll. Vielleicht sollte sie noch mit einer weit aus besser bewanderten Kennerin von Astralmagie sprechen, um ihr mitzuteilen, was im Drachenreservat geschehen war. So wählte sie in ihrem Raum mit den zehn wichtigen Spiegeln jenen, über den sie mit Sophia Whitesand sprechen konnte.

Als das von weißblondem Haar umrahmte Gesicht mit den stahlblauen Augen und der goldenen Halbmondglasbrille im Spiegelglas auftauchte begrüßte Gesiene sie erst einmal und fragte, wie es ihr ging. "Ich erfreue mich bester Gesundheit und bekomme jedes Wochenende Besuch von meinen Ururenkeln Perseus und Pythagoras", sagte Sophia. "Ja, und mein grummeliger Vetter hat sich dazu beknien lassen, regelmäßige Reinigungstruppen durch seinen Pub wirken zu lassen. Immerhin hat es sich ja in der ganzen Welt herumgesprochen, dass von dort aus die Kämpfer für die Schlacht um Hogwarts aufbrachen. Das gefällt ihm zwar nicht so richtig, weil das ihn auch immer an die viele Jahrzehnte gepflegte Heldenverehrung für Albus erinnert. Aber nachdem ich ihm gedroht habe, dass wir ja den Pub übernehmen könnten und er sich nur noch um seine Ziegenfarm kümmern bräuchte wurde er doch sehr umgänglich. Er hängt an seinem Laden, und ja, er empfindet doch wieder eine wenn auch posthume Sympathie für Albus. Immerhin gibt er den Potters und Weasleys rabatt, wenn sie bei ihm einkehren."

"Solange er Harry Potters Stammhalter keinen Feuerwhisky unterjubelt", meinte Gesine. "Oha, da passen mehr als genug besorgte Hexenmütter auf, dass das nicht passiert, Mater Gesine. Aber du wolltest bestimmt mit mir über was sehr ernstes reden, deinem Gesicht nach." Gesine Feuerkiesel nickte der Frau im Spiegel zu und erwähnte, was ihre rumänische Bundesschwester berichtet hatte. Sophia Whitesand nickte und antwortete: "Ja, davon hörte ich gestern über fünf Zwischenstellen und musste erst einmal ausfiltern, was davon glaubhaft ist und was heftig übertrieben. Im Endeffekt sollen ein kapitaler Hornschwanzhahn und sechs Drachenhüter von einem heftigen Flächenfluch verstümmelt worden sein, der angeblich oder wahrhaftig was mit dem Planeten Uranus oder dessen Namensgeber zu tun haben soll. Weil eine Hexe diesen Zauber ausgerufen hat, zumindest erfuhr ich das über eine Quelle, die an der Koordination der Drachenwärter dran ist, könnte es eine der Ungeduldigen gewesen sein oder eine der Spinnenschwestern oder eine ehemalige Gefolgshexe Ladonnas. Eine Tochter der Hecate schließe ich aus, weil die ihre Zauber auf altgriechisch aussprechen, ebenso eine dunkle Hexe aus dem Morgenland, weil die auf Arabisch, altägyptisch oder Farsi ihre Zaubersprüche ausformulieren. Vielleicht war es auch keine durch und durch den dunklen Wegen folgende Hexe, und sie hat diesen Zauber irgendwoher und wollte wissen, wie er wirkt. Gut, das sollte sie nun wissen. Aber weißt du, Mater Gesine, dass von dem ganzen Vorfall keine magische Rückschau erstellt werden konnte? Das rumänische Zaubereiministerium hat mit Dusoleils Retrocular überprüft, was dort vorfiel und nur völlige Dunkelheit für den Zeitraum einer Stunde gesehen. Was sagt uns das?"

"Oh, davon hat unsere rumänische Amtsschwester nichts gesagt, womöglich weil das rumänische Ministerium das nicht breittreten wollte", sagte Gesine.

"Ich weiß das auch nur von der entsprechenden Quelle, die das mit der Hexenstimme bestätigt hat. Aber was sagt uns das zeitliche Loch von einer Stunde in der Rückschau?"

"Das diejenige Zugriff auf Incantivacuumkristalle haben muss und weiß, dass deren Freisetzung die magische Rückschau der Stunde vor der Entladung verdirbt", erwiderte Gesine Feuerkiesel. "Ja, das sagt uns das", erwiderte Sophia Whitesand. "Also muss da jemand auf die wenigen Quellen zugreifen können, die solche Kristalle herstellen."

"Durch die Allianz gegen die Blutgötzin sind auch Fertigungen dieser Kristalle international ausgebaut worden", sagte Gesine. "Überlege bitte, dass damals jene Spinnenschwestern, die die aufgewachte Abgrundstochter in der Mojavewüste bekämpft haben auch IVKs benutzt haben."

"Wohl wahr", bestätigte Sophia Whitesand. Wie du weißt durfte ich ja den Augenzeugen, der fast ein Opfer dieser Kreatur wurde, persönlich interviewen." Gesine Feuerkiesel nickte der Hexe im Spiegelglas zu. "Also wissen wir somit auch nicht mehr als vorher."

"Ja, leider", erwiderte Gesine. "Aber wer könnte so einen Zauber ursprünglich ersonnen haben?"

"Jeder und jede, der oder die sich intensiv mit siderischen Zaubern befasst hat, von Gertrude Steinbeißer damals, aber die bekam ja nicht mehr mit, dass Uranus entdeckt wurde, über Canopus Hertzsprung und seine direkten Nachfahren, meine Wenigkeit oder Daedalus Diggle. Aber der ist ein zu herzensguter, wenn auch sehr hibbeliger Zauberer. Der würde solch einen verheerenden Fluch nicht erfinden und dann auch noch weitergeben."

"Da kann ich dir nicht zustimmen oder widersprechen, weil ich jenen Gentleman nicht kenne", erwiderte Gesine. "Ja, Canopus war ein überragender Thaumaturg, Alchemist und Astralmagier. Der könnte so einen Zauber erfunden haben. Aber da nichts davon in den höheren Astralzauberregistraturen gelandet ist hat er dieses Wissen, sollte er es sich angeeignet haben, mit ins Grab genommen."

"Falls er es nicht irgendwo versteckt hat, für wen, der seiner würdig ist, Mater Gesine."

"Ach, stimmt, bei euch Sternenguckern ist ja das Gerücht in Umlauf, dass Canopus seine größten Geheimnisse irgendwo versteckt haben soll. Aber bisher wurde nichts davon gefunden, und glaube es mir, werte Schwester auf gleicher Augenhöhe, das hätte ich schon mitbekommen, wenn da was gefunden worden wäre."

"Das habe ich auch mal geglaubt, dass ich alles für mich und unsere Schwesternschaft wichtige früh genug erfahre, und dennoch hat uns der Umsturz durch die Todesser damals sehr übel erwischt, wie du ganz genau weißt."

"Eh ja, wohl nicht abzustreiten", erwiderte Gesine Feuerkiesel. Wie konnte sie auch nur so arrogant sein, zu behaupten, alles mitzubekommen? So blieb ihr nur, Sophia zu fragen, wie sie mit diesem Wissen umgehen sollten. "Falls diese Hexe, falls es sie gibt, in unseren Reihen weilt sollten wir sie nicht darauf stoßen, dass wir von der Angelegenheit im Drachenreservat erfahren haben", schlug Sophia vor. "Nur wir Stuhlmeisterinnen sollten das wissen."

"Gut, dann informiere du bitte unsere Amtsschwestern in Übersee. ich werde mich mit unseren Amtsschwestern auf dem europäischen Festland beraten", sagte Gesine Feuerkiesel. Sophia Whitesand stimmte dem zu.

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Weit von Europa entfernt erfuhr noch jemand, was sich am 26. April 2008 in Rumänien zugetragen hatte. Anthelia/Naaneavargia erhielt die Mitteilung von einer ihrer russischen Bundesschwestern, die mitbekommen hatten, das Minister Arcadi wegen dieses Vorfalles eine geheime Abteilungsleiterkonferenz einberufen hatte. Als sie näheres über den fraglichen Zauber erfuhr wusste sie auch gleich, wer diesen angewendet haben musste und woher diejenige ihn wohl kannte. "Tja, aus den dunklen Schränken hochgeheimer Archive lernen viele doch noch viel neues, auch wenn es in Wirklichkeit uralt ist", dachte Anthelia/Naaneavargia verdrossen. Ihr wurde auch klar, dass die andere damit eine mächtige Waffe in ihren Händen hielt. Doch musste sich die oberste der Spinnenhexen hüten, die Verdächtige darauf anzusprechen. Es stand ja was auf dem Spiel, der Schlüssel nach Khalakatan.

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Drei Töchter, drei Geburtstage, alle um Walpurgis herum. Deshalb konnten die Eheleute Latierre diese besondere Nacht im Jahr nicht so feiern wie andere Hexen und Zauberer. Allein schon die Vorstellung, dass Aurore bereits acht und Flavine und Phylla bereits drei Jahre auf der Welt waren war beachtlich. Wie schnell verging doch die Zeit, dachten Béatrice, Mildrid und Julius Latierre. Jedenfalls freute sich die kleine Rosey Dawn, dass sie an allen drei Geburtstagen eingeladen worden war. Offenbar hatte sie das Anliegen, ihren erwachsenen Geist, der sich in ihrem Kinderkörper verstecken musste, ein wenig freier atmen zu lassen, wenn sie mit den glücklichen Eltern und ihrer Mutter Aurora im Klangkerkermusikzimmer sprach. Aurora wirkte ein wenig betrübt, weil sie bis heute noch nicht wusste, worin der Auftrag der australischen Nargun bestand, deretwegen Heather Redrobe geborene Springs in den Körper ihrer an Aurora übergebenen Tochter umgebettet worden war. Rosey wollte dazu immer noch nichts erzählen. Doch sie kam nicht umhin anzudeuten, dass ihr zweites Leben vielleicht gerade mal 20 Jahre dauern mochte, falls sie bei dem, was sie zu tun hatte endgültig sterben würde. Doch im Moment würde es schwerer sein, ihre geistige Entwicklung weiter zu verbergen, wenn sie in die Schule kam und mit elf Jahren nach der Geburt in die australische Zauberschule Redrock aufgenommen werden mochte.

Als dann um halb zwölf endlich alle großen und kleinen Festgäste im Apfelhaus müde genug waren, um zu schlafen dachte Béatrice daran, ob ihr Leben nicht auch nur noch wenige Monate dauern mochte. Nur weil Ashtaria ihr gezeigt hatte, worauf sie sich vorbereiten musste hieß das nicht, dass es ihr auch einfach so zugänglich wurde. Immerhin hielt das ägyptische Zaubereiministerium die Grenzen geschlossen. Die sogenannten Sandfalken wachten über alles magische, was nicht vom Ministerium selbst bewirkt wurde. Insofern konnte eine kleine Unaufmerksamkeit ihr zum Verhängnis werden. Sicher konnte sie das Angebot Ashtarias ausschlagen oder auf unbestimmte Zeit zurückweisen. Doch warum hatte sie dann die kleine Chloris geboren und somit Julius in die schwierige Lage gebracht, sich zwischen seiner offiziellen Ehefrau und ihr aufzuteilen. Das sollte ja dann doch einen Wert haben, dachte Béatrice Latierre. Dann fand sie die nötige Ruhe, um einzuschlafen.

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Die Walpurgisnacht im Hause Tyches Refugium wurde wieder ein Großereignis. Unter dem Deckmantel einer wilden Hexenparty ohne Zauberer ergaben sich Gelegenheiten, Wissen auszutauschen. Anthelia hätte fast laut losgelacht, als eine ihrer belgischen Mitschwestern Albertrude davon berichtete, was in Rumänien passiert war. Albertrude, die bei allen anderen Schwestern außer Anthelia noch als Albertine bekannt war, erwiderte, dass Ladonna sicher noch etliche finsteren Geheimnisse an ihre Nachfolgerinnen weitergereicht hatte, auch und gerade wenn ihr letztes Vermächtnis bei Santorini vernichtet worden war. Dabei wusste Albertrude zu gut, dass das größte und geheimste Erbe Ladonnas nicht in der materiellen Welt wirkte, sondern in einem Zwischenreich zwischen stofflicher Welt und Totenwelt und dass diese dort weilende transvitale Entität Ladonnas Pläne vereiteln wollte. Doch sowohl Anthelia als auch Albertrude wussten, dass diese TVE sie beide gewähren ließ, weil sie offenbar wollte, dass jemand diese chaotische Welt ordnete.

Als Anthelia mit Albertrude in einem abhörsicheren Raum zusammensaß sagte die höchste Spinnenschwester: "Wir dürfen wohl beide davon ausgehen, dass alle Ministerien der Welt erfahren haben, was wir nur mit Mühe und Not von unseren treuen Mitschwestern erfahren haben, Schwester Albertrude. Also muss diese Person, die diesen Uranus-Zauber aufgerufen hat nun noch mehr auf der Hut vor Nachstellungen sein. Ich denke, sie ist intelligent genug, um zu wissen, dass dieser Zauber nicht all zu häufig ausgesprochen werden darf. Also sollten wir uns keine Sorgen machen, nicht wahr?"

"Nun, Schwester Anthelia, es wäre nicht das erste mal, dass jemand einen mächtigen Zauber erfunden und ausprobiert hat und es erst nach dem Tod der betreffenden Person bekannt wurde, was damit alles angestellt wurde. Ich denke, es war in Rumänien nur eine Frage von wenigen Minuten, ob der Zauber bekannt oder weiterhin geheim geblieben wäre", sagte Albertrude ruhig. Doch Anthelia vermeinte eine gewisse Verdrossenheit herauszuhören. Ja, wenn jener Zauber eine Minute später gewirkt worden wäre wären sämtliche Zeugen wohl getötet worden und hätten nicht verraten können, wie der Zauber ausgeführt worden war. Doch mehr wollte Albertrude dazu nicht bemerken. Mehr musste Anthelia auch nicht erfahren. Falls Albertrude diesen Zauber gegen sie verwendete mochte das ihr eigenes Schicksal besiegeln. Vielleicht war es auch nur ein Experiment, ein Versuch, einen archivierten und für gefährlich gehaltenen Zauber auszuprobieren. Anthelia wusste ja, dass Albertrude das komplette Archiv geheimer dunkler Künste aus dem deutschen Dokumentenarchiv erbeutet hatte. Außer ihr wusste das höchstens noch die grüne TVE, und wenn die nicht gleich eingeschritten war, dann wohl deshalb, weil Albertrude mit dem von ihr erbeuteten Wissen hantieren durfte wie sie wollte, solange sie damit nicht die ganze Welt in Schutt und Asche legte.

"Wie laufen eigentlich deine anderen Vorhaben, Schwester Albertrude?" fragte Anthelia aus ehrlichem Interesse.

"Es mag einfach sein, sich ein Kind in den Bauch legen zu lassen, aber überaus schwer, den richtigen Vater zu erwählen, der sowohl körperlich wie geistig aussichtsreich genug ist, ein guter Vererber zu sein", sagte Albertrude eher oberflächlich. Dann fügte sie noch hinzu: "Jedenfalls habe ich das Ziel nicht aus den Augen verloren, auch wenn ich mich im Moment noch durch die Errungenschaften des deutschen Geheimarchives wühle, um zu sehen, was alles an interessanten Dingen darin geschlummert hat. Ja, und ich muss auch aufpassen, dass Prunella nicht zu früh entdeckt wird. Denn ihre Existenz zu erklären dürfte sehr schwerfallen. Ja, und denke nicht einmal daran, mich mit dem Wissen um ihre Existenz erpressen zu wollen, Schwester Anthelia! Es könnte mir einfallen, sie deshalb verschwinden zu lassen. Dann hättest du sie auf dem Gewissen und wir beide müssten darauf hoffen, dass ich einen neuen Vater einer Tochter finden kann, um jenen runden Stein zu bekommen, der dir ja auch sehr wichtig ist."

"Du würdest dein eigenes Fleish und Blut töten?" fragte Anthelia. "Wenn das größere Ziel dies gerechtfertigt, Schwester! Wage es bitte nicht, mir Vorwürfe zu machen, wo ich weiß, dass jene, mit der du vereint bist im ersten Leben selbst mehr als acht ungeborene Kinder geopfert hat, um mehr Macht über die Lebenden zu bekommen. Auch Sardonia hat ihre eigenen ungeborenen Kinder geopfert, um die erste Generation dieser Kerbtierkrieger zu erbrüten."

"Ich stellte auch das große Ziel über ein einzelnes Leben", erwiderte Anthelia, musste jedoch aufpassen, dass Albertrude ihr nicht anhörte, dass sie sich dessen nicht mehr so sicher war. "Und was hätte ich auch davon, dich erpressen zu wollen, Schwester Albertrude? Dann müsste ich ja zugeben, Gertrudes Testament zu kennen und auch darauf verzichten, endlich den zweiten Stein zu erhalten. Also gehe deinen ganz eigenen Vorhaben weiter nach, Schwester. Doch beachte dabei bitte unser Abkommen, dass keine der anderen Machtbereich gefährdet!"

"Apropos Machtbereich, du hast allen Ernstes den Burgfrieden mit der MAKUSA-Präsidentin geschlossen, den du damals mit ihrem Ex-Mann und Ziehsohn mit dir schließen wolltest?"

"Ich habe mit der werten Godiva vereinbart, dass ich mich mit den Schwestern um neu aufkommendes Ungemach von Vita Magica kümmere, sofern sie keine Verdächtigen festnehmen lassen kann, die zu dieser Organisation gehören", sagte Anthelia. Sie sieht in mir sowas wie eine außerministerielle Sondertruppe, ähnlich wie das Marie-Laveau-Institut. Nur dürfen weder ich noch eine unserer Schwestern bei außerministeriellen Tätigkeiten erwischt werden", erwiderte Anthelia.

"Ach ja, dann müsste sie ja leugnen, dich zu kennen", erwiderte albertrude verächtlich. Anthelia bestätigte das.

Der Rest der Walpurgisfeier verlief mit Musik und Tanz, wobei wegen der nicht mitfeiernden Zauberer eben nur Damenpaare oder größere Gruppen zur mechanisch wiedergegebenen Musik tanzen konnten.

Am Ende der Feier wusste Anthelia ganz sicher, dass die Geheimarchive aus Deutschland und Italien noch so manche Überraschung bereithielten. Es mochte etliche geben, die ihr selbst übel bekommen mochten. Doch dieser große Kessel war ausgelaufen und ließ sich nicht mehr füllen, dachte Anthelia. Schuld daran war im wesentlichen jene unsichtbar auftretende, von keiner Gedankenhörerin wahrnehmbare Bogenschützin mit den verfluchten Pfeilen. So blieb Anthelia nur, das eigene Herrschaftsgebiet zu festigen und ganz behutsam auszubauen.

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Zwergenverbindungsbüroleiter Hanno Erlenhain hatte sich wegen der sowieso bestehenden Abschottung der Zwerge unter dem Schwarzwald eine Woche Urlaub genehmigt und mit seiner Frau die Walpurgisnacht in Schweden gefeiert. Als er am sechsten Mai in sein Amtszimmer zurückkam grüßte ein viele Zentimeter hoher Pergamentstapel auf seinem Schreibtisch. Einige Pergamente steckten in Umschlägen. Doch es gab auch Rollen, die von einem violetten Ring gehalten wurden. Violett war die bei allen Zwergenvölkern amtliche Farbe reisender Boten und amtlicher Briefe an die Zaubererwelt. Wieso hatte er so viele Briefe erhalten?

Eine erste Durchsicht der hier angehäuften Korrespondenz wies bereits darauf hin, dass die Zwergenkönige der Nachbarländer Deutschlands besorgt waren, weil sie keinen regelmäßigen Botenaustausch mehr mit Malins Volk hatten. Das sah zunächst nach Ungewissheit aus, was Malin zugestoßen war. Doch der in einer Pergamentrolle steckende Brief aus Italien, der in der allen Zwergen vom Nordkap bis nach Sizilien gebräuchlichen Sprache SvartAlfin und den Runen freien Wortes verfasst war machte klar, dass zumindest der italienische Zwergenkönig Huorchino Spatafuoco, also Feuerschwert oder Feuerklinge, darüber bescheid wusste, was seinem Amtskollegen in Deutschland gerade auferlegt war.

Mein Herr und König möchte in seiner tiefen Besorgnis eine klare Auskunft erfragen, wann die seinem Amtsgenossen Malin zugemutete Einschränkung von Reise- und Handelsfreiheit wieder aufgehoben wird und mit welchem für uns gültigem Recht diese Einschließung vollzogen wurde. Mein Herr und König möchte ebenso daran erinnern, dass er mit König Malin einen Beistandsvertrag geschlossen hat, der gebietet, dass sie in einem Fall von großer Bedrängnis einander beizustehen haben, mit allen Mitteln des Goldes und des Eisens. Er sieht sich in sehr unangenehmer Weise an die seinem eigenen Volk zugemutete Einschließung durch die von Ladonna im Ministerium für magische Angelegenheiten untergebrachten Handlanger und bekundet, dass alle Könige unter den Bergen dieser Welt einander gelobt haben, dergleichen nie wieder hinzunehmen und einander beizustehen, wenn einem Volk unter den Bergen solches oder ähnliches Ungemach widerfährt. Daher weist mein Herr und König darauf hin, dass er im Falle einer nicht rechtskräftigen oder gar ausbleibenden Beantwortung dieser seiner Anfrage davon ausgehen muss, dass sein Amtsgenosse Malin und dessen ihm anvertrautes Volk in großer Gefahr für Leib, Leben und Ehre schwebt und somit der Beistandsfall gegeben ist. Mein Herr und König räumt zur Beantwortung der von ihm durch mich an Euch gerichteten Fragen eine Bedenk- und Beantwortungszeit von zwei Mondvierteln ein. Selbstverständlich wird auch die Aufhebung jener Einschließung von König Malins Reich als rechtlich eindeutige Beantwortung dieser Fragen anerkannt. Da mein Herr und König davon Kenntnis hat, dass auch im Verwaltungsgefüge der großen Leute mit Ausrichtungsstäben der hohen Kräfte eine klare Befehlsabfolge besteht gewährt mein Herr und König Euch diese Bedenkzeit, um mit Euren Vorgesetzten darüber zu sprechen und deren Entscheidung zu erfahren. Mein Herr und König harrt somit der von ihm erbetenen Antwort.

"Der droht uns doch nicht etwa mit Krieg?" fragte Lichtwachenleiter Wetterspitz, als Erlenhain ihm diesen und zwei weitere Briefe aus anderen Zwergenreichen vorgelegt und vorgelesen hatte. "Hmm, interessant, könnte jemand genauso auslegen. Gut, als Leiter der magischen Schutztruppen und Friedenswahrer müssen Sie ja von möglichen gewaltsamen Angriffen ausgehen", sagte Erlenhain. Dann sagte Wetterspitz:

"Der Minister hat mir unmissverständliche Anweisungen erteilt. Die für Ihre Tätigkeit geltende Anweisung lautet: "Malin muss einen magisch bindenden Anerkenntnisvertrag des bestehenden Handelszustandes und einen verbindlichen Verzicht auf alle aggressiven oder das Dasein beeinträchtigenden Handlungen gegen die Kobolde eingehen. Solange er dies nicht tut wird seine Streitmacht an jeder offenen Gewalthandlung gehindert und seine Händler von allen Geschäftsreisen und Warenbeförderungen ausgeschlossen. Was Sie diesem selbst mal von Ladonnas Leuten zur Raison ebrachten Feuerklingenkönig schreiben dürfen machen Sie bitte mit Ihrem direkten Vorgesetzten Herrn Bärenfels aus! Ich werde jedenfalls die mir erteilten und von meiner Seite aus gerechtfertigten Maßnahmen nicht aufheben."

"Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass es Malin noch gelang, mehrere Dutzend dieser Untergrundfahrzeuge auszusenden und an für ihn sicheren Orten zu verstauen", merkte Hanno Erlenhain an. "Er könnte auf die Idee kommen, die Belagerung von außen zu brechen. Auch wissen wir nicht, ob die von ihm ausgeschickten Fahrzeuge die einzigen ihrer Art sind. Falls die Schwarzalben in allen neun Königreichen solche Untergrundreisewalzen besitzen könnten sie damit wie zustoßende Raubfische von unten her angreifen, bevor Lichtwächter und andere Schutztruppen das bemerken."

"Das wird ihm nicht gelingen, weil die Magnetfeldkreiselplattformen mehr als fünfzig Meter über festem Grund liegen. Auch sind sie mit Goldblech und den Runen für Unergreifbarkeit gesichert, so dass das Goldlicht der Zwerge davon abgleitet, ohne sie zu verrücken oder gar zu zerstören."

"Nichts für ungut, Herr Generalissimus Wetterspitz. Doch offenbar wurden Sie nicht darüber in Kenntnis gesetzt, dass die Zwerge über eine Vorrichtung verfügen, die zwar als geächtete Waffe eingestuft ist, aber dennoch nicht aus der Welt verschwunden ist, die Erdfeuerschleuder oder Erdfeuerpumpe", sagte Erlenhain.

"Ja, mir ist die Existenz dieser sehr gefährlichen Waffe bekannt. Damit können Zwerge glutflüssiges Material aus vielen Kilometern Tiefe aus der Erde heraus zeitlos an ein Ziel befördern, dass dann unter der wegen der Tiefenglut hohen Temperatur und auch des in den Tiefen der Erde vorhandenen Druckes auseinanderstrebenden Materials beschädigt oder vollständig vernichtet wird. Eben weil diese Waffe so verheerend wirkt wurde sie gemäß einer Übereinkunft von 1901 zur geächteten Waffe erklärt, zumal die Kobolde und deren Schutztruppen angedroht haben, entsprechende Waffen zu bauen und im Falle von Angriffen auf sie einzusetzen. Allerdings, und das sollten Sie als Zwergenverbindungsbeauftragter eigentlich auch wissen, fürchten die Zwerge wie die Kobolde die Existenz eines tief unter der Erde gefangenen übergroßen Trolles mit eiserner Panzerung, der durch solche Waffen aus seiner tiefen Behausung oder Einkerkerung hervorgelockt werden könnte. Wohl auch daher haben die Zwerge zugestimmt, keine neuen Erdfeuerpumpen mehr zu bauen und sie auch nicht mehr einzusetzen. Es gelang uns jedoch nicht, die bereits vorhandenen Pumpen restlos einzusammeln und zu zerstören. Daher gilt ihre Existenz und Einsatzbereitschaft als zu beachtende Möglichkeit. Was denken Sie also, warum wir die Magnetfeldkreisel weit genug über der Erde eingerichtet haben?"

"Diese Waffe kann das von ihr beförderte Material über mehrere Kilometer weit schleudern, Generalissimus Wetterspitz. Nur der Umstand, dass Malin sich nicht beim Verstoß gegen die Acht dieser Waffe erwischen lassen möchte hält ihn bisher davon ab, sie einzusetzen. Doch er hat sie bereits gegen die Kobolde eingesetzt. Die ungeplante und unangenehme Aufheizung verschiedener Gringottsfilialen ..."

"ist mir und allen anderen Sicherheitszauberern Europas hinlänglich bekannt, Herr Erlenhain", schnitt Wetterspitz seinem Gesprächspartner das Wort ab. "Immerhin durften Sie ja unser aller Besorgnis zum Ausdruck bringen, dass es bei der bisher rein rhetorischen und geschäftlichen Auseinandersetzung zwischen Zwergen und Kobolden auch die Gefahr einer klar verbotenen und unverzeihlichen Gewalt geben könnte und König Malin bitte klarzustellen habe, dass er eine solche Ausuferung vermeiden will. Wir halten die Einschließung aufrecht. Wenn er Hilfe von seinen Bruderkönigen haben will darf er nicht von sich aus angreifen, nicht wahr?" Erlenhain sah Wetterspitz verdutzt an. Der sah ihn nur verächtlich an. "Ich bin nicht oberster Lichtwächter Deutschlands geworden, weil ich in der Uniform so schmuck aussehe, Herr Erlenhain. Ich bin es vor allem, weil ich nachweisen konnte, jede Gefahr aus der magischen Welt zu kennen und ihr entgegenwirken zu können, wenn sie akut wird. Daher kenne ich natürlich auch die zwischen uns und anderen Zauberwesen bestehenden Verträge, die über Krieg oder Frieden bestimmen können. Gerade letzteres ist ja mein wichtigstes Betätigungsfeld. Das Los des Abteilungsleiters, nur noch Bürokratie und Diplomatie, keine ehrliche Handwerksarbeit und keine Erprobung des eigenen Wagemutes mehr", seufzte Andronicus Wetterspitz. Erlenhain überhörte diese an Selbstmitleid grenzende Bemerkung jedoch. Er war kein Krieger. Deshalb war er ja auch als Vermittler eingesetzt worden. Falls die Zwerge jetzt aber mit Krieg drohten war das auch sein Versagen. Doch das wollte er nicht zugeben, nicht vor diesem alten Haudrauf da, der nur weil es sonst keiner machte den Chefsessel im Hauptquartier warmhielt und sich auch noch auf Drängen eines anderen Burschens dazu hatte breitschlagen lassen, dessen Schwester zu heiraten und dann noch den eigenen Familiennamen Eisenhut aufzugeben, um den Namen weiterzuvererben, weil der andere sich offenbar nicht dazu berufen fühlte. Erlenhain wusste nicht, wer wirklich dazu gedrängt hatte, dass Andronicus Eisenhut heute Wetterspitz hieß. Sonst hätte er den hochdekorierten Lichtwächter sicher noch weniger geachtet.

"Ich werde mich mit meinem Vorgesetzten Bärenfels und falls nötig noch einmal mit Minister Güldenberg beraten und sowohl Sie als auch die mich adressierenden Boten der anderen Zwergenvölker darüber unterrichten, wie es weitergeht", sagte Erlenhain. Denn im Moment konnte er diesen auf eine Gelegenheit für offene Kampfhandlungen lauernden Kollegen da nicht zu einer Abkehr seiner Belagerungsstrategie bringen.

So traf sich Erlenhain eine stunde vor zwölf Uhr mit seinem Vorgesetzten Klodwig Bärenfels, dem Leiter der Abteilung für die Erfassung und Verwaltung magischer Geschöpfe und las auch diesem die Briefe aus dem Zwergenreich vor.

"Willkommen im Verein, Herr Erlenhain. Ich habe diesem alten Funkensprüher Wetterspitz auch schon nahegelegt, die Abschottung von Malins Königreich auf rechtlich sichere Füße zu stellen, weil wir damit rechnen müssen, dass sich andere Ministerien berufen fühlen könnten, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen, wenn wegen uns der Handel bedroht wird. Die Österreicher, Italiener und vor allem die Franzosen leben gut von Zwergenprodukten aus Skandinavien, und die Nordlandzwerge, die sich ja für die Nachfahren des Urvolkes an sich halten, könnten sich mit Malin solidarisch erklären und jeden Handel unterbinden, solange dessen Reich von uns derrmaßen abgeriegelt ist. Aber davon wollen der Minister und seine beiden Skatbrüder nichts wissen. Die wollen klarstellen, dass wir uns weder von den Kobolden noch von den Zwergen auf der Nase herumtanzen lassen."

"Was sagt der Kollege Silbernagel, wie die Kobolde gerade gestimmt sind?"

"Schweigen im Walde, so die eindeutige Meldung aus dem Koboldverbindungsbüro. Selbst eine mehrmalige Vorladung des von diesen bestimmten Verbindungssprechers wurde mit Nichtbeachtung beantwortet. Da wir ja bei diesem netten Treffen auf Feensand im letzten Jahr beschlossen haben, uns mit den Kobolden möglichst freundschaftlich zu stellen kann so ein Vorgehen wie bei Malin bei den Kobolden nicht umgesetzt werden, zumal die zwar kleinere Wohnviertel in den Zaubererdörfern haben, aber kein zusammenhängendes Hoheitsgebiet, das mal eben mit wirbelnden Magnetfeldern eingeschlossen werden kann. Abgesehen davon - was Sie jetzt nicht von mir haben - wurden bei der Einschließung von Malins Reich sämtliche Magnetfeldkreiselplattformen im Ministeriumsbesitz eingesetzt. an und für sich müssen wir noch welche vorhalten, um bei Auffindung eines Ausweichhafens für diese blauen Untergrundwalzen deren weitere Manövrierfähigkeit zu beschränken. Wundert mich eh, dass Malin deren Lenkern offenbar keine Anweisungen für den Fall einer Belagerung seines Reiches erteilt hat."

"Bei allem Respekt, Herr Bärenfels, aber da muss ich Ihnen als Fachzauberer für die Schwarzalben überdeutlich widersprechen. Er hat diese Fahrzeuge nur deshalb losgeschickt, weil er genaue Anweisungen erteilt hat, was deren Lenker nach dem fluchtartigen Ausrücken zu tun haben. Ja ich gehe sogar soweit und behaupte, dass Malin mit unserer Einschließungsaktion gerechnet hat und nun darauf setzt, dass wir von verschidenen Seiten dazu gedrängt werden, sie wieder aufzugeben. Ja, zu seiner Anweisung könnte gehören, wen die ausgesandten Untergrundfahrzeuge demnächst angreifen sollen, wenn er unserer Belagerung überdrüssig ist, was erst geschieht, wenn sein Volk seiner überdrüssig ist."

"Und wann ungefähr wäre das?" fragte Bärenfels. Erlenhain musste zugeben, dass er auf diese Frage keine Antwort wusste. Den König zur Aufgabe seines Throns zwingen durften die Zwerge im Moment nicht, weil er noch im Zeitraum seiner zwölfjährigen Unantastbarkeit war. Die einzigen, die ihn da herausfordern durften waren andere Zwergenkönige, die sich sein Reich einverleiben wollten. Die riskierten dabei aber auch, ihr Leben und auch das eigene Reich zu verlieren. Da die meisten Zwergenkönige schon seit Jahrzehnten regierten und trotz der Erdmagieerschütterung am 26. Dezember 2004 keine gewaltsame Auseinandersetzung mit hohen Verlusten wagen wollten gab es wohl im Moment keinen König, der Malin zum Zweikampf herausfordern würde.

"Sie schreiben an den italienischen Boten, dass Sie in Absprache mit mir die Anweisung erhalten haben, keinerlei Auskünfte über Zwerge zu erteilen, die nicht auf italienischem Hoheitsgebiet leben und zudem eine Zusicherung aus dem italienischen Zaubereiministerium haben, das dieses sich nur um die eigenen Angelegenheiten kümmere."

"Öhm, ist das so?" fragte Erlenhain. "Sie schreiben das so und nicht anders. Höchste Dienstanweisung!" bekräftigte Bärenfels. Dageen konnte Erlenhain nichts mehr sagen, außer falls ihm der Minister eine gegenteilige Dienstanweisung erteilen sollte. Doch die Strenge und Entschlossenheit in Bärenfelses Anweisung verrieten Erlenhain, dass der sich seiner Sache sicher war, also der Minister hinter dieser Anweisung stand, sie wohl sogar an Bärenfels delegiert hatte.

"Ach ja, Sie dürfen dem besorgten König Feuerschwert auch mitteilen, dass er Malin keinen Beistand leistet, wenn er uns in Aussicht stellt, mit ihm Schwierigkeiten zu bekommen. Immerhin unterliegt sein Volk derselben Aufenthaltsregelung wie Malins Volk, und wir könnten unsere Kollegen in Italien fragen, ob sie diese Art von Einmischung in unsere Angelegenheiten beschlossen haben und falls nicht, alle Versuche von Auswärts zu unterbinden. Huorchino hat ja laut Ihren Bericht selbst erfahren, wie es ist, wenn sein Volk und er von magischen Absperrungen beschränkt werden. Das kann jederzeit wiederholt werden. Bringen Sie dies jedoch nicht als Drohung an, sondern als vermeidbare Unannehmlichkeit, die nicht in unserem Interesse liegt. Sie machen das schon."

"Ich danke für Ihr Vertrauen, Herr Bärenfels und werde alles dafür tun, es weiterhin zu rechtfertigen", sagte Erlenhain mit der gewissen Unterwürfigkeit des rangniederen Mitarbeiters. Dann kehrte er in sein eigenes Büro zurück.

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"Kolleginnen und Kollegen, das bringt nicht wirklich was, andauernd über dem magnetisch abgeriegelten Reich herumzufliegen, wo wir alle doch wissen, dass Malin seine stärksten Waffen noch rechtzeitig ausgelagert hat", sprach die Hexe, die allen hier noch als Albertine Steinbeißer bekannt war mit einer überirdisch eindrucksvollen Betonung. Alle Lichtwächter, die wegen Unfällen mit Gegnern oder von diesen ausgesandten Tierwesen ihre Augen eingebüßt hatten und vom Ministerium mit biomaturgischen Prothesen mehr als entschädigt worden waren hörten aufmerksam zu, als die in deren Sinn außenstehende Kollegin sagte: "Wir müssen nach diesen ausgelagerten Booten suchen. Wenn dieser König unter dem Schwarzwald meint, unsere Belagerung beenden zu wollen wird er die einsetzen."

"Das ist richtig", erwiderte Alois Eisenschwinge, ein Lichtwächter aus der Region Niederbayern, der sein rechtes Auge bei einem Duell mit einem Dunkelmagier aus München verloren hatte.

"Wir müssen also Generalissimus Wetterspitz davon überzeugen, dass wir nur einen von uns über Malins Reich patrouillieren lassen und die anderen nach den ausgeschickten Untergrundwalzen suchen lassen, bevor diese Walzen uns finden", sprach die Hexe mit zwei graublauen Kunstaugen weiter. Ihre Worte wirkten derartig klar und überzeugend, dass alle hier sitzenden ihr heftig zunickten. So bat Lichtwachenmajor Eisenschwinge den Generalissimus zu dieser Unterredung. Albertine berichtete dann in kurzen, alles wesentliche enthaltenden Sätzen, dass sie davon ausgehen musste, dass Malin bald geheime Angriffe auf seine erklärten Feinde ausführen oder die Belagerung von außen brechen wollte. "Es war ein strategischer Fehler, ihm Zeit zur Auslagerung seiner Untergrundfahrzeuge zu lassen", sagte Albertine mit einer ihrem Dienstrang eigentlich nicht zustehenden Bestimmtheit. Dennoch wirkten ihre Worte so auf Wetterspitz, als sei sie dessen Vorgesetzte. Er räumte ein, dass er selbst diese Einschätzung bereits bei Beginn der magnetischen Belagerung gehegt hatte, aber der Minister darauf bestanden habe, eine klare Vorwarnung zu erteilen, um keine Verfahrensfehler zu riskieren. "Lieber den Prozess gewinnen statt den Krieg", meinte Albertine darauf unerwartet sarkastisch. Das wirkte bei dem alten Krieger, der eh damit haderte, sich als Leiter der Truppe mehr auf die Einhaltung von Gesetzen achten zu müssen als dem einen Gesetz, dem Gesetz des Handelns, zu folgen, wie ein Lichtwächter im Feldeinsatz. "Besteht die Möglichkeit, dass Sie uns die Erlaubnis geben dürfen, nach den Ausweichhäfen dieser Boote oder wie immer diese Fahrzeuge genannt werden zu suchen?" fragte Albertine. Das kam schon einer rhetorischen Frage gleich, weil Andronicus Wetterspitz größtenteils freie Entscheidungsgewalt hatte. Die Lichtwache unterstand zwar formal dem Zaubereiministerium, konnte aber auf Grund der Ausgangslage oder bestehender Gefahren ohne Rücksprache mit dem Minister handeln. Nur innerhalb der Lichtwache galt die Befolgung der Ränge.

"Ich sehe wie Sie alle die Gefahr, dass mit jedem Tag, den unsere Abschirmung in Kraft ist Malins Kriegsknechte unruhiger werden. Die Begründung, dass wir die Kobolde daran hindern müssen, Malins Reich zu überfallen, könnte bald nicht mehr hingenommen werden. Gut, Fräulein Steinbeißer, ich sehe ein, dass nur die unterirdische Höhlenstadt zu überwachen nicht mehr ausreicht. Daher teile ich Sie bis auf je einen für die fortgesetzte Überwachung ein, abgelegene Höhlen unter den Bergen nach den versteckten Untergrundwalzen abzusuchen. Allerdings dürfen Sie nur suchen, finden und weitermelden, nicht eigenmächtig eingreifen. Das bekommen Sie gleich alles schriftlich von mir mit."

"Darf ich noch einen Vorschlag machen, um unsere Suche nicht über ganz Deutschland ausdehnen zu müssen?" fragte die Hexe, die von allen hier Albertine Steinbeißer genannt wurde. Dabei sah sie Andronicus Wetterspitz sehr sehr aufmerksam an. Er überlegte kurz, ob er das mit seiner hohen Rangstellung vereinbaren konnte, sich von einer Außenstehenden, die selbst keine Abteilungsleiterin war, Vorschläge anzuhören. Doch weil er neugierig war nickte er ihr zustimmend zu.

"Malin hat sicher noch ein Fernverständigungsgefüge. Das dürfte über Erdmagieschwingungen laufen, so wie unser Rundfunk auf Luftmagie basiert, was die Magielosen mit wechselnden elektrischen Magnetfeldwellen machen können. Das Gefüge müssen wir mit einem Erdmagieabschirmzauber unterbrechen und dabei behaupten, dass die Kobolde mit dieser Unterbrechung auch nach den Niederlassungen der Zwerge außerhalb des Schwarzwaldes suchen können. Dann muss Malin seine Sesselreiter losschicken, um nach den Ausweichhäfen zu suchen. Diese Boten können wir verfolgen, nur verfolgen, aus mehr als einem Kilometer Höhe."

"Die geflügelten Sessel können sich und ihre Reiter unsichtbar machen", wusste Eisenschwinge von seiner eigenen Patrouille über Malins Reich. "Ja, aber nicht so, dass wir sie nicht mehr mit unseren Augen erkennen können. Womöglich hinterlassen sie beim Flug magische Rückstände, die mit den entsprechenden Enthüllungszaubern verfolgt werden können. Falls das alles nicht so gelingt bleibt uns eben nur die systematische Absuchung des ganzen Landes, vor allem die abgelegenen Mittel- und Hochgebirgsregionen, die weit genug von allen nichtmagischen Lärmquellen und der von diesen genutzten Elektrizität entfernt liegen."

"Gut, ich nehme diesen Vorschlag zur Kenntnis, Fräulein Steinbeißer. Leute, wenn wir nicht monatelang nach diesen Booten suchen wollen müssen wir Malin dazu kriegen, sie uns zu zeigen. Also, wer kennt sich von Ihnen mit Erdzauberei aus, um möglichst hohe Schwingungszahlen zu erzeugen?" Vier der anwesenden hatten eine Weiterbildung in Erdelementarmagie belegt, um vor allem gegen darauf zurückgreifende Dunkelmagier und gegen erdmagische Panzerungen von heimlichen Stützpunkten vorgehen zu können. Diese wurden nun gefragt, wie ein auf Erdmagieschwingungen gründendes Fernverständigungssystem funktionieren konnte. Die nicht zu den Lichtwächtern gehörende Hexe hörte nur zu. Ihre Gedanken behielt sie sorgsam für sich. Am Ende der laufenden Stunde stand der Plan, die Zwerge noch mehr von der Außenwelt abzuschirmen und zugleich in Umlauf zu bringen, dass Kobolde ihre ausgesandten Untergrundboote gefunden hatten, um diese zu erforschen. Alle hier hofften, dass sie damit keine sich selbst erfüllende Prophezeihung aussprachen. Denn wenn diese unterirdisch lenkbaren Fahrzeuge von Kobolden gefunden und nachgebaut werden konnten bekamen die Oberwasser und konnten mit der Vernichtung der gesamten Zaubererwelt drohen.

Eine Stunde später waren die Einzelflieger eingeteilt. Der Befehl hieß jedoch nur "Suchen, finden, weitermelden!" Andronicus würde sicher nicht die wertvollen Träger biomaturgischer Augen für den Kampf gegen ganze Hundertschaften wütender Wachzwerge einsetzen. Die aus dem Büro für friedliche Koexistenz zwischen Menschen mit und ohne Magische Fähigkeiten ausgeliehene Hexe sollte sich bereithalten, einem der erwarteten Kuriere nachzufliegen. Da sie ja einen dienstlichen Donnerkeilbesen der Reihe 21 flog konnte sie sicher einem der Flugsessel auf den Flügeln bleiben. Es war sowieso Zeit, herauszufinden, wie die Kuriere sichern konnten, dass sie nicht verfolgt wurden. Unsichtbarkeit alleine reichte bei Menschen mit magischem Durchdringungs- und Enthüllungsblick nicht mehr aus. Die half nur noch gegen Nichtmagier. Die Zeit von Alberichs mythischer Tarnkappe, wobei sich auch die Zauberer darum zankten, ob es ein Helm, eine kleine Mütze oder ein Umhang gewesen sein sollte, war vorbei.

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"Die werden diese widerlichen Eisenfangwirbeldinger wieder zurücknehmen, allein schon, damit sie damit den Spitzohren drohen können. Denn sollten die wissen, dass uns die langen Leute mit den Zauberstäben damit an unseren Reisen hindern werden die losziehen und unbehelligt irgendwas anstellen", sagte Kriegsgildenmeister Schmetterhammer. Kungschaftergildenmeister Schattenhut wagte ihm jedoch zu widersprechen. "Die Zauberstabträger haben mit den Spitzohren einen Handel, dass die sich nichts mehr erlauben, was die unzuverlässig wirken macht. Außerdem haben König Huorchino Feuerklinge und König Garloin XI. Kesselschmied aus Flandern bereits ihre Beistandsbereitschaft bekundet, sollte sich erweisen, dass die Zauberstabträger uns im Auftrag der Spitzohren aushungern wollen."

"Bleibt es dabei, dass wir die Tiefenboote nur dann rufen, wenn es zu einem offenen Angriff auf uns kommt?" fragte Meister Schmetterhammer. "So sprach der König und so soll es geschehen", sagte Meister Schattengrund.

"Nun, es kann die Zeit kommen, wo wir diese widerwärtige Belagerung durchbrechen müssen", erwiderte Meister Schmetterhammer. "Wenn die Mägen unserer Krieger knurren müssen wir ihnen zu essen geben. Denn wer die Waffen hat bestimmt das Handeln."

"Der König bestimmt das handeln, und König ist, wer unter dem Segen des Urvaters Durin die drei Auswahlkämpfe für sich gewonnen hat oder jeden im Abstand von zwölf Sonnenkreisen ausgerufenen Zweikampf gewinnt", sagte Schattenhut. Schmetterhammer verzog sein bärtiges Gesicht. Hatte er gerade in Anwesenheit des Kundschaftergildenmeisters behauptet, dass er und seine Krieger dazu bereit sein könnten, gegen einen Befehl des Königs zu handeln. Das wäre doch Verrat. Schmetterhammer wusste auch, dass Schattenhut mehr Gunst genoss, weil er die klügsten Handwerker und Nachrichtenvermittler befehligte, während Schmetterhammer durch den königlichen Befehl, die Tiefenboote und Tiefenkreuzer in zwölf Ausweichhäfen zu senden viele seiner Leute fortgeschickt hatte und nur noch mit einer armselig kleinen Wachmannschaft das Reich behüten konnte. Manchmal fragte sich Schmetterhammer schon, ob Malin Eisenknoter wirklich der Sohn von Gaorin Steinstampfer war. Der hätte niemals den Großteil seiner Truppen davongeschickt, wo klar war, dass es eine Belagerung geben würde.

"Ich werde nun die Augen und Ohren unserer Kundschafter aufsuchen, um zu horchen, was außerhalb unseres Reiches getan wird. Wissen kann einen Kampf eher entscheiden als eine scharfe Klinge oder ein schwerer Streitkolben."

"Ja, oder einen einschüchtern, lieber in einer tiefen Höhle zu verschwinden, statt um Leib und ehre zu kämpfen und lieber den ehrenvollen Tod zu empfangen", erwiderte Schmetterhammer. Er mochte es nicht, dass Schattenhut mit Ränken und Listen hantierte, wo er, Schmetterhammer, lieber einen offenen, ehrlichen Kampf ausfechten würde, um alles unklare zu klären.

Ein quäkiges Horn gab vier Stöße von sich. Meister Schattenhut eilte an eine der Schallverpflanzungsvorrichtungen und rief hinein: "Was bedeutet der Ruf der Taubheit, Horchmeister Goldohr?"

"Die Zauberstabträger streuen schnelle und langsame Erdzauberschwingungen um unser Reich aus und erschüttern unsere Fernschallstränge. Entweder suchen die danach oder wollen sie bereits überlagern", hörte Schattenhut Goldohrs Stimme.

"Dann haben sie begriffen, dass wir mehr als nur Boten aufbieten können, um mit den Unseren in Verbindung zu bleiben. Weiterlauschen und melden, wenn der Fall "Verstopfte Ohren" gegeben ist. In der Zeit alle Tiefenhäfen anrufen, den Fall Zeitstein zu beachten!"

"Verstanden, Meister Schattenhut. Anruf an alle Tiefenhäfen und auf Fall Zeitstein verweisen", bestätigte Goldohr die Meldung.

"Hättest du dafür nicht erst den Befehl des Königs erhalten müssen, Meister Schattenhut?" fragte Meister Schmetterhammer mit leicht verächtlichem Unterton.

"Wartest du auf die Bestätigung des Königs, wenn bereits eine Anweisung erteilt wurde, alle angreifenden Feinde zurückzuschlagen?" fragte Schattenhut. "Ein solcher Fall steht nämlich nun bevor. Gewiss werde ich unserem großmächtigen König nun davon berichten. Doch Durins Weisheit wird ihm raten, dass mein schnelles Vorgehen die einzig richtige Antwort ist."

"Ja, und wenn die langen Leute mit den Zauberstäben unsere Nachrichtenstränge wirklich durchtrennen oder unbeweglich machen gilt der Fall Zeitstein, also das Warten auf eine neue Meldung innerhalb von vier Mondvierteln. Bleibt diese aus werden die Tiefenboote die Belagerung durchbrechen. So spricht unser König."

"Ja, so spricht unser großmächtiger König, möge ihm der Bart nicht ausfallen", sagte Meister Schattenhut.

Als die beiden ranghöchsten ihrer für Sicherheit und Kundschaft zuständigen Gildemeister sich voneinander trennten dachte Schattenhut, dass er schon länger damit gerechnet hatte, dass die Zauberstabträger die Erdmagiestränge um das Reich erkundeten und wohl nach Verbindungen suchten. Ihr Ungemach würde jedoch sein, dass es keine festliegenden Stränge gab, die mit den Tiefenhäfen verbunden waren. Denn dann hätte sich die Auslagerung der Boote und Kreuzer gar nicht gelohnt. Jeder Annruf an einen der Tiefenhäfen wurde als besonders beschwingte Erdmagiestoßwellengruppe losgeschickt und breitete sich kreisförmig aus wie eine von der Urmutter ausgehende Stoßwelle, die bei ausreichender Stärke Erschütterungen auslösen konnte. Die Schwierigkeit bestand jedoch, das diese kreisförmig ausgreifenden Wellen den Strängen ursprünglicher Erdmagie folgen mussten, anders als rein körperliche Erderschütterungswellen. Das hatten sie alle bei jener großen Wut der Erdmutter mitbekommen, die den alten König Gaorin und viele andere ältere Meister und Krieger dahingerafft hatte. Die Zauberstabträger konnten zwar nicht ergründen, an wen die Nachrichten gehen würden. Doch sie konnten sie stören oder gar unterbrechen. Die Tiefenhäfen außerhalb des Reiches waren gehalten, keine eigenen Anrufe an das Reich zu versenden. Denn die hätten die Zauberstabträger womöglich mit genug Erdmagiewissen, wahrscheinlich dem der Spitzohren, ergründen können.

Der König war jedoch schon unterrichtet, als Schattenhut in der Halle der Herrscher vor ihm niederkniete. "Wie du weißt habe ich verfügt, dass wichtige Warnmeldungen gleich zu mir weitergeleitet werden. Ja, die Zauberstabträger haben erkannt, dass sie uns nur dann wirklich zermürben können, wenn sie uns von den Strängenund Flüssen der großen Mutter abschneiden oder zumindest alle davon getragenen Nachrichten verfremden oder auslöschen. Die werden sich wundern, diese Koboldhörigen, was ihnen widerfährt, wenn sie uns einen vollen Mondkreis lang von allem abschneiden", grummelte der König.

"Falls die unsere Nachrichten abfangen oder auslöschen müssen wir wieder Boten aussenden. Die mit den viel zu viel sehenden blutlosen Augen können unsere unsichtbaren Boten erkennen und verfolgen."

"Ja, darauf bauen sie wohl. Aber Der Grund auf den sie da bauen ist aus flüchtigem Sand, der bei der kleinsten Erschütterung und dem kleinsten Druck in alle Richtungen zerfließt", grinste der König. Schattenhut, der eigentlich über alles unterrichtet war, was Nachrichtenwege und -mittel anging fragte den König, wie er das meinte. "Die Gilde der Reiseschreiner hat die geflügelten Stühle und Bänke verbessert. Wer damit reist kann für eintausend ruhige Herzschläge so schnell wie die durch die Luft jagenden Töne und Geräusche reisen. Das können die Zauberstabträger auf ihren langen Holzstilen nicht und sie daher nicht einholen. Wenn einer von uns einen Verfolger bemerkt wird er diesen ganz leicht hinter sich zurücklassen."

"Vortrefflich, mein König. Die Zauberstabträger unterschätzen doch immer noch unsere Fertigkeiten", freute sich Schattenhut und ärgerte sich gleichermaßen, dass ihm das noch keiner berichtet hatte. Offenbar hatte der König den Reiseschreinern die unmittelbare Anweisung erteilt, dieses Wissen vor ihm, dem Herrn der Kundschafter, zu verbergen. Hieß das, dass ihm der König nicht mehr vollständig traute? Das zu fragen wäre seltentöricht, weil er darauf keine ihm genehme Antwort bekommen würde.

Immerhin beruhigte es ihn, dass der König weit genug vorausgesehen hatte und er, Meister Schattenhut, eine wichtige Rolle in der Ausführung der Pläne Malins ausfüllen durfte.

Aus vier in den Wänden verteilten Rufsteinen drangen wieder die quäkigen Töne jenes kleinen Hornes, das Schattenhut vorhin schon gewarnt hatte. Dann erfolgte die Meldung: "Ich, Außenhorcher Goldohr, verkünde die völlige Verstopfung aller ursprünglichen Erdkraftwege mit überlauten und überschnellen Tönen. Somit können wir keine klar verständliche Nachricht mehr versenden oder empfangen. Es gilt Fall Zeitstein! Wiederhole! Austausch von Nachrichten nicht mehr möglich. Es gilt Fall Zeitstein!"

"Sollen wir es darauf anlegen, dass sie uns einen vollen Mondkreis ungewiss und hungrig halten wollen?" fragte Schattengrund.

"Wenn die denken, wir seien ein leicht aufzuscheuchender Emsenhaufen oder ein in Wut und Angst versetztes Immenvolk werden sie lernen, dass wir all das nicht sind. Nein, die Boten bleiben solange bei uns, bis entweder der Zeitstein das Ende des nun zu wartenden Mondkreises verkündet oder sie selbst die Geduld verlieren und uns angreifen."

"Was ist mit dem gläsernen Horn, mit dem Ihr nach Hilfe der anderen Könige rufen könnt?" fragte Schattenhut den König.

"Es befindet sich wohl in seinem Verwahrungsbehälter. Danke der Nachfrage", erwiderte der König. "Ja, doch braucht es nicht auch die freien Stränge der mächtigen Urkraft unserer großen Urmutter?" wollte Meister Schattenhut wissen. "Das geheimnis der gläsernen Hörner darf nur zwischen den Meistern der Glasmacherzunft und dem herrschenden König ausgetauscht werden. Das weißt du als Meister der Kundschaftergilde doch auch. Also vergiss die Frage und erwarte keine weitere Antwort von mir!" erwiderte der König sichtlich ungehalten. Schattenhut wusste, dass er fast zu weit gegangen war. Ganz sicher war das Geheimnis der gläsernen Hörner nur eine Angelegenheit der Könige. Je weniger von ihm wussten, desto geringer war die Gefahr, dass es verraten wurde. Doch er war doch selbst der Wahrer vieler lebens- und volkswichtiger Geheimnisse, noch mehr als der Hüter der Erinnerungen, der alles aufzuschreiben hatte, was im Reich an bedeutsamen Dingen beschlossen und ausgeführt wurde. Doch auch er war an Grenzen gebunden, die fast so alt waren wie Urvater Durin. Dennoch war sich der Großmeister der Kundschaftergilde sicher, dass König Malin eine von Unruhe rührende Erregung in seiner Stimme hatte, als er seine Frage als unberechtigt zurückgewiesen hatte. Also mochte es doch sein, dass das gläserne Horn eines Königs ebenfalls die Stränge der mütterlichen Urkräfte benötigte, um seinen Ton zu anderen Königen zu tragen.

Schattenhut bat darum, die gesamte Lage genauer erkunden zu dürfen und wurde aus dem Herrschersaal entlassen. So konnte er keine weiteren Fehltritte begehen.

"aauuutsch!! Zum großen grauen ...", stieß Schattenhut aus, als er in der Halle der hörbaren Nachrichten Goldohrs Mithörschälchen auf die Ohren setzte und statt eines beruhigenden, tiefen Brummens der frei schwingenden Erdkraftstränge ein wildes Durcheinanderquietschen und Schrillen hörte, als wenn wenn tausend mal tausend Höhleneber auf einmal geschlachtet wurden. "ja, kann sein, dass der davon angelockt wird, um uns alle zu fressen", unkte Goldohr. "Wag das nie wieder laut zu sagen, Horcher Goldohr", stieß Schattenhut verärgert aus. Doch dann musste er lachen. "Ich denke, der nimmersatte Sohn des Unheils wird davon eher in die Flucht geschlagen, weil der genauso wie wir auf die sanften Schwingungen unserer erhabenen Urmutter lauscht. Aber nie wieder irgendwelche Andeutungen, dass er von sowas gerufen werden kann, verstanden?!" Goldohr bestätigte das.

"Nicht mehr selbst lauschen, sondern den Rufmelder in Tätigkeit lassen. Nur wenn klar an uns ergehende Rufe durchdringen und er das meldet wieder lauschen. Du brauchst deine Ohren noch genauso wie ich", sagte Schattenhut dem Außennachrichtenlauscher. Goldohr nickte ergeben und dankbar.

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"So, die Erdstränge übertragen jetzt alle die Kakophonie für Granit und Sandstein in Quietsch Moll", scherzte der mit Erdmagie vertraute Lichtwachenoberleutnant Peter Isenbügel. "Kann sein, dass die Maglo-Erdbebenlauscher auch was davon mitkriegen, dass irgendwas in der Erde herumlärmt. Aber ich habe die Störgeräusche schon auf die angemessenen Erdmagiestränge ausgerichtet. War doch ganz gut, dass wir vor zwanzig Jahren die Spürgeräte von den Kobolden gekauft haben."

"Gekauft, Pitt? Gemietet oder eher als Gegenleistung für ein Unterpfand erhalten, das einbehalten wird, wenn wir die Erdstrangspürer nicht mehr zurückgeben", sagte Lichtwachenoberleutnant Lars Eichenholz, der keine magischen Kunstaugen wie sein Kamerad besaß.

"Das Wettbüro ist eröffnet. Wann werden die ersten Flugsessel aus Malins Stadt rausfliegen?" hörten sie über die Schallverpflanzungsdose die Stimme des jungen Leutnants Lothar Sommerfeld.

"Und da ist das Wettbüro auch wider geschlossen!!" blaffte Generalissimus Wetterspitzes Stimme in die Übertragung. "Es werden keine Wetten auf das Verhalten der Zwerge angeboten oder angenommen. Das ist ein Befehl! Erwische ich auch nur einen von euch dabei, auf das Verhalten der Zwerge zu wetten schrubbt er zwei Monate lang alle Latrinen in der Lichtwachenzentrale in Dortmund!" bekräftigte er seine Anweisung noch mit einer sehr ernstgemeinten Drohung.

"Dortmund, die Zentralstelle für die Lichtwache Ruhrgebiet. Da sind eintausend Kameraden stationiert", grummelte Isenbügel ohne es gleich in die Schallverpflanzungsdose zu sprechen. "Ja, die Niederlassung mit den meisten Lichtwächtern. Danach kommt erst Hamburg, dann erst Berlin-Brandenburg", bestätigte Lars Eichenholz mit schadenfrohem Grinsen. Er hasste Wetten, vor allem auf Tiere und Menschen. Als seine Frau Annie ihm einnmal von einer Elektrofernbildunterhaltungssendung vorgeschwärmt hatte, wo Leute die unglaublichsten Sachen machen konnten, natürlich ohne Magie, hatte er nur gegrummelt, dass der Tag kommen würde, wann einer dabei schwer bis tödlich verunglücken würde.

"Wer hat die Überwachung?" fragte Eichenholz nach einer Minute Schweigen. "Von morgens acht uhr bis acht Uhr abends der Hollerstrauchner, danach die Steinbeißerin", sagte Isenbügel. "Ich bin dann ab morgen acht Uhr eingeteilt."

"Hmm, und die anderen von euch Durchblickern dürfen dann in Bereitschaft fliegen, wenn einer von denen doch schon losflitzt?" fragte Eichenholz. "Ja, so ist ess. Und wenn er oder sie eine unterirdische Lagerhalle mit vielen blauen Walzen finden dürfen wir Naturäugigen dahin und das Lager durchwühlen?" fragte Eichenholz. "So die Vorgaben aus Bärlin, Brumm brumm!" erwiderte Isenbügel. Er hasste nichts mehr als sturen Nachrichtenüberwachungsdienst. Am liebsten wäre er jetzt schon auf dem Posten, um die Zwerge zu ärgern, damit sie schon jetzt wen losschickten, um die Außenstellen zu kontaktieren, wo immer die waren. Doch er war ein Lichtwächter. Lichtwächter sein hieß ohne zu murren die gegebenen Anweisungen ausführen. Nur wenn er wem gegenüberstand, der ihn um die Ecke bringen wollte durfte er ganz frei entscheiden, was er anstellen wollte oder musste. Das hatte dem Isenbügler, wie er sich selbst mal vorgestellt hatte, beide Augen gekostet, weil ihm ein rabenfinsterer Schwarzmagier mit einer Kombination aus Carniruptus- und Lux dolorum-Zauber beide Augen aus dem Kopf gebrannt hatte. Da hatte Isenbügel zum bisher ersten und einzigen mal den Todesfluch losgelassen und war von der internen Untersuchungskommission freigesprochen worden, weil er davon ausgehen musste, dass sonst der andere den Todesfluch auf ihn geschleudert hätte.

"Warten ist die schlimmste Art der Zeitverschwendung", knurrte Isenbügel nach einer halben Stunde. Das war was anderes, als einen bestimmten Bereich unter Beobachtung halten, weil keiner wusste, was dort demnächst vorging. Doch jetzt gingen sie alle davon aus, dass demnächst was bestimmtes vorging, aber eben nicht wussten, wann genau.

"Wer erzählt denn den Quatsch, Pitt", grummelte Lars Eichenholz. "Wer nicht warten kann und aus dem Warten nichts gutes rausholen kann hat den Erfolg nicht verdient. Meine Holde hat dreiundvierzig Wochen an unserem Sohn Linus getragen, wo es immer heißt, dass sowas nur vierzig Wochen dauert. Tja, und als der kleine dann an der Luft war hat der wild um sich gestrampelt und geschrien, als wenn ihm das schlimmste Verbrechen der Welt angetan worden wäre."

"Stimmt, du bist ja schon mehrfacher Papa", erwiderte Pitt Isenbügel ein wenig verbittert klingend. Was hatten die ihm in Greifennest immer erzählt, vor allem im Haus Sonnengold, wo die wahren Helden der Zaubererwelt unterkamen? Wer einen wichtigen und zugleich gefährlichen Job machte konnte sich vor ledigen Schönheiten nicht retten. Tja, nur einer von vielen dummen Sprüchen derer, die es offenbar supernötig hatten, dachte Pitt Isenbügel. Dafür konnte er Einhornstuten anlocken und hatte auch die Anfrage eines führenden Zauberstabmachers aus dem Schwarzwald erhalten, ob er nicht bei ihm in die Lehre gehen wollte. Doch er hatte lieber die wilde, gefährliche Lichtwächterausbildung und den noch gefährlicheren Berufsalltag gewählt statt Einhörner wegen ihrer langen Schweife einzufangen oder selbst Zauberstäbe zu drechseln und zu kernen.

Lars Eichenholz verließ zwei Stunden nach Bestätigung, dass es durch die Erdmagiestränge keine Botschaften geben würde den Nachrichtenposten zwanzig Kilometer von Malins Reichsgrenze entfernt, um zu seiner Frau und zu seinen mittlerweile drei Kindern zurückzukehren.

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Sieben Wochen war sie drüber. Das war sicher keine Einbildung, keine vom Geist auf den Körper übergreifende Umstellung, sondern was echtes, irgendwann quirliges, ja leider auch schmerzvoll ans Licht drängendes. Aber dieser Schmerz war die hohe Weihe jeder Hexe. Denn er zeigte ihr, wozu sie fähig war, neues Leben zu geben.

Albertrude Steinbeißer rührte die ihr sowohl als Gertrude wie Albertine vertraute Kräutermischung an, die mit dem eigenen Urin gemischt zeigen sollte, ob in ihr wirklich neues Leben wuchs. Der, dem sie das dann zu verdanken hatte, schlief immer noch in seinem unaufweckbaren Überdauerungsschlaf. Wenn sie ihn wieder aufwecken wollte musste sie ihm wieder neue Scheinerinnerungen geben, am besten dann, wenn sie mit ihm und Prunella den großen Umzug machte.

Sorgsam fing sie mehrere Tropfen ihres Harns in einem Becher auf und füllte ihn dann in die angerührte Probelösung um. Diese wallte leicht auf. Dann färbte sie sich himmelblau. Das war eindeutig. Albertrude Steinbeißer, Gertrude Steinbeißers Erbin, trug ihr zweites Kind unter dem Herzen. Ab nun galt es, sich aus Albertine Steinbeißers ministeriumshöriges Leben zu verabschieden. Sicher, hörig im Sinne vollkommenen Gehorsams war Albertine nie gewesen. Aber sie hatte sich doch von ihren Eltern in diese angeblich so abwechslungsreiche Stellung hineinschwatzen lassen. Deshalb hatte sie ja mitverfolgen müssen, wie sich die Maglos immer mehr mit gezähmter Elektrizität und in stählernen Vorrichtungen gebändigter Explosionen zu größenwahnsinnigen Maschinenanbetern entwickelt hatten. Albertrude hatte nach der endgültigen Vereinigung mit Albertine beschlossen, diesen Irrsinn abzustellen, wenn sie sich frei von Ministeriumsanweisungen und Beobachtungen bewegen und betätigen konnte.

"Ergebnis vom fünfzehnten Mai 2008, Reaktion von Gestamarin-Elixier auf Gabe von acht Fingerhüten Eigenurin Umschlag zu himmelblauer Lösung. Proba gestationis positiv", notierte Albertrude nur in ihrem Kopf und wohl für ein eigenes Denkarium, an dem sie bereits arbeitete, ohne dass jemand anderes davon erfuhr. Dann schüttete sie die blaue Lösung in die Toilette und spülte sie fort, damit keiner mitbekam, dass sie gerade einen Schwangerschaftstest an sich durchgeführt hatte. Sie ging davon aus, auch dieses zweite Kind ohne eine Heilerin auszutragen und wie Prunella auch eigenständig zur Welt zu bringen, am besten wieder in Gertrudes letzter Zuflucht, wo der überwiegende Teil ihrer Seele auf ihre Erbin, also sie, gewartet hatte. Dort reichten die Meldezauber nicht hin, die den Eintritt eines neuen magischen Menschen in die Welt aus Luft und Erde erfühlen konnten.

Albertrude blickte noch einmal auf den Schrank, den sie mit dem Blutsiegelzauber auf sich alleine abgestimmt hatte. Darin hing der außen nachtschwarze, innen silbergrau schimmernde Kapuzenumhang, der ihr neue Macht verleihen sollte. Sie wusste, dass sie ihn nur dann tragen durfte, wenn sie offiziell nicht an einem bestimmten Ort zu sein hatte, also nur in ihrer dienstfreien Zeit. Da sie eine von insgesamt fünf war, die biomaturgische Augen besaß und jeder und jede eine 12-Stunden-Schicht ableistete würde sie in drei Schichten, also 36 Stunden wieder über Malins Reich patrouillieren und darauf warten, dass einer seiner Boten aus dem Reich hinausflog, wohl mit einem Helm gegen die Wirkung von Magnetkräften gesichert. Dass die Zwerge sowas hatten wusste sie von Gundi Wellenkamm. Ebenso wusste sie von ihr, dass es bei den Zwergen einen talentierten Schreinermeister gab, der vor allem fliegende Sitzmöbel baute, die nur aus Holz, Zwergenhaar, Vogelfedern und tja, der für dauerhafte Zwergenzauber nötigen Menge Eigenblut bestanden. Gundi hatte ihr vor sechs Jahren, wo sie nur Albertine gewesen war erzählt, dass dieser Schreiner Versuche mit Luftmagie und Holzarten gemacht hatte, um die fliegenden Sessel schneller als die damals bekannten Feuerblitze zu machen. Doch der damalige König Gaorin Steinstampfer hatte es in den Steinen knistern gehört, wie es die Zwerge nannten und ihm verboten, mehr Luftzauber in einen von Zwergen gefertigten Gegenstand einzulagern als für einen schnellen Botenflieger nötig war. Luftzauber waren bei den Zwergen ein notwendiges Übel, nach Möglichkeit zu unterlassen, wo sie doch die wahren Kinder der Erde waren. Hatte das diesen jungen Meisterschreiner abgehalten, weiterzuforschen? Hatte Gaorins Thronfolger dieses Verbot aufrechtgehalten oder den jungen Schreiner vielleicht dazu angestachelt, an seiner Idee weiterzuhobeln und zu klopfen? Albertrude war sich sicher, dass Malin längst nicht alle althergebrachten Ehrensitten der Zwerge befolgte und wusste auch, dass Könige all zu gerne die Gesetze brachen, denen sie eigentlich verpflichtet waren. Bei den Zwergen galt der Grundsatz "Das Reich bin ich", viel mehr als bei noch lebenden Monarchen, vielleicht von den Meerleuten abgesehen, bei denen es urwüchsige Stämme wie in der afrikanischen Savanne oder hochentwickelte Reiche wie im alten Europa geben konnte.

"Was mache ich, wenn mir so ein Sesselflieger einfach so davonfliegt?" fragte sich Albertrude. Sie überlegte solange, bis ihre erstgeborene Tochter Prunella, die sie irgendwann in hoffentlich noch ferner Zeit beerben sollte, mit einem lauten "Mami, Hunger!" in die Gegenwart zurückrief. Immerhin hatte sie auf die Frage eine Antwort gefunden, die den Zwergen den Tag verderben mochte und ihr die Möglichkeit geben sollte, Albertines Leben zu beenden, um frei von deren Verpflichtungen weiterzuleben. Doch dazu musste sie erst einmal genug von ihrem angesparten Vermögen bei Seite schaffen, um in den kommenden Jahren nicht mehr nach Gringotts zu müssen.

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Im Ausweichhafen Eifel Nord versah Schwertkämpfer erster Klasse Bandur Schwerttänzer den schon in Langeweile ausartenden Rundgang durch die große Höhle, in der zehn blauerzfarbene Walzen wie die entgliederten Körper von Schlachttieren nebeneinanderlagen. Das war der Stolz des Reiches, dazu gemacht, in ruhmreichen Schlachten wider die sppitzohrigen Gierhälse zu kämpfen, zu Ehren Durins. Doch wie Bandur Schwerttänzer waren sie vom König selbst dazu verurteilt worden, hier herumzuwarten. Immer wieder stellte sich Bandur vor, in einem dieser blauen Boote durch die Erde zu rasen, die kleine aber durchschlagende Erdfeuerpumpe gegen eine Niederlassung der Spitzohren auszurichten und diese dann mit dem glühenden Innengestein der Erde zu vernichten oder, was ihm natürlich noch mehr gefiel, zwischen einer Gruppe von Spitzohren aus der Erde emporzufahren und mit dem in Drachenblut gehärteten Dauereisenschwert unter ihnen aufzuräumen. Selbst wenn er dabei selbst den Tod fand so war ihm danach ein Platz in Durins Reich der Ruhmreichen sicher, auch wenn ihm einige Lästerer damit in den Ohren gelegen hatten, dass es da noch langweiliger sein nochte wie im Bauch der eigenen Mutter. Doch die Verkünder und Gebieter von Durins heiligen Regeln verhießen den ruhmreich verstorbenen ein Dasein mit Tanz, wilden Liebesspielen, Zweikämpfen und allem anderen, was einem zum Manne gebrannten Nachfahren Durins das Leben oder besser das Dasein versüßen konnte, der Lohn für alle Mühsalen und Verpflichtungen - wie das gerade hier abzuleistende hin-und-herlaufen zwischen den unbesetzten Tiefenbooten.

"Na, SK1 Schwerttänzer, träumen wir wieder vom ruhmreichen Tode und der feurigen Fahrt in Durins erhabenes Land?" riss ihn Hundertschaftenführer Ogur Panzerbauch aus seinen Tagträumen. Bandur Schwerttänzer schaffte es, den Vorgesetzten nicht merken zu lassen, dass dieser recht hatte. Er sagte schnell: "Ich überprüfte den Vortriebsring von TB einundzwanzig. Lenker Tiefensucher hat ja berichtet, dass es bei der Verlegungsfahrt Schwankungen in der Tiefensteuerung gab", log er. Ogur Panzerbauch, der die Runen für Führung und zehn mal die zehn auf dem silbernen Leichtpanzer trug grinste über sein ganzes, graubärtiges Gesicht. "Als wenn ein Schwertkämpfer Ahnung von den Vortriebsringen eines Tiefenbootes hätte, Bandur. Sei froh, dass wir gerade weit genug vom Reich fern sind und der Fall Zeitstein ausgerufen wurde, weil die langen Leute die Nachrichtenstränge verstopft haben. So darf ich dies gerade erlebte vergessen und muss es nicht berichten. Sei froh, dass dein Vater neben mir in der großen Schlacht gegen Feuerbläser Blutfraß gekämpft und mir die beiden Arme gerettet hat. Deshalb werde ich keine Meldung wegen erwiesener Tagträumerei erstatten. Aber sei dir ja darüber im klaren, dass wenn das Horn ertönt jeder von uns mit allen Sinnen im Geschehen zu sein hat. Wer das nicht ist mag vorzeitig und ehrlos sterben. Ob Durin dich dann haben will ist fraglich. Am Ende musst du in einem anderen Körper auf die Welt zurückkehren, vielleicht dem eines Mädchens."

"Niemals wird dies geschehen, o Hundertschaftsführer Panzerbauch", knurrte Bandur Schwerttänzer.

"Dann sieh zu, dass du deine Sinne dort hast wo deine Pflicht ist, Junge!" sagte Panzerbauch. Von keinem anderen hätte Schwerttänzer die abwertende Anrede "Junge" hingenommen. Doch weil Panzerbauch sein Wegführer in die Kriegergilde gewesen war und er nach dem Tod von Bandurs Vater Bolgrin wie ein zweiter Vater zu ihm war musste er ihm diese Benennung gestatten, ohne ihn zum ehrenvollen Zweikampf zu fordern.

"Was sagen die Horcher. hat sich der König noch immer nicht gemeldet?" fragte Bandur seinen Befehlshaber vor Ort.

"Der Zeitstein färbt sich mit jeder Mondüberquerung immer dunkler. Wenn er dunkel wie der Glutspeicherstein ist und sein Ton erklingt werden wir mit allen Booten ausrücken und die Eisenfangbelagerung um unser Reich mit allem brechen, was wir können, auch wenn dies den endgültigen Krieg mit den langen Leuten und ihren Herren, den Spitzohren, bedeuten mag. Ruhm dem Reiche! Lang lebe König Malin VII., möge ihm der Bart nie ausfallen und mögen seine Klugheit und sein Mut nicht erlöschen", sprach Ogur Panzerbauch. Bandur sprach es ihm gehorsam und in eingebläuter Ehrerbietung nach.

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"Wir werden da nicht drauf eingehen", bellte König Malin. Sein ganzer Körper zitterte vor Wut. Diese Zauberstabträger hatten ihm zum vierten Mal angetragen, einen magisch bindenden Vertrag zu schließen, dass er auf alle Ansprüche gegen die Spitzohren verzichtete und dem Zaubereiministerium erlaubte, regelmäßige Untersuchungstruppen zu ihm hineinzuschicken. Doch er wollte und würde nicht darauf eingehen, selbst wenn Erlenhain statt eines violetten Umhanges und einer violetten Winkeflagge die schönsten Liebesdienerinnen seines Volkes zu ihm hineinschickte, um seinen gelangweilten Kriegern die Wartezeiten zu versüßen. malin VII. würde standhaft bleiben. Die Zeit arbeitete für ihn. Da war er sich so sicher, wie die große Mutter Erde den Mond und die Sonne auf ihrer ewigen Kreisbahn hielt.

"Mein König, wenn dieser lange Mann da das nächste mal ungefragt vor unseren Toren aus der Luft steigt erlaube mir, ihn mit meinem Hammer in den Leib der großen Mutter hineinzutreiben, auf dass ihr nimmersatter Sohn seine verdorbene Seele frisst", grummelte Kriegsgroßmeister Schmetterhammer.

"Du narr, willst du unsere Lage verderben, indem du einen Angriff ausführst, ohne dazu gezwungen zu sein", schnaubte der König. "Wer die violette Kleidung trägt ist ein Bote und darf nicht verletzt oder getötet werden außer von dem, der ihn entsandte. So steht es auf den steinernen Tafeln Durins, den ewigen Gesetzen unserer Art."

"Da steht aber auch, dass die Boten unserem Volk angehören müssen. Was dieser Erlenhain da macht ist eine Verhöhnung unserer ehrwürdigen Gebräuche", warf Ontwarin Wortweber, der Bewahrer der Worte und Erinnerungen ein. "Dass wir diesen Leuten das durchgehen lassen, in der Kleidung der Boten zu reisen liegt einzig daran, dass unsere Vorfahren ihnen zugestanden haben, ein wenig Achtung vor unserem Volk zeigen zu dürfen um mit uns auf allen Ebenen handeln zu dürfen, weil unsere Vorväter schon erkannt haben, dass Handel mehr einträgt als Feindschaft."

"Ja, in deiner dünnblütigen, weichherzigen Gilde, wo die Zunge mehr geschätzt wird als die Armeskräfte, Ontwarin Wortweber", knurrte Schmetterhammer. "Für uns Krieger gilt es, den Feind niederzuwerfen und in den dunklen Leib der großen Mutter oder in alle Winde zu treiben, oder beim Versuch den ruhmreichen Tod zu empfangen, um in Durins ruhmreiches Land reisen zu dürfen."

"Auch das ist richtig", sagte Ontwarin, der die gegen ihn gebrauchte Beleidigung überhört hatte. "Doch nur der von Durin begnadete König bestimmt, wer der Feind ist, nicht die Kriegergilde. Sie soll nur die Befehle des Königs ausführen, wenn sie nicht selbst den König stellt", sagte Ontwarin. Malin wunderte sich nicht schlecht. Ontwarin hatte eigentlich seinen bei den Schmieden tätigen Neffen als neuen König haben wollen. Ihm war Malins Erfolg zu wider. Doch der alte Wortweber vermochte das sehr gut in sich zu verstecken wie eine Kammer aus mehrere Fuß dickem Triamant. Außerdem wollte Ontwarin sicher nicht, dass der Bezwinger seines Brudersohnes schon sobald starb und damit den Tod des Rivalen wertlos machte, auch wenn der schon drei Sonnenkreise her war.

""König Huorchio Feuerklinge und König Balbur Kesselschmied werden nicht mehr lange warten, um nachzuforschen, wie es uns ergeht. Ja, und in einem Mondviertel endet der Fall Zeitstein. Dann werden die da draußen bitter bereuen, was sie mir und dem Volk zugemutet haben", sagte Malin.

"Woher wollen wir wissen, dass Huorchino und Garloin uns beistehen?" fragte Ortwarin und sah erst den König und dann Kundschaftermeister Schattenhut an.

"Sie haben lange keine Boten mehr von uns gesehen. Ich habe keinen von ihnen mit dem gläsernen Horn angerufen. Es wurde ihnen auch nicht mitgeteilt, dass ich den Tod gefunden habe. Also werden sie dem Beistandsvertrag folgend Kundschafter und Boten entsenden, die nach unserem Befinden forschen werden. Wenn sie nicht durch den Eisenfangring dringen können werden sie davon ausgehen, dass man uns nun wirklich aushungern will und die Truppen entsenden. So oder so wird diese schmachvolle Belagerung bald enden. Ja, und dann werden wir Schwarzalfen die sein, die ihnen vorbestimmen, mit wem sie ihr Gold zu teilen haben, was sie zu tun und was sie zu sagen haben", erging sich König Malin in hoffnungsfroher Schwärmerei. Doch Ontwarin wusste, dass dies wie das laute Singen eines Kindes in einer unbekannten Höhle war. Malin wusste zu gut, dass er es sich nicht mit allen anderen aufrechtgehenden Wesen dieser Welt verderben konnte. Doch er durfte das nicht sagen. Er war nur der Beobachter und der Bewahrer der althergebrachten Bräuche.

"Noch ein Mondviertel. Dann endet die Überheblichkeit der Zauberstabträger", sagte Malin.

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"Jetzt wird es langsam Zeit für Stufe zwei", meinte Andronicus Wetterspitz zu Heinrich Güldenberg, als am 19. Mai die Meldung eintraf, dass der italienische Zwergenkönig Huorchino Spatafuoco angekündigt hatte, in nur noch zwei Stunden von jetzt an zwanzig Tiefenkreuzer auszusenden, die König Malin zur Hilfe kommen sollten. Auch hatte der flämische Zwergenkönig Garloin angedroht, alle Handelsvorgänge der nächsten drei Jahre auszusetzen und nur noch mit seinesgleichen zu handeln, wenn das belgische Zaubereiministerium nicht beim deutschen Zaubereiministerium Druck machte, die Belagerung aufzuheben. Ja, und falls das schon nicht ausreichte hatten Meister Mondbart und die ihm beigeordneten sieben mächtigsten Kobolde Deutschlands beschlossen, Malin mit einem persönlichen Aufgebot die Entscheidung abzuringen, den neuen Friedensvertrag zu unterschreiben, allerdings einen, der es in sich hatte. Darin sollten die Zwerge nicht nur sämtliche sogenannten Tiefenfahrzeuge abgeben, sondern für die vier angeblich oder wahrhaftig entwendeten Goldladungen die vierfache Menge bezahlen. Außerdem sollte Malin sich dazu verpflichten, durch die letzte Frage an Durin zu klären, ob er wirklich noch länger König sein sollte. Falls Durin die Frage mit nein beantwortete, so die Kobolde, so verlangten sie von den Zauberstabträgern, dass sie es durchsetzten, dass alljährliche Untersuchungen stattfanden und dass der neue König unter den Bergen gleich nach Amtsantritt einen magisch bindenden Vertrag abschloss, der den Zwergen einen Tribut von einem Hundertstel ihres Jahresgewinns an die Kobolde abtrat und zwar für die nächsten fünfhundert Jahre. Mondbart hatte jedoch bei Koboldverbindungsleiter Bernward Silbernagel durchblicken lassen, dass es ihm schon reiche, wenn Malin sich in den tiefsten Schacht seines Reiches stürzte und die Kobolde sein zehnfaches Gewicht in Gold oder dessen Wert in lupenreinen Edelsteinen erhielten.

"Da wird der nie drauf eingehen", spie Erlenhain aus. Der Zaubereiminister räusperte sich und mahnte an, dass er immer noch die Gesprächsleitung besaß. Dann sagte er selbst noch: "Dieser König Malin hat sich in seinen nur drei bisherigen Regierungsjahren eine Menge Verdruss zugelegt. Eigentlich alle Achtung. Ja, und meine Herren, die Kobolde stellen überzogene Forderungen. Ohne unseren magnetwall hätten die sich schon längst eine blutige Nase eingefangen. Meister Mondbart ist eine Krämerseele. Der fordert hundert Tonnen Gold und verkauft es seinen Leuten noch als Sieg, wenn er zehn Tonnen bekommt, weil wir ihm nicht mal drei Tonnen ohne Gegenleistung geben würden. Herr Silbernagel, Herr Erlenhain, über diese Forderungen werden wir noch einmal reden."

"Und was machen wir wegen der Invasion aus Italien?" wollte Andronicus Wetterspitz wissen. "Was wohl, wir warten, bis sie vor malins Reich ankommen und kapern diese Untergrundschiffe. Was besseres können die doch nicht machen, als uns einen sehr langen Blick auf diese Technik werfen zu lassen. Ja, und wenn sie es wagen sollten, diese geächtete Erdfeuerwaffe einzusetzen haben wir international alles Recht, die Zwerge von unserem Hoheitsgebiet zu verbannen und die Rädelsführer wie Zootiere in Käfigen einzusperren. Ich denke, damit wären die Kobolde auch sehr zufrieden."

"Ja, nur dass wir gegen diese Untergrundschiffe nicht viel ausrichten können, sofern sie es nicht wagen, durch den magnetischen Sperrring zu dringen", erwiderte Eilenfried Wetterspitz.

"Das schaffen die nicht. Sonst hätte Malin seine eigene Flotte von diesen blauen Walzen nicht so übereilt abrücken lassen. Aber wir sollten auch nicht auf ein Blutvergießen ausgehen. Wir machen die Stufe zwei, auch wenn Sie, Herr Silbernagel, dann womöglich neue Ohren brauchen werden oder mal eben bis auf unbestimmte Zeit das Land wechseln müssen."

"Sie unterschätzen meine ruhige Art, Herr Generalissimus. Ich habe das schon nach dem Befehl, das Reich Malins mit einem Wechselfeldmagnetring abzusperren mit Mondbart und drei seiner Untergraubärte im persönlichen Gespräch geklärt. Der smaragdgrüne Umhang und die Drachenhautstiefel haben mir sehr gut gestanden, meinte Fräulein Heckengrün, als ich von meiner Mission zurückkehrte und noch alle Ohren und Finger besaß."

"Dann stimmen die Graubärte unserem Vorgehen zu?" fragte Güldenberg. "Zumindest der eine Graubart. Er erhofft sich wohl, dass er dafür eines der gekaperten Boote abbekommt."

"Wie leicht ist es doch, die Haut des Drachens zu verteilen, bevor er seinen letzten Atemzug getan hat", sagte Eilenfried Wetterspitz. "Meister Mondbart traut Ihnen und vor allem Ihrem Herren Schwager zu, dass das Ministerium mindestens zwei oder drei der blauen Wunderwalzen erbeuten kann", erwiderte Bernward Silbernagel mit eher jungenhaftem Grinsen.

"Dann sehen Sie zu, dass Sie und Herr Erlenhain nicht näher als hundert Kilometer an eines dieser Boote herankommen, sonst verderben Sie uns den Fang noch. Sie wissen ja, wer zu laut schreit verscheucht alle Fische", erwiderte Andronicus Wetterspitz verdrossen. "Blubb blubb", konterte Silbernagel und machte dann noch die Mundbewegungen im Wasser atmender Fische nach. "Hallo, wo ist der Ernst?" fragte Güldenberg. "Ernst Kupferberg, hoffentlich in der Lichtwächterniederlassung Schwarzwald, um bei Meldung des nächsten Ausweichhafens dort hinzueilen", sagte Andronicus Wetterspitz. Sein Schwager Eilenfried musste darüber lachen.

"Seid ihr alle mal froh, dass ich gerade eine sehr gute Laune habe", knurrte Güldenberg. "Also, Stufe zwei genehmigt, Generalissimus Wetterspitzund Sicherheitsabteilungsleiter Wetterspitz. Die Herren Erlenhain und Silbernagel: Die Idee von der Unauffindbarkeit bis zum endgültigen Abschluss der Operation ist sehr gut. Bleiben Sie bitte unauffindbar, egal ob für Zwerge oder Kobolde. Ach ja, und ich werde mich mit dem italienischen Kollegen unterhalten, dass er diese Invasion Huorchinos abwendet, im Zweifelsfall mit Einschließung des Zwergenreiches unter den Dolomiten droht oder wo immer die italienischen Schwarzalben wohnen."

"Falls die Alternative zum Tragen kommt, dass Malin und Mondbart sich in einem entscheidenden Faustkampf messen erbitte ich die Genehmigung, dem als Zuschauer beiwohnen zu dürfen", sagte Bernward Silbernagel.

"Ja, und morgen kommt der Weihnachtswichtel, Kollege Silbernagel", sagte Erlenhain. Dann verließen die beiden "Zivilisten" die Besprechung der drei, die in ihrer Heimat auch als Skatclub oder Skatverein bezeichnet wurden. Die drei sprachen weiter über die Aktion, um mindestens einen der Ausweichhäfen auszuheben und zugleich Malins Sturschädel zur Vernunft zu bringen. Sie beachteten das Gemälde nicht, in dem eine kleine, pummelige Hexe scheinbar teilnahmslos an etwas bunten herumstrickte.

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Da ist wieder einer von denen, ein Lichtwächter. Aber der hat einen violetten Hut auf und winkt mit einer violetten Flagge", meldete der Sichtposten Malins an den Kundschafterdienst und damit auch den König. Malin und Schattenhut rasten mit einem der selbstfahrenden Eisenwagen zur Außenbeobachtungshauptstelle und warfen einen Blick durch eine der acht ausklappbaren Sehlinsen. "Och oh, der oberste Kriegermeister der Zauberstableute persönlich. Gut, hinter dem stehen wohl drei von seinen Leuten. Aber dass der sich selbst hertraut. Mithörsteine?"

Der Horcher vom Dienst drehte an einem kugelrunden Stein, bis dessen weiße Hälfte nach oben gekehrt war. Dann klang aus dem Stein selbst der Teil einer Mitteilung:

"... wir Ihnen, König Malin VII. die Mitteilung machen, dass es gegen unseren Willen einer Truppe von Panzerkriegern der Kobolde gelang, in einen der Lager einzubrechen, wo Ihre blauen Untergrundwalzen verstaut waren. Meister Mondbart, der Sprecher der deutschsprachigen Kobolde, gibt Ihnen, König Malin, nur noch eine Stunde Zeit, den von ihm entworfenen Vertrag zu unterschreiben und damit sowohl seine Rangstellung, die Goldwertbestimmungsrechte und die Entschädigung für vier verschwundene Goldladungen anzuerkennen. Ansonsten sollen seine Krieger Ihr Reich mit den blauen Untergrundbooten in Schutt und Asche legen. Sie haben jetzt die Möglichkeit, ein Blutvergießen, ja die Vernichtung Ihres Reiches abzuwenden, wenn Sie den von uns Zauberstabträgern entworfenen Vertrag unterschreiben und sich damit unter unseren Schutz und unsere Überwachung stellen. Dann und nur dann können wir Mondbarts Vorhaben noch abwenden. Denken Sie an alle Frauen und Kinder in ihrem Land. Sollen die für Ihre Unnachgiebigkeit sterben und deren Seelen diesem ominösen grauen Eisentroll zum Fraß fallen?"

"Der hat ihn laut erwähnt, dieser Irrsinnige", bibberte der Sichtposten vom Dienst. "Noch ein wehleidiges Wort von dir und du wirst entbartet und entmannt", knurrte Malin sehr entschlossen.

"Die täuschen uns doch was vor, erzählen uns was von Bäumen, auf denen Gold und Edelsteine wachsen", knurrte Schattenhut. "Wollt ihr darauf wirklich eingehen? Der da draußen sagte nicht mal, wo genau die Spitzohren unsere Boote gestohlen haben wollen."

"Um was wetten wir, dass der uns erzählt, dass ihm das keiner von denen gesagt hat?" fragte der König den Kriegsgroßmeister. "um den Besitz eurer jüngsten Enkeltochter, mein König. Sollte ich verlieren stecke ich meine angeblich unvergebbare, ungebärdige Schwester Iru in einen Brautsack und übergebe sie an Euch", erwiderte Schmetterhammer. "Durin bezeugt, dass diese Wette gilt!" rief Malin. "Sichtposten, Horchstein zum Hinaussprechen umdrehen!"

Als der Sprechstein mit der blauen Hälfte nach oben gedreht war und der Sichtposten ihn mit drei Fingern berührte rief der König: "Hier spricht meine Majestät, König Malin VII. Eisenknoter, Herr unter den Deutschen Bergen. Ich grüße dich, Kriegsgroßmeister Wetterspitz. Soll mich das ehren, dass du selbst diese - Botschaft - verkündest und es nicht diesem Halbbart Erlenhain überrlässt, mir diesen Unfug aufzubinden? Mein Kundschaftermeister und mein Kriegsgildengroßmeister zweifeln deine Worte an, auch wenn du es gewagt hast, den größten Schrecken unseres Volkes beiläufig zu erwähnen. Wo soll denn Mondbart, der Herr der spitzohrigen Spitzbuben, unsere Tiefenboote erbeutet haben. Gib die in eurer Ortsbestimmungssprache gültigen Bezugspunkte preis oder lasse dich einen elenden Lügner schimpfen, den die große Mutter Erde verschlingen soll."

"Natürlich war mir klar, dass Ihr, O König, diese Frage stellen würdet. Doch auch wenn Herr Silbernagel in meinem Auftrag damit drohte, Mondbart persönlich in einen schmiedeeisernen Käfig zu setzen und unserem Volke zur Schau darzubieten, so wollte Mondbart doch nicht verraten, wo an sechs Stellen unseres Landes er Eure Tiefenboote erbeutet hat und wie er es anstellen will, dass seine Krieger damit in einer Stunde zu euch hinfahren können. Silbernagel konnte die Drohung auch nicht wahrmachen, weil Mondbart von zehn Wächtern beschützt wurde und vielleicht noch zehn unsichtbare Wächter."

"Deine kleine Schwester Iru wird mein Lager wärmen und dich mit einem Neffen aus meinen Lenden erfreuen, Meister Schmetterhammer", schnarrte der König. Schmetterhammer grinste jedoch so, als habe er die anrüchige Wette gewonnen. Sicher, es ging ja nur um seine zwanzig Jahre jüngere Schwester, die behauptete, sie sei eine Priesterin des Mondes und dürfe daher nicht mit der Mühsal irdischer Fruchtbarkeit beladen werden.

"Ach neh, wer hat denn da eine Wette verloren?" rief Wetterspitz hinunter. "Mein Kriegsgroßmeister", sagte König Malin. "Also, ich glaube dir nicht, Kriegsgroßmeister Wetterspitz. In einer Stunde, sagst du? Die Zeit warte ich doch gerne ab. Hast du gelogen verschlingt dich unsere große Mutter Erde, sofern dann noch was von dir übrig ist."

"Ich bin nur der Bote", sagte Wetterspitz und deutete auf die Fahne und seinen Hut. "Schön, mal mit Euch gesprochen zu haben, König Malin." Mit diesen Worten drehte er sich auf seinem Absatz und verschwand mit einem Knall in leerer Luft.

"Wieso kann der das auf dem Boden meines Reiches, Schattenhut?"

"Öhm, weil er Sohlen aus Silber an den Schuhen hat, die unseren Festhaltezauber überlagern", sagte Schattenhut nicht mehr so überlegen grinsend. "Woher wissen die langen Leute das zum .... bei allen unterirdischen Ungeheuern?" schnaubte Malin.

"Es wird ihm wohl wer erzählt haben, dass Bergbausilber das mit Mondzeichen berunt wurde unsere Festhaltezauber überdeckt, dass einem der zeitlose Weg doch noch möglich ist. Aber keine Sorge. Hinein kann er nicht, weil ja dann der Festhaltezauber auch von oben nach ihm greift."

"Weiß ich!!" bellte Malin höchst verärgert. Irgendwie hatte er den Eindruck, dass ihm gerade einiges auf die Füße fiel, obwohl er gerade die dritte Frau für seine Sammlung gewonnen hatte, auch wenn seine angetraute und seine Mutter ihm das sicher nicht zugestehen wollten.

"Sollen wir es jetzt darauf anlegen, dass die Spitzohren uns verulken oder müssen wir damit rechnen, dass sie hier unter unseren Füßen auftauchen und mit unseren Erdfeuerpumpen unser Reich zerschmelzen und zerstäuben?" fragte Schattenhut. Malin überlegte. Er traute den Spitzohren und den Zauberstabträgern eine Menge Durchtriebenheit und Verlogenheit zu. Doch genau darauf mochten sie setzen und genau deshalb diesmal die Wahrheit sagen, um ihn, den König, mitsamt seinem Volk aus aller Geschichtsschreibung zu brennen. Selbst wenn die anderen Könige dann auf Vergeltung ausgehen würden wäre er dann weg und damit auch alles, was er erreicht hatte. Ja, er konnte dann wohl nicht einmal mit der Waffe in der Hand sterben. Konnte er das nicht?

"Ich muss in den Herrschersaal. Haltet hier die Stellung!" sagte der König und verließ eilig die Überwachungshauptstelle.

"Ich muss ihm nach", grummelte Schattenhut. "Du hast den Befehl gehört, Sichtposten vom Dienst." Dann eilte auch Schattenhut aus der Überwachungshauptstelle.

Malin war jedoch schon mit dem Eisenwagen fort, mit dem er, Schmetterhammer und Schattenhut eingetroffen waren. Schattenhut unterdrückte den Drang, aufzustampfen oder einen zünftigen Zwergenfluch auszustoßen. Er ging an die Ruftafel und verschob einige kleine Steine darin. Dann tippte er mit zwei Fingern auf eine rote Fläche. Die Tafel erzitterte kurz. Jetzt würde es wohl noch dreißig Atemzüge dauern, bis der nächste Eisenwagen vorfuhr, dachte Schattenhut.

König Malin befahl seinem Gefährt, ihn mit Kriegsnotgeschwindigkeit in die Nähe seines Gemaches zu bringen. Er fühlte den sturmgleichen Fahrtwind an seinen spärlichen Haaren zubbeln und wie ihm sein stolzer Bart um den Kopf geschlagen wurde. Doch er hatte es sehr eilig.

In seinem Schlafbereich holte er die mächtigsten Beutestücke seiner Kampfprüfungen aus der nur auf sein Fleisch und Blut abgestimmten Eisentruhe, den Gürtel, der unsichtbar und ohne ausstrahlende Körperwärme machte und die daran angebrachte Scheide, die scheinbar nur einen Dolch umschloss. Wenn er schon untergehen sollte, dann mit erhobener Waffe und Durins ewigen Ruhm preisend, sich ihm anbieten, auch wenn er sich dann wohl nicht an den Lustbarkeiten des ruhmreichen Reiches beteiligen durfte, weil er sein ganzes Volk aufs Spiel setzte.

Wieder im Eisenwagen ließ er sich erneut mit Kriegsnotgeschwindigkeit in die Halle des Herrschers zurückbringen. Gürtel und Waffenscheide verbarg er unter seinem Königsgewand. In der Halle schwang er sich auf seinen eisernen Herrscherstuhl. Da kam Schattenhut durch die Tür. Der König gebot ihm, sich auf die hintere Bank zu setzen. Dann rief er in den Raum hinein, dass der Großmeister der Botengilde zu ihm kommen sollte.

"Wozu braucht Ihr die Boten, mein König?" fragte Schattenhut. "Das wirst du gleich erfahren, Kundschaftergroßmeister Schattenhut", schnaubte der König.

Als der Meister der Boten bei ihm vorsprach erteilte er diesem einen Auftrag. Schattenhut sah den König an. Doch weil der ihm einen warnenden Blick zuwarf schwieg er. Als der Botenmeister wieder davoneilte sagte er: "Das ist genau was die da draußen all die Tage wollten, mein König. Ihr werdet sie zu den Ausweichhäfen führen."

"Genau, das denken die, dass sie den Boten folgen. Aber weil deine Ohren und dein Verstand sehr scharf sind, Großmeister Schattenhut, wirst du mitgehört haben, dass sie die sechs sonnenfarbenen Stühle nehmen sollen, nicht die himmelsfarbenen. Die da draußen werden gleich eine sehr anschauliche Lehrstunde in Flugzauberei erleben und vor neid und Enttäuschung erblassen."

"Was macht euch da so sicher, mein König?" fragte Schattenhut. Der König nannte einen Namen. Schattenhut wiegte den Kopf und nickte dann. "Das heißt, ihr habt das Gebot Eures Vaters und Vorgängers widerrufen?" fragte er. "So ist es, und die da draußen wissen nicht, welch hochbegabter und einfallsreicher Möblelschreiner unter uns weilt."

"Das verstößt aber gegen die Ehrengesetze unseres Volkes", erwiderte Schattenhut. "So, ttut es das. Durin erlaubt alle ergreifbaren Mittel, wenn es gilt, Leben und Ehre des Volkes zu schützen. Das Leben unseres gesamten Volkes hängt an einem dünnen Haar über dem weit klaffenden Schlund des nimmersatten Sohnes der Erde. Ich werde kein Mittel auslassen, es aus dieser Gefahr herauszuheben wie ein fertiges Schmiedestück aus dem weißen Feuer der Esse", erwiderte Malin.

"Ihr seid der König. Euer Wort ist das Gesetz", erwiderte Schattenhut ein wenig resignierend. "Ich möchte schließlich noch eine herrliche Hochzeitsnacht mit Schmetterhammers eisernen Jungfrau von Schwester genießen", grinste Malin jungenhaft. Die Aussicht, am Ende dieses aufwühlenden Tages in allen Belangen als Sieger hervorzugehen und zur Belohnung eine wilde Nacht mit einer herrlich widerstandswilligen Frau zu erleben, die er mit allen Kräften erobern musste, wie der Drachentöter Sigurd die Brünhild, das machte ihn gleich fünfzig Jahre jünger.

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"An alle Aufpasser, kann sein, dass gleich mehrere fliegende Boten aus den Toren kommen. Möglichst aus der Reichweite von Verfolgerwarnern bleiben, bestenfalls von oben überwachen", schickte Andronicus über den Vocamicus-Zauber einen Befehl an alle über einen Kilometer über dem Geschehen in weiße Wolken eingehüllte Lichtwächter und an jene, die nicht nur er immer noch für Albertine Steinbeißer hielt.

Es dauerte einige Zeit, bis einer der Überwacher ausrief. "Sechs in Violett klettern in sonnengelbe Sessel. Ah, die gleiten auf Schwebezaubern und nicht wie sonst mit eigenen Flügeln. Es geht in einen senkrechten Schacht, dessen oberste Stelle auf halber Höhe des westlichen Berges liegt. Achtung!"

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Sie war bereit für den großen Akt. Sie freute sich fast überschwenglich. Das konnten unmöglich schon die Hormonwallungen der bestätigten Schwangerschaft sein. Sie hatte der Versuchung widerstanden, Canopus' Umhang anzulegen und ihn bis auf die beiden oberen Schließen zu verschließen. Keiner hier durfte wissen, dass sie einen besonderen Umhang trug. Im Moment schwebte sie auf ihrem Dienstbesen Donnerkeil Modell 21 in einer magisch erzeugten Wolke aus echtem feinen Wasserdampf. Ihre magische Sicht nach unten wurde damit nicht behindert. So sah sie, was ihr nur zweihundert Meter entfernter Kollege Peter genannt Pitt Isenbügel erkannte und über Vocamicus-Zauber weitermeldete.

Sechs sonnengelbe Sessel mit hauchzarten, goldenen Flügeln wie die christlicher Engelsdarstellungen wurden nacheinander in einem Schacht nach oben geschossen. Druckluft oder echter Levitationszauber, das wusste Albertrude nicht zu sagen. Jedenfalls überwanden die sechs nacheinander aufsteigenden Sessel ohne Flügelschlag hundert Meter in nur fünf Sekunden. Dann klappte eine für Normalsichtige perfekt getarnte Luke auf. Sessel Nummer eins schnellte aus dem Berg, umhüllt von jener silbernen Aura einer in Kraft gesetzten Unsichtbarkeitsmagie. Sicher, das gehörte wohl zum Standard. Als dann der erste Sessel unvermittelt mit aufstrahlenden Flügeln davonschoss wie eine Kanonenkugel verdankten Albertrude und Pitt Isenbügel nur ihrer großen Flughöhe, dass sie das bemannte Geschoss nicht gleich nach einer Sekunde aus den Augen verloren. Dann war Sessel Nummer zwei aus dem Schacht heraus und drehte nach Südwesten ab. Gleich darauf jagte dieser wie von einem Katapult geschnellt davon.

"Habe ich jetzt was an den Augen oder fliegen die mit mindestens sechshundert Stundenkilometern?" rief Isenbügel. Albertrude sagte erst nichts. Gemäß der Einteilung sollten die Überwacher in alphabetischer Nachnamensreihenfolge den davonfliegenden Sesseln in mindestens einem Kilometer Höhe folgen. Albertrude sah jedoch nur die davonschießenden Sessel. Als der dritte ebenfalls mit irrwitziger Geschwindigkeit davonraste folgte Isenbügel mit der dem Donnerkeil innewohnenden Kurzstreckensprintgeschwindigkeit, die ihn auf die dreifache Reisehöchstgeschwindigkeit, also knapp 1000 Kilometer in der Stunde beschleunigte, allerdings nur für dreitausend Meter.

Als Sessel Nummer vier nach Nordosten schwenkte und innerhalb von zwei Sekunden von 100 auf über 600 Stundenkilometer beschleunigte startete Albertrude durch. Doch ihr war klar, dass sie ihren zu folgenden Boten verlieren würde, wenn dessen Flugsessel die Kraft der Luft in sich einsog und für belibig lange Zeit mehr als 600 Stundenkilometer flog. Sie hatte aber eben damit gerechnet und sich vorbereitet.

Sie jagte dem Sessel nach und erkannte, dass selbst die Sprintgeschwindigkeit noch um einige Dutzend Stundenkilometer zu langsam war. Flog dieses Ding wahrhaftig mit Schallgeschwindigkeit? War die silberne Aura, die den Sessel umfloss auch ein Luftwiderstandsdämpfungszauber, der den Sessel mühelos durch die sich vor ihm stauende Luft dringen ließ. Albertrude nutzte zwar auch einen Windumlenkungszauber. Doch nach dreitausend Metern Spurt war für sie angeblich schluss.

Sie ging in einen Sinkflug mit 45 Grad Neigungswinkel über. Damit nutzte sie auch ein wenig die irdische Schwerkraft. Sie folgte dem Sessel noch 1000 Meter, bis dieser schon an die fünfzig Besenlängen vor ihr aber nun auf derselben Flughöhe war. Dann zog sie etwas aus ihrem Umhang, dass wie ein Taschentuch aussah. Sie knüllte es kurz. Dann wisperte sie "Markieren!" sie warf den Gegenstand in Richtung des ihr zu entkommen trachtenden Flügelsessels. Sie fühlte, wie ihr Besen erbebte, weil er gleich an sein Sprintmaximum stoßen würde. Forderte sie ihm noch zu viel ab würde er nach weiteren 500 Metern einfach vom Himmel fallen. Doch Albertrude hoffte, dass das nicht nötig war.

Das angebliche Taschentuch verwandelte sich in eine silberne Lichtkugel, die mühelos durch die Luft dahinjagte und dabei schwach erbebte. Sie holte den fliegenden Sessel ein, der noch einmal beschleunigte. Doch die Kugel blieb ihm auf den Flügeln, blähte sich auf und zog sich zusammen, als sauge sie die umgebende Luft ein. Der Bote im Sessel sah nun die magnetische Abriegelung vor sich und klappte ein Helmvisier runter. Keine Sekunde später sprühte der Helm rote und blaue Funken. Der Sessel schwankte kurz nach links und rechs. Dann war er auch schon durch die hundert Meter breite Zone der wechselnden Magnetfelder. Die ihm nachgeschickte Silberkugel glühte kurz blau auf. Dann sprang sie förmlich nach vorne. Aus dem Sessel schlugen gleißende blaue und weiße Blitze und trafen die Silberkugel im Flug. Diese grellte auf wie eine zweite Sonne und zerplatzte unhörbar in abermillionen weißblauer Funken. Diese umschwirrten den geflügelten Sessel und erloschen daran. Albertrude erkannte, dass sie gleich aus der Reichweite ihrer künstlichen Augen sein würde. Der Flugsessel hielt seine Geschwindigkeit. Doch der Donnerkeil musste bremsen, sollte er nicht abstürzen.

"Ziel erfolgreich markiert. Erbitte Erlaubnis, ihm am Boden durch Apariersprünge zu folgen, bis zwei Kilometer um Ziel erreicht", meldete Albertrude über Schallverpflanzungsdose. Zugleich meldeten die fünf anderen, dass sie ihre Ziele noch im Blick hatten, weil sie auf maximale Fernblickhöhe aufgestiegen waren. Die Taktik war auch nicht übel, würde aber bei einer längeren Verfolgung fehlschlagen, dachte Albertrude.

"Ziel immer noch auf über 800 Stundenkilometer, berichtige, fliegt mit Luftschallgeschwindigkeit. Wiederhole, mit Luftschallgeschwindigkeit. Befürchte Verlust des Sichtkontaktes in ... Drachendreck!" Das war Pitt Isenbügel. Dann erfolgte die Meldung: "Habe Belastungsgrenze überreizt. Besen im freien Fall!"

"Isenbügel, Sie Idiot!" brüllte Andronicus Wetterspitz.

"Hier Oberleutnant Sommerfeld, verliere gerade Ziel. Muss abbremsen, um nicht auch noch abzustürzen", meldete ein weiterer Lichtwächter.

"Was bitte haben Sie getan, Fräulein Steinbeißer, und wie soll uns das helfen?"

albertrude fand nichts dabei, das zu verraten. Denn es konnte im Buch über siderische Zauber unter dem Kapitel Markierungszauber nachgelesen werden. "Ich habe mir gedacht, dass Malin davon ausgeht, dass wir seine Leute verfolgen werden. Daher ging ich davon aus, dass er Flugartefakte bauen lässt, die unsere Besen abhängen. Zwergenzauber sind nun einmal stärker, wenn sie mit Zwergenblut oder -Schweiß auf berunte Körper gesprochen werden. Daher habe ich das auf Flugzauber ansetzbare "Auge des wachenden Mondes mit einem silbernen Taschenspiegel verbunden, auch wenn gerade heller Tag ist."

"Wäre es so umständlich gewesen, uns das eine Stunde früher als jetzt zu erzählen, Fräulein Steinbeißer?" fragte Wetterspitz mit hörbarer Verärgerung. "Ihr Schwager riet mir, nichts voreiliges zu erwähnen, da ich Sie weder bloßstellen wollte noch unterstellen wollte, dass Sie sich auf diesen Fall nicht vorbereitet haben könnten", sagte Albertrude ruhig. Sie dachte daran, dass sie zehn Minuten vor ihrer Überwachungsschicht bei Eilenfried Wetterspitz gewesen war und ihm erzählt hatte, dass sie selbst dann noch ein Ziel verfolgen konnte, wenn es schnell wie der Schall durch die Luft flog. Dabei hatte sie ihn mit dem Zauber Eloquentia Mercurii angesprochen, der die Überzeugungskraft ihrer Stimme und Wortwahl vervielfachen konnte. So hatte sie ihn gefragt, ob sie es seinem Schwager Andronicus vorher mitteilen sollte. Der hatte dann leicht weltentrückt gesagt, dass er es früh genug erfuhr, wenn sie ihr Vorhaben erfolgreich durchführte und falls nicht, besser gar nicht erst davon reden sollte.

"Haben Sie das Ziel noch im Blick, Fräulein Überschlau Steinbeißer?" schnarrte Andronicus Wetterspitz. Albertrude bejahte dies. Denn nun hielt sie den auf ihr Zielmarkierungsartefakt mit Silberfäden abgestimmtes Überwachungsartefakt, einen silbergerahmten Taschenspiegel mit Mondsteinrückseite in der Hand. Sie erwähnte, dass wegen des Sonnenlichtes kein klares Kartenbild zu sehen war, aber sie die Bewegungsrichtung noch gut im Blick hatte.

"Wenn das hier vorbei ist gehen wir zwei zu meinem Schwager und zum Minister persönlich, damit die mitbekommen, was ich Ihnen dringend zu sagen habe", grummelte Andronicus. Dann kam die Meldung, dass Pitt Isenbügel mit vereintem Fallbremsezauber aufgefangen und unverletzt zu Boden gebracht worden war. Der hörte natürlich mit und ärgerte sich, dass "die Zivilistin" womöglich mehr Weitblick besessen hatte als die Lichtwachen zusammen. Darauf sagte Albertrude: "Leute, ich bin darauf eingeübt, Maschinen der Maglos im Fluge zu verfolgen. Die sind genausoschnell wenn nicht noch schneller als die sonnengelben Flugsessel."

Das stimmte nur insofern, dass sie Flugzeuge der Magielosen mit Hilfe der Rückschaubrille verfolgen konnte, weil sie gemütlich hinter deren vergangenem Bild mit Zeitverzögerungswiedergabe herfliegen konnte und der Flugsessel hier einen Unsichtbarkeitszauber hatte, der ihn für Rückschaubrillen unentdeckbar machte.

"Gut, Fräulein Siebengescheit Steinbeißer, sie verfolgen den markierten Boten und melden wo er landet! Hören Sie? Nur Melden, wo er endgültig landet! Keine weitere Verfolgungsaktion und kein weiteres unabgesprochenes Hexenkunsstück aus dem Sternenguckerbuch!"

"Soll das jetzt eine Anweisung oder eine Unmutsbekundung Ihrerseits gewesen sein, Herr Generalissimus Wetterspitz? Falls erstes erbitte ich eine protokolltaugliche Wiederholung ohne Gehässigkeiten und Ironie."

"Frechheit!!" brüllte es blechern aus der Schallverpflanzungsdose, dass diese an ihrer Halskette wild wackelte. Doch dann erfolgte im strengen, aber offiziellen Tonfall die Aufforderung: "Fräulein Steinbeißer, da Sie Ihr Ziel weiterverfolgen behalten Sie genug Abstand und folgen Sie Ziel bis zum Endpunkt. Nur Endpunkt feststellen und melden. Keine Alleingänge welcher Art auch immer! Wiederhole, nur Zielpunkt ermitteln, weitermelden und auf Verstärkung warten!"

"Befehl verstanden, nur Zielpunkt ermitteln und diesen an alle anderen weitermelden. Keine sonstigen Aktionen", bestätigte Albertrude und klappte dann die Dose mit der Bemerkung zu, dass Zwerge ein supergutes Gehör besaßen und sie wenigstens auf die zwei Kilometer Locorefusus- beziehungsweise Locattractus-Entfernung herankommen wollte.

Als sie mit ihrem Besenlandete sah sie, wie drei von Wetterspitzes Leuten über ihr kreisten. Hatten die gedacht, ihr hinterherzufliegen? Sie blickte in den Spiegel. Der dort als silberner, pulsierender Fleck markierte Zielkörper flog laut Bezugsgitter immer noch mit Schallgeschwindigkeit, wenngleich die Ausdehnung des silbernen Lichtes scheinbar über zwei Kilometer hinausreichte. Bei reinem Mondlicht wäre die Genauigkeit auf fünf Meter genau, und die Karte im Spiegelglas hätte sich bereits auf entsprechende Ausschnittgröße ausgedehnt.

"Dann wollen wir mal zehn Kilometer weiter. Ja, da kann ich ungesehen rauskommen", dachte Albertrude und disapparierte.

Als sie nach der Zwischenankunft das Ziel weiterverfolgte setzte sie ihm mit einem Korrektursprung bis auf einen Kilometer nach. Sie musste schließlich davon ausgehen, dass der markierte Zwergenbote nach der scheinbaren Zerstörung der Verfolgerkugel mit neuerlichen Lichtwächtern rechnete. Dieser Tropf hatte gedacht, die Silberkugel mit Kraftausbrennern zu zerstrahlen würde reichen. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Die Kugel hatte ihre Beschaffenheit geändert und war zu einer auf Sonnenlicht bezogenen Markierungswolke geworden, die sich an dem Gold des Sessels und der Flügel sehr gerne angelagert hatte. Reine Mondmagie wäre davon wohl abgeprallt und erloschen. Doch Albertrude hatte damit gerechnet, dass der Flugsessel eine Fremdzaubererfassung und Auslöschung besitzen mochte. Tja, das hatte er jetzt davon. Um zwei Ecken denken lohnte eben immer wieder.

Albertrude sprang dem Flugsessel immer wieder nach und fühlte sich wieder einmal stolz, so geschmeidig den Standort wechseln zu können. So folgte sie dem Sessel, bis dieser langsamer wurde. "Oh, der hat doch allen Ernstes fast zwanzig Minuten das Tempo gehalten", dachte Albertrude und übersprang wieder zwanzig Kilometer. Dann waren es glatte hundert. Als sie nur noch fünfzig Kilometer vom Zielkörper entfernt war vergrößerte sich das Bezugspunktemuster. Statt 500 Meter pro Koordinatenpunkt waren es nur noch 50 Meter. Albertrude folgte dem Sessel noch bis auf fünf Kilometer. Ja, der Sessel sank zu Boden. Wenn er die Erde berührte würde der Markierungszauber von ihm abfallen. Also sprang Albertrude schnell noch zwei Kilometer weiter, was für sie wie ein Hüpfer über einen schmalen Bachlauf war. Dann sah sie, wie sich die Koordinaten noch mehr verdichteten. Jetzt war ein Rasterpunkt laut im rechten Spiegelrand angelegtem Maßstab nur noch zehn mal zehn Meter. Die Karte selbst wies nichts auf, was als sichtbares Ziel dienen mochte. Doch nun flackerte der Zielkörper. Dann löste er sich auf. Albertrude las die Koordinaten ab und wusste, wo sie suchen musste.

Sie blickte schnell auf den Donnerkeilbesen. Sie verwendete die Sicht für magische Auren und nickte. Natürlich hatte sie einen mit Localisatus-Inanimatus-Zauber markierten Besen bekommen. Bei den Lichtwächtern war das so. Deshalb meldete sie, dass der Zielkörper gerade in eine Kreisbahn eingeschwenkt war, wohl weil er nicht mal eben irgendwo landen durfte, wo was ganz geheimes versteckt war. "Der Kreis hat einen Durchmesser von zweitausend Metern. Kann sein, dass das Zielgebiet im Mittelpunkt liegt, aber auch, dass das Zielgebiet in der Peripherie liegt und der Sessel bei mehreren Überflügen überprüft wird", sagte Albertrude. "Ich melde, wenn Landung bestätigt", sagte sie und klappte die Dose wieder zu. Sie blickte schnell nach oben. Falls sie ihr folgten konnten gleich mehrere Besen über ihr aufftauchen. Doch noch war kein Besen zu sehen, egal ob über dem Horizont oder im Zenit. Sie könnte jetzt noch einmal nach Hause und den Umhang holen. Nein, besser nicht! Sie zälte noch einmal zehn Sekunden herunter. Dann flog sie los.

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"Ich werde meinen werten Schwager heute noch durch den Fleischwolf drehen und eine Lokalrunde Bulletten aus dem machen", dachte Andronicus Wetterspitz bei sich. Natürlich würde er das nicht tun, weil er sonst Ärger mit dessen Schwester und seiner eigenen Schwester kriegen würde. Aber dass ihm wieder eine Hexe, die nicht mal zu den Lichtwachen gehörte eine Nase gedreht hatte und sich am Ende des Tages noch als Heldin der Saison feiern lassen mochte ärgerte ihn sichtlich.

"Wenn sie noch einmal mit dem Besen springt hat sie den Zielpunkt. Größten Teil der Strecke überspringen und dann mit Besen Endanflug ohne Meldung abzuwarten!" befahl Wetterspitz den um ihn gelandeten Lichtwächtern ohne Schallverpflanzungsdose.

"Öhm, wieso können wir, die wir Lichtwächter heißen, diesen Zauber nicht, Generalissimus?" fragte der von seinem Absturz überschnell und übergut erholte Pitt Isenbügel.

"Natürlich können wir diesen Zauber auch anwenden. Wir brauchen nur ein mit Gold- oder Silberfäden durchwirktes Stück Stoff, einen mit Silber oder Gold besetzten Spiegel mit dem eingewirkten Zauber Crates coordinata und dem Zauber Connectivus aequimaterialis mit genauer Quellenbestimmung, bei Gold Sonne, bei Silber Mond, und schon haben wir das, was die vorwitzige Dame im stillen Kämmerlein zusammengehokuspokust hat", schnarrte er. "Nur dieser Lichtkugelzauber muss aus dem Buch "Ad Astra" entnommen und wohl ein paar mal geübt werden", setzte er noch missmutig hinzu.

Als die Meldung kam, dass das Ziel im Moment Kreise ausflog klappte er leise die Dose zu und nickte seinen Leuten zu. "Die Herren Leutnants und Oberleutnants, Sie können schon mal bis auf zwei Kilometer heranspringen. nicht näher, weil diese Dame sonst vielleicht wortwörtlich den Abflug oder den Absprung macht, ohne uns zu sagen, wo genau der Zwerg gelandet ist", sagte er seinen Leuten ohne magische Hilfsmittel.

"Öhm, Generalissimus Wetterspitz. Wenn die Boten alle zu diesen Ausweichhäfen fliegen, dann könnten sie doch gleich, wenn sie da sind die Verlegung der Boote fordern. Vielleicht kommen die dann alle hierher, um die angebliche Koboldinvasion abzuwehren", bemerkte Pitt Isenbügel behutsam.

"Noch so einer der Schlaufuchswasser gesoffen hat oder von mehreren Wichteln zugleich geritten wird", knurrte Wetterspitz. "Was meinen Sie, was ich gerade über die zweite Dose weitergegeben habe. Gleich kommen hier zweitausend Lichtwächter an. Wenn die Zwerge nur fünfzig Boote oder Kreuzer haben nehmen wir es locker mit denen auf, wenn wir in der Luft auf sie einfluchen. Aber ich will wenigstens eines dieser Boote erobern, wenn nicht alle zusammen, die in diesem einen Hafen liegen. Also keine weiteren Zwischenfragen mehr!"

Als die meldung eintraf trafen auch die zweitausend Lichtwächter auf ihren Donnerkeilbesen ein. Andronicus Wetterspitz winkte mehrmals, bis hundert von ihnen bei ihm gelandet waren. "Sie begeben sich mit den Besen zu diesen geographischen Bezugspunkten! ..." Er teilte die Zielkoordinaten mit. Dann sah er, wie die hundert in den für Lichtwächter vorgeschribenen Fünfergruppen disapparierten. Irgendein Schlauberger hatte das mal ausgerechnet, dass eine Gruppe von über zehn auf einmal, die am selben Zielpunkt eintreffen sollte, Gefahr lief, miteinander zu verschmelzen. Also nahmen sie das gesunde Mittel. Zwanzig mal krachte es wie mittelschwere Knallfrösche. Dann waren die hundert Eingeteilten weg.

"Sie alle halten sich bereit, um für den Fall, dass wir gleich von mehreren Dutzend blauen Walzen überrollt werden sollen gegenzuhalten. Für den Fall, dass die Kameraden am Zielort in Schwierigkeiten kommen noch einmal durchzählen. Jeder zehnte stellt sich bereit, um auf meinenBefehl hin in die Nähe des Zielortes zu apparieren. Also durchzählen!"

"Wie bei der Dezimation", murrte einer. "Das habe ich gehört, Major Klettenstrunk. Falls Sie noch so was abfälliges von sich geben überlege ich mir das ernsthaft, diese alte Strafe wieder einzuführen."

"Könnte uns ja auch passieren, wenn da, wo die Maglobändigerin hin ist tausend wilde Zwerge mit tiefschwarzen Bärten entgegenspringen und uns mit ihren Äxten und Streitkolben beharken", sagte noch einer. "Wer war das?" fragte Wetterspitz, weil er den Sprecher zwischen zwanzig Lichtwächtern nicht erkannt hatte. Einer zeigte auf, dann noch zwei und dann alle zwanzig. "Ach, wieder mal das, einer für alle, alle für einen", schnaubte der Generalissimus. "Das habe ich schon mit meinen Kameraden durchgezogen wo Ihre Eltern noch in vier Teile aufgelöst in Ihren Großeltern herumgelegen haben, Sie Banditen. Also gut, Kollektivstrafe nach Beendigung der Mission", verkündete Wetterspitz und wusste, dass diese Drohung bei einem möglichen Suizideinsatz völlig sinnlos war.

"Sind gleich im roten Bereich!" rief einer der hundert Lichtwächter in der Nähe des Zielortes. Da erfolgte eine weitere Meldung von Albertine Steinbeißer: "Hinterhalt! Zwwerge haben lenkbares dunkl..." Dann knallte es laut und blechern in der Schallverpflanzungsdose.

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sie wusste, dass sie nur noch eine oder zwei Minuten hatte. Doch das war ihr die Sache wert.

Sie flog auf ihrem Besen über das Zielgebiet. Sie sah durch ihre Augen, dass die Landschaft unter ihr verschwamm. die hatten doch ernsthaft einen Tarnzauber darüber ausgespannt. Konnte sie den nicht durchdringen musste sie sich wie befohlen zurückziehen und auf eine andere Gelegenheit warten. Doch sie konnte den Tarnzauber durchblicken, als sie nur hundert Meter über dem Grund war. Sie sah auch, dass der für Zwerge typische Festhaltezauber wirkte, der das Disapparieren für Zauberstabträger vereiteln würde. Nur mit silbernen Schuhsohlen, mit genug Silber beschlagenen Kleidungsstücken und nötigerweise einer Kopfbedeckung wie eine Tiara konnte man diesem Zauber entwischen. Alles das hatte sie nicht dabei. Doch sie musste im Grunde ja nur rein und was auslösen.

Sie überflog die Abdeckung des unterirdischen Versteckes. Ja, da waren sie, an die zwanzig kobaldblaue Walzen, die sogenannten Tiefenboote und tatsächlich ein an die fünfzig Meter langes Gefährt, wohl einer der Tiefenkreuzer. Sie sah auch haarfeine Lichtstrahlen, fast wie unmagische Laserstrahlen, mit denen Anthelia und Patricia Straton einmal zu tun bekommen hatten. Das war das Zwergenäquivalent des Lebensaurenanzeigers, nur dass der davon angestrahlte nicht grün aufleuchtete sondern nur magisch wiederhallte. Sie wussten also, dass sie da war. Gut, der große Hexentanz nach Walpurgis begann.

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Es klang für Nichtzwerge wie das wilde Krächzen eines Eichelhähers. Doch in diesem Krächzen schwangen Töne mit, die den Zwergen mehr verrieten. "Fremdwesen, Typ Zauberstabträger, weiblich, auf fliegendem Besen über Ausweichhafen erkannt!" rief Bandur Schwerttänzer, der an diesem Tag im Ortungsleitstand Dienst hatte. "Bild zu mir, aber Karratatack!" befahl Ogur Panzerbauch, der Befehlshaber vor Ort. Bandur tippte mit seinem Zeigefinger auf den sichtbaren Bildausschnitt und dann mit dem gleichen Finger der anderen Hand auf eine leere Glasplatte. "Das ist die mit beiden Kunstaugen, die im Magielosenbändigungsbüro arbeitet", sagte Panzerbauch, als er das nur für ihn und Schwerttänzer grün leuchtende Wesen auf dem silbern flimmernden Besen sah. "Achtung, Anflug. Die will hier landen. Wie ist die überhaupt hergekommen!"

"Bote Wifur Leiseläufer hat doch was von einem abgewehrten Kennzeichnungszauber erzählt, den sein Sessel gerade noch abgeschüttelt hat", sagte Bandur.

"abgeschüttelt hat? Warum ist die dann da oben über uns und beguckt sich gerade unsere Boote und den Kreuzer?"

"Keine Antwort wegen fehlender Begründung", erwiderte Schwerttänzer. "Landungstruppen der Boote in die Hafenhalle!" dröhnte Panzerbauchs nun magisch verstärkte Stimme durch alle zwanzig kleinen und großen Räume. In der Decke über den Booten klappten Luken auf und eiserne Stangen schossen wie die Stäbe eines Fallgitters nach unten und rasteten mit aberhundert winzigen Haken am Boden ein. Gleich darauf rutschten mehr als zwanzig Zwerge in leichter dunkler Rüstung nach unten. Hinter ihnen folgten gleich noch einmal zwanzig.

"Leute, die braucht nur zu melden, dass wir alle hier sind und dann kommen deren Kollegen angeschwirrt", stieß Schwerttänzer aus, der immer noch die über ihm kreisende Hexe auf ihrem Besenstiel ansah.

"Goldlichtlanzen ausfahren und Ziel damit aus der Luft fangen. Lebend einfangen!" befahl Panzerbauch.

"Hundert Längen über Boden. Neunzig! Achzig! - Goldlanzen fahren aus!" gab Schwerttänzer durch.

Er sah auf die Bildplatte. Wieso strahlte die Unbefugte jetzt ein merkwürdiges blaues Licht aus? Da schossen die ersten Goldlichter auf sie zu, prallten auf den Besen und zogen daran. Doch die Unbefugte wischte mit ihren Händen das Licht vom Besen und bekam ihn wieder in ihre Gewalt. Die Goldlichtlanzen, die sie selbst trafen schufen nur ein wildes, gold-blaues Flackern um sie herum. Dann verschwand sie einfach mit ihrem Besen. Die goldenen Lichter griffen ins Leere. Im gleichen Augenblick knallte es hörbar, und eine blecherne Stimme übertönte das noch wildere Eichelhähergekrächze: "Zauberstabträgerin in Bootshalle.

"Nehmt sie fest! Ich will sie lebend!" brüllte Panzerbauchs Stimme.

Zwei silberne Netze flogen auf die in himmelsfarbenes Licht gebadete Hexe zu. Doch als sie auf das Licht trafen zuckten Blitze durch die Maschen. Die Netze spannten sich auf, statt sich zusammenzuziehen, dehnten sich unter wilden Blitzen. Dann rissen die silbernen Verbindungsfäden. Die Netze zerfetzten und fielen als verkohlte Fasern um die zu ergreifende Hexe zu Boden. "Das ist unmöglich! Mondeissilber kann nicht zerreißen oder verbrennen." Doch Panzerbauch und die anderen sahen, dass es ging. Dann sahen Schwerttänzer und die in der Bootshalle bereitstehenden, wie die Fremde mit ihrem Zauberstab wie mit einem Schwert über den Boden hinweghieb und dabei was rief, dass der selbsttätig mitlaufende Sinnerhellungszauber mit "Schicksal des Himmelsherrschers erfülle dich jetzt!" übersetzte.

Blutfarbenes Licht schoss aus dem Boden. Der Boden erbebte heftig dabei. Das Licht breitete sich kreisförmig von der anderen weg in alle Winkel der Halle aus. Wo es auf die gepanzerten Zwerge traf wurde es zum Teil in goldenen und blauen Blitzen zurückgeprellt und schlug auf die Wände und die Boote. Doch wo es freie Hautstellen fand und in Augen, Ohren oder Atemwege hineindringen konnte löste es eine verheerende Wirkung aus. Es war, als würden die Verteidiger dieser Halle von rotem Feuer erfüllt. Zugleich wurden sie von dem roten Licht wie Blätter im Herbststurm davongeschleudert. Die abgeprellten Kräfte trafen krachend auf die im roten Licht merkwürdig schimmernden Tiefenboote. Die Außenhülle warf Blasen und platzte in angekohlten Splittern ab. Nun schlugen noch Funken aus den freigelegten Stellen. Zeitgleich stöhnten die Krieger laut auf. Schwerttänzer konnte durch das Erbeben von Boden und Wänden Schmerzenslaute hören. Krieger der Erdkinder, die unerträgliche Schmerzen hatten und aus sich heraus rot leuchteten und dann aus sich heraus verdampften. Es zischte und Pfiff wie von mehreren Dutzend Teekesseln gleichzeitig. Dann schepperten die Rüstungen zu boden, als steckte niemand darin. Als Schwerttänzer sah, das dem auch so war schüttelte es den unerschütterlichen Krieger vor grenzenlosem Grauen. Die Hexe hatte einen furchtbaren Zauber gewirkt, der in großer Fläche wirkte und sich nicht von den Zauberabprellpanzern zurückwerfen ließ. Auch der eigentliche Zauberwiderstand der Schwarzalben versagte. Ja, offenbar wirkte dieser Zauberwiderstand geradezu als Vernichtungsverstärker. Alles was Schwerttänzer bis dahin für unmöglich gehalten hatte stürzte nun auf ihn und alle anderen ein. Er sah, wie die unter der löcherigen Haut der Boote liegenden Vorrichtungen im roten Licht grünsteinfarbene Entladungen freimachten. Die Auslöserin dieses Vernichtungswahnsinns hatte sich flach auf den Boden gelet. Offenbar fürchtete sie die Auswirkungen dessen, was sie heraufbeschworen hatte ebenso. Aus den Booten schlugen blaue und grüne Flammen, während das blutfarbene Licht bis zu den Wänden vordrang und alles an Bildübermittlungssteinen überlud. Ansonsten dröhnte es nur laut, weil in den Wänden Zauberschlucker eingewirkt waren. Dann war es vorbei. Das Beben hörte auf. Doch es knallte, knisterte, peitschte und zischte weiter. Die Boote waren schwer beschädigt. Die ganze darin eingewirkte Zauberei war aus jedem Lot geraten, das die großartigen Mitglieder der Zauberschmiedgilde festgelegt hatten.

"Von einem übeltönenden Kreischen wie übereinander schabende MetallSchleifer klang Panzerbauchs stark verzerrte Stimme: "Ruf an alle! Wer steht noch?!"

Schwerttänzer wandte sich der Vorrichtung für Nachrichten zu. Da sah er, wie aus dem einem silbernen Ohr nachgebildeten Schallfänger schwarzer Rauch drang. Offenbar hatte die gewaltige magische Entladung in der Halle weitere Verbindungen überladen. Dann erstarb auch Panzerbauchs Stimme in einem letzten metallischen Kreischen. Schwerttänzer fühlte das Pochen in seinen Ohren und hörte ein leises Pipen, das mit seinem Herzschlag zusammenfiel. Er hatte sich wohl eine Gehörverletzung zugezogen. Gut, das konnten die Zwergenheiler sicher wieder beheben. Doch was war mit allen anderen? Diese eine Frage würde Schwerttänzer für immer unbeantwortet bleiben.

Er wollte gerade die Tür aufstoßen, als er die Stimme wie aus weiter Ferne hörte: "Hinterhalt! Zwwerge haben lenkbares dunkl..." Das war die Unbefugte. Die lebte noch! Doch dann hörte er einen scharfen Knall, der keinen Herzschlag später von einem weiteren dumpfen Knall gefolgt wurde. Dann toste es wieder los. Und diesmal wurde es lauter und lauter. Gleichzeitig wurde es in der Luft kälter und kälter. Dann sprangen die Wände krachend auf. Staub sprühte aus den Rissen. Dann zersprang die gegen so viele Zauber gesicherte Metalltür mit lautem Klirren. Was dann mit der Urgewalt einer lebensverachtenden Magie hereinbrach ließ den jungen Schwerttänzer alle Geschichten vom großen grauen Eisentroll vergessen. Er hatte nur noch einen einzigen Atemzug. Dann traf ihn das finstere, eisige Verhängnis, nicht das des Himmelsherrschers, sondern das aus den tiefsten Unheilseinfällen finsterer Hexen und Zauberer geschöpfte, dunkle Feuer. Schwerttänzer fühlte, wie eine gnadenlose Gewalt seinen Körper regelrecht zerriss. dann fühlte er keinen Schmerz mehr. Alles um und in ihm wurde eins mit den finsteren Flammen der Vernichtung, die alles fraßen, was lebte, mit Magie erfüllt war und / oder aus gediegenem Metall bestand. Das Feuer aus einer anderen, das Leben vernichtenden Welt überrollte alles und jeden im Ausweichhafen Eifel nord. Wo es Magie berührte mästete es sich daran und griff schneller und weiter um sich. In nicht einmal dreißig Herzschlägen war der heimliche Haben unter der Erde ein einziges nachtschwarzes Flammenmeer, das eisige Kälte verströmte wie aus der Leere zwischen den Sternen. Nur was nicht magisch war oder nicht aus Metall bestand wurde nicht zu jenem vernichtenden Brand. Doch es vereiste, zerfiel oder zerplatzte vom plötzlichen Frost zwischen den Poren ausgedehnt.

Hundert Lichtwächter, die gerade erst in die Nähe dieses Ortes appariert waren und mit ihren Besen heranflogen konnten gerade noch den turmhoch emporschlagenden schwarzen Feuersäulen entgehen, aus denen immer wieder peitschende Seitenarme zuckten, gierig, noch mehr magisches oder lebendiges zu verschlingen. Doch die hundert Besenflieger waren Kampfeinsätze gegen fliegende Wesen gewohnt und hatten auch schon gegen Dämonsfeuer kämpfen müssen. Doch das da vor und unter ihnen war die Urmutter aller Höllenfeuer, an die jemals wer mit Angst und Grauen geglaubt hatte. Die hundert wackeren Lichtwächter schafften es nur durch ihr fliegerisches Können und die Kraft und Gewandtheit ihrer Besen, dem eiskalten, finsteren Unheil zu entgehen. Sie stiegen weiter nach oben, darum bangend, dass ein plötzlicher Schub eine der Flammen weiter ausgreifen ließ und dochnoch einen von ihnen erfasste.

eine Nebenwirkung dieses Infernos bestand darin, dass es magische Schallverpflanzungsvorrichtungen überlagerte. So konnten die wackeren Besenflieger nicht bei ihren Kameraden durchrufen. Sie wussten nur, dass Albertine Steinbeißer hier irgendwo gewesen sein musste. Doch wenn sie noch gemeldet hatte, dass es hier ein Hinterhalt war ... doch kein denkfähiges Wesen legte einen Hinterhalt so, dass es selbst darin umkam oder die ganze Basis mit ins Verderben riss. War das hier also nur eine einzige Falle, und Albertine Steinbeißer hatte nicht früh genug reagiert? Warum hatte sie das Unheil nicht früher gesehen? Warum war sie nicht erst in Sicherheit geflogen, bevor sie die Meldung absetzte? Die Antworten waren, dass sie wohl gerade eine Meldung machen wollte, als das dunkle Höllenfeuer gegen sie geschleudert wurde. Doch offenbar hatte da wer die Dosis getroffen, die das Heilmittel zum tödlichen Gift gemacht hatte. Kannten die Zwerge lenkbares dunkles Feuer? Falls ja, dann waren sie viel gefährlicher als es in allen Jahrhunderten erkennbar gewesen war.

In den Schallverpflanzungsdosen kreischte und krachte es, als wenn sich darin Ratten aus Metall austobten und gegenseitig zu zerreißen trachteten. Erst als mit einem letzten Aufflackern einer lichtlosen Lohe das dunkle Feuer in sich zusammenbrach und ein Rest eisigen Hauch in die Umgebungsluft ausatmete hörte das lärmige Durcheinander in den Schallverpflanzungsdosen auf. Sie bekamen wieder Verbindung mit dem Generalissimus.

"Hier Oberleutnant Elmus Winterkorn, melde, dass wir alle gerade noch einer unbeherrschbaren Freisetzung des dunklen Feuers entgehen konnten. Wiederhole, dunkles Feuer zerstörte Zielgebit im Umkreis von geschätzt vierhundert Metern. Überfliegen gerade einen kreisrunden frischen Krater von gut und gerne einhundert Metern Tiefe. Keine Spur mehr von Leben oder magischen Vorrichtungen. Späherin Albertine Steinbeißer offenbar in Wirkungsbereich der schwarzen Flammen geraten und gefallen. Versuchen Rückschau, um die Ursache zu erfassen."

"Vergessen Sie die Brille, die taugt bei Unortbarkeitszaubern und Magievertilgern nicht für einen Bronzeheller", explodierte Wetterspitzes harsche Antwort aus allen Schallverpflanzungsdosen zugleich. "Dokumentieren Sie Echtzeitbeobachtungen und forschen Sie nach möglichen Überlebenden außerhalb des Brandbereiches!"

"Da kommen Kollegen aus der Unfallumkehr. Ja, guten Tag zusammen!" rief der Obergefreite, der gerade die Meldung abgesetzt hatte mit unüberhörbarer Verbitterung. "Was war das hier bitte? Es hat uns alle Spürsteine für die Eifel und das südliche Rheinland tiefgefroren."

"Gefroren? So wirkt das also, wenn hier eine mit Magie vollgepfropfte Zwergenburg im dunklen Feuer abbrennt", sagte Oberleutnant Winterkorn.

"Unsere Überwachung sprang von Dementorenaura über Nachtschatten bis dann dunkles Feuer, bevor alles eingefroren ist", sagte der Zauberer aus der Unfallumkehr. "Waren Maglos am Ereignisort?"

"Wenn da welche waren sind die jetzt alle ganz weg", meinte ein anderer Lichtwächter, dessen Schreckensblässe noch nicht ganz gewichen war. Dann apparierte der Generalissimus persönlich am Kraterrand und grüßte den Kollegen aus der anderen Abteilung. "Können Sie das auch mit dem dunklen Feuer bestätigen?" fragte er den Prüftruppenleiter. "Es spricht auf jeden Fall eine Menge dafür", sagte der. Dann befragte er die Lichtwächter. "Wir verloren Steinbeißers Besen und die Dose aus der Erfassung, als sie gerade ihre Meldung absetzte. Wie hoch sind die Flammen geschlagen, Oberleutnant Winterkorn?" Dieser gab die Höhe mit dreifache Baumhöhe rundgerechnet hundert Metern an. "Das ist doch die Standardhöhe für die Späher, wenn sie durch magische Verhüllungen sehen wollen. Und ich habe der gesagt, nur zu beobachten und zu melden und ... zu warten", knurrte er.

"Öhm, braucht man uns hier noch oder läuft das unter Lichtwächtereinsatz: Streng geheim?" fragte der Spürtruppleiter. "Ich könnte Ihnen das verraten, aber dann müsste ich sie hier und jetzt töten", erwiderte Wetterspitz überspitzt, weil ihm die Bezeichnung streng geheim in den falschen Hals geraten war. Wie geheim konnte dunkles Feuer sein, dass mal eben einen Krater von 400 Metern Durchmesser und 100 Metern Sohlentiefe in die Landschaft brannte? Wie geheim konnte dunkles Feuer sein, dass alle für diese Region eingerichteten Spürsteine ausgesaugt hatte, dass die sich erst mal wieder regenerieren mussten? Die Antwort war so einfach, dass sie jedem hier weh tat: Der Minister und er, der Generalissimus, entschieden das. So sagte er etwas weniger verärgert: "'tschuldigung, ich wollte Sie nicht so harsch anschnauben wie ein aus dem Schlaf gerissener Drache. Natürlich haben Sie ein Recht, über diesen Vorfall eine Einstufung zu erfahren. Die lautet tatsächlich s0, also nur für Zeugen aus dem Ministerium, mich als verantwortlichen Abteilungsleiter, den anderen Herren Wetterspitz als offizieller Sicherheitsleiter des Ministeriums und den Herrn Minister Güldenberg persönlich. Näheres bei der entsprechenden Nachbesprechung in ...", er zog seine bis auf die Sekunde genau anzeigende Uhr und sagte dann: "Einer Stunde. Wir müssen hier erst einmal aufräumen, damit die Maglos das hier nicht für einen Vulkanausbruch halten."

"Sie wissen, dass über diesem Gebiet geologische Forschungssatelliten hinwegfliegen, Generalissimus Wetterspitz?" fragte Untersuchungstruppenleiter Westersand.

"Jetzt machen Sie mich nicht noch wahnsinnig, Herr Westersand. Diese verwünschten Maglospione sind echt überall am Himmel? Kein Wunder, dass meine Gattin keine Astronomiesitzung mehr machen will vor lauter falschen Himmelskörpern da oben. Aber wie kriegen wir das von denen aufgeschnappte wieder weg?"

"Tja, Herr Wetterspitz, das ist wahrhaftig unsere Spezialität", sagte Westersand und warf sich in die Brust. Das wiederum missfiel Wetterspitz. Er deutete in den Krater hinunter. "Das da hat das Leben einer zwar impertinenten aber sehr fähigen Kollegin von Ihnen auf dem Gewissen, Frau Albertine Steinbeißer, die bei uns zur besonderen Verfügung eingeteilt war. Ja, und da unten mögen die Seelen von mehreren Dutzend stolzen Zwergenkriegern den Tod gefunden haben. Falls es kein ehrenvoller Tot mit blanker Waffe in Händen war stürzen deren Seelen wohl gerade bis zum Mittelpunkt der Erde, so deren Glauben."

"Natürlich, ich hätte nach Verlusten fragen sollen, bevor ich so dreist gefragt habe. Dunkles Feuer ist noch vor Dämonsfeuer die gefährlichste dunkle Verkehrung des Feuers überhaupt. Wer das erfunden hat gehört selbst darin verbrannt."

"Ist schon etliche tausend Jahre her, dass es jemand wohl erfunden hat. Es gab mal eine Kreatur, makellos schön, die diese Höllenkraft mit dem eigenen Bewusstsein lenken und sogar löschen konnte. Aber die gibt es ja nicht mehr."

"Stimmt, eine von Liliths vaterlosen Töchtern, die diesen magielosen Alchemisten zum Hurenmörder gemacht hat", zischte Westersand. "Öhm, ja, die war das", grummelte Wetterspitz.

"Besser ist es, wir räumen hier auf und stimmen uns ab, was in den Nachrichten der Maglos bekannt werden darf, wenn unsere Satellitenputzer alles nicht passende aus den Speichern dieser Himmelsaugen herausgeputzt haben", sagte Westersand. Dem konnte und wollte Wetterspitz nur zustimmen.

Als seine Leute nach einer weiteren Stunde abrückten war in dem Krater pures Wasser. Westersand hatte die glorreiche Idee gehabt, die für ihre Kraterseen berühmtte Eifel um eine scheinbare Naturattraktion zu bereichern. So hatten sie unterirdische Wasserläufe angezapft und mit dem daraus heraufbeschworenen Nass den Krater bis knapp unter den Rand aufgefüllt. "Zwergenaugenlaach", hatte einer der Lichtwächter das hinter Wetterspitzes Rücken getauft. Als er harsch fragte, wer das gesagt hatte hatten hundert Lichtwächter gleichzeitig aufgezeigt. "Ich glaube, es wird wieder Zeit für Kurse in Gehorsam und Loyalität den Vorgesetzten gegenüber", bellte Wetterspitz. Doch dann grinste er. Was den Zusammenhalt innerhalb der Truppe anging durfte er sich doch gar nicht beschweren.

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Malin erfuhr nicht, was mit einem der heimlichen Häfen für die Tiefenboote geschehen war. Er hatte den Auftrag erteilt, alle Tiefenboote und -Kreuzer zur Befreiung des Reiches zurückzurufen. Sie sollten den magnetischen Sperrring auflösen und die Lichtwächter und ihre vertückten Störgeräte vertreiben, nicht töten.

Es begann ein langes Warten, da sie ja keine Erdschallverständigungsanlage hatten. Malin VII. wurde immer unruhiger. Irgendwie fühlte er, dass heute sein Schicksalstag war. Würde er ihn überleben? Wollte er ihn überleben?

Er saß zusammen mit Kriegsgroßmeister Schmetterhammer und Kundschaftsgroßmeister Schattenhut in der Überwachungsleitstelle und wartete auf die Ankunft von hundert Tiefenbooten. Er wusste, dass es längere Zeit dauern konnte, bis die Boten die Nachrichten überbracht hatten.

"Mein König hier sind vier ...." erfolgte eine erst aufgebracht klingende und dann wie von einem einschlafenden ausgesprochene Meldung. Schmetterhammer erschrak, als habe der große graue Eisentroll seinen Namen gerufen. Malin wollte ihn schon fragen, was er hatte, als die eigentlich verschlossene Tür mit lautem Krachen aufsprang.

Das letzte was Malin in der Überwachungsstelle sah war ein silberfarbenes Licht, das ihn, Schmetterhammer und Schattenhut traf und ihnen das Bewusstsein raubte.

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Der Boden erbebte von wirbelnder Erdmagie. Pitt Isenbügel warnte, dass mehrere Dutzend blaue Walzen mit irrsinniger Geschwindigkeit heranrasten und genau auf die Absperrung aus ständig Richtung und Polung ändernden Magnetkräften zuhielten. Als sie versuchten, die Eisenfangabsperrung zu durchdringen überschlugen sie sich. Unter der Erde stießen drei Boote mit solcher Wucht zusammen, dass eine viele hundert meter hohe Säule aus zerschmirgelten Steinen in den Himmel schoss. Zugleich entlud sich durch diesen Zusammenstoß alle in den Booten steckende Erdmagie und führte zu einem örtlich begrenzten, aber deutlich spürbaren Beben. Dann auf einmal barsten weißglühende Glutwolken über dem Boden auseinander und zerstörten drei der Magnetkraftplattformen. Pitt fühlte eine sengende Hitze. Dann wurden noch mal zwei Magnetkreiselplattformen vom Himmel heruntergebrannt. Die Bresche wurde immer breiter. Jetzt schnellten die noch fahrtüchtigen Boote und ein mehr als fünfzig Meter langer Kreuzer aus dem Boden hervor. Die Lage drohte zu einer blutigen Schlacht auszuufern. Zauberflüche prallten von den blauen Walzen ab wie Wassertropfen von einer Steinwand. Doch die Flüche und Fangzauber hinderten die Besatzungen der Boote, herauszuspringen und sich gegen die Lichtwachen zu stellen. Dann kam Pitt Isenbügel die Idee, die verbliebenen Magnetkraftplattformen so umzudirigieren, dass die in den Booten sitzenden Krieger von deren kreiselnden Wechselfeldern getroffen wurden. Die Boote erbebten und sprühten Funken. Doch mehr geschah erst einmal nicht.

Ein silberner Memoflieger, nur für brenzlige Lagen, wo Eulen zu wertvoll zum opfern waren, jagte auf Lichtwachengeneralissimus Wetterspitz zu. Er nahm eine Rolle Pergament, die mit einem silbernen Ring zusammengehalten worden war. "Wer von Ihnen ist des Svartálfin mächtig genug?" fragte Wetterspitz in die Runde der vor den Toren stehenden Lichtwächter. Ein Lichtwächter aus der Gegend, vom Rang her ein Major, stellte sich vor Wetterspitz. "Verkünden Sie, dass wir laut Ministerieller Anweisung und eindeutigen Bezeugung unerlaubter magischer Vorrichtungen das Recht haben, die Regierung in Gewahrsam zu nehmen und abzuurteilen. Falls König Malin, sein oberster Kriegsmeister, sein oberster Kundschafter und sein Schatzmeister sich innerhalb von zwanzig Minuten frei und unbewaffnet stellen gewährt Herr Güldenberg den ehemaligen Regierungsangehörigen das Recht, das Land auf freiem Fuß zu verlassen, wenn sie magisch beeiden, nicht mehr wiederzukommen."

"Nichts für ungut, Generalissimus Wetterspitz, aber darauf wird kein durch den Nachfolgekampf ins Amt gekommener König unter den Bergen eingehen. Er wird sich nicht wie ein gewöhnlicher Verbrecher abführen lassen. Eher wirft der uns alle seine Krieger entgegen und drückt den kleinen Jungen noch Küchenmesser und Gabeln in die Hände, um uns damit zu bekämpfen."

"Meinung zur Kenntnis genommen, Major Tannenbühler", sagte Wetterspitz. "Laut vorlesen!" befahl er dann noch.

Major Tannenbühler führte den Befehl aus und verlas mit magisch verstärkter Stimme die Anweisung des Ministers. Für den Fall, dass es beim ersten mal nicht gehört worden war verlas er es zum zweiten mal. Da gingen alle Luken der gestrandeten Tiefenboote auf. wütende Krieger sprangen heraus, um gleich in einen Schauer von kreiselnden Magnetfeldern zusammenzufahren und gegen ihren Codex, selbst die schlimmsten Schmerzen stumm zu ertragen laut aufstöhnten. Das brachte Wetterspitz auf darauf, dass die Zeit der Diplomatie nun doch abgelaufen sei.

"Gut, Major Tannenbühler, lesen Sie das Dokument noch einmal vor und fühgen Sie an, dass wir sonst unter Anwendung der Eisenfangwirbel in die Stadt eindringen und dabei jeden gefangennehmen oder töten, der uns aufzuhalten trachtet."

"Generalissimus, gerade fährt einer der eisernen Wagen aus einer der unteren Hallen fort. Darin liegen zwei bewusstlose Männer in Unterkleidung, ein nackter Mann, der mit silbernen Ketten gefesselt ist und in einem Sack steckt und eine Frau mit verbundenem Mund. zwei Frauen sitzen vorne und lenken wohl. Öhm, sie sind mit blütenweißen Gewändern und die Brüste in Form haltenden Silberkorsetts bekleidet und tragen Mondsichelförmige Haargestecke. Sie fahren in Richtung Berge davon."

"eine Flucht?" wollte Wetterspitz wissen. Isenbügel verneinte. "Es sieht eher so aus, als würde da jemand in die Verbannung geführt. Haben Sie ein Bild von König Malin?" fragte er. Dann zog er die Frage zurück, weil sich gerade vier Frauen und drei Männer in violetter Kleidung mit violetten und weißen Flaggen von innen her dem mehrere Dutzend Zentimeter dicken Tor näherten. Eine magisch übermittelte Stimme erklang: "Wenn ihr uns bei der Ehre eures Blutes und der Länge eurer Bärte schwört, dass ihr nicht unerlaubt über die Schwelle unseres Reiches tretet treten wir zu euch heraus. Bitte achtet die Farbe der Unterhandlung und der freien Boten!"

"Länge des Bartes?" fragte Isenbügel und strich sich über die erst vor zehn Stunden glattrasierten Wangen. Auch Wetterspitz stutzte. Doch Tannenbühler belehrte sie noch einmal, dass der Bartschwur bei den Zwergen der heiligste Eid überhaupt war und nicht gebrochen werden durfte. So schworen Wetterspitz und seine ranghöchsten Lichtwächter den verlangten Eid, auch wenn das doch wirklich lachhaft war, bei einem nicht vorhandenen Bart zu schwören. Doch offenbar kauften die hinter dem Tor diese Bekundung ab. Laut schabend wurden mehrere schwere Steinriegel bei Seite geschoben. Dann öffnete sich leise grummelnd das große steinerne Haupttor.

Die vier bis auf ähnliche Mondstecker in den Haaren violett gekleideten Frauen trieben die zwei Männer in grauer Unterkleidung mit violetten Halstüchern vor sich hinaus. "Wo stand noch einmal, dass bei den Zwergen die Männer alles und die Frauen nichts zu sagen haben?" fragte Wetterspitz.

"In "Die sieben Tafeln Durins - In Obsidian gemeißeltes Vermächtnis des Zwergentums und seiner Angehörigen", Texte und Auslegungen der Gesetze des Zwergenreiches werden darin behandelt", antwortete Tannenbühler, als habe Wetterspitz die Frage ernsthaft gestellt.

"Ja, dies traf bis heute zu, junger Mann. Doch die gegenwärtige Lage gebietet gewisse Veränderungen", sagte die vorangehende Frau, die trotz ihrer nach menschlichen Maßstäben vorhandenen Kleinwüchsigkeit eine imposante Erscheinung bot. "An uns wurde heute ein schwerer Verrat begangen", sagte sie. Dann stellte sie sich als Aimaru Nachthauch vor, die amtierende Stellvertreterin der großen Himmelsschwester, Hüterin von Wandel, Fruchtbarkeit und friedlichem Schlafe. "Wir vom Orden der großen Himmelsschwester sind ein recht neuer Zweig der altehrwürdigen Familien der Schwarzalben", sagte sie. "Doch auch wenn wir noch recht jung an Jahren sind, so erkennen wir doch, dass die bisher treibende Kraft der Begierden, der Macht und des Ansehens an einen Punkt geführt haben, an dem Einhalt oder Untergang geboten sind. Wir riefen nach Einhalt, um den Untergang zu verhüten. Doch Miru Silberstimme, einstige Schönheitstänzerin und Auserwählte des verstorbenen Königs Gaorin Steinstampfer, Mutter des von ihr zum grenzenlosen Machtstreben erzogenen Malin, hat unser Volk an den Rand der Vernichtung geführt. Allein, dass hier mehrere der einst so stolzen Tiefenboote wie gefällte Bäume daniederliegen zeigt, wie nahe wir schon an der Grenze zum Untergang stehen."

"Was berechtigt dich, zu sprechen und wo ist Malin, der König unter diesen Bergen?" fragte Wetterspitz argwöhnisch. "Die zweite Frage beantworte ich zuerst. Malin VII, König unter den Bergen wurde mit seinen Helfern der Gewalt und Hinterlist, Dorin Schmetterhammer und Ondurin Schattenhut, so wie mit seiner die Hintertreibung und die Lenkung aus dem Hintergrund betreibenden Mutter Miru Silberstimme überwältigt und befindet sich nun auf dem Weg in den Süden, Ziel Frankreich, wo er als enttrhonter König ein neues Leben anfangen soll, falls ihn unsere verärgerte Mitschwester Iru nicht vorher entmannt und somit aus der Würde des fruchtbaren Lebens entreißt. Miru Silberstimme wird demnächst vor das Gericht der neun Könige gebracht, wenn die deutschen Zwerge einen neuen Herrscher erhalten haben."

"Solange wollt ihr regieren?" fragte Wetterspitz die Frau. "Nein, wir haben nur das Gleichgewicht wiederhergestellt. Die beiden dort, die uns begleiten, werden den ersten Zweikampf führen, weil sie die Söhne zweier alter Königsfamilien sind, die vor vierhundert Sonnenkreisen unter diesen Bergen geherrscht haben. Wird einer es von ihnen sein, so hat dieses Reich hoffentlich einen König der das Wohl des Volkes über den eigenen Ruhm stellt."

"Wer sagt euch, dass Malin sich das gefallen lassen wird, so einfach entthront zu sein, und wer sagt mir, dass euer Volk nicht gegen diese Entscheidung aufbegehrt?" wollte Wetterspitz wissen.

"Das vierte Gesetz auf der siebten Tafel Durins sagt das. Die Frauen hüten das Haus des Mannes und das Leben der Kinder. Sie sorgen dafür, dass die Kinder wohl aufwachsen und ihrer Zukunft ins Gesicht sehen können. Genau die Gefahr bestand, dass unsere Kinder ihrer Zukunft nicht ins Gesicht sehen konnten, weil eine einzelne Frau, Miru Silberstimme, unsere Macht über die Jungen und Mädchen ausnutzte, um ihren Sohn Malin seelisch immer klein zu halten und ihn dazu aufzuhetzen, gegen friedliche Vereinbarungen zu verstoßen. Daher wurde sie mit ihm zusammen fortgeschafft. Iru Mondglanz, Schwester von Kriegsgroßmeister Schmetterhammer, erfuhr, dass sie als schnöder Wetteinsatz an Malin vergeben werden sollte, obwohl sie sich der großen Himmelsschwester verschrieben hat und eines Tages meine Nachfolgerin als erste Sprecherin sein will. Sie wollte nicht in einen Brautsack gesteckt und an einen ruhmsüchtigen, fremdbestimmten Herrscher ausgeliefert werden. Deshalb haben wir ihren Bruder, der sie zu schützen hatte, mit in die Verbannung geschickt. Ontwarin Wortweber, Hüter der Ereignisse und Erinnerungen, bezeugt, dass Malin nicht der Herr seines eigenen Geistes war und somit eine Bedingung verfehlt, König zu sein, nämlich die Freiheit des eigenen Willens, um vor Durin eines Tages Rechenschaft ablegen zu können, zum Wohle seines Volkes geherrscht zu haben. Ontwarin wird bis zur endgültigen Wahl des neuen Königs unter den Bergen die Angelegenheiten von Volk und Herrschaft lenken. Ihm ist verboten, Kriege zu beginnen, solange es keinen neuen König gibt."

"Und die zwei da, die Sie mit herausgebracht haben, sind die etwa frei in ihren Entscheidungen?" fragte Wetterspitz. "Ja, das sind wir", sagte einer der jungen Männer. Der andere sagte: "Auch wenn ich weiß, dass ich entweder sterben oder ihn da töten muss werde ich mich dieser Aufgabe stellen, damit unser Volk wieder eine Zukunft hat. Oder wolltet ihr uns nicht im Namen eures Zaubereiministers aus dem Land verbannen? Wolltet ihr nicht im Auftrag der Kobolde unsere Gemeinschaft unterdrücken? Habt ihr nicht mit euren Eisenfangwirbelvorrichtunen unsere Bewegungsfreiheit entzogen? Also stand sehr sicher fest, dass wir entweder nur als verbannte oder als ausgelöschtes Volk in die Zukunft blicken können. Doch das wäre keine Zukunft für alle Kinder, die noch in den Bäuchen ihrer Mütter liegen oder gerade erst das Alter der Mannesschmiede erreicht haben", sagte der zweite Zwergenjüngling, dessen Bart noch relativ Kurz war. Wetterspitz wollte wieder was dazu sagen, als ein weiterer Zwerg aus dem offenen Tor trat. Er war bereits sehr alt und schritt würdevoll daher. Er stellte sich als Ontwarin Wortweber, der Hüter der Ereignisse, Bräuche und Erinnerungen vor und bezeugte, dass auch wenn es gegen die sieben ewigen Tafeln Durins zu verstoßen schien, Frauen das Recht hatten, die Zukunft ihrer Kinder zu schützen, wo er, der Hüter der Vergangenheit und Meister aller hohen Bräuche, auch die Gegenwart zu bewahren hatte, weil nur aus den Lehren der Vergangenheit und der Sicherheit der Gegenwart eine aussichtsreiche und lebensbejahende Zukunft erwachsen könne, so wie die Großeltern eines ungeborenen Kindes dessen Mutter wertzuschätzen lernten, damit das in ihr heranwachsende Kind in der Welt willkommen sein und das Erbe von Eltern und Großeltern ehren würde.

"Heißt es nicht auf Tafel zwei, dass ein neu erwählter König zwölf ganze Sonnenkreise, also Jahre, ruhig und unangefochten herrschen darf, bevor er mit Gewalt entthront werden darf?" fragte Tannenbühler, der sich als Zwergentumsfachzauberer verstand.

"Ich erstaune über Ihr wissen, junger Krieger der Zauberstabträger", erwiderte der altehrwürdige Zwerg und sprach weiter: "Ja, die zweite Tafel gebietet, dass ein durch ruhmreichen Entscheidungskampf von Durin bestimmter König zwölf Sonnenkreise herrschen darf, bevor er zu einem neuen Kampf herausgefordert werden kann. Doch wie erwähnt stellte sich heraus, dass Malin nicht der Herr seines eigenen freien Willens war. Somit konnte er nicht die zwölf Jahre herrschen und wurde auch nicht durch einen Kampf auf Leben und Tod entthront, sondern durch den Beschluss der Hüter von Erde und Mond."

"Ich erkenne an, dass Sie mit alledem mehr zu tun haben werden als wir", sagte Wetterspitz. "Doch uns betrifft, wie es nun weitergeht. Da draußen warten Kobolde, die darum bangen, entrechtet und verjagt zu werden. Was soll ich denen sagen?"

"Das sie mit dem zufrieden sein sollen, was sie haben", sagte Ontwarin. Die vier Frauen stimmten mit Nicken zu. "Es wurde viel Schaden angerichtet, und von Ihren Angehörigen sind jetzt etliche tot. Wie soll das bewältigt werden?" fragte Wetterspitz. Da apparierte jemand vor dem offenen Tor. Sofort richteten sich mehrere Schwerter und Goldlichtlanzen auf den Ankömmling. Doch gleich darauf umringten zwanzig Lichtwächter den Neuankömmling. Es war Heinrich Güldenberg persönlich.

"Ich wurde informiert, dass es im Land der Schwarzalben offenbar eine umfangreiche Machtveränderung gab. Ich werde jetzt nicht nach Dingen fragen, die schon erwähnt wurden. Nur so viel, ich schwöre bei der länge meines Bartes, dass ich bereit bin, mit allen Kindern Durins weiterhin in Frieden und guter Nachbarschaft auszukommen, wenn es gelingt, diesen Frieden mit einem für alle Seiten annehmbaren und einhaltbaren Vertrag zu sichern."

"Du bist der von den Zauberstabträgern erwählte Lenker ihrer Angelegenheiten?" fragte Ontwarin Wortweber. Güldenberg bestätigte das. "Dann bitten wir dich, die Auswahl des neuen Königs abzuwarten. Ist diese erfolgt so mag einer deiner sprach- und unterhandlungsberechtigter Weggefährten einen unserer Vertrauten an einem von allen Seiten für würdig und unabhängig befundenen Ort erscheinen und das von dir erwünschte und von uns zu erhandelnde Abkommen ausfertigen. So spreche ich, Ontwarin Wortweber, Hüter der Ereignisse, Erinnerungen und Gebräuche unseres Volkes."

"Ich höre es und bin einverstanden", sagte Güldenberg.

Damit stand fest, dass ein Krieg zwischen Zwergen und Kobolden oder gar zwischen Zwergen, Kobolden und Zaubererweltangehörigen bis auf weiteres verhindert wurde. Doch es hatte einen sehr hohen Preis gekostet. Über hundert Krieger waren in einem der heimlichen Tiefenboothäfen umgekommen. Ebenso waren wohl ffünfzig Krieger bei einem unterirdischen Zusammenstoß von Tiefenbooten umgekommen. Malin, der im Nachhinein für unzurechnungsfähig erklärt worden sein sollte, musste jetzt ein Leben in der Fremde beginnen, ohne Anspruch auf seine Macht. Ja, und Albertine Steinbeißer war ebenfalls tot und im dunklen Feuer vergangen. Das würde das Skattrio sowohl Albertines Angehörigen wie Arbeitskollegen erklären müssen. Sie wussten nicht, dass Albertine auch in zwei geheimen Schwesternschaften Mitglied war. Wie diese sich damit abfinden würden konnten sie somit nicht wissen. Auch wussten sie nicht, dass Albertine zwar tot war, dass sie jedoch schon seit Jahren nicht mehr die eine Albertine gewesen war, und vor allem nicht, dass die Hexe, die den Körper Albertines bewohnte, Menschen und zwerge einen dunklen Streich gespielt hatte.

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Anthelia erfuhr am 24. Mai von einer gemalten Ausgabe einer Hexe aus Wetterspitzes Bildergalerie, was am 19. Mai geschehen war. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass eine so durchtriebene Hexe wie Albertrude es nicht hatte kommen sehen können, dass in einem Zwergenhaus dunkles Feuer ausbrach. Dann dachte sie, dass Albertrude mit dem bisher zu lebenden Leben gehadert hatte. Denn die in ihr steckende Persönlichkeit Gertrudes wollte wieder ein freies, unabhängiges Leben führen. Sich totzustellen gelang in der Zaubererwelt relativ gut. Weiterhin für tot gehalten zu werden und nicht doch noch aufzufallen war viel schwieriger.

"So werde ich wohl warten müssen, bis ich Gewissheit habe, ob du noch am leben oder doch tot bist, Schwester Albertrude", dachte Anthelia. Dann dachte sie wieder daran, dass sie weiterhin auf der Hut vor den Vampiren und Vita Magica sein musste. Ob mit oder ohne Albertrude Steinbeißer würde es eine gefährliche und vielleicht unlösbare Aufgabe sein, die Blutgötzin und den in ihr gefangenen Geist Iaxathans zu entmachten. Doch wenn es eine Lehre aus den Ereignissen auf der Vulkaninsel Ladonnas und dem Verschwinden Albertrudes in einer Woge dunkler Flammen zu ziehen gab dann die, immer den Blick für die eigenen Ziele scharf zu halten und alle bestehenden Hindernisse mit Entschlossenheit, mal mit Gewalt, mal mit Überzeugung, aus dem Weg zu räumen. Das war und blieb ihr Anliegen.

ENDE

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